Ausstellungsbesprechungen

Kaleidoskop – Hölzel in der Avantgarde, bis zum 1. November 2009

Neben Kandinsky oder Mondrian ist Adolf Hölzel ein wenig bekannter Künstler der Moderne geblieben. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart ist nun diesem Künstler gewidmet. Ein Beitrag von Günter Baumann.

In der Kunstgeschichte hat man ihn oft ans Katzentischchen gesetzt: Kandinsky, Mondrian sind die Leitsterne am Firmament der Moderne, bei Adolf Hölzel kann es schon sein, dass man ein »Hölzel wer?« zu hören bekommt.Oder nimmt man den gleichaltrigen Vincent van Gogh: ein Monolith, neben dem Hölzel als kleines Steinchen erscheint. Die Stuttgarter Großausstellung im Kunstmuseum rückt nun ein Bild des 1853 in Olmütz (Mähren) geborenen Künstlers gerade, das man insgeheim schon klar vor Augen hätte haben können, sprich: Im Grunde rennt die Schau mit ihren über 200 Arbeiten auf einer Fläche von rund 1000 Quadratmetern offene Türen ein, die aus unerfindlichen Gründen als angelehnte Durchgänge zur Welt der Avantgarde doch nie so wahrgenommen wurden wie die lichterfüllten Wege, die die anderen genannten Maler wiesen. So ist es dennoch höchste Zeit, dass eines der aktivsten Museen in Südwest-Deutschland mit Nachdruck eine Lanze bricht für den 1905 nach Stuttgart berufenen Professor, der schon damals nicht nur Freunde in den Akademiekreisen hatte. Zudem wundert es nicht, dass der 75. Todestag Anlass ist, Hölzel auch angemessen und unter verschiedenen Facetten in Galerien wie Schlichtenmaier oder Dorn feiert. Kurzum: Adolf Hölzel machte auf die Möglichkeiten der abstrakten Kunst aufmerksam, als Kandinsky seine Kunsttheorie noch nicht formuliert und die Blauen Reiter sich in München noch gar nicht gefunden hatten. Und was das Herkommen angeht, so kann man Parallelen von der Dachauer Schule, aus der Hölzel hervorgeht, ziehen zur Den Haager Schule, in der Van Gogh und sogar noch Mondrian ihren Ausgang nahmen – mit einer fast zwingenden Entwicklung vom etwas erdig-düsteren Realismus zur farbdominierten Abstraktion.

Adolf Hölzel steht am Beginn eines neuen künstlerischen Zeitalters, was insbesondere in Stuttgart ablesbar wird an den rund 400 Werken, die das dortige Kunstmuseum besitzt, und am theoretischen Teilnachlass mit 2300 Blättern, die die Staatsgalerie Stuttgart in Auswahl zur Ausstellung beigesteuert hat. Selbst wenn nicht alles davon in der Retrospektive zu sehen ist, kann man getrost festhalten, dass es die umfangreichste Schau mit Hölzels Oeuvre ist, die je gezeigt wurde. Ein rascher Schwenk von der sog. Neu-Dachauer Gruppe in die weitgehend einzelgängerisch entwickelte gegenständliche Kunst lässt das revolutionäre Ansinnen erahnen. Von den Honoratioren in der Akademie eher geschmäht, scharte sich der experimentierfreudige Hölzel alsbald auch einen illustren Schülerkreis um sich: Willi Baumeister, Adolf Fleischmann, Johannes Itten, Ida Kerkovius, Otto Meyer-Amden, Oskar Schlemmer u.a.m. Die Moderne war unaufhaltsam, aber ohne die Stuttgarter Kunst um Hölzel sähe sie womöglich anders aus.

