Ausstellungsbesprechungen

Kandinsky - Das druckgrafische Werk, bis 12. Juli 2009

Die über 200 gezeigten Holz- und Linolschnitte, Radierungen, Lithografien und Plakate, die Wassily Kandinsky zwischen 1902 und 1942 schuf, dokumentieren die intensive und konsequente Auseinandersetzung des Künstlers mit der Druckgrafik.

»Die Form selbst, wenn sie auch ganz abstrakt ist und einer geometrischen gleicht, hat ihren inneren Klang, ist ein geistiges Wesen mit Eigenschaften, die mit dieser Form identisch sind.« So schrieb der Maler Wassily Kandinsky 1911/12 in seinem theoretischen Hauptwerk »Über das Geistige in der Kunst«. Wer den Begriff der Abstrakten Kunst in der Rede führt, denkt den Namen Kandinsky automatisch gleich mit. Entsprechend vertraut ist das Werk des russischen Künstlers, der in der Münchner Region die Zügel des »Blauen Reiters« hielt und den Siegeszug der Abstraktion in der Kunst – zeitgleich mit anderen Strömungen weltweit – wesentlich prägte. Und doch: eine solche Ausstellung wie die im Münchner Lenbachhaus dieses Frühjahr hat es lange nicht gegeben. Mit der Präsentation des malerischen Werks setzte das Stammhaus dieser Künstlergruppe ein nachhaltiges Zeichen vor der Schließung wegen Renovierung  des Museums. Dass da von einem Maler gleich zwei Ausstellungen - »Absolut Abstrakt« und „Das druckgrafische Werk« – zu sehen waren, gereichte Kandinsky zur Ehre. Viele aber hatten nicht den langen Atem, auch die Grafik mit wachem Sinn aufzunehmen. In der zweiten Station zeigt das Kunstmuseum Bonn diesen Teil des Werks, der genauso voll mit Ideen ist und sich nun ohne Konkurrenz zur Malerei darstellen kann.

Die Schau ist ein Superlativ, ein kulturelles Highlight, das übers Jahr hinaus im Gedächtnis bleiben wird. Ein Erlebnis ist allein schon die Künstlermappe »Kleine Welten« von 1922 mit 12 Blättern, für die Kandinsky ohne allzu großen theoretischen Überbau in gleichen Teilen Farblithografien, Holzschnitte und Kaltnadelradierungen schuf. Kaum eine Sekundärreproduktion – auch nicht der ganz exzellente Katalog mit Werkverzeichnis – kann das ergreifende Gefühl hervorrufen, das sich angesichts des originalen Mappen-Werks meldet. »Alle Platten und Steine habe ich eigenhändig gemacht«, teilte Kandinsky seiner amerikanischen Sammlerin und Kunstagentin mit, »alle Abzüge wurden unter meiner ständigen Leitung gedruckt – teils im Bauhaus…, teils in einer ausgezeichneten Druckerei in Weimar«. Nicht ohne Selbstbewusstsein fügte er hinzu: »Also: die ganze Ausführung erstklassig.« Tatsächlich hatten diese »Kleine Welten« auch formalästhetisch Tiefgang. Kandinsky grenzte die aristokratische Radierung gegen die demokratische, der Malerei nächstliegende Lithografie ab, zwischen die er den Holzschnitt positionierte. Mit der Demonstration der wichtigsten grafischen Künste machte er auch deutlich, dass er die Grafik gleichwertig neben die Malerei stellte.

Doch damit nicht genug: Rund 230 Blätter spannen einen großen Bogen von 1907 bis 1942 – kurzum das gesamte druckgrafische Schaffen wird vor den Besuchern entfaltet. Das Lenbachhaus, das zu den führenden Häusern in Sachen Kandinsky gehört, hat sich mit den zwei anderen Giganten im Geschäft – dem Guggenheim-Museum in New York und dem Centre Georges Pompidou in Paris – zusammengetan, um die Märchenspur des Œuvres dieses Spätberufenen von den Anfängen bis ins reife Spätwerk zu komplettieren. Alle Phasen, die den Werdegang von der figurativ-gegenständlichen bis zur abstrakten Kunst nachvollziehbar machen, sind in Bonn zu sehen, nicht nur im letztgültigen Blatt, sondern auch in Zustandsdrucken, die das Ringen um die richtige Form- und Farbgebung verdeutlichen. Das darf man wohl getrost als Sternstunde der Kooperation bezeichnen. Das letzte Mal war eine solche Vielfalt und Fülle 1966 zu sehen.