Ausstellungsbesprechungen

Karl Schmidt-Rottluff: expressiv, magisch, fremd, Bucerius Kunst Forum Hamburg, bis 21. Mai 2018

Schmidt-Rottluff-Ausstellungen sind immer ein Fest der Farben, vielleicht noch mehr als bei anderen Expressionisten, aber die Hamburger Ausstellung lenkt die Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema: Schmidt-Rottluff schätzte, ja liebte exotische Kunst. Jetzt kann man erstmals einen Blick auf seine Sammlung werfen und manches davon in seinen Bildern wiederfinden. Stefan Diebitz ist gerne nach Hamburg gefahren.

Die Blütezeit des Expressionismus markiert den Beginn der Begegnung deutscher Künstler mit exotischer Kunst. Max Pechstein, dessen Werk ja erst während des letzten Sommers am selben Ort ausgestellt worden war, war 1913 in die Südsee gereist, und nur ein Jahr später hatte es ihm Emil Nolde nachgemacht. Parallel zu der Hamburger Pechstein-Ausstellung war Noldes Besuch auf Neuguinea im Schleswiger Landesmuseum groß, sogar sehr groß ausgestellt worden. Und 1915, also mitten im Krieg, ließ Carl Einstein seine bis heute berühmte (und immer noch erhältliche!) Studie »Negerplastik« erscheinen, die so großen Einfluss auf die Künstler ihrer Zeit ausüben sollte. Pablo Picasso zeigte sich ohnehin schon längst von afrikanischer Kunst inspiriert.

Wahrscheinlich für den europäischen Blick auf afrikanische Kultur bedeutender als alle diese Künstler war Leo Frobenius (1873 – 1938), dessen Bücher über seine Afrikaexpeditionen riesige Erfolge waren; er war ein Popstar der Ethnologie. In der Tiere-Ausstellung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe kann man noch bis zum 4. März zwei Wiedergaben prähistorischer afrikanischer Felsmalereien bewundern – eine davon in spektakulärer Größe –, die auf seinen Expeditionen hergestellt worden waren. Das Frobenius-Institut in Frankfurt soll 3700 derartiger Kopien besitzen.

Trotz dieses Interesses an Afrika stand Schmidt-Rottluff zumindest unter seinen Kollegen allein, denn anders als sie war er auch ein Sammler. Der Zeitpunkt, an dem er zu sammeln begann, liegt ein wenig im Dunkeln, und es ist auch nicht ganz sicher, wo er die einzelnen Stücke einkaufte. Aber das ist nicht wichtig, sondern es kommt hier nur darauf an, dass er die ästhetischen Anregungen, die von exotischer Kunst ausgingen, aufnahm und künstlerisch verarbeitete, und dass Masken oder andere Schnitzereien – Löffel zum Beispiel – nicht bloß schon früh auf den Fotos auftauchen, die seine Wohnung zeigen, sondern sich auch auf seinen Bildern finden.

1909 schickte Schmidt-Rottluff eine Postkarte an den »Maler E. Heckel«, auf dem sich auch eine kleine, kopfüber gezeichnete Figur befindet; warum diese Figur aus Kamerun stammen soll, verrät uns der Katalog nicht, aber damit ist schon für diesen frühen Zeitpunkt das Interesse des Malers für außereuropäische Kunst dokumentiert. 1913, als er den Sommer auf der Kurischen Nehrung verbrachte, könnte er ein weiteres Mal mit geschnitzter Holzkunst in Berührung gekommen sein, denn im ländlichen Litauen gab es (und gibt es vielleicht noch) eine lebendige Tradition von geschnitzten Figuren, die ein wenig an indianische Totempfähle erinnern. Heute findet sich auf der Kurischen Nehrung, in Juodkrantė, ein eindrucksvoller, »Hexenberg« genannter Skulpturenpark, der eben von dieser Volkskunst zehrt. Nur kurze Zeit nach diesem Sommer kehrte Schmidt-Rottluff nach Litauen zurück, denn er verbrachte seine Kriegsjahre dort und dazu in Russland. Eben in dieser Zeit begann er mit dem Holzschnitt, wofür die Ausstellung einige Beispiele präsentiert, unter anderem das »Mädchen aus Kowno«, also dem litauischen Kaunas.

Schmidt-Rottluff war Sammler, und er war ein Künstler, der sich selbst an von afrikanischer Volkskunst inspirierten Masken versuchte. Schon 1917 gelang ihm ein »Grünroter Kopf«, den ein Laie (aber vielleicht auch nur ein solcher) wohl als afrikanisch durchgehen lassen würde. In der Folgezeit, also besonders in den Zwanziger Jahren, malte er immer wieder Stillleben, auf denen Masken oder kleine Figurinen auftauchen – teils aus seiner Sammlung, teils von ihm selbst hergestellt. Das schönste Beispiel ist ein »Blauroter Schrecken« genannter Kopf aus Fichtenholz von 1917, der erst auf einer Tuschezeichnung von 1940 erscheint, später aber noch einmal auf einem Bild aus den Fünfziger Jahren. In der Ausstellung ist dieser Kopf mit dem runden offenen Mund von diesen beiden Arbeiten eingerahmt. Christiane Remm schreibt in ihrem Katalogbeitrag, dass Schmidt-Rottluff »das Prinzip konkaver Gesichtsbildung« adaptiert habe – ein Prinzip, das »Augen, Nase und Mund effektvoll hervortreten« lasse und so »Angst und existentielle Bedrohung auf ergreifende Weise« veranschauliche. Der Besucher kann das leicht nachvollziehen.

