Meldungen zum Kunstgeschehen

Klaus Langkafel – Malerei. (aus der Eröffnungsrede). Galerie Dorn, Stuttgart, 8. Mai – 25. Juli 2009

Im Mittelpunkt dieser Ausstellung steht ein Rundumblick auf das Werk Klaus Langkafels, der 1941 im rheinländischen Oberhausen geboren wurde, in Karlsruhe und Berlin studiert und 2001 den renommierten Erich-Heckel-Preis erhalten hat. Am 29. April 2007 ist er in Karlsruhe gestorben. Langkafels Werk wirft die Frage auf: Wie steht der Künstler zur Wirklichkeit? Und wenn diese Frage hier zwingend im Raum steht, wir fasziniert, gebannt vor die Bilder treten und nachfragen: Wie macht der das? Und wenn wir ketzerisch weiterfragen: Wieso tut der das, ein Motiv mühsam zu malen, wo der Fotoapparat dasselbe Thema in nullkommanichts aufnehmen kann? Doch da sind wir schon angesteckt, lassen den Blick schweifen und befinden uns staunend mitten drin in den Geheimgründen der Kunst, im Wie und Was der Wirklichkeit. Günter Baumanns Rede über den Stillleben-Maler, der sich dazu bekannte, "unzeitgemäß" zu sein.

Sind die Dinge, die wir hier dargestellt sehen, weniger wirklich? Ist nicht jede abstrakte Form letztlich so konkret fassbar, dass wir ihr eine erlebte Wirklichkeit zusprechen müssen? Anders betrachtet: Ist nicht auch alles abstrakt, was wir zum Greifen nah wähnen? Schließlich lässt sich noch fragen, wie realistisch eine Plastik sein kann, sein darf.

Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts Heerscharen von Künstlern aufbrachen, sich von der äußeren Wirklichkeit abzuwenden, schufen sie einen Konkurrenzdruck, der tatsächlich bis weit ins Jahrhundert hinein Gräben aufriss. Aber es konnte niemand vermeiden, dass sich mit den abstrakten Positionen sowohl bei den Befürwortern wie bei den Gegnern der Blick auf das Gegenständliche wandelte. Jedes figurative oder räumlich verortete Motiv war nur noch relativ wirklich. Die Auswahl der Dinge, die Komposition, gewählte oder unbewusst gefundene Ausschnitte ließen das Bewusstsein schärfen für die von jeher mitwirkende Subjektivität der Wahrnehmung. Ich sprach eingangs vom grandios-vielfältigen Programm. Was ich meinte, ist dies: Die Landschaftsauffassung bei Moddrow-Buck und bei Langkafel ist grundverschieden, und wenn ich dagegen behaupte, ein Langkafelscher Schinken und eine Schieferplastik von Ewers mit eingelassenem Speckstein sind verwandt, dann befinden wir uns auf einer Abstraktionsebene, die die Wirklichkeit in einen anderen Seinszustand befördert. Voilà, das ist eben die Kunst.

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Plinius überliefert uns eine Anekdote über den Maler Zeuxis, der ein Vorfahr der fotografischen Realisten gewesen sein muss. »Zeuxis malte im Wettstreit mit Parrhasius so naturgetreue Trauben, dass Vögel herbeiflogen, um an ihnen zu picken. Daraufhin stellte Parrhasius seinem Rivalen ein Gemälde vor, auf dem ein schleierartiger Vorhang zu sehen war. Als Zeuxis ungeduldig bat, diesen doch endlich beiseite zu schieben, um das sich vermeintlich dahinter befindliche Bild zu betrachten, hatte Parrhasius den Sieg sicher, da er es geschafft hatte, Zeuxis zu täuschen. Der Vorhang war nämlich gemalt.« (Plinius, Nat. Hist. XXXV, 64) In der Antike hatte die Illusionsmalerei eine gute Tradition, auch wenn die hübsche Anekdote wohl nur gut erfunden war. Doch ist es schon symptomatisch, von Plinius auch von dem Mosaizisten Sosos aus Pergamon zu lesen, der berühmt wurde für sein Bodenmosaik, das als »Ungefegter Boden« in die Geschichte einging: Überliefert durch römische Kopien, wissen wir, dass da allerhand Essensreste im Stil des Trompe- l’Œil, der Augentäuschung, ausgestreut scheinen – Tierknochen, Fischgräten, Schalen, Muscheln, Gemüse-, Obst- und andere Reste. Alles war so fein gearbeitet, dass man schon darauf reinfallen könnte, wenn da nicht auch ein Mäuschen sich über die Hinterlassenschaften eines fiktiven Gelages hermachen würde. Denn eines wird klar, diese Maus entlarvt das Bild als Bild, andernfalls wäre sie längst weg. Dazu gehört schon ein ironisches Talent, kurzum: Die Augentäuscherei ist auch ein offenes Spiel. Kein Wunder, dass sich diese Freude an der Dingwelt bis in unsere Zeit gehalten hat. Machen wir in Gedanken größere Sprünge ins späte Mittelalter, als die Van-Eyck-Brüder mit der eben erfundenen Ölmalerei Stoffe imitierten, dass sicher auch ein Parrhasius vor Neid erblasst wäre. Noch ein Sprung hin zu Deckengemälden des Spätrokoko, wo man sich zuweilen aus größerer Entfernung fragt, ob ein Bein oder Arm des Engels am Rand des Bildes nun gemalt ist oder ein plastisches Element.

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» Trompe- l’Œil « hieß eine Ausstellung in der Karlsruher Künstlerhaus-Galerie im Jahr 1986, bei der auch Karl Langkafel beteiligt war und im Begleittext als Experimentierfreak im Bereich stofflicher und kunststofflicher Oberflächen gefeiert wurde, und wie heißt es noch: unromantisch bis zum Geht-nicht-mehr. Das klingt etwas fatalistisch und lässt einen Zeitgeist mitschwingen, dem diese Malweise suspekt zu sein schien. Mit ein paar gleichgesinnten Kollegen entwarf er deshalb Mitte der 1980er-Jahre ein Manifest.

»Wir bekennen uns«, liest man da, »als die Unzeitgemäßen. Die Größe unseres Jahrhunderts wird uns zu groß für die Provinz Erde. Wir koppeln uns aus der Perfektion des Schneller, Besser, Schöner aus. Der Mensch ist uns unersetzlich. Wir hängen an seinem Bildnis und an seinem Tun.« Dann folgt das Bekenntnis: »Wir malen unzeitgemäß. Handwerk im ursprünglