Ausstellungsbesprechungen

Karin Kneffel, Verführung und Distanz

Man sieht es den zugleich fotografisch-akkuraten und wie verschwommen sich ins Abstrakte hinwegdriftenden Gemälden an, aus welcher Richtung Karin Kneffel kommt: Ihr einstiger Lehrer war unverkennbar Gerhard Richter, und wenn es so etwas wie die Stilerbschaft geben sollte, könnte Karin Kneffel sie ohne Frage beanspruchen. Dies gilt umso mehr, als Kneffel ihr offensichtliches Vorbild kopiert, sondern sich ihr eigenes Terrain abgesteckt hat.

Geboren 1957 in Marl, studierte Karin Kneffel zunächst Germanistik und Philosophie in Münster, bevor sie an die Kunstakademie in Düsseldorf wechselte, wo sie ihr Rüstzeug bei Johannes Brus, Norbert Tadeusz und eben – als Meisterschülerin – bei Richter erhielt. Zahlreiche Preise, Stipendien und einige Gastprofessuren begleiteten ihren Weg, bis sie im Jahr 2000 schließlich einem Ruf an die Hochschule für Künste Bremen folgte. Spätestens seit dieser Zeit werden ihre Arbeiten zu Höchstpreisen gehandelt, zumal ihre Malweise sich ganz gut in den allgemein zu beobachtenden Trend einfügen lässt. In Süddeutschland war ihr Werk bislang eher spärlich verbreitet, wenn auch die Manus Presse in Stuttgart vielfach auf die Künstlerin aufmerksam gemacht hat. So ist es sehr erfreulich, dass das Ulmer Museum mit rund 60 Ölgemälden und Aquarellen einen umfangreichen und zudem von einem exzellenten Katalog begleiteten Einblick in das erstaunliche Oeuvre dieser Künstlerin gibt.

 

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Die extreme Nachsicht ihrer Interieurs, die ihren krassen Realismus gerade aus den Unschärfen bezieht – wahrnehmungspsychologisch ist das ein bekanntes Phänomen, das wir aus eigener Anschauung kennen – sowie die Präzision der fokussierten Details sind von Gerhard Richter her bekannt. Doch verfremdete er damit häufig politische Aussagen, während Kneffel regelrecht in der Schönheit des Ornaments schwelgt. Wo sich Meister und Schülerin allenfalls in der Technik und in der inhaltlich fixierten Innen- oder Umgebungsarchitektur treffen, so scheint Karin Kneffel die bei Richter noch auftretenden Menschen zumindest aus den Innenräumen verbannt zu haben zugunsten zahmer Hunde, die ausgelassen übers Parkett oder den gemusterten Teppich tollen, sowie ursprünglich wilder, doch mittlerweile zum Bettvorleger herabgezähmter Tiere: Tiger, Zebras usw. Der Mensch flimmert in diesen Interieur-Serien allenfalls über den Fernsehbildschirm, pikanterweise mit Gewehr – gespielte Gewalt im fiktiven Film oder brutaler Verweis auf diejenigen, die die wilde Kreatur erst zum Bettvorleger abstempeln? Gegen diese raffinierte Brechung der Wirklichkeit sind die Serien, die der menschlichen Darstellung vorbehalten sind, eher langweilig, zumal sie sich weit weniger gegenüber der fotografischen Konkurrenz verselbständigt wie die fulminanten Ornamentformen, die uns in grellbunten Teppichen oder in opulenten Einlegearbeiten im Parkett begegnen – hier wieder im faszinierenden Kontrast zwischen der Künstlichkeit des barock anmutenden Musters und der natürlichen Farbgebung im Fell der Hunde, die doch nicht minder Kunst sind wie ihre Umgebung.

 

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Karin Kneffel ist eine leidenschaftliche Verfechterin der Schönheit, die uns in Bildwelten entführt, verführt – um uns in monumentalen Formaten und Formen, etwa in den überwältigenden Obststillleben, sowie in krassen Schnitten auch sogleich wieder von sich weist. Schönheit ist hier zum Be-Greifen sinnlich, aber sie ist nie gefällig; sie lässt uns nicht genussvoll zurücklehnen, sondern in ihrer Opulenz und der Glätte jeder Vollkommenheit schafft sie eine irritierende Distanz, die wiederum auf die Wirkung der Richterschen Ästhetik zurückverweist, die der Lust an der Malerei einen kritischen Unterton beimischt.



Weitere Termine

 

Sinclair-Haus / Altana Kulturforum, Bad Homburg v.d.H., 7.4.–18.6.2006

 

Mönchehaus-Museum für moderne Kunst, Goslar, 16.7.–24.9.2006


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