Kataloge

Jutta Hülsewig-Johnen (Hg.): Sonia Delaunays Welt der Kunst , Katalog zur Ausstellung, Kunsthalle Bielefeld, Kerber Verlag 2008

Bisher schenkte man ihr meist nur im »Doppelpack« mit ihrem berühmten Mann Beachtung. Die Bielefelder Kunsthalle widmete nun im vergangenen Winter eigens der oft unterschätzten Sonia Delaunay-Terk (1885–1979) eine umfangreiche Retrospektive, der ein sehr informativer und anregender monografischer Katalog zu verdanken ist.

Sonia Delaunay`s Welt der Kunst©Kerber
Sonia Delaunay`s Welt der Kunst©Kerber

Der Titel »Welt der Kunst« umschreibt sehr treffend das Œuvre der Allround-Künstlerin – beabsichtigte sie doch nicht weniger, als mit ihrer Kunst die Alltagswelt zu erobern und das Leben der Menschen zu ästhetisieren. Sie gestaltete Kunst nach dem Prinzip der Vielfalt: Neben Malerei und Druckgraphik umfasst ihr Schaffen Stoffdesign, Innengestaltung und jede Art von Kunstgewerbe. Sie entwarf Porzellan, Poster, Bucheinbände, Typografien, Theaterkostüme, Bühnenbilder und sogar die Gestaltung von Autos, Armaturenbrettern und Messeständen, war auf Weltausstellungen und in verschiedenen Salons vertreten. Auf diese Weise sorgte sie hauptsächlich für den Lebensunterhalt ihrer kleinen Familie mit Robert Delaunay und dem 1911 geborenen Sohn Charles.
Das außergewöhnlich interessante Leben, die fast sieben Jahrzehnte umfassende Schaffenszeit ebenso wie die enorme Bandbreite und Dichte, die sie – mit Picasso vergleichbar – zur Ausnahmeerscheinung unter den Künstlerinnen und Künstlern des 20. Jahrhunderts macht, schildert ausführlich der einleitende Essay der Ausstellungskuratorin Jutta Hülsewig-Johnen. Nach den frühen ereignisreichen Jahren in der großbürgerlich gebildeten Adoptivfamilie in St. Petersburg und später an der Karlsruher Kunstakademie war es zunächst die inspirierende Künstlerehe mit Robert, die ihr Schaffen beeinflusste. Sie hatte ihn über den deutschen Kunstsammler und Kritiker Wilhelm Uhde kennengelernt, mit dem sie in erster Ehe verheiratet war. Die multilinguale Künstlerin, die neben russisch auch deutsch, englisch und französisch fließend sprach, vermittelte und dolmetschte in den avantgardistischen Künstler- und Intellektuellenkreisen und nahm so an allen wesentlichen künstlerischen Auseinandersetzungen der Zeit teil.

 