Für die Begegnung auch anderer expressionistischer Künstler mit afrikanischer oder ozeanischer Kunst macht die Ethnologin Magdalena M. Moeller in ihrem Beitrag geltend, dass die »Künstler […] sich nicht für den Kontext [interessierten], die Herkunft oder die kultisch-religiöse Bedeutung der Objekte, sondern vielmehr für das Magische ihrer Ausstrahlung, die ihnen innewohnende erlebbare Kraft und Energie«. Eben auf diese Weise – also eigentlich nur als ästhetisches Objekt – gewann die exotische Plastik Einfluss auf die europäische Kunst. Deshalb war sie, so Wilkens, eben »kein Vehikel eines künstlerischen Dialogs auf Augenhöhe«. Dass ein solcher Umgang der afrikanischen Plastik niemals gerecht werden konnte, hatte ja bereits das Buch Carl Einsteins gezeigt. Er nämlich wies daraufhin, dass man unmöglich eine »Negerplastik« verstehen kann, wenn man sie aus ihren religiösen Bezügen löst. Aber eben dies tat die überwiegende Mehrheit der Künstler, und Schmidt-Rottluff verhielt sich da nicht anders, obwohl er wie alle seine Kollegen es dank Carl Einstein hätte besser wissen müssen.

Neben dem eigentlich selbstverständlichen Expressiven ist das Fremde das zweite der im Untertitel der Ausstellung genannten Elemente; das dritte ist das Magische, und wirklich scheinen sich in einer großen Anzahl von Bildern immer wieder mystische oder transzendente Momente auszusprechen. Das gilt besonders für Schmidt-Rottluffs Leidenschaft für den Mond und die etwas mystische Atmosphäre, die sein Licht hervorzaubert, vielleicht noch mehr aber für die Bilder, die er bei einem Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom malte. Tatsächlich gelang es ihm während einer ziemlich kurzen Zeit, zu einem ganz und gar eigenen Blick auf Rom zu finden; das »Grabmal« ist nur eines von mehreren, sehr beeindruckenden Bildern aus dieser Zeit. Und auch auf diesen Arbeiten feiert er das Mondlicht.

In ihrem Katalogbeitrag versucht Dahlmanns die Momente des magischen Realismus zu umkreisen und zu beschreiben. Ihr Verständnis des Stils erläutert die Autorin am Beispiel eines Bildes von Alexander Kanoldt und fasst zusammen, dass Kunstwerke dieser Art »nicht die Regeln der real erfahrbaren Welt« wiedergeben. Sie sind oft auf eine irritierende Weise ein ganz klein wenig falsch, zum Beispiel, weil die Perspektive unstimmig ist. Für den Besucher der Ausstellung ist es auffälliger, dass alle Bilder Schmidt-Rottluffs, besonders aber die aus Rom, am stärksten aus der Entfernung von einigen Metern wirken: dann sind gerade die Mondbilder mit ihren klaren, vom silbernen Licht herausgehobenen Strukturen geradezu erschütternd. Aber sie verlieren ein wenig dieser Magie, wenn man näher herantritt.

Der schöne Katalog bringt vier substantielle Aufsätze. Magdalena M. Moeller schreibt über die Sammelleidenschaft und -tätigkeit Schmidt-Rottluffs, Janina Dahlmanns konfrontiert den Magischen Realismus mit der Neuen Sachlichkeit, Christiane Remm interpretiert die Aufnahme und Wiedergabe der exotischen Schnitzwerke in den eigenen Arbeiten des Künstlers, und endlich informiert die Ethnologin Katharina Wilkens über »Masken und Skulpturen in afrikanischen Religionen«, also über ihre spirituelle wie rituelle Bedeutung und ihre soziologische Funktion. Dabei zeigt sie, wie fragwürdig es sein muss, die Masken isoliert zu sehen, also jenseits von Kostümen und dazu ohne tänzerische Bewegung: »Masken haben Rhythmus in den Füßen.« Das gilt aber nur für die afrikanischen Masken, nicht ihre europäischen Imitate, und die Gemälde Schmidt-Rottluffs, so gelungen sie künstlerisch sind, demonstrieren das Missverständnis, das in einer bloß ästhetischen Rezeption liegt. Trotzdem sind seine Bilder großartig und ist die Ausstellung unbedingt empfehlenswert.