Ausstellungsbesprechungen

Klaus Heider zum 70. Geburtstag

Er gehört zu den vielseitigsten Künstlern im Stuttgarter Raum: Klaus Heider, der mit dem Licht so umzugehen vermag wie mit dem Zeichenstift, der die Fotografie und Plastik der Malerei gleichrangig zur Seite stellt. Der 1936 in Göppingen geborene Künstler pflegt einen konzentrierten Stil, der dieser Vielfalt in einer einzigartig gebündelten Wahrnehmung ein markantes Plätzchen im fiktiven Haus der Kunst einräumt. Wer es jedoch betreten will, muss sich darauf gefasst machen, Neuland zu betreten, das sich weniger mit der beklemmenden Enge dunkler Kammern zufrieden gibt, als es sich auf die lichterfüllte Weite faszinierender Gedankenräume einlässt. Um im Bild zu bleiben:

Ein Zimmer mit Aussicht, die allerdings weit entfern ist von irgendeiner Feld-Wald-und-Wiesen-Optik. »Vieles ist schwer zu sehen«, »Die Balancen des Wahren und Schönen« sind die Titel zweier Künstlerbücher, die Heider in den vergangenen Jahren schuf. Man ahnt, in welche Gefilde es geht.

 

Vieles ist schwer zu sehen – stellen wir uns vor, wir schauen nachts aus dem Fenster, blicken übers Meer zum Horizont, fixieren leere Landschafts- oder Spiel- beziehungsweise Sportfelder. Selten ist bei einem solchen Ausblick nichts zu sehen. Vielleicht verinnerlichen wir sogar das wenige, was wir vage wahrnehmen, bewusster als anderes, denn im Fall Heider stellt sich schnell ein räumlicher und zeitlicher Bezug her – und sei es als Geometrie von Projektionsräumen oder Nicht-Orten, das heißt von U-topien. Heiders Arbeiten haben das Zeug dazu, dass wir Betrachter gebannt davor stehen; die große Geste, die sich vor uns auftut, hat Größeres im Sinn: keine Nichtigkeit, sondern Erschaffung (um nicht zu sagen: Schöpfung), kein Alltagspanorama, sondern ein Bild von Gott und der Welt. Nichts Geringeres als das.

 

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Klaus Heider studierte zunächst Gebrauchsgrafik in Stuttgart, bevor er 1956 an der dortigen Akademie der Bildenden Künste aufgenommen wurde. 1960–64 setzte er sein Studium in Berlin fort; als Lehrer kehrte er 1970 an die Stuttgarter Akademie zurück. Die folgenden Stationen führten Heider nach New York, Rom (Villa Massimo, 1976), Florenz (Villa Romana, 1977) und Paris (Cité des Arts, 1978). 1983 ging der eben mit dem Rompreis der Villa Massimo gekürte Künstler als Professor für Malerei und Fotografie an die Hochschule für Gestaltung nach Pforzheim, wo er bis 2000 unterrichtete. Heute lebt Heider in Bad Boll und im italienischen Cima.

 

Heiders Arbeiten sind von jeher Raummarkierungen. In einer frühen collagierten Zeichnung von 1965 mit eben diesem Titel spuren Linien sparsam übers Papier, bogenförmige Striche treffen auf Geraden, die sich über einem in der Fläche zugespitzten Pfeil kreuzen, dessen Rot einerseits am oberen Bildrand mit einem dezenten gleichfarbigen Winkelhaken korrespondiert und andrerseits in ein Spannungsverhältnis mit zwei blauen, annähernd quadratischen Flächen in den unteren Bildecken tritt und dadurch seine Position im Vorder- wie im Mittelgrund behauptet. Nicht auszudenken, wenn die Zeichen auf diesem dreiviertel auf einen halben Meter messenden Blatt – ein zusätzliches zartes Unendlichkeitssymbol unterstreicht den räumlichen Kontext – im Millimeterbereich verrückt erscheinen würden: Das hochsensible Gefüge wäre aus dem Gleichgewicht. Der Raum, selbst in seiner bloßen Andeutung, bräche wohl in sich zusammen.

