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Kandinsky – Absolut. Abstrakt - Lenbachhaus München, verlängert bis 8. März 2009

Es gibt nicht viele Künstler, deren Werk einerseits in einer allgemeingültigen, kanonischen Höhe etabliert ist, und das andererseits immer wieder auf eine Weise fasziniert, als wäre es eine Neuentdeckung. Kandinskys Schaffen stünde in einer solchen Best-of-Liste ganz weit oben. Während man von jeher gerade in München einen grandiosen Einblick ins Œuvre des russischen Künstlers hat – das Lenbachhaus ist ja fast schon eine Kandinsky-Kultstätte bzw. Hochburg des Blauen Reiters, Murnau ist nicht allzu weit – nähert sich die Ausstellung »Absolut – Abstrakt« einem Besucherrekord:

Rund 300.000 Menschen haben bislang den Weg in den Kunstbau gefunden (die Begleit-Schau zum druckgrafischen Werk Kandinskys im Lenbachhaus mit eingerechnet), private Gruppenführungen sind längst ausgebucht und in der Schlussphase der Ausstellung werden täglich neun öffentliche Führungen durch das Haus geschleust. Auch die folgende Route über Paris nach New York unterstreicht die Bedeutung der Ausstellung. Mit dieser spektakulären Bilderwelt verabschiedet sich auch das Lenbachhaus in eine Sanierungsphase, die voraussichtlich bis ins Jahr 2012 dauern wird. Besser kann man sich nicht in der Erinnerung verankern...

Es war eine der Sternstunden der Kunstgeschichte, als Wassily Kandinsky den Schritt aus der mit russischer Seele durchtränkten Märchenwelt in die Abstraktion vornahm: Er war revolutionärer als der Heuhaufen Monets und deutlicher vernehmbar als die vielen anderen Schritte auf die abstrakte Seite der Kunstwelt, die etwa zeitgleich in Europa stattfanden. Es gab so manchen Weichensteller (dazu kann man auch die russische Ikonenmalerei zählen), der Pionier war Kandinsky – der vor Monet sozusagen vom Juristen zu einem Künstler wurde, der durchaus mit dem Werk des Impressionisten haderte. Das lag allerdings auch an München, damals, um 1910, eine Metropole auf dem Kontinent, in der Welten aufeinander stießen. Betrachtet man etwa in der aktuellen Ausstellung das Bild »Improvisation Klamm« (1914) aus dem Besitz des Lenbachhauses, mag der eine oder andere erst hier ein Aha-Erlebnis haben: Überraschend deutlich steht im unteren Bildfeld ein Trachtenpaar auf einem Steg zum See hin, das einen schmunzeln lässt angesichts der Farberuption, die sich darum herum ausbreitet. Das ist im Kern Bauernmalerei im besten Sinne, als Kulturschock! Kandinsky war nie daran gelegen, die Welt in Pigmente aufzulösen, um sie nach physikalischen Gesetzen wieder aufzubauen wie Monet. In Bayern sah er die ländliche Welt auf eine neue Zeit zugehen, und er malte sie, bis sie nur noch gegenstandslose Farbe bzw. farbgewordene Musik war: als Impression, Improvisation und Komposition.

 
Eine Generation ist es her, dass der Maler so üppig präsentiert wurde: Das war auch in München, 1976 (alle Ausstellungen dazwischen muss man nun als Stückwerk ansehen). Fast 100 Gemälde ermöglichen einen einzigartigen Blick auf den ganzen Kandinsky – und wer immer die Zeit und Geduld hat, das druckgrafische Schaffen im Hauptbau des Lenbachhauses mit einzubeziehen, kann in Gedanken ein Werk nach Hause bringen, das er schwerlich je vergessen wird. Neben vielen wichtigen Leihgebern aus aller Welt steuern die Museen, die die Ausstellung übernehmen, unschätzbare Werke bei. Der Blaue Reiter, also das frühere Werk, ist natürlich in München selbst repräsentiert, Paris deckt die Phase der Oktoberrevolution und die Zeit am Bauhaus ab, New York brilliert mit dem Spätwerk. So ist es nur verständlich, wenn alle beteiligten Häuser verschiedene Schwerpunkte setzen.
Gottlob ist die Schau nicht größer geraten – das Potential wäre da gewesen. Sie hätte den Besucher erschlagen.

In dieser wohldurchdachten, farbstrotzenden Auswahl von Schlüsselbildern dürfte man Wassily Kandinsky nichts mehr schuldig sein.

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Öffnungszeiten:
Dienstag - Sonntag, 10 - 22 Uhr