Ausstellungsbesprechungen

Karl Heger/Diana Kiehl - Natürliches und Naturnahes. Mit und ohne Rhabarberblätter, Galerie Contact Böblingen, bis 5. August 2012

Die Galerie stellt mit Diana Kiehl und Karl Heger zwei Künstler aus, die den Bezugspunkt zur Natur gemeinsam haben. Allerdings ist die Verarbeitung des Themas jeweils eine andere. Günter Baumann hat seine Augen justiert und einen Blick auf die makro- und mikroskopischen Werke geworfen.

Der Titel »Natürliches und Naturnahes«, dem noch der Zusatz »Mit und ohne Rhabarberblätter« angefügt ist, klingt etwas verlegen, als würde man dem Thema Natur nicht so recht trauen. Womöglich bringt er den unvorbereiteten Besucher sogar auf eine falsche Fährte, wenn der den entbehrlichen Zusatz ironisch auffasst, die Frittenbude vor Augen: »mit oder ohne Senf«. In Zeiten der Materialvielfalt und der Gewissheit, dass nichts – auch kein Rhabarberblatt – in der Kunst wirklich noch Irritationen hervorruft, rückt der gestelzte Titel in die Nähe eines Pleonasmus. Zum Glück ist das auch schon das einzige, was man an dieser zauberhaften Schau bemängeln könnte, die in ihrer Fülle und gleichzeitigen Unaufdringlichkeit fasziniert.

Durchaus überraschend ist die Begegnung mit zwei hochsensiblen Werkgruppen, deren eine von Diana Kiehl mit filigraner Feinmalerei die konkrete Schönheit abstrakter Formgebung aufzeigt, und deren andere von Karl Heger fragil wirkende Behältnisse und freie Formen, bevorzugt aus Rhabarberblättern und Stroh, bereithält. Die Naturnähe dominiert die Arbeiten auf je unterschiedliche Weise. Während der Bezug bei Heger wegen seiner Materialien auf der Hand liegt (er allerdings auch in den Zeichnungen ein traumwandlerisch sicheres Gespür für das Naturhafte beweist), entführt Kiehl den Betrachter in die mikro- bzw. makroskopischen Strukturen von Kleinstlebewesen bzw. kosmische Dimensionen. Bereiche, die nach wie vor von der Natur besetzt sind.

Beiden gemeinsam ist jedoch die assoziative Berührung von Natur, Kultur und Kunst auf einer mal intellektuellen, mal ästhetischen Höhe, je nach der Bereitschaft des Betrachters, sich auf diese Werke einzulassen. Diana Kiehl findet von letzterem zum Amöbenhaft-Natürlichem, dessen Zufälligkeit sich auch im kulturtheoretischen Diskurs der Chaostheorie – als Schmelztiegel von Ornament und Symbol – festsetzen könnte. Karl Heger bewegt sich vom Naturhaft-Archaischen auf das Naturobjekt zu – der eine wird darin die komplexen Chiffren rhabarber- oder maisblattummantelter Holzboote, pyramidal-tektonischer Formen aus Heu oder rituell anmutender, amorpher Spitzkegel sehen, der andere mag sich mit den fantasievoll-poetischen Titeln begnügen, die als »Heuschwinge«, »Rhaberberhorn« oder »Kleiner Heupropeller« so urwüchsig daherkommen, dass man ihren Trägern auch das pure Sein ex natura abnimmt.

Nicht minder überzeugend ist das lyrische Potenzial der Acrylarbeiten von Kiehl: »Zweiglimmer«, »Wassergitterinsel«, »Gesellige Wundersterne« und anderes mehr suchen den Kontakt mit sich und der Außenwelt – oftmals tatsächlich im dialogisch-kommunikativen Feld: als handle es sich um ausgebrochene, regelrecht außer Rand und Band geratener Pop-Mandala. Es erwachsen aus den Bildzentren Außenränder, die sogleich zur inneren Begrenzung neuer äußerer Linien werden, scheinbar ad infinitum. Die Logik von Außen und Innen wird aufgehoben zugunsten einer ungebändigten, allenfalls den eigenen Regeln gehorchenden Fantasie.

Bei beiden Werkgruppen stellt sich freilich die Frage nach der Bedeutung des Künstlichen. Kiehl spielt mit dem Ornamentalen und rhythmisiert naturhafte Phänomene; Heger wird zum plastischen Gestalter der Natur, doch wie auch seine Ausstellungskollegin schafft er mittels Einbeziehung und Toleranz der Natur eine eigene Kunstwelt, die der natürlichen Realität keine Imitationen und keine Deformationen vorhält, sondern eine eigenständige künstlerische Welt, deren nachhaltig spürbare Prozessualität in der Entstehung, sprich dem allmählichen Werden und Wachsen, noch an ihre Herkunft aus der Natur verrät. Vielleicht ist es das, was den Besucher andächtig werden lässt. Die Stille, die von den Arbeiten ausgeht, verlagert sich kaum merklich auf die Stimmung des Betrachters, denn die Würde der Natur ist unantastbar.