Fortsetzung von Seite 1


Besonderen Einfluss nahm der von Kasimir Malevich begründete Suprematismus. Gemeinsam mit Robert entwickelte Sonia Delaunay daraus den Simultankontrast der Farben, den Apollinaire später Orphismus nannte, wonach teils kontrastierende Primärfarben, teils eng verwandte Sekundärfarben, die im Farbkreis komplementär aufeinander bezogen sind, sich in ihrer Wirkung gegenseitig verstärken und optisch zum Vibrieren bringen, und zwar nicht nur in der Malerei, sondern in allen zu gestaltenden Lebensbereichen. Einen spektakulären frühen Höhepunkt in Sonias Œuvre stellen die vier Bilder zum »Bal Bullier« dar, die aus den regelmäßigen Besuchen des Tanzlokals von Sonia und Robert Delaunay auf dem Montparnasse entstanden, wo sie die Tangotänzer beobachteten und deren Bewegungen in »tanzende Farbflächen« verwandelten, sowie das aus farbigen Stoffstücken geschneiderte »Simultankleid« von 1913. Der Simultaneismus sollte die Suggestion von Geschwindigkeit, Dynamik und Rhythmus hervorrufen – passend zum damaligen modernen Lebensstil.
Von 1914–21, in den Wirren des Ersten Weltkriegs, lebten die Delaunays in Portugal und Spanien, wo sie begeistert die Farben des Südens in ihre Werke einfließen ließen. In Madrid betätigte sich Sonia erfolgreich vor allem als Kostüm- und Bühnenbildnerin. Die Aufträge kamen vom ebenfalls dort arbeitenden russischen Ballettimpresario Serge Diaghilev. Außerdem gründete sie in Madrid mit der »Casa Sonia« ihr erstes Geschäft für Einrichtungsgegenstände und Mode. Sie stieg zur allseits gefragten Designerin auf und setzte diesen Weg bei ihrer Rückkehr nach Paris fort, wo sie im Umfeld von Tristan Tzara und der dadaistischen Künstlerszene auch Worte und Verse in ihre Gestaltungsprinzipien einbezog, so entstanden u.a. die beispiellosen »Robes poèmes«.
1924 eröffnete sie ihr erstes Pariser Modehaus und gründete ihr eigenes Label, das »Atelier simultané«, das sie bis zur Wirtschaftskrise 1930 mit großem Erfolg führte – sie beschäftigte 30 Mitarbeiter – und zur wichtigsten Einnahmequelle der Delaunays wurde. Zu ihren Kundinnen gehörten internationale Berühmtheiten wie Nancy Cunard, Gloria Swanson und reiche Damen der Bourgeoisie. In ihrem 1925 eröffneten und von ihr selbst eingerichteten »Modehaus Sonia« hatte sie die Palette ihrer Artikel ständig erweitert: Mäntel, Pullover, Hosen, Schals, Tücher, Kappen, Schuhe, Haus-, Sport- und Badeanzüge, Sonnenschirme und Handtaschen waren für eine überwiegend weibliche Kundschaft im Angebot. Um die Produkte zu vermarkten, meldeten die Delaunays die Marke »Simultané« als französisches und amerikanisches Patent an.

 

Fortsetzung von Seite 2


Die Kunsthistorikerin Cécile Godefroy, die an der Universität Sorbonne über Sonia Delaunay promoviert hat, befasst sich in ihrem Beitrag en detail mit dieser »Simultan-Mode« und der Entwicklung der Modefotografie in den Jahren 1913 bis 1935. Hunderte von Fotos, darunter auch einige Raritäten von männlichen Modeporträts, bezeugen Reichtum, Vielfalt und Präzision der Stoffproduktion, sie sind umso wertvoller, da die originalen Kleider heute doch größtenteils verschollen sind. Delaunay arbeitete mit berühmten befreundeten Fotografinnen zusammen wie Thérèse Bonney, Germaine Krull und Florence Hall, die ihre Modeporträtfotos in vielen verschiedenen internationalen Blättern und Zeitschriften publizierten. Die Künstlerin nutzte alle damals zur Verfügung stehenden Medien, um ihre Mode in Szene zu setzen. Mit ihrem schöpferischen Einfallsreichtum und ihrer Liebe zur technischen Innovation plante sie die Eröffnung von »Zentren der Kreation und Laboratorien der Forschung für die praktische Herstellung von Kleidern in ständiger Entwicklung, parallel zu den Bedürfnissen des Lebens.«
1927 war Delaunay als erfolgreiche Geschäftsfrau und Künstlerin so renommiert, dass sie an die Sorbonne eingeladen wurde, um dort eine Vorlesung über den »Einfluss der Malerei auf die Kunst der Kleidung« zu halten, die alle Aspekte ihrer Arbeit fokussiert: Sie lässt Malerei, Kunsthandwerk, Design und Mode als die unterschiedlichen Ausprägungen einer einzigen Tätigkeit erscheinen – ihrer Arbeit als Künstlerin. Das Wesentliche sei die Auseinandersetzung mit der Farbe und Farbwahrnehmung. Sie sagte schon früh von sich selbst, sie habe die Farbe erlebt. Da machte es keinen Unterschied, ob sie in der freien Malerei oder angewandten Kunst tätig war. Sie hat ihre Kunst umgesetzt und auf allen Oberflächen gemalt. Mit ihrem Konzept von Farben und Formen machte sie aus Gebrauchsgegenständen und Stoffentwürfen abstrakte Kunstwerke, die wiederum zum Werbeträger der Industrie wurden.
Erst in ihrem brillantem Spätwerk seit den 1950er Jahren konzentrierte sie sich wieder auf »die eine geliebte Sache«: die reine Malerei. Im Katalog kann man auf mehr als 40 Seiten anhand zahlreicher Bildbeispiele dem »endlosen Rhythmus der Farbe« nachspüren. Bereits 1949 notierte sie in ihrem Tagebuch: »Abstrakte Malerei ist ein erster Schritt hin zur Befreiung von der alten bildnerischen Formel. Doch die wirklich neue Malerei wird erst dann beginnen, wenn die Menschen verstehen, dass Farbe ein unabhängiges Leben für sich hat, dass unendliche Farbkombinationen eine viel ausdruckstärkere Poesie und Sprache haben als die althergebrachten Methoden.«

