Ausstellungsbesprechungen

Karl Marx – Das Kapital, Museum der Arbeit Hamburg, bis 5. Mai 2018

Kunst als Korrektiv in Zeiten platzender Spekulationsblasen? Die Schau im Hamburger Museum wirft jede Menge Fragen auf. Wer hofft, ausführlich über Marx' Schrift informiert zu werden, wird enttäuscht. Zusammenhänge müssen eigenständig erarbeitet werden. Rowena Schubert-Fuß war vor Ort.

150 Jahre nach seinem Erscheinen ist »Das Kapital« an seinen Ursprungsort zurückgekehrt: 1867 wurde der erste Band in Hamburg veröffentlicht. Entsprechend bunt ist die Schau aufgemacht. In fünf Stationen erfährt der Besucher etwas über die Entstehungsgeschichte, wesentliche Begriffe und die Rezeption des Werks. Über kurze Videos zu Marx' Begriff von Mehrwert oder Arbeitskraft, Hörstationen, wo man der Korrespondenz Marx/Engels lauschen kann sowie Interviews mit bekannten Persönlichkeiten, die ihre Erfahrungen mit dem »Kapital« vorstellen, wird versucht, einen persönlichen Bezug herzustellen. Insbesondere die Sektion »Das Kapital lesen« lädt mit unterschiedlichen Ausgaben dazu ein. Vom Sach-Comic, über verschiedensprachige Ausgaben bieten sich diverse Möglichkeiten.

Leider kratzen die vermittelten Informationen nur an der Oberfläche. Was fehlt, ist nicht nur eine Kontextualisierung der beschriebenen Begriffe, sondern auch eine Verortung des Marxschen Gedankenkonstrukts. Man erfährt, dass er stundenlang in der Bibliothek des Britischen Museums sitzt und arbeitet, aber nicht, wofür die studierten Autoren stehen. Man weist darauf hin, dass Marx' Schrift nach ihrer Veröffentlichung von den verschiedensten (politischen) Parteien aufgegriffen wurde und sich vielfältige Lesarten herausbildeten, doch wird nicht erklärt, wer sich was herausgepflückt und wie weiterentwickelt hat. Eine umfangreiche Nachbereitung der Schau ist daher angeraten.

Marx selbst erscheint in den präsentierten Materialien als Schlendrian. 1841 in Jena mit seiner Arbeit »Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie« promoviert, bot er seine Arbeitskraft wohl nur zwei Mal auf dem Markt an. Seine zeitlebens einzige feste Stelle trat er 1842 als Chefredakteur der Rheinischen Zeitung an, welche nur ein Jahr später verboten wird. Glücklicherweise fand er in dem Fabrikantensohn Friedrich Engels nicht nur einen Gleichgesinnten, sondern auch Mäzen, der ihn über Wasser hielt. Marx' finanzielle Lage war häufig angespannt. Nach der Revolution von 1848 musste er seine Heimat verlassen und ins Exil nach London gehen. Er hatte sich zuvor mit seinem öffentlichen Eintreten für radikalliberale Positionen beim preußischen Staat unbeliebt gemacht.

Abgesehen von wiederkehrenden Karbunkeln, deretwegen er nicht sitzen und auch nicht schreiben konnte, gestaltete sich sein Leben in England dennoch komfortabel. Regelmäßig fragt Engels nach den Fortschritten seiner Schrift. Marx antwortet diesem dann zumeist mit Ausflüchten und bittet stattdessen um mehr monetäre Zuwendung. Nach 10 Jahren ist seine »Kritik der politischen Ökonomie«, so der Untertitel des »Kapitals« endlich fertig. Band 2 und 3 muss Engels herausgeben, da Marx zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben ist.

Obwohl er nicht mit Geld umgehen konnte, hielt das Karl Marx nicht davon ab, eine Analyse der zeitgenössischen Arbeitsbedingungen vorzunehmen. Seine wohl provokanteste These lautet, dass der Kapitalismus früher oder später an sich selbst zugrunde geht. Unendliches Wachstum ist illusorisch. Die Verbesserung der Produktionsbedingungen schafft auf der einen Seite schlecht bezahlte Arbeiter und auf der anderen Seite – durch Konkurrenzkampf – große Konzerne. Dieses Ungleichgewicht enthält irgendwann genug sozialen Sprengstoff, um in einer Revolution zu münden, so Marx.

Im Rahmen aktueller Debatten um (wirtschafts-)politische Krisen, Industrialisierung 4.0, den Ersatz von Arbeitskräften durch Roboter sowie der fortwährenden Selbstoptimierung des Menschen durch Ernährung und Fitness lässt sich an diese Gedanken nahtlos anknüpfen. Ein Ziel der Ausstellung lautet daher, den Besucher zum Nachdenken über mögliche Veränderungen bezüglich unserer Realität und des Miteinanders anzuregen.

An dieser Stelle kommt auch Aktionskunst ins Spiel. Seit Mai 2009 beschert die Leipziger Künstlerin Christin Lahr dem Staatshaushalt der Bundesrepublik Deutschland einen unerwarteten Kapitalzufluss. Täglich überweist sie der Deutschen Bundesbank einen Cent. Die Felder für den Verwendungszweck füllt sie mit 140 Zeichen aus dem ersten Band des Marxschen Bestsellers.

»Macht Geschenke: Das Kapital« schreibt sich kontinuierlich in die Bücher ein und erfährt einen täglichen Wertezuwachs. Es begegnet der herrschenden politischen Ökonomie und Bürokratie mit der Geste des Schenkens und hält dem System den Spiegel vor. Lahr erklärt in einem Ausstellungsvideo, dass ihre Kleinstspenden »homöopathische Dosen« gegen die wachsende Staatsverschuldung seien. Sie bringen einmal täglich die Bilanz des Staates aus dem Gleichgewicht und sollen Impulse für Wertedebatten geben. Die Quittungsbelege ihrer Transaktionen übergibt Lahr Menschen, die ihr wichtig sind, darunter auch Prominente wie der scheidende Innenminister Thomas de Maizière. In einem Interview erklärte die Künstlerin, dass jedermann so zum Kollaborateur ihres künstlerischen Handelns werden kann.

Was nimmt man aus der Schau mit? Es sind sicherlich eine Vielzahl von Fragen. Zur weiterführenden Beschäftigung sei dem Besucher zunächst das Magazin zur Ausstellung empfohlen. Diverse Beiträge beleuchten Themen wie »Marx ins Museum?«, »Was macht Marx' Kapital so aktuell?« oder »Marx in der Kunst«.