Ausstellungsbesprechungen

Klaus Elle – Porträts, Kunstsammlung Jena, bis 17. August 2014

Dass sich das Porträt für ein stilles Selbstgespräch eignet, ist kein Geheimnis. Dass es auch zu einem Zwiegespräch genutzt werden kann, ebenfalls nicht. Was aber dabei herauskommen kann, das verwundert zuweilen. Insbesondere, wenn es um die Porträtaufnahmen des Hamburger Fotografen Klaus Elle geht. Rowena Fuß weiß mehr.

Die Darstellung der menschlichen Figur gehört zu den ältesten Motiven in der Geschichte der Malerei und Fotografie. Je nach Kontext hat das Porträt unterschiedliche Funktionen: Abbildung, Kultobjekt, Erinnerung oder Stellvertreter. Es versteht sich, dass ein Porträt eigentlich alles in einem ist. Aber dennoch gibt es immer eine Funktion, die hervorsteht. Wer bist du? Diese Frage gilt es zu klären. Und es gibt wohl keine andere Kunstgattung, die zu solch einem stummen Zwiegespräch zwischen Betrachter und Betrachtetem mehr Anstoß gibt als das Porträt. Darüber hinaus erzählt es uns noch etwas Anderes: etwas über die Verortung des Einzelnen in Raum und Zeit.

Klaus Elles Porträts sind eigenartig. Neben dem normalen Bildnis eines chinesischen Jungens im Teenageralter hängt die Aufnahme eines Mädchens mit braunen Zöpfen, deren Gesicht durch Übermalungen wie bandagiert wirkt. Sie lächelt leicht psychotisch. Noch unheimlicher ist das Porträt eines Mannes in Schwarz schräg gegenüber, denn es lässt an einen verkohlten Leichnam denken.

Seit mehr als 30 Jahren porträtiert der Fotograf sich selbst und andere. Chronologisch wird sein umfangreiches Werk in Jena präsentiert. Das Morbide und Merkwürdige zieht sich durch sämtliche Abbildungen. »Klaus Elle ist ein Erzähler«, erklärt Kurator Erik Stephan. »Seine Werke kennzeichnet die Suche nach dem hintergründigen Wesen des Selbst, aber auch eine Verortung des eigenen Ich. Seine Übermalungen sind dabei Geschichte in Schichtungen, die zu einer neuen Wirklichkeit führen«.

Die Menagerie ungewöhnlicher Köpfe zeigt Abgründe, die durch fröhliche Tusche- und Pastellfarben oder Fettkreiden schimmern. Elles Aufnahmen sind clownesk: an der Oberfläche eine Maske, die die eigene (oder fremde) Seelenlandschaft verdeckt. Nur der Gründlichste unter den Besuchern wird zu ihr vorstoßen.

Tatsächlich finden sich auch einige Clowndarstellungen unter den Exponaten. Gleich links von der Eingangstür. Zuerst hängt dort ein schwarz und weiß Bemalter, dann ein rot, blau, grün und gelb Übermalter und zum Schluss jemand – es ist Elle selbst – mit einer spitzen venezianischen Maske, ein Harlekin. Letzter grinst vergnügt und hält sich die Hand schräg vor den Mund – so, als wolle er uns etwas zurufen. Als Pseudonym steht der Harlekin für viele Künstler der ehemaligen DDR. Denn diese janusköpfige Figur ermöglichte es ihnen zu denken, was sie nicht sagten und auszusprechen, was sie nicht denken durften. Es ist ja alles nur Spaß. Klaus Elle, der 1954 in Leipzig geboren wurde und sowohl Malerei als auch Fotografie studierte, ist darin keine Ausnahme. Für Querdenker war im Volkskader kein Platz. Nach einem Ausstellungs- und Redeverbot durfte der Künstler 1988 ausreisen. Seine Suche nach der eigenen Identität, das Ringen um subjektive Wahrheit hat er 1997 in seinem Buch »Elle« verarbeitet, das in der Ausstellung ausliegt. Autobiografische Texte, theoretische Statements und Tagebuchnotizen flankieren einen Bildteil mit größeren Fotoprojekten, wie »Meine Sprache der Fotografie«, die Serie »Zivilisation«, die Mappe »Wirre Köpfe« sowie die Arbeiten »Erleuchtungen« und »Welt-Bilder«. Grundlegendes Thema seines Werks ist der vom Leben gequälte und gebeutelte Mensch, dem er in Bearbeitungen und Verformungen immer wieder nachspürt.

Uns bläst hier ein quasi »(existenz)philosophischer Nachhall« entgegen, wie sich Stephan ausdrückt. Dieser Wind mag in seinem Selbstporträt von 1994 auch dafür sorgen, dass sich ein ganzer Knäuel aus kreisrunden Gedanken nur ganz langsam aus Elles Haarschopf löst. Manch einem Besucher mögen sie zu Berge stehen. Grund dafür ist eine Gänsehaut, die das Betrachten der Aufnahmen auslöst.