Ausstellungsbesprechungen

Karl Hubbuch und das Neue Sehen. Die Karlsruher Kunstakademie und die Fotografie um 1930, Städtische Galerie Karlsruhe, bis 9. Juni 2013

Karl Hubbuch (1891-1979) gehört wie George Grosz und Otto Dix zu den sogenannten Veristen der Neuen Sachlichkeit. Bekannt wurde er vor allem mit seinen Zeichnungen, teils bitter ironische Gesellschaftsallegorien, teils hoch sensible Portraits und Charakterstudien. Dass Hubbuch sich in den Jahren zwischen 1925 und 1935 auch intensiv mit dem Medium der Fotogra­fie auseinandersetzte, ist bislang jedoch kaum bekannt. Rainer K. Wick gibt Ihnen einen Einblick.

Im Jahr 1925 veranstaltete der Direktor der Kunsthalle in Mannheim, Gustav F. Hartlaub, eine richtungweisende Ausstellung mit dem Titel „Neue Sachlichkeit“. Gezeigt wurden Gemälde, die dem expressionistischen Überschwang der Vorkriegszeit und der ersten Nachkriegsjahre mit einer betont nüchternen, unsentimentalen und zugleich präzisen, realistischen künstlerischen Auffassung begegneten.

Allerdings war die Vielfalt der Erscheinungsformen beträchtlich, von den „linken“, gesellschaftskritischen Veristen bis hin zu jenen Künstlern, die sich – eher unpolitisch – auf die emotionslos abbildende Darstellung von Menschen und Dingen konzentrierten. An dieser Ausstellung war auch der Karlsruher Maler Karl Hubbuch (1891-1979) mit dem Gemälde „Die Schulstube“ beteiligt. Hubbuch avancierte neben George Grosz, Otto Dix, Christian Schad, Rudolf Schlichter und anderen schnell zu einem der profiliertesten Vertreter der Malerei der Neuen Sachlichkeit in Deutschland. In seinen Bildern und Zeichnungen werden wie im Brennspiegel die Kehrseite der sog. Goldenen Zwanziger, das Elend der Zwischenkriegszeit, die inneren Widersprüche der Weimarer Republik, aber auch die Normalität alltäglicher Lebensvollzüge, sichtbar.

Dass er zwischen 1925 und 1935 auch ein bemerkenswertes fotografisches Œuvre geschaffen hat, war lange so gut wie unbekannt und wurde erst durch eine große, im Frühjahr 2012 zu Ende gegangene Überblicksausstellung im Münchner Stadtmuseum deutlich. In Karlsruhe, der Geburts- und Heimatstadt des Künstlers, bietet die Städtische Galerie jetzt die Möglichkeit, diese Ausstellung in einer stark erweiterten und inhaltlich speziell auf die ehemalige Badische Landeshauptstadt zugeschnittenen Form zu sehen. Waren es in München 150 Exponate, so sind es nun etwa 350. Sylvia Bieber, Stellvertretende Direktorin der Städtischen Galerie Karlsruhe und Kuratorin der Ausstellung, kam es darauf an, Hubbuchs Fotografien, die genuin nicht für die Öffentlichkeit, sondern für den persönlichen Gebrauch bestimmt waren, nicht isoliert zu präsentieren, sondern im Zusammenhang mit Entwicklungen an der damaligen Badischen Landeskunstschule (der heutigen Karlsruher Kunstakademie) zu zeigen und darüber hinaus in den größeren fotohistorischen Kontext der Zeit vor und um 1930 einzubinden, der mit dem Etikett „Neue Fotografie“ belegt werden kann.

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Unter diesem Begriff lassen sich unterschiedliche Tendenzen der 1920er und frühen 1930er Jahre subsumieren. Genannt seien als die beiden Hauptströmungen jener Zeit die „Neue Sachlichkeit“ einerseits und das „Neue Sehen“ andererseits – in der Realität freilich mit fließenden Übergängen, so dass diese Unterscheidung eher idealtypischer Natur ist. Wenn nun das neu entdeckte, in München und jetzt in Karlsruhe gezeigte und in einem schönen Katalogbuch publizierte fotografische Œuvre Hubbuchs dem sogenannten Neuen Sehen zugeschlagen wird, so ist das allerdings nur bedingt zutreffend.

Denn dieser innerhalb der Neuen Fotografie dezidiert experimentell operierenden Richtung, deren radikalster Vertreter der ungarische Konstruktivist und Bauhaus-Lehrer László Moholy-Nagy war, ging es nicht primär um eine realistische, „sachliche“ Abbildung des Sichtbaren, sondern um die Einübung neuer, der modernen Industriegesellschaft und der avancierten Kommunikationskultur entsprechender Sehgewohnheiten. Neben abstrakten Fotogrammen entstanden Kamerafotografien, die sich durch ungewöhnliche Herangehensweisen, Bildausschnitte und Blickwinkel auszeichneten: extreme Naheinstellungen, Drauf- und Untersichten, unorthodoxe Bilddiagonalen, harte Schatten, bewusste Unschärfen, Positiv-Negativ-Umkehrungen. Tradierte Sehgewohnheiten sollten unterlaufen, das Sehen selbst mit Hilfe des Kameraauges erweitert, aktiviert und im Hinblick auf eine neue, von Technik und Maschinen, von Tempo und Beschleunigung der Lebensvollzüge bestimmte Epoche konditioniert und moduliert werden.