 

Fortsetzung von Seite 3


Sämtliche Stoffentwürfe, die sie über Jahrzehnte in ihren Designbüchern, den »Livres noirs«, zusammentrug, verkaufte sie an Stofffabrikanten aus verschiedenen Ländern, darunter seit den 1930er Jahren an die Firma Metz & Co in Amsterdam, dem luxuriösen Warenhaus für Wohneinrichtung, Kunsthandwerk und Modeartikel. Vertieft wird diese Thematik von Petra Timmer, die ihre Dissertation über die Kaufhaus-Dynastie verfasst hat und sich in ihrem Essay explizit mit Delaunays über 200 Stoffentwürfen für Metz & Co. und deren fast 30 Jahre währenden intensiven Zusammenarbeit beschäftigt. Das nicht nur geschäftliche, sondern auch freundschaftliche Verhältnis zwischen Sonia und dem langjährigen Eigentümer und Direktor Joseph de Leeuw setzte sich über die Generationen fort: Dessen Enkel Matteo de Leeuw-de Monti, der die Künstlerin von seinen Kindertagen an kannte und mit ihr bis zu ihrem Lebensende mit 94 Jahren in enger Freundschaft verbunden blieb, beschreibt im anschließenden Kapitel seine persönlichen Erinnerungen.
1933 begann Sonia Delaunay auf Rat eines befreundeten Bankiers mit ihrem »Journal«, das die Funktion eines Kalenders, Tage- und Haushaltsbuchs hatte und in dem sie täglich bis 1969 alle Geschäfte und Ausgaben notierte. Es stellt eine einzigartige Quelle dar, die Einblicke in ihr tägliches Leben als Künstlerin und Unternehmerin bietet ebenso wie in den Entstehungsprozess einiger Werke, darüber hinaus den Umgang mit Auftraggebern und Produzenten sowie mit den Freunden aus der Pariser Kunstwelt reflektiert. Mit bewundernswerter Energie und Disziplin muss sie ihr mit Terminen unglaublich voll gepacktes Tagesprogramm bewältigt haben.
Felicitas von Richthofen beleuchtet abschließend Delaunays Kontakte und Stationen in Deutschland: von ihrem Kunststudium in Karlsruhe bis zu ihrer besonderen Beziehung zur Stadt Bielefeld seit den 1950er Jahren, die den Ankauf mehrerer Kunstwerke vorantrieb. 1958 kam es schließlich zur ersten Retrospektive im Städtischen Kunsthaus, die übrigens bis 2008 die einzige Einzelausstellung in Deutschland blieb, wo Delaunays künstlerischer Weg begonnen hatte.
Dieser detailreiche, monografische Katalog würdigt Sonia Delaunay als Schlüsselfigur der klassischen Moderne und ein bis heute »sprechendes Künstlerinnenvorbild«. Er trägt wesentlich zur Erfassung ihres Werkes bei und regt mit einer Fülle an Erkenntnissen und Bildmaterialien zu neuen Forschungen an. Einziges Manko: Ein Literaturverzeichnis fehlt – so muss man sich die Titel mühsam aus den Anmerkungen der einzelnen Aufsätze heraussuchen.