 Den Impressionismus lässt Hölzel sozusagen am Wegrand stehen, nimmt, was er gebrauchen kann, mit, um dann knapp drei Jahrzehnte lang seinen Stil auszudifferenzieren – er ist wohlgemerkt etwa 50 Jahre alt, als er zu seinen neuen Welten aufbricht. Seinen Lebensabend und seinen Nachruhm rauben ihm die Nazis nach 1933 – im Jahr darauf stirbt er an den Folgen eines Schlaganfalls. Selbst die konservativen Kreise konnten mit Hölzels Kunst nicht viel anfangen, dabei hatte sie Methode: Zwischen Fleck und Fläche wechselt er souverän zwischen gegenständlich-figurativen und abstrakt-experimentiellen Elementen, zusammengehalten häufig durch eine reichhaltige Palette von Rottönen. Im Ansatz war das schon in den Dachauer unter freiem Himmel entstandenen Bildern zu ahnen, worauf der Kurator zurecht hinweist: Betrachtet man sie aufmerksam, so Daniel Spanke vom Kunstmuseum, »sieht man, wie experimentierfreudig er ist, wie er ausprobiert, wie man diese Naturform auf der Fläche in ganz neuer Art und Weise arrangieren kann«.

 

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Anders als Van Gogh emotionalisierte er die Landschaft nicht, sondern er rückt ihr analytisch zu Leibe, radikaler als Gauguin oder Cézanne. Immer die Frage im Hinterkopf, was denn ein Bild überhaupt sei, verteilte Hölzel Farbflächen auf der Leinwand – bekanntlich ist ein Gemälde nicht mehr und auch nicht weniger. Folgerichtig verwarf er auch die Zentralperspektive, die einen Bildraum vorgibt, den es nicht gibt und der auch real so nicht existiert. Übrig bleibt für Hölzel ein Kaleidoskop als Farben-Spiel und als Sinn-Bild der Zersplitterung, denen die Stuttgarter Ausstellung mit großem Atem nachgeht. Nicht zu unterschätzen ist hier die Verbindung von der Leinwand- zur Glasmalerei. Die Fenstergestaltung für die Firmen Balsen und Pelikan geben da ein beredtes Zeugnis ab. Mit einem Verweis auf das Stuttgarter Rathaus bzw. einem Seitenblick ins Stuttgarter Landesmuseum, wo die Glasarbeiten Hölzels zu sehen sind, und durch großformatige Studien kommt die Schau diesem Teil des Werks zumindest recht nahe. Von atemberaubender Schönheit sind die Pastelle, die die große technische Meisterschaft zeigen, die über Hölzel hinaus gültige Maßstäbe setzte.

Dem Pionier der abstrakten Moderne und seinem Kreis sind auch die parallel laufenden Ausstellungen der Galerien Schlichtenmaier und Dorn zu sehen, wobei sich die Tradition über Kerkovius bis hin zu Gertrud Tonne nachzeichnen lässt. Der großartige Katalog zur Stuttgarter Hölzel-Schau ist auf das Werk des Künstlers zugeschnitten und macht dem Leser durch die sorgfältige Gestaltung Vergnügen. Die Beiträge unterstreichen nicht nur die historischen Leistungen Adolf Hölzels, sondern auch deren Aktualität – wenn etwas Peter Weibel, der Chefkurator des ZKM Karlsruhe, über den »Maler des negativen Raumes« schreibt. Andere Essays beschäftigen sich mit den Lebensstationen zwischen Mähren und Schwaben, in Wien und Dachau (Alexander Klee, Gerhard Leistner), mit ornamentalen Elementen im Hinblick auf die Moderne und die Theorie (Michael Lingner, Daniel Spanke), mit der Bedeutung der Farbe (Annika Plank, Christoph Wagner), der Religion (Roman Zieglgänsberger), der Musik (Karin von Maur) und der Bau-Kunst (Marco Pogacnik) sowie die Beschäftigung mit der Sammlung Prinzhorn, d.h. mit der Kunst von Geisteskranken (Ulrich Röthke). Marion Ackermann, die scheidende Direktorin des Kunstmuseums, lotet die Grenzen zwischen Abstraktion und Figuration aus. Es ist zu wünschen, dass Hölzel anlässlich seines 75. Todestages endlich aus dem Schatten geholt werden kann – er hat ein Sonnenplätzchen verdient.
 

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Öffnungszeiten:
Di–So 10–18, Mi/Fr 10–21 Uhr