Buchrezensionen, Rezensionen

Karin Greiner/Sabine Mey-Gordeyns: Die geheimen Gärten von Amsterdam. Lebendige Refugien hinter historischen Giebeln, DVA 2010

Günter Baumann macht mit dieser Buchbesprechung auf die "Open Tuinen Dagen" aufmerksam, die vom 18. bis 20. Juni 2010 stattfinden. In diesem Zeitraum öffnen rund 30 Grachtengärten in Amsterdam ihre Tore für das Publikum, ein Geheimtipp, der in diesem Buch durch die Fotografien von Sabine Mey-Gordeyns auch dem breiten Publikum erschlossen wird.

Greiner © Cover DVA Verlag
Greiner © Cover DVA Verlag

Amsterdam ist für so manche Überraschung gut – kein Wunder, wo sich hier mehr Kulturen tummeln als in New York, das in seinen ersten Jahren noch New Amsterdam hieß, wo der unvergleichliche Reichtum an historischen Kulturgütern aller Art seinesgleichen gar nicht mehr sucht und die Ernennung zum Weltkulturerbe nur eine Frage der Zeit ist, wenn sich die Welt einst von hier aus nicht aus Entdeckerfreude, sondern als Handelsraum erschloss, wo es doppelt so viele Kanäle gibt wie in Venedig, wo hier, mehr oder weniger auf Wasser gebaut, einer der dichtestbesiedelten Ballungsräume Europas gedeiht, wo einer bekannten Volksweise zum Trotz mutmaßlich keine einzige Tulpe blüht, wenn es überhaupt nennenswertes Grün im Grachtengürtel, dem inner- bzw. altstädtischen Halbkreis vor dem Bahnhof breit macht. Doch Halt: In dieser letzten Aussage liegt eine der größten Überraschungen der Stadt: Amsterdam hat eine stattliche Anzahl von Gärten und sogar »Offene Gartentage«, die diese Pracht teilweise sichtbar werden lassen. Die Rede ist nicht vom Vondelpark, der sich nahe des Grachtenkerns so breit bzw. lang macht, wie es eben geht, sondern von den Hinterhausgärten, die zwischen dem 18. und 20. Juni 2010 ihre Türen öffnen. Diesmal sind es immerhin rund 30 Grachtengärten, die sich unter einem gemeinsamen Motto präsentieren. Es ist eine Art Schlüssellochoptik, denn wer an die 6000 Euro pro Quadratmeter investiert hat, will nicht unbedingt jeden Tag eine Meute Touristen im Hof stehen haben. So bleiben die Grünanlagen ein Geheimtipp – dem Vernehmen nach bedarf es nicht einmal einer speziellen Voranmeldung für die Karten zu jenen »Open Tuinen Dagen«. Diese Karten zu 15 Euro kann man in der Herengracht 366–368 (Bibelmuseum) und 605 (Museum Willet-Holthuysen) sowie in der Keizersgracht 177 (Amnesty International), 401 (Haus Marseille) und 672 (Museum Van Loon) direkt erstehen, wobei sich genau unter einigen dieser Adressen auch die schönsten und größten – sogar zuweilen öffentlich zugänglichen – Gärten befinden.

Der deutsche Gartenfreund kann nun auch zu einem Buch greifen, das in großartigen Fotografien etliche der Gärten erschlossen hat. Zugegeben, das Rascheln der Seiten bleibt nur ein schwacher Trost gegenüber dem Rascheln der Blätter vor Ort. Doch ist die im Band beschriebene »Dankbarkeit gegenüber der Offenheit der Amsterdamer, ihre Schätze mit der Welt zu teilen«, ein Kompliment der happy few, die tatsächlich Einlass gefunden und die die Adressen kennen, hinter deren Giebelfassaden sich überhaupt Gärten befinden. Es ist leider so, dass die Autorin und (mitschreibende) Fotografin wohl im Auftrag der Hausbesitzer diese Schätze zwar ablichten durfte, aber ansonsten unter Verschluss halten musste, wo der private Raum berührt wird. Zunächst bleibt aber das Schwelgen. Gegliedert in thematische Großkapitel erfährt der Leser allerhand über die Fülle des botanischen Aufgebots: historische Gärten, Gärten am Wasser, gesellige Gärten, Designer-Gärten, ungewöhnliche Gärten sowie die Refugien des Gartenhauses bilden die Komplexe, denen zwischen drei und sieben Einzeldarstellungen untergeordnet sind. Das ist allemal mehr, als selbst der ortskundige Amsterdam-Besucher in der Stadt finden würde. Denn da endet die Offenheit. Nur so erklärt sich, dass keine Mühe darauf verwendet wurde, die Gärten etwa in einer tabellarischen Übersicht nach Straße, Künstler/Designer, Besitzer zusammenzufassen. Damit macht der vorliegende Titel dem Namen nach alle Ehre: Er gehört in die Reihe der »Geheimen Gärten in...«, die bereits Berlin, London, Paris, Venedig umfasst. So muss man selbst in den zugänglichen Gartenbeispielen erst die nötigen Informationen mühsam zusammentragen: Recht spät erfährt man etwa, dass sich hinter der Keizersgracht 672 das Museum Van Loon verbirgt, über das man Einblick in den Garten nehmen kann. Andere Beschreibungen machen neugierig, wie ein klassizistisches Gebäude von Philips Vingboons, einem bekannten niederländischen Architekten des 17. Jahrhunderts, dessen Garten 1998 von Robert Broekema neu gestaltet wurde. Die Links am Ende des Buches lassen erahnen, dass sich renommierte Gartendesigner mit den Gärten befasst haben, dass es Institutionen gibt wie die Stichting Hendrick de Keyser, die über den Erhalt von Baumonumenten inklusive der Gartenanlagen wachen. Die Autorinnen winden sich jedoch förmlich aus der konkreten Information. Ob jeder auch die »Goldene Kurve« oder »Biegung« zuordnen kann? Auch vermitteln vage Formulierungen wie »eine Gartenbesitzerin« oder »ein typisches Grachtenhaus« den Eindruck, dass wir leider draußen bleiben müssen. Einmal leuchtet ein Künstlername auf, ein andermal eine Straße oder der ehemalige oder gegenwärtige Besitzer – selten sind alle Namen zugleich genannt, sodass es häufig eine Art Puzzle ergibt, aus den Nebensätzen doch so viel Informationen zu ziehen, dass sich ein konkreteres Bild ergibt. Die im Untertitel angesagten »lebendigen Refugien« wirken hie und da, besonders in den Designerkapiteln, schon eher gekünstelt, dass man nicht sicher ist, ob man nun jeden dieser Gärten überhaupt wirklich sehen wollte. Wen das nicht stört und am versprochenen Geheimnis gar nicht rühren will, findet aber andrerseits liebevoll eingeflochtene Anekdoten, Beschreibungen über die Mühsal, säckeweise Erde durch das Vorderhaus und zuweilen aufs Dach tragen zu müssen, um dem meist reglementierten Areal die grüne Pracht abzutrotzen. Und entzückt trifft man – mit den Autorinnen – auf skurrile Typen, die nachts in ihr Kräuter-, Blumen- oder Kanabisgärtlein sitzen und vergessen lassen, dass man sich in einer Hauptstadt befindet (die jedoch ohnehin mit Den Haag konkurriert), wo eigentlich die Weltkultur zu Hause ist.

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