Buchrezensionen, Rezensionen

Klaus Grewe: Meisterwerke antiker Technik, Zabern 2010

„Bei der neueren Betrachtung der römischen Aquädukte bezüglich ihrer Planung und Trassierung finden wir in den Bauwerken ein Maß an Fachkenntnis und Genialität, das alle bisherigen Einschätzungen übertrifft.“ So schreibt Klaus Grewe, seines Zeichens kein Mann, der nach Sensationen und Effekten hascht, sondern ein Experte der Vermessungstechnik, der sich am liebsten an die nüchternen Fakten hält. Grewes Fachgebiet ist die Erforschung antiker Wasser- und Straßenbauwerke, deren Konstruktion und Funktionsweise er seit über vierzig Jahren von Grund auf untersucht hat. Er verfasste bereits mehrere Fachpublikationen über den antiken Wasserleitungsbau und schrieb unter anderem einen Wanderführer über den Römerkanal-Weg in der Eifel. Ulrike Schuster hat sich für uns sein neuestes Buch angeschaut.

Klaus Grewe: Meisterwerke antiker Technik © Zabern 2010
Klaus Grewe: Meisterwerke antiker Technik © Zabern 2010

Ein praktischer Zugang zu den Bauwerken vor Ort ist im offenbar der liebste. Auch in seiner neuen Publikation gibt er gern Tipps und Hinweise bezüglich der Erreichbarkeit seiner Objekte – denn oftmals liefert die Begutachtung der heutigen Überreste den einzigen Anhaltspunkt auf die Umstände ihrer Entstehungsgeschichte. Die Standorte liegen über weite Teile der alten Welt verstreut und reichen von den Staudämmen im Reich der alten Hethiter, über die Wasserleitungen in Spanien und Frankreich, bis hin zu den Römerstraßen Nordenglands.

Die Kapitel des Buches sind wiederum thematisch nach den Aufgabengebieten der Ingenieurbauten gegliedert: in der ersten Hälfte beschäftigt sich der Autor mit der Kunst des Wasserbaus und berichtet über Staudämme, Wasserleitungen, Aquäduktbrücken sowie über erstaunliche Beispiele der frühen Nutzung von Wasserkraft. Danach widmet er sich der Konstruktion von Straßenbrücken und dem Straßenbau selbst, gefolgt von einem abschließenden Kapitel über den Tunnelbau.

Reich und anschaulich mit Bildmaterial unterlegt, erschließt Grewe dabei verblüffende Einblicke in das frühe Technikwissen. Die besondere Qualität seiner Texte liegt in der Verständlichkeit der Ausführungen, die den Stoff auch für Laien gut nachvollziehbar machen. Sachlich und auf das Wesentliche ausgerichtet, beschreibt der Autor die Arbeitsgänge der antiken Ingenieure aus der Perspektive des heutigen Vermessungstechnikers. Er spricht dabei ohne Umschweife genau jene Fragen an, die vermutlich jeden interessierten Menschen beim Anblick der imposanten antiken Anlagen bereits beschäftigt haben: Worin liegt das Geheimnis ihrer Funktion, und wie war es überhaupt möglich, solche bautechnischen Leistungen mit Hilfe der damaligen Mitteln zu erbringen?

In separaten Textkästen, benannt Lichtblicke, beschreibt Grewe die Funktionsweise der antiken Messgeräte: Etwa die Groma für die Absteckung des rechten Winkels und den Chorobat für die Höhenmessung. Es waren im Grunde genommen simple Gerätschaften, durch deren Anwendung dennoch unglaublich genaue Messresultate erzielt wurden. Indem die Ingenieure stets mehrere Messvorgänge mit geänderter Aufstellung der Instrumente durchführten, konnten sie gerätebedingte Fehler oder Ungenauigkeiten nahezu eliminieren. Die unkomplizierte Handhabung der Apparate erlaubte schließlich auch die Bedienung durch eingeschultes Hilfspersonal. Messtechniken wie das sogenannte Austafeln waren noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine gängige Methode der Gefälleabsteckung im Kanalbau.

Die herausragenden Leistungen der Antike werden deshalb nicht im Geringsten geschmälert, im Gegenteil. Je tiefer man in Grewes Ausführungen eindringt, umso mehr wird deutlich, mit welchen komplexen Problemen die römischen Ingenieure im unerschlossenen Gelände konfrontiert waren, und welches Maß an präziser Planung und Logistik notwendig war, um diese schwierigen Aufgaben lösen zu können.

Die Schöpfer und Konstrukteure der Ingenieurs-Meisterwerke sind zumeist anonym geblieben, mit wenigen Ausnahmen. Der Grabplatte eines gewissen Ammianos (2. Hälfte des 3. Jahrhunderts n.Chr.) verdanken wir die erste Getriebedarstellung der Welt. Bereits um die Mitte des 2. Jahrhunderts n.Chr. verewigte sich ein Tunnelbauer namens Nonius Datus auf einem Inschriftenstein; dieser stellt zugleich eine der wenigen Quellen dar, in der die Organisation einer antiken Baustelle geschildert wird.

Letzteres Detail ist um so bedeutender, da Überlieferungen zum technischen Hergang aus der Antike äußerst rar sind und deshalb nur mehr über den Weg der akribischen wissenschaftlichen Recherche rekonstruiert werden können. Womit sich der Kreis schließt: Indem Grewe das Erstaunliche in die prosaischen Worte des handwerklich Machbaren kleidet, lässt er die Leistungen der antiken Zivilisationen nur umso stupender erscheinen.