Ausstellungsbesprechungen

Karl-Henning Seemann – Entwürfe für Skulpturenprojekte. Städtische Museen Heilbronn, bis 21. Februar 2010; Karl-Henning Seemann – Porträts. Städtische Galerie, Bietigheim-Bissingen, bis 21. März 2010

Im öffentlichen Raum ist Karl-Henning Seemann eine feste Größe – die Liste seiner ausgeführten Projekte hat kaum ein Ende, allein in Braunschweig – einer seiner Wirkungsstätten – lassen sich rund zehn Arbeiten finden, und insgesamt haben rund 80 Städte jene meist markant-ironischen Figurenszenen des figurativ arbeitenden Künstlers in ihr Straßenbild aufgenommen. Günter Baumann hat sich dem Künstler und seinen Werken in zwei Ausstellungen angenähert.

Zum 75. Geburtstag des Bildhauers haben sich die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen und die Städtischen Museen Heilbronn programmatisch zusammengetan und ehren Seemann mit einer je unterschiedlich gewichteten Ausstellung: die Bietigheimer Schau stellt die Porträts in den Vordergrund, in Heilbronn gewähren die Ausstellungsmacher einen Blick auf die Entwürfe zu den großen Projekten. So ergibt sich für die Besucher ein rundes Bild über sein Gesamtwerk. Der dokumentierte Entstehungsprozess wird noch durch Zeichnungen unterstützt, die – wie bei den meisten Plastikern von Rang – mitunter zum Bedeutsamsten gehören, was ein Künstler zu bieten hat. Aber auch Entwurfsplastiken, sogenannte Bozzettis, sind zu sehen, bis hin zu Wachsmodellen. Insgesamt erstreckt sich das Arbeitsfeld über fünf Jahrzehnte.

In süddeutschen Städten, aber nicht nur dort, begegnet man seinen Brunnen und Figurengruppen fast wie alten Bekannten – hier ist er neben Jürgen Görtz, Waldemar Otto sowie Karl Ullrich Nuss sozusagen ein Matador der stadtbilderweiternden Künste. Mehr als den genannten Kollegen war es Seemann immer ein Anliegen, seine plastischen Arbeiten in die Architektur, mehr noch, im ganzen benachbarten Stadtraum einzubinden. Weil es unter solch öffentlichkeitsbetonten Umständen freilich nur ein halbes Vergnügen ist, allein die vier oder mehr Wände des Museums nach den Seemanns abzuklappern, gibt es auch eine Exkursion durchs Ländle, wo man eben auch einige Handvoll gegossener Brunnen- und Allerweltspersonen bewundern kann. Sie machen landauf, landab vor Banken, auf Marktplätzen oder in den Fußgängerzonen auf sich aufmerksam, im Guten wie im Argen: Während sich die Imageagenturen der Kommunen gern mit einer Plastik von Seemann die Weltoffenheit und Freundlichkeit einer Stadt bestätigen lassen, eckt manche Bildgruppe des Bildhauers zuweilen am konservativen Geist eines Publikums an, das hinter einer Freiplastik im Stadtbild eher ein erhaben in sich ruhendes Denkmal erwartet. Denn Seemanns fiktives Personal ist meist in Bewegung – wie der gestresste Gemeinmensch eben auch.

Dabei ist Karl-Henning Seemann nicht nur der Fürsprecher der sogenannten kleinen Leute, sondern auch ein gewitzter Porträtist mancher V.I.P.s aus Kultur und Politik. So reicht die Bildnisgalerie von Georg Büchner und Gioacchino Rossini bis hin zu »Papa«Heuss, dem ersten Bundespräsidenten, dessen Brackenheimer Bronze-Pendant von Seemann nun genau vor einem Jahr enthüllt wurde. Heuss passt mit seinem volkstümlichen bzw. besser: bürgernahen Auftreten – so wird er uns zumindest in der Zeitgeschichtsschreibung in Erinnerung gehalten – hervorragend in den Stil Seemanns. Dem einen oder anderen wird die Pantoffelheldmilde des Staatsmannes unangemessen erscheinen, aber in dieser Überspitzung, die sich nie in karikaturhafte Verzerrung begibt, liegt die Größe des Werks. Ein alter, in jeder Hinsicht unästhetischer Mann, »Heilung im Bad suchend«, entpuppt sich als Darstellung des Komponisten Rossini, der in Wildbad eine Geschlechtskrankheit auskurieren wollte – diese krude Momentaufnahme eines Standbildes stieß im Kurort auf wenig Gegenliebe und landete im landeseigenen Kurpark.