Das alles findet sich bei Hubbuch nur ausnahmsweise. Ein signifikantes Beispiel für dieses „Neue Sehen“ ist die in kühner Untersicht fotografierte Kölner Hohenzollernbrücke, ein Foto von 1928. Doch als ein von der genauen Gegenstandswahrnehmung herkommender Maler und Zeichner interessierte ihn weniger jene experimentelle Fotoästhetik, wie sie etwa für Moholy-Nagy typisch war. Vielmehr stand immer der Mensch im Mittelpunkt seines fotografischen Interesses – sei es als inszeniertes Selbst, als Modellbildnis oder als Schnappschuss im öffentlichen Raum. Großartig ist die Serie der mit Selbstauslöser aufgenommenen Selbstporträts im Atelier aus den späteren 1920er Jahren, in denen der Künstler gemeinsam mit seiner damaligen, äußerst selbstbewusst agierenden Frau Hilde figuriert und teilweise slapstickartig Aspekte des Rollenwechsels zwischen Mann und Frau durchdekliniert.

Bevor beide eine Paar wurden, hatte Hilde an der Badischen Landeskunstschule u.a. bei ihrem späteren Ehemann Karl Hubbuch Kunst studiert. Sie, die Anfang der 1930er Jahre an das Dessauer Bauhaus ging, um bei dem dortigen Fotolehrer Walter Peterhans zu hospitieren (übrigens kein Vertreter des Neuen Sehens, sondern eher einer surreal affizierten Neuen Sachlichkeit), dürfte es gewesen sein, die ihren Mann zur Auseinandersetzung mit der Fotografie angeregt hat.

Breiten Raum nehmen Hubbuchs Fotos ein, die seine Modelle zeigen, so die junge Ballettschülerin Martha Huber und die sportlich jugendliche Marianne Beffert, die der Künstler im Badeanzug im Schwimmbad oder nackt im Atelier, am Fenster oder auf dem Balkon abgelichtet hat – Fotos, die etwas von der um 1900 einsetzenden und bis in den 1920er Jahre hineinreichenden Lebensreform transportieren, zu der auch die Freikörperkulturbewegung gehörte. Nicht nur in seinen meisterhaften Gemälden und Zeichnungen, von denen eine kleine Auswahl die Fotografien der Karlsruher Schau ergänzt und aufschlussreiche Querbezüge zwischen den Medien gestattet, sondern auch in seinen zahlreichen, der sog. Street Photography zurechenbaren Fotos erweist sich Hubbuch als „Sozialphysiognomiker“, dem es gelungen ist, Zeittypisches treffend zu erfassen und insofern uns Heutigen interessante Einblicke in den Alltag der Zwischenkriegszeit und der heraufziehenden Nazi-Diktatur zu vermitteln.

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Abgesehen von ihrem dokumentarischen Wert vermögen sie den Betrachter gerade deshalb zu fesseln, weil sie nicht der sensationellen Gestaltung nachjagen, sondern unaufgeregt charakteristische Situationen dokumentieren und dabei immer die menschliche Perspektive berücksichtigen – sei es beim närrischen Treiben in der Straßen Karlsruhes (um 1930), bei einer Flugschau, nachdem Karlsruhe in das deutsche Luftverkehrsnetz eingebunden worden war (nach 1933), auf den Straßen von Paris (nach 1933), anlässlich der Ausstellung des „Heiligen Rocks“ in Trier (1933), auf einem Kinderspielplatz in Karlsruhe (um 1930) oder im Schwimmbad Rappenwört (um 1933). Hier ist Hubbuch mit der entschiedenen Betonung der Diagonale das eine oder andere Foto gelungen, das tatsächlich eher dem Geist des Neuen Sehens nahesteht als einer sozialdokumentarisch grundierten neusachlichen Fotografie.

Im Laufe der 1920er Jahre war die Fotografie – neben dem Film – zum Leitmedium avanciert. Einschlägige Publikationen und große Überblicksschauen wie die vom Deutschen Werkbund 1929 in Stuttgart veranstaltete Ausstellung „Film- und Foto“ (FiFo) bedeuteten am Ende des Jahrzehnts den endgültigen Triumph der Neuen Fotografie. An fortschrittlichen Kunstschulen wurde die Fotografie in das Curriculum aufgenommen, so beispielsweise an der Burg Giebichenstein in Halle und am Bauhaus in Dessau. Auch an der Landeskunstschule in Karlsruhe, gemäß den progressiven Ideen der sog. Kunstschulreform des frühen 20. Jahrhunderts ein Zusammenschluss der Kunstakademie und der Kunstgewerbeschule, wurde, wenn auch nur kurz, Fotografie gelehrt.

Neben den Fotografien von Karl Hubbuch werden in der Karlsruher Ausstellung fotografische Arbeiten aus dem Umkreis des Künstlers, also von seinerzeit an der Schule Lehrenden und Lernenden gezeigt, die einen differenzierten Blick auf ein spannendes Kapitel der Fotogeschichte erlauben. Namentlich erwähnt sei nur Ellen Rosenberg, die später, nachdem sie bei dem Bauhaus-Lehrer Walter Peterhans gelernt hatte, unter dem Namen Ellen Auerbach Karriere machte und zusammen mit Grete Stern das überaus erfolgreiche Fotostudio „ringl + pit“ betrieb.