Buchrezensionen, Rezensionen

Karl-Siegbert Rehberg / Hans-Werner Schmidt (Hrsg.): 60/40/20. Kunst in Leipzig seit 1949, E. A. Seemann Verlag 2009

"60/40/20" deutet auf Zeitabschnitte hin, in denen die heute weltbekannte Malerei aus Leipzig entstand - nach 1949 waren dies 40 Jahre der Kunstentwicklung in der DDR und 20 Jahre im wiedervereinigten Deutschland. Günter Baumann hat sich dieser interessanten Zeitspanne in der (ost)deutschen Kunst gewidmet.

Mit einigem Trommelwirbel wurde im November die Ausstellung »Der ehemalige Norden« in Ettlingen eröffnet mit Arbeiten aus der Meisterschule von Neo Rauch – der Meister war zugegen und schien allein durch seine Person die Arbeiten seiner Klasse zum illustrativen Beiwerk abzudrängen. Dass man das Etikett der »Leipziger Schule« derart emphatisch mit dem Namen Neo Rauchs verknüpft, ist sicher gut fürs Renommee der Absolventen, doch verkürzt es einen Begriff, der zum einen auf einer wechselhafte Geschichte seit 1949 basiert, und zum anderen nur bedingt als wirkliche Schule durchgeht. Wohlgemerkt: Die Rauch-Schule, die es zumal seit dem Rückzug des Professors aus dem akademischen Tagesgeschäft eingeschränkt geben mag, steht nicht für diese bislang jüngste Leipziger Schule, die eigentlich mit Arno Rink in Zusammenhang gebracht werden muss, dessen Meisterschüler und Assistent wiederum Neo Rauch war. Doch auch Rink, Vertreter einer früheren Leipziger Schule, ist nur Teil einer kaum begrifflich zu fassenden Malertradition, die man mit der Entstehung der Deutschen Demokratischen Republik beginnen und über den Verfall der DDR hinaus bis in die Gegenwart des vereinten Deutschland münden lässt. Die Ettlinger Ausstellung sollte Anlass sein, sich mit der modernen Kunst in Leipzig seit Mitte des 20. Jahrhunderts zu befassen. Kein Buch ist da besser geeignet als der Katalog, den Hans-Werner Schmidt und Karl-Siegbert Rehberg im E. A. Seemann Verlag herausgegeben haben anlässlich einer anderen Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig im Winter 2009/2010.

2009 blickte man auf die Staatsgründung beider deutscher Staaten mit ungewisser Zukunft (1949), die schmerzliche Zementierung des real existierenden, nicht mehr reformierbaren Sozialismus im Jahr nach dem Prager Frühling (1969) und den Mauerfall mit einem der hoffnungsvollsten Momenten in der jüngeren deutschen Geschichte (1989) zurück. Kurzum: »60 – 40 – 20«, so der Titel der Ausstellung und der dazu gehörigen Publikation, deren Untertitel »Kunst in Leipzig seit 1949« lautet. Diese Wegmarken, die zunächst so gar nichts mit der Kunst zu tun haben, machen die Hintergründe deutlich, die die Gesellschaft prägten, den Alltag und eben doch auch die Kunst. In Etappen formuliert präsentierte sie sich in der Pose des Sozialistischen Realismus, in der subversiven Unterwanderung oder in der selbstbewussten »Neuen Leipziger Schule«, die so neu nicht war, jederzeit auch anderswo als in Leipzig hätte entstehen können, und die nur auf eine Schule zurückverwies, deren Zusammenhalt allein in der Neigung zur figurativen Malerei bestand. Einzigartig, wenngleich nicht schulrelevant, war die Weitergabe der malerischen Tradition an die jüngere Generation, die unter anderen politischen Vorzeichen vergleichbare Lösungen fand. Man hat das als anregende Melange charakterisiert. Dem Herausgeberduo des Buches, Rehberg und Schmidt, ist es gelungen, eine gewaltige Zeitspanne mit unterschiedlichen Herrschaftsformen in verschiedenen Katalogteilen zu bündeln, ohne das komplexe Thema zu simplifizieren.

Diese Melange rührt auch der Katalog an: Das macht ihn zwar unübersichtlich, lässt den Leser aber auch lustvoll darin blättern. Eines ist klar: Die »Viererbande« Heisig, Mattheuer, Sitte und Tübke steht für die international beachtete DDR-Kunst, die als solche zu Ende ging, während die Künstler mehr oder weniger munter weiterarbeiteten. Andere Spuren kann man in ihrer Tragweite nur ahnen, wenn auch prächtige Beispiele über Exkurse vermittelt werden: die der Druckgrafik und der Fotografie, die interessantesten Einblicke in die Leipziger Kunst bieten. Die Hauptkapitel setzen, zugespitzt, Marken wie »Kunstort«, »Laboratorium« und »Kunstmodell«, sinnieren über »Kontinuität und Zäsur« und »Bildnerische Reflexionen«, runden mit einem Blick auf die Sammler und zehn »Ansichten« ab.

Dem Leser wird nicht wenig aufgebürdet; die historische Abfolge wird digressiv unterbrochen, und die Textmenge, an der so bedeutende Autoren wie Eduard Beaucamp und Uwe M. Schneede mitgearbeitet haben, ist gewaltig. Doch er wird aufs beste belohnt durch einen Bilderreigen bekannter – und auch weniger bekannter – Maler, Fotografen und Bildhauer. Als Wiederentdeckungen kann man die Arbeiten von Elisabeth Voigt oder die konstruktiv-abstrakte Seite von Arnd Schultheiß und andere mehr ansehen, ansonsten kann man eine Parade der zeitweilig in Leipzig ansässigen Künstler genießen (Maler wie der Leonberger Tim Eitel reisten weit für ihren Erfolg): Tilo Baumgärtel, F. O. Bernstein, Hartwig und Wolfram Ebersbach, Conrad Felixmüller, Sighard Gille, Bernhard Heisig, Martin Kobe, Wolfgang Mattheuer, Neo Rauch, Arno Rink, Volker Stelzmann, Werner Tübke, Andreas Wachter, Matthias Weischer – um nur einen Ausschnitt zu benennen. Namentlich Weischer und noch deutlicher Kobe zeigen mit ihren Innen- und Außenraumbezügen, dass eine figurativ betonte »Leipziger Schule« à la Rink oder Rauch nicht alles umfasst, was die Kunst in Leipzig zu bieten hat, und dass andrerseits gerade die jungen Künstler Themen verpflichtet sind, die man anderswo in der Republik ebenso findet. Dennoch hat diese Kunst das Zeug, eine deutsche Kunstgeschichte außerhalb der westlastigen Linien Beuys - Kiefer - Penck oder Immendorff - Lüpertz - Richter & Co. zu schreiben. Auch ein Jahr nach Erscheinen hat das Buch noch die Sprengkraft des Exorbitanten, das in Anlage und Spektrum konkurrenzlos und nach wie vor als Standardwerk zu einem Teilaspekt der gesamtdeutschen Kunst gültig ist.