Ausstellungsbesprechungen

Kippenberger Catwalk, Kunsthalle HGN, Duderstadt, bis 26. Januar 2014

Die Kunsthalle HGN zeigt einen der vielseitigsten deutschen Künstler der letzten Jahrzehnte: Martin Kippenberger (1953-1997) war Maler, Schauspieler, Autor, Musiker, Enfant terrible der Kunstszene, Meister der Selbstinszenierung und endlos Vieles mehr. Nach einer großen Retrospektive, die bis zum August dieses Jahres im Hamburger Bahnhof in Berlin gezeigt wurde, eröffnete nun in der Kunsthalle HGN im niedersächsischen Duderstadt die Schau »Kippenberger Catwalk«. Wir haben uns dort umgeschaut.

Im Zentrum der Ausstellung steht ein Frühwerk aus Kippenbergers Schaffen: eine Boden-Installation mit dem Titel »Kippenberger Catwalk«, die der Künstler 1976 für das Atelier der Berliner Modedesignerin Claudia Skoda schuf. Mehr als tausend Fotografien fügte Kippenberger zu einer Collage zusammen, um »eine Woche Intimleben der Familie Skoda« zu dokumentieren. Familie – das war ein Zusammenleben wie in einer Kommune aus Freunden. Die mit Kunstharz dauerhaft auf dem Boden der Fabriketage »Fabrikneu« fixierten Fotografien dienten damals als Laufsteg für Skodas Entwürfe. Im Laufe der Jahre geriet die Arbeit in Vergessenheit. Erst 2003 wurde sie bei der Sanierung des Gebäudes wiederentdeckt. Neben »Kippenberger Catwalk« sind in der Ausstellung knapp 40 weitere Arbeiten des Künstlers aus der Sammlung HGN und anderen deutschen Privatsammlungen zu besichtigen. Die überwiegende Mehrheit davon kleinere Fotografien. Den thematischen Schwerpunkt hat das Haus auf die frühen fotografischen Arbeiten des Künstlers gelegt – ein Aspekt, der bislang in Präsentationen seiner Werke kaum adressiert wurde. Überhaupt scheint es im Verhältnis von Kippenberger und Museen Aufholbedarf zu geben.

In diesem Jahr hätte der Künstler seinen 60. Geburtstag gefeiert. Als der Künstler 1997 gerade einmal 44-jährig verstarb, war er beileibe nicht so bekannt und von Museen anerkannt, wie dies heute der Fall ist. Gerade einmal zwei Museumsausstellungen sind in seiner Vita zu Lebzeiten zu verzeichnen. Was nicht zuletzt Kippenbergers oftmals schwierigem Charakter anzulasten ist. Der Künstler nahm auf die Schippe, was ihm als starre Konvention in den Weg kam, lebte den Bohemien im ausgehenden 20. Jahrhundert und inszenierte wortgewaltig seine Auftritte. Er experimentierte und erklärte Unkunst zur Kunst, provozierte und ironisierte, liebte politisch gänzlich inkorrekte Herrenwitze. Noch heute sind zahlreiche seiner Werke für handfeste Skandale gut. Vielen Kuratoren und Museumsdirektoren war er damit schlicht zu humoristisch, zu exzentrisch, zu fahrig in seiner Arbeitsweise, zu niedrig die Qualität seiner Werke. Ganz zu schweigen von einer schier endlosen Reihe von kleineren und größeren Skandalen, die er mit seinen Werken und seinen Auftritten provozierte – zu Lebzeiten schien Kippenberger schlicht zu viel Punk für ehrenwerte Häuser. Erst als er 2003 posthum gemeinsam mit Candida Höfer den deutschen Pavillon auf der 50. Biennale in Venedig bespielen durfte, als 2006 eine große Schau in der Londoner Tate Modern und 2009 im Museum of Modern Art in New York gezeigt wurde, änderte sich diese Haltung grundlegend. In diesem Jahr folgte schließlich die museale Ehrung auf heimischen Boden: im Hamburger Bahnhof wurden von Februar bis August in der Ausstellung »Sehr Gut/ Very Good« 300 seiner Werke gezeigt – darunter auch »Kippenberger Catwalk«. Jetzt, wo man sich nicht mehr an einer komplexen und oftmals kontroversen Persönlichkeit reiben muss, finden seine Werke aus Galerien und auf Auktionen reißenden und vor allem hoch-preisigen Absatz.

Auf spektakuläre und höchst provokante Arbeiten setzt die Duderstädter Schau nicht. Und doch sind die ausgewählten Fotografien typisch für Kippenberger– sie zeigen Momente voller Ironie und zugleich melancholischer Selbstbefragung, genialer Selbstüberschätzung und tiefer Unsicherheit. Dabei sind sie weitaus weniger verstörend und provokant als andere Werke, mit denen Kippenberger Berühmtheit erlangte. Glücklicherweise kommt die kleine Schau in Duderstadt ohne die ewige Überbetonung von Kippenbergers Trunk- und Drogensucht, die viel zu oft als Erklärung aller Dinge herhalten musste, aus. Dass er feiern konnte und wollte, ist dennoch allgegenwärtig. Verstellt den Blick auf die Werke aber nicht.

Eröffnet wurde die Ausstellung am 25. Oktober mit einer fulminanten Modenschau. Nach fast 40 Jahren schickte die Modeschöpferin Claudia Skoda erneut Models über den Laufsteg und präsentierte eine ganze Retrospektive ihrer Entwürfe – aus jedem Jahrzehnt eine Auswahl. Und wie schon zu „Kippis“ Zeiten war das kein einfaches Schaulaufen, sondern wieder einmal eine Performance, eine Tanz- und Kunstdarbietung. „Vatti macht Fottis“ sagt der Künstler einmal – Kippenberger macht Fotos. Die bislang viel zu wenig Beachtung fanden.