Ausstellungsbesprechungen, Meldungen zum Kunstgeschehen

Klaus Bürgle – Zurück in die Zukunft. Technische Fantasien und Visionen, Schloss Filseck bei Göppingen, bis 25. April 2010

Der Grafiker Klaus Bürgle schuf in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine reichhaltige Bilderwelt der Zukunft. Die Erforschung des Weltraums war sicherlich sein Lieblingsthema, aber viele seiner Bilder zeigen auch futuristische Städte und Verkehrsmittel. Günter Baumann hat die "museale Weihung" seines Œuvres in Göppingen besucht.

Der Weg kann lang sein bis ins Museum, noch länger dauert es zuweilen, um auch ins Kunstmuseum zu kommen. Im Fall des Weltraumillusionisten und Autofantasten Klaus Bürgle führte der Weg über die Zeitschriften- und Buchillustration erst an die Schrankwände von Jugendzimmern, dann in technische bzw. Naturmuseen, und erst im fortgeschrittenen Alter hat es der Maler als Vertreter eines Retro-Futurismus geschafft, auch die Wände der Kunstmuseen zu schmücken. Als Besucher der Göppinger Schlossgalerie (Schloss Filseck) wird man womöglich sogar von Kindheitserinnerungen erfasst, die einen in Zeiten zurück-»beamen«, als Kunst noch gar kein engeres Thema war, wo mancher sich die Loeweschen und andere Jugendbücher reinzog, ohne zu realisieren, dass es ein Künstler war, der das Titelbild gemalt hatte, oder wo man im Stuttgarter Planetarium – um sich die Zeit in der Warteschlange zu vertreiben – die Weltraummotive betrachtete, die so gar nichts zu tun hatten mit der Kunst in der benachbarten Staatsgalerie.

Oft genug war Klaus Bürgle der Schöpfer dieser technik- wie zukunftverliebten Arbeiten. Geboren 1926 ebenda in Stuttgart, absolvierte er nach dem Kriegseinsatz eine Grafikerlehre und begann sein Kunststudium bei keinem Geringeren als Karl Rössing, aus dessen Schule so wichtige Künstler hervorgingen wie Robert Förch oder der zu früh verstorbene Günther Schöllkopf – bemisst man die Qualität des Lehrers an der Vielfalt der Schülerpositionen, dann war Rössing ein Genie. Dennoch blieb Bürgle die Anerkennung vom Musen-Olymp her lange versagt: Auftragskunst galt als verdächtig, und nachlässig ging man mit seinen Arbeiten um (so kam es schon vor, dass eine Illustration von ihm in der Redaktion verblieb, verschwand und nie mehr auftauchte). Das traf jedoch ganz und gar nicht auf den freien Markt zu. Da war Bürgle ein gefragter Mann: Die publikums- und quotenabhängigen Verlage und populärwissenschaftlichen Zeitschriften waren dankbare Abnehmer jener hochpräzisen Darstellungen von Raumschiffen, Flugzeugen und immer wieder Autos, die allesamt das 20. Jahrhundert zur bis dahin schnellsten Epoche seit Menschengedenken machten. Und der Weltraum faszinierte durch seine unendlichen Weiten, die Science fiction blühte. Kaum ein anderer Künstler dürfte mit ähnlich vielen Titelcovern in die Geschichte eingegangen sein.

Es war nicht ganz abwegig, gerade in Göppingen eine große Ausstellung für Bürgle auszurichten, wo er doch hier seit langem lebt. Dennoch ist es ein gewagter Schritt, ihm sozusagen die musealen Weihen zu geben, ausgerechnet in einer Zeit, wo die Weltraumblütenträume etliche Dämpfer abbekommen haben und die Computer andrerseits in der Lage sind, in Blitzesschnelle virtuelle Szenarien zu entwerfen, die zusammen mit einer ausgeklügelten Tricktechnik das Bemühen auf der Leinwand als obsolet erscheinen lassen. Aber vielleicht ist das genau der Kick, den diese Arbeiten vermitteln, indem sie der gigantischen, teilweise seelenlosen Unterhaltungsindustrie die Geduld des Malers entgegenhalten, der akribisch seine eigenen, persönlichen (Sur-)Realitäten schafft. Der Göppinger Kunsthalle kommt das Verdienst zu, einer illusionistischen Gebrauchskunst ein würdiges Ambiente gegeben zu haben.

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