 

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Doch Halt! Vielleicht sieht der Kritiker zu viel ins Bild hinein. Aber wir müssen Heider schon ernst nehmen. Nirgends wird das deutlicher als in der Werkgruppe, die sich mit dem grandiosen Pantheon in Rom beschäftigt. Anfang der 80er Jahre setzte sich Heider in etlichen Fotoarbeiten mit dessen Lichtöffnung an der Kuppelspitze auseinander. Der Bau als solcher ist schon ein Meilenstein der Baugeschichte, doch diese einzige Lichtquelle im Zenit ist die entmaterialisierte Krönung – ein Nichts, das in die Unendlichkeit verweist. Und kaum einer hat diese Erfahrung besser inszeniert als Klaus Heider. Wo das kassettierte Halbrund der Innenwand überhaupt dargestellt ist, dient es als Gestalter des Lichts, und meist ist das Licht selbst die dramatische Figur im fulminanten Naturschauspiel: Die »Opaion«-Serie macht die Kreisöffnung zu ihrem Spielplatz. Raum und Zeit bedürfen kaum mehr für ihren Auftritt, wenn der Regisseur weiß was er will.

 

Dabei sind die Zeichnungen und Fotoarbeiten gar nicht so weit voneinander entfernt, wie es scheinen mag. In vermittelnden Werken setzt Heider Leuchtstoffröhren ein, die ihn als einen bedeutenden Lichtkünstler ausweisen. Erste Arbeiten in diesem Bereich entstanden vor über zwanzig Jahren. Damals spielte er mit Schrift, die sich leuchtend zu Wort meldete in Titeln wie »Nova« oder »Lichtjahr«; nahe verwandt sind die Zahlenbilder, die denselben Gehalt ins Binärsystem übersetzen (»01 unendlich 10«, »Gott digital«). Bis heute hat die Bedeutung des Lichts als Raumelement zugenommen: So hinterlegte er in einer seiner jüngsten Arbeiten (»Buco Nero«) eine kreisrunde lackierte Holzplatte mit einem Neonlicht, das im umgekehrten Verhältnis die »Opaion«-Bilder zitiert und zudem das kosmische Phänomen einer Sonnenfinsternis denkbar realistisch nachbildet, ganz abgesehen davon, dass auch hier mit geometrischen Konstellationen die Fragilität räumlicher Dimension abstrakt angedeutet ist.

 

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Die Leuchtstoffröhre setzt Klaus Heider auch als Linie ein, die ihren räumlichen Anspruch schon mitbringt. Als Bogen oder Kreisform segmentiert sie die Leinwand in der Fläche, als überlagernde Röhre auch in den Raum hinein. Die Qualität des Glaskörpers ist freilich eine andere wie die von Hand gezogene Bleistiftlinie. Aber gerade in der Differenz von nüchternem Neon und glattem Glas hier und unmittelbarer Spur der Handschrift dort liegen die zwei Extrempositionen der Welten, die Heider entwirft. Im Grenzbereich dazwischen kehrt der Bogen auch ohne Licht, aber exakt über den Malgrund gezogen oder in Stein geschnitten wider, wie das Licht auch mal als spielerische Luftzeichnung förmlich aus sich herausgeht und sich der Dynamik der Handschrift unterwirft. Spätestens hier spannt sich auch ein – diesmal gedanklicher – Bogen über die einzelnen Werkgruppen hinweg.

 

Ungebrochen ist die Schaffenskraft und der Erfindungsreichtum des heute 70jährigen Künstlers, der mit seinem Werk die Lichtkunst genauso berührt wie die Land Art, der als innovativer Zeichner und Maler genauso sicher agiert wie als Bildhauer. In allen Medien zeichnet sich Heider durch den Mut zur großen Geste aus – die ihren sichtbaren Gipfel im Symbol der Lichtpyramide als monumentales Äquivalent zum Unendlichkeitszeichen findet – , die dennoch frei von jeglichem unzeitigen Pathos ist.

 

Zur Ausstellung ist ein sehr liebevoll gestalteter Katalog erschienen, der über die ausgestellten Arbeiten hinaus einen guten Überblick auf das ganze Schaffen Klaus Heiders gibt.

 

 

Öffnungszeiten

Di–Fr 14–19, Sa 12–16 Uhr

 

 

 

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