Buchrezensionen, Rezensionen

Juliet Hacking (Hg.): Fotografie. Die ganze Geschichte, DuMont 2012

Ehrgeiziges Ziel des Bandes ist es, die bedeutende Rolle der Fotografie nachzuzeichnen, die sie in den letzten beiden Jahrhunderten zwischen Abbildung und Erfindung von Wirklichkeit gespielt hat. Als Wegweiser fungieren zahlreiche Abbildungen, Zeitleisten, Infokästen und Lupen. Leider ohne Erfolg, findet Walter Kayser.

„Goldner Zaum macht schlechtes Pferd nicht besser“ wusste schon vor langer Zeit der Volksmund. Ebensolches gilt für den grünlich-goldenen Einband dieses dicken Buches, der in die Augen sticht wie der Rauscheengel an der Spitze des Weihnachtsbaums. Zusammen mit dem geradezu reißerischen Untertitel von ultimativer Gültigkeit (»Die ganze Geschichte«) wirkt das zunächst einmal unsympathisch großspurig. Kann in so einer Verpackung die fast zweihundertjährige Geschichte der Fotografie seriös repräsentiert werden?

Wenn sich die Verfasser der einzelnen Beiträge derart weit aus dem Fenster lehnen, wird es schon irgendwo hapern, werden sich Defizite auftun, die man genüsslich ausschlachten kann. Um es kurz zu machen: Über dem Durchblättern der fast 600 Seiten wird man bald so glücklich, dass man vergisst, welche Defizite man kritisch aufspüren wollte. Denn wunderbare Bilder dokumentieren die Geschichte der Kunstgattung in allen möglichen Schattierungen. Ob dies das Ergebnis einer überzeugenden Dokumentation ist oder ob der Betrachter nicht vielmehr dem unmittelbaren Zauber der Werke selbst verfällt, sei dahingestellt.

Die Herausgeberin der Fotoenzyklopädie Juliet Hacking, Fachbereichsleiterin für Geschichte und Theorie der Fotografie am Londoner Sotheby’s Institute of Art, hat 30 weitere Autoren um sich versammelt. Die meisten kommen ebenfalls aus London (nur wenige aus den USA), viele sind Kuratoren des Victoria and Albert Museums, alle aber ausgewiesene Spezialisten.

Das Werk teilt die Entwicklung des Mediums in fünf große Epochen ein: »Die Anfänge (1826–1855)«, »Kommerz und Kunst (1856-1899)«, »Fotografie und Moderne (1900-1945)«, »Nachkriegszeit und gesellschaftliche Erneuerung (1946-1976)« und »Von der Postmoderne zur Globalisierung (1977-heute)«. Diese Periodisierung ist einleuchtend begründet, denn das eigentlich Aufschlussreiche sind nicht die Einzelanalysen der Fotos, sondern die Eingangsessays zu Beginn eines jeden Kapitels.

Eine Fülle von Unterkapiteln sorgt allerdings für beträchtlichen Wirrwarr. Denn jeder Großabschnitt wird mit einer doppelseitigen Portalseite eröffnet, auf der in Form einer Tafel mit Zeitleisten über 20 Unterthemen aufgeschichtet werden. Maschinenästhetik, Surrealismus, Straßenfotografie, Werbe-, Kriegs-, Mode-, inszenierte, konzeptionelle und dekonstruierte Fotografie – die Zahl der ins Kraut schießenden Nomenklatur mag prinzipiell berechtigt und für die Vielfältigkeit des künstlerischen Ausdrucks beredtes Zeugnis ablegen; sie ist aber nicht hilfreich bei der Orientierung, sondern erschwert sie. Die verschiedenen Autoren stellen nämlich auf einer einzigen Doppelseite sehr knapp eine exemplarische Aufnahme vor. Das geschieht jeweils in dreifacher Hinsicht: ein Kurztext widmet sich dem Bild als Ganzem, zusätzliche Erläuterungen gibt es zur Vita des Fotografen, und schließlich werden einzelne Bereiche des Fotos gewissermaßen unter die Lupe genommen und damit die Aufmerksamkeit des Betrachters auf Besonderheiten gelenkt.

Ziemlich lächerlich, verspielt und überflüssig wirken allerdings Piktogramme und winzige Rahmen, die der Orientierung bzw. Fokussierung dienen sollen. Wozu, fragt man sich angesichts der ohnehin vorhandenen Übersichtlichkeit und Verknappung? Sie sind nicht mehr als ein oberflächliches Zugeständnis an digitale Bildbearbeitungsprogramme, eher „cute“ als ergiebig. Obsolet wirkt auch eine Bildlupe, die nicht einmal den Ausschnitt vergrößert, lediglich die Blickrichtung auf einer Doppelseite steuert. Man hätte besser daran getan, stattdessen das motivische Spektrum zu erweitern: das betreffende Foto durch andere zu ergänzen, mit der Bildtradition zu konfrontieren oder etwa die Komposition mit einem grafischen Liniengerüst zu verdeutlichen. Die Problematik zeigt sich also in der Unverhältnismäßigkeit zwischen dem konzeptuellen Gestrüpp und seinen Belegbeispielen.

Dennoch, die Fülle an herrlichen Bildern verzaubert und entschädigt für solche Ungereimtheiten. Stetig wird der Betrachter mit dem Geheimnis dieses immer noch jung wirkenden Mediums konfrontiert. William Henry Fox, einer der Pioniere, bezeichnete die Fotografie einst als eine magische »Lichtschrift« auf dem Papier. Das Auge des Fotografen fange etwas ein, was dann zu sprechen beginne. Denn die vermeintliche Evidenz des mimetisch Gegebenen erschöpft sich nicht in der scheinbar so scharfen und objektiven Reproduktion; das Unmittelbare des Augenblicks wird transzendiert. Deshalb war nicht nur gute Schwarz-Weiß-Fotografie immer schon das, was sie auch im Zeitalter der Digitalisierung geblieben ist: ein Spiel mit einem Reich von Schatten, die auf einem weißen Blatt wie von Geisterhand auftauchen, - die Orakelbefragung einer Welt nach ihrer vermeintlichen Konsistenz. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch die Hauptfigur in Michelangelo Antonionis legendärem Spielfilm »Blow Up«: Am Schluss begreift der junge, oberflächliche Modefotograf, dass sein Medium keine Beglaubigung für sich beanspruchen kann. Was er für die Wahrheit nahm, war nur eine Form der Wahrnehmung.