Buchrezensionen

Karge, Hendrik und Fritz, Wolfgang: Andalusien, Hirmer-Verlag, München 2007.

Hendrik Karge (Text) und Wolfgang Fritz (Fotografie). Es ist sicherlich nicht immer einfach, zwischen einem »Kunstbuch« und einem »Reiseführer« herkömmlicher Art zu unterscheiden, obwohl sich beide in ihrer Verwendung deutlich voneinander abheben: Gilt dieses als Ausweis seriöser Bildungsambitionen, so jenes, wenn nicht als Wegwerfartikel, so doch als Gebrauchsgut mit recht begrenzter Verfallszeit.

Ist dieses eine Zierde des heimischen Bücherschranks (deshalb auch besonders als so genannter »Prachtband« oder »Geschenkbuch« für Jubilare fortgeschrittenen Alters geeignet, die eigentlich alles schon besitzen), so sollte der Reiseführer möglichst ein handliches Pocketformat haben und so leicht sein, dass man ihn vor Ort im Stehen überfliegen und jederzeit in der Handtasche der Begleiterin verschwinden lassen kann.

Auf dem Markt bedienen beide Buchgattungen also unterschiedliche Segmente. Doch worin unterscheiden sie sich in ihrer Machart? Eine »Kunstlandschaft« zu portraitieren, darin liegt mit Sicherheit ein höherer Anspruch als ein »Touristenparadies« (wie man so leichtfertig sagt), in dem ja die Sehenswürdigkeiten nur ein »event« neben Rubriken wie »shopping-Empfehlungen« und »Nachtleben« darstellen.

Hendrik Karge, Professor für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Dresden und Spezialist für spanische Kunst, und Wolfgang Fritz, Professor für Photo-Design in Köln, haben in einem neuen Hirmer-Band die Kunstlandschaft »Andalusien« vorgestellt. Nun ist diese sonnige Randzone Europas sicherlich auch ein Ort des Massentourismus, nicht nur der berühmt-berüchtigten Costa del Sol wegen. Und um erst gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, beschränkt sich dieses Buch in erster Linie auf die architektonischen Sehenswürdigkeiten. Das tun die Verfasser aber nicht mit einer derart wissenschaftlichen Akribie, wie wir sie von monographischen Arbeiten verlangen, die den Laien manchmal bis zum Abwinken mit Bauphasen, Baudaten und Baunähten eindecken.

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Trotzdem, man vermisst Entscheidendes. Denn der Leser wird zwar, breiter als in einem Reiseführer üblich, auf viele nicht so bekannte Monumente hingewiesen (Baeza, Úbeda, das spanische Gegenstück zur toskanischen Renaissancestadt Pienza, oder die Barockbauten des mittelandalusischen Hügellandes in Priego de Córdoba oder Lucena etwa); gleichwohl sind sowohl der Kommentar als auch die Fotos von einzelnen Bauwerken, die ja das Sehen anleiten wollen, oft eher plakativ als informativ.

Das gilt auch und insbesondere für die großen Höhepunkte dieser Region, für die Alhambra in Granada oder die Mezquita in Córdoba. Das Ergebnis ist merkwürdig steril, wenig packend und fast leblos-aseptisch. Liegt es daran, dass die Bilder — großformatige, doppelseitige Panoramen zumeist — zu sehr an Bildkalender erinnern, denen ja immer etwas von Enthobenheit und weltfremder Schönheit, jedenfalls etwas von einer Ausnahmesituation, anhaftet, die dem normalen Reisenden an Ort und Stelle leider nie erwartet? Fritz fotografiert fast ausschließlich mit großen Teleobjektiven, die über alles Störende hinweggehen, was sich in den Vordergrund drängen könnte. Weit in die Totale ausgebreitete Landschaften mit den üblichen Sonnen- oder Mohnblumen, einzelne flirrende Ölbäume vielleicht, höchstens noch hier und da ein braves Schaf, — aber um Gottes willen keine Menschen! Da tut es geradezu gut, wenn man mal im Zusammenhang mit Jerez de la Frontera einen in seinem Keller zwischen uralten Barriquefässern hantierenden Weinbauer hantieren zu sehen bekommt.

Einiges ist von der Konzeption her sinnvoll und gelungen: die Zeittafel zu Beginn mit der Zusammenschau historischer Ereignisse; die Übersichtskarten und geographischen Orientierungshilfen als Portal neuer Kapitel; die Idee, immer wieder mit den Stimmen früherer Reisender zu beginnen und sich so mit dem Mythos Andalusien auseinanderzusetzen. Denn schon im 19. Jahrhundert war das Spanienbild weitgehend ein Andalusienbild, das heißt: literarisch vorgeformt. Hier ist Spanien am spanischsten, und hat all die Klischees über diese Landschaft geprägt, der eine wesentliche Brückenfunktion zwischen Europa, Afrika, und das bedeutet: der islamischen, der christlichen und der jüdischen Welt zukam. Üppige mediterrane Vegetation, arabisches Flair und die erotisch-exotischen Verlockungen, deren Ergebnis und zugleich Ausgangspunkt die Don Juan- und die Carmen-Legende sind, — das war es, was Adlige, Maler und Bohemiens aus dem Norden immer wieder anzog und was etwa der großartige Schotte David Roberts in seinen Stichen für alle Welt festhielt. Deshalb ist es schade, dass die Zeugnisse dieser Rezeption, die Gemälde des 19. Jahrhunderts (beispielsweise solcher »Orientalisten« wie Adolf Seel), nicht größer reproduziert wurden und die Autoren statt dessen den leer geräumten Landschaftstotalen einen solchen Raum gewährten.

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Die spanische Architektur hat sich nicht wie die Mitteleuropas im Sinne einer logisch-konstruktiven Idee entwickelt, sondern überzieht verschiedene Elemente der Gotik, der Renaissance wie des Barock gleichermaßen mit überbordendem Schmuck. Diese besondere Eigenart, die ja immer etwas Kompilatorisches und Synkretistisches besitzt, wird nicht ausdrücklich angesprochen und vergleichend miteinander in Beziehung gesetzt. An etlichen Gebäuden findet sie nur sporadisch Erwähnung. Die rauschhafte Fülle von ornamentalen Details und der Sinn für üppigen Schmuck ist sicherlich ein Erbe der islamisch-kalligraphischen Kunst, die ja hier ihre märchenhafteste Ausprägungen überhaupt gefunden hat. Auch kommen spezielle Ausführungen über den christlich-islamischen Mischstil der Mudejares zu kurz.

Grundsätzlich kann man trotz der verständlichen Beschränkung auf die Kombination von Architektur und Geschichte die Einbettung der Kunst in übergreifende kulturgeschichtliche Aspekte vermissen. — Wo sonst, wenn nicht in diesem Land der drei Kulturen, das in vielerlei Hinsicht ein Beispiel für den Reichtum multikultureller Befruchtung sein könnte, sind Ausführungen dieser Art angebracht? Deshalb ist es nahezu unverständlich, dass mit keinem Wort die sephardische Kultur, das gelehrsame Nebeneinander eines Maimonides und eines Averroes (= Abul Walid Muhammed Ibn Ahmed Ibn Rushd) erwähnt wird! Weder über die Geschichte der meisten westlichen Musikinstrumente, die hier ihren Ausgangspunkt nahm, noch über die Gitarre und den Flamenco wird gesprochen. Leider auch nur eine kleine Randbemerkung zu Federico García Lorca oder die Geschichte der Corrida del toros! Kein Wort über die semana santa, diesen heute noch lebendigen, ins szenische Ritual übersetzten Barock. — Man muss nicht gleich einen billigen Reiseführer im Pocket-Format schreiben, um die Kultur eines Landes in ihren lebendigen und verflochtenen Zusammenhängen verständlich zu machen.

 

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