Rezensionen

Kirche, Kaisergrab und Kunstwerk - Der Dom zu Speyer von Martina Conrad, Quartino Verlag 2009

Ein Familienausflug: Wir fahren nach Speyer. Noch aus dem Geschichtsunterricht hat sich eine vage Erinnerung an den Dom und die Kaisergräber erhalten. Nun wollen wir uns das UNESCO-Weltkulturerbe endlich einmal anschauen. Aber natürlich hatte mal wieder niemand Zeit, sich auf die Fahrt vorzubereiten. Daher hinterlässt die Frage, warum der Kaiserdom eigentlich so berühmt ist, nur Schweigen im parallel zur malerischen Bergstraße auf Speyer zufahrenden Auto. Das ist die Stunde des Quartino-Hörbuchs „Kirche, Kaisergrab und Kunstwerk – Der Dom zu Speyer“, denn die Reportage von Martina Conrad bereitet nicht nur allgemein verständlich auf den Besuch vor, sondern verweist auch auf vieles, das dem touristischen Blick verborgen bleiben muss. Torsten Kohlbrei hat sich den Audioguide angehört.

Als Rahmenhandlung dient ein Sonntagsgottesdienst. Zu Beginn werden die Gläubigen mit Glockengeläut in den Dom gerufen. Ausschnitte fast geflüsterter Interviews mit einigen Messebesuchern legen den Grundton der Reportage fest.

Man nähert sich dem größten romanischen Bauwerk in Deutschland respektvoll und unterstreicht seine Präsenz im Bewusstsein der Bevölkerung. Die zahlreichen, ganz subjektiven Kommentare der Gäste werden mit Erläuterungen von Denkmalpflegern und Angestellten des Domkapitels verbunden. Außerdem liefern historische Einordnungen (u. a. Sprecher: Matthias Spranger) das Fundament zum Verständnis des um 1030 von dem salischen Kaiser Konrad II. begonnenen und 1061 geweihten Doms sowie der berühmten Gräber von salischen und staufischen Kaisern, Königen und Königinnen.

Die atmosphärisch dichte Darstellung erwähnt auch die Sünden der Restauration zwischen 1957-66, bei denen die Ausmalung des 19. Jahrhunderts weitgehend abgenommen wurde, ohne jedoch eine Wertung oder Einordnung in die denkmalpflegerische Diskussion vorzunehmen. So dient das zunächst für den Südwestrundfunk produzierte Hörbuch vor allem der Einstimmung.
In Speyer angekommen, belebt das Gehörte die nackten Mauern aus rotem und gelbem Sandstein der dreischiffigen und sechstürmigen Basilika. Im leeren Kirchenschiff kann man sich die Gläubigen aller Generationen vorstellen und während wir durch das Langhaus schreiten, lässt sich der harmonische Eindruck auf das – zuvor erläuterte – göttliche Maß des Grundrisses mit einer Länge von 444 sowie einer Höhe von 111 Römischen Fuß zurückführen.

Von den 56 Hörminuten bleibt auch Heinrich IV, der von Speyer 1076 zu seinem sprichwörtlichen „Gang nach Canossa“ aufbrach und später die Holzdecken des Doms durch ein Gewölbe ersetzen ließ, gegenwärtig. Anhand seiner Geschichte wird deutlich, dass das Gebäude immer auch ein Spielball ganz und gar irdischer Mächte war.

Weltliche Herrscher waren für die mehrmalige, völlige Plünderung des Doms verantwortlich, besonders die Schilderung der Zerstörungen im Pfälzischen Erbefolgekrieg 1689 und das anschließende zehnjährige Siedlungsverbot im gesamten Stadtgebiet setzt sich im Gedächtnis fest.
Die jüngere Geschichte ruft das Hörbuch in Erinnerung, wenn es über die lange Zeit friedliche Koexistenz von Juden und Christen in Speyer erzählt, die ganz selbstverständlich auf dieselben Bauleute bei der Errichtung ihrer Kirchen zurückgriffen.

So hilft die Reportage bei der Verwandlung vom passiven Touristen zum Gast mit individuellen Erlebnissen. Als „Guide“ vor Ort eignet sich „Kirche, Kaisergrab und Kunstwerk“ dagegen nur bedingt.
Die Schilderungen folgen keinem Rundgang und verlangen einen geduldigen, konzentrierten Zuhörer. Der allerdings hört gerne auch ein zweites Mal zu. Zum Beispiel zur Verarbeitung des Gesehenen auf der Autofahrt zurück in den Alltag.