Buchrezensionen

Katharina Weick-Joch: Kulturtransfer im Rom des 17. Jahrhunderts: Die Malerei der Bamboccianti, VDG Weimar 2015

Die sogenannten Bamboccianti, eine Gruppe niederländischer Künstler im Rom des 17. Jahrhunderts, haben bisher nicht allzu viel Aufmerksamkeit vonseiten der Kunstgeschichte erhalten, gelten ihre Werke doch von eher durchschnittlicher Qualität. Nichtsdestotrotz bieten sie ein interessantes Forschungsthema ab, wenn man nur die richtigen Fragen stellt. Genau das macht Katharina Weick-Joch in ihrer Dissertation, in der Robert Bauernfeind eine aufschlussreiche Lektüre gefunden hat.

Mit den Bamboccianti nimmt sich Katharina Weick-Joch in ihrer Dissertation eines besonders reizvollen Themas der niederländischen Barockmalerei an. Die Bamboccianti bildeten eine eigene Gruppe in der Geschichte der Schildersbent, jener niederländischen Künstlerenklave in Rom, deren Mitglieder abseits akademischer Normen die Antiken und die vorbildhafte Kunst der italienischen Renaissance studierten, aber überwiegend Landschaften und Genre behandelten und während ihres Aufenthalts im Süden nicht zuletzt durch eine ausgeprägte Festkultur auffielen. Die Bamboccianti, benannt nach Il Bamboccio, dem Bentnamen Pieter van Laers (1592-1642), spezialisierten sich auf eine Reihe von Genrethemen, die den römischen Alltag in niederländischem Stil darstellen. Diesen Alltag gestalteten sie derb: Neben den Zechgelagen der Künstler in römischen Tavernen bestimmen Marktszenen voll prallen Lebens, Scharlatanen und Zahnbrechern, Bettlern und Wegelagerern die Bilder, während doch gerade die italienische Kunsttheorie der Zeit die hehre Orientierung an antiken Idealen dozierte.

Weick-Jochs Interesse liegt in der Ikonografie der Gemälde. Aus dem Vergleich mit niederländischen und italienischen Bildlösungen, aber eben auch der Kunsttheorie beiderseits der Alpen versucht sie Momente eines Kulturtransfers zu bestimmen. Statt aber prominente Bamboccianti biografisch und in der künstlerischen Entwicklung zu verfolgen, entspinnt sich ihre Argumentation aus der Betrachtung markanter Themen und Motive, anhand derer einzelne Transfers rekonstruiert werden sollen. Auf die Einleitung mit einer gesonderten Einführung in aktuelle Transfertheorien der Geistes- und Sozialwissenschaften folgen acht Kapitel zu den Schwerpunkten der Bildinhalte in den Bambocciaden.

Die Einleitung umreißt die Entwicklung des Transfer-Diskurses seit den grundlegenden Texten von Michel Espagne und Michael Werner und versucht diese durch die Annäherung an Thomas DaCosta Kaufmanns Modell einer Kunstgeografie für die Kunstgeschichte des 17. Jahrhunderts spezifisch fruchtbar zu machen. Die Formulierung der Methode verzichtet dabei auf ein komplexes Modell des Kulturtransfers (vertikal/horizontal, Definition des Transfers in Strukturemen oder Kulturemen), das die anschließenden Untersuchungen womöglich noch klarer konturiert hätte, doch liegt die große Stärke der Arbeit ohnehin in der hohen Materialkenntnis und der Entwicklung der Argumentation aus der umsichtigen Beschreibung der zahlreichen Bildbeispiele.

Diese werden zunächst anhand von Szenen aus dem römischen Alltag vorgestellt, wobei das erste Kapitel zugleich einige bezeichnende Typen des Personals (»Tagediebe, Bettler, Gauner«) vorstellt. An den Genrethemen von Straßenszenen, Bauern- und Bentfesten sowie des römischen Karnevals arbeitet Weick-Joch heraus, inwiefern niederländische Traditionen auf die italienischen Alltagsbeobachtungen angewandt werden konnten und welche Adaptionen südalpiner Traditionen in den Gemälden nachweisbar sind. Einzelne Themen wie der Quacksalber werden dabei in ihrer Entwicklung historisiert und ihre Kritik durch die Kunsttheorie beiderseits der Alpen beleuchtet.

Diese kommt insbesondere im nächsten Kapitel zu tragen, das nach der Ausreizung des Decorum fragt. Das Thema ist umso brisanter gestellt, als es Weick-Joch anhand der Darstellungen der Aqua Acetosa diskutiert, einer im 17. Jahrhundert hochfrequentierten Quelle unweit von Rom, deren Wasser als besonders heiltätig galt; die Bamboccianti haben indes mit Vorliebe seinen abführenden Effekt an den Figuren in ihren Landschaftsbildern vorgeführt. In der Derbheit der Darstellungen erkennt die Autorin den Versuch, sich von den italienischen Kunstregeln zu distanzieren und auf die eigene, niederländische Tradition zu bestehen.

Zu einem paradoxen Befund führt hingegen die Untersuchung der Darstellung römischer Ruinen, die von den Bamboccianti zwar auch als Monumente künstlerischer Ideale studiert, überwiegend aber als alltägliches Beiwerk gezeigt werden. Ihr Verschleiß erfährt eine Zuspitzung in den Bildern römischer Kalköfen, denen antike Relikte als Rohstoffe einverleibt wurden. Indem die Bamboccianti diese Kalköfen zu Bildthemen erhoben, setzten sie einen eigenen Akzent in der topischen Darstellung antiker Ruinen als Vanitas-Motive; der niederländische Blick auf ein römisches Motiv wurde dabei konsequent »in ihre [niederländische] Art von Genremalerei« umgesetzt (S. 191).

In einigen Selbstporträts meint Weick-Joch Stellungnahmen zur Aufwertung der Malerei aus dem Bereich des Handwerks nach Alberti zu erkennen; hier wäre allerdings eine deutlichere Differenzierung wünschenswert gewesen, wieso die Bamboccianti einerseits eine autonome Künstlerexistenz feierten, sich andererseits aber auf die akademischen Ansprüche zeitgenössischer Emanzipationsbestrebungen der Malerei berufen sollten.

Ein eigenes Kapitel ist auch dem Thema des Spiels und vornehmlich Glücks- und Falschspielern gewidmet. Weick-Joch nutzt es zu einer formalen und inhaltlichen Differenzierung der Bambocciaden vom vermeintlichen Vorbild Caravaggio, untersucht es aber auch als mögliche Selbstreflexion der Malerei, da die Künstler in der Darstellung kartenspielender Müßiggänger Ansprüche an Bildinhalte bewusst unterminiert haben dürften.

Abschließend wird mit Eseln ein besonders präsentes Tiermotiv untersucht, das die Bamboccianti sowohl als realistisches, d.h. für Bauern und Krämer existentiell nötiges Nutztier, aber auch in diversen ikonografischen Traditionen als Symboltier für Torheit, Ausschweifung u.a. inszenierten. Damit ist zugleich noch ein Blick auf den von diesen Künstlern kaum bedienten Bereich sakraler Bildthemen eröffnet (zu deren seltsamsten Ausformungen Pieter van Laers Flagellanten zählen: Das Bild synthetisiert christliche Themen in einer wiederum typischen Schilderung des römischen Alltags).

Insgesamt gelingt mit der Arbeit ein kenntnisreicher Überblick über die Malerei der Bamboccianti. Dieser basiert zwar v.a. mit der grundlegenden Arbeit von David Levine (1984) sowie dem Katalog zur Bamboccianti-Ausstellung des Wallraf-Richartz-Museums (1991) auf profunden Vorarbeiten, untermauert und erweitert deren ikonografische Deutungen aber durch die umfangreiche Übersicht über die italienische und niederländische Kunsttheorie des 17. Jahrhunderts oft auf aufschlussreiche Weise. Diese ikonografische Herangehensweise, insbesondere die Diskussion um das satirische Spiel der Bamboccianti mit dem Decorum, zeigt die Reflexe auf, mit denen die nordalpinen Maler auf das Selbstbewusstsein der italienischen Künstler im 17. Jahrhundert reagierten. Die Frage nach kulturellen Transfers wird zudem hinsichtlich kompositorischer und thematischer Anverwandlungen sowie des Weiterführens eines römisch geprägten Motivrepertoires nach der Rückkehr in den Norden eindrucksvoll beantwortet.