Ausstellungsbesprechungen

Karl Hofer – Von Lebensspuk und stiller Schönheit, Kunsthalle Emden, bis 17. Juni 2012

Karl Hofers besonderes Interesse galt stets der Darstellung des Menschen. Seine Figuren sind von spröder Schönheit und scheinen oftmals still ihren Gedanken nachzuhängen. Die Ausstellung konzentriert sich deshalb auf Themen und Bilder, mit denen sich Hofer stets auf’s Neue künstlerisch auseinander gesetzt hat. Günter Baumann verrät Ihnen mehr.

Karl Hofer (1878–1955) gehört zu den sträflich vernachlässigten, nahezu unbekannten Berühmtheiten der Kunstgeschichte. Anders als Oskar Kokoschka oder Max Beckmann, die eigenbrötlerisch ihre Stile gegen alle Strömungen ihrer Zeit durchsetzen konnten, haftet Hofer eine unsägliche Debatte um die Vormundschaft der abstrakten und/oder figurativen Malerei an, die er gegen den Kunstkritiker Will Grohmann und den Maler Willi Baumeister führte. Den Sieg trugen wohl Mitte des 20. Jahrhunderts die Verfechter der Abstraktion davon, Karl Hofer geriet in die Defensive, während Beckmann und Kokoschka unberührt blieben. Erst in den letzten Jahrzehnten wendete sich das Blatt, als das Interesse für die Einzelgänger der Kunst wuchs und die Figuration wieder Boden unter den Füßen spürte. Über die Gründe der späten Wiederentdeckung Hofers kann man nur Rätsel raten, doch angesichts einer retrospektiv angelegten Präsentation seines Werks wie der in Emden, wird deutlich, dass der Maler zu den großartigsten Künstlern im Umkreis der neusachlichen Malerei gehört. Einer der Gründe für die Ignoranz während der Nachkriegszeit – neben der erwähnten Streitigkeit gegen den Tycoon der Abstraktion, Baumeister – ist möglicherweise die Melancholie, die das Werk auszeichnet und die nach 1945 gegen den Aufbaueifer und die sich anbahnende Wirtschaftswunderphase stand.

Es schien erst später bewusst zu werden, dass Karl Hofer von Hans von Marées und Arnold Böcklin inspiriert war, bevor er sich der Neuen Sachlichkeit annäherte. Deren Distanz zum Betrachter bzw. die Unnahbarkeit von deren Protagonisten legte auch Hofer nicht ab. Der Titel der Emdener Ausstellung greift dies mit dem Begriffspaar »Lebensspuk«, das böcklineske Assoziationen weckt, und »stille Schönheit« auf, die das Verborgene im malerischen Schaffen betont. Es verwundert nicht, dass der Mensch im Mittelpunkt jeder Hofer-Schau steht, und zwar der wesenhaft schöne, der Klassik verpflichtete Mensch – leidend, aber nicht gebrochen oder gar zerbrochen, wie andere Künstler der Moderne den Menschen sahen. Es ist bezeichnend, dass Hofer 1937 ein sitzendes »Zeitunglesendes Mädchen« malte, das er 1943 in selber Pose und Mimik wieder aufgreift – als seien die Zeitläufte normal gewesen. Dass sie es nicht waren, entging Hofer natürlich auch nicht, stellt man den wirkungslos mahnenden »Rufer« von 1924 und erneut 1935 an die Seite des in sich gekehrten Mädchens.

In Emden sind etwa 75 Arbeiten zu sehen: Blumenmädchen, Frauenakte, in stiller Arbeit vertiefte Menschen, musizierende Frauen oder Ball spielende Jungen. Ein gemeinsames tun entwickelt sich erstaunlicherweise kaum daraus, selbst sich umarmende »Freundinnen« (1923/24), »Zwei Mädchen«, die sichtlich eng verbunden sind (1938), oder Liebespaare finden nicht wirkliche zueinander. Um 1945/47 wich die zeitlos schöne Darstellung apokalyptisch-düsteren Zeitbildern am Rand des Wahnsinns, nicht weniger unnahbar, auf erschreckende Weise klagend – das Gespür für die Fragilität und Subtilität der menschlichen Sehnsüchte schien bei den betroffenen Rezipienten nicht allzu ausgeprägt gewesen zu sein. Dass die Traurigkeit, die die Figuren umweht, den inneren Kern des Malers betraf und kein Klischee bediente, zeigt sich in den Karikaturen, die Hofer zeitlebens zeichnete: Mit einem begnadet spitzen Stift charakterisierte er (heute wohl nicht mehr identifizierbare) Künstlerfreunde und Kritiker in einem tierischen Panoptikum, das bei aller amüsanten Verzerrung den wehmutsvollen Blick integriert.

Im späteren Werk wird die Palette bunter, der Farbauftrag kontrastreicher, und die Figuren werden im Miteinander etwas versöhnlicher, wenn sie auch immer noch einsam Leidende bleiben. Nach wie vor hielt Karl Hofer jedoch an seinem hohen Menschenbild fest. Der Hektik der Zeit begegnete er mit der Grazie des Innehaltens. Es mag sein, dass die erst nach seinem Tod einsetzende rasantere Beschleunigung in allen Lebensbereichen eine der Ursachen ist, dass wir heute mit Wohlwollen auf die Stillstandsästhetik des Malers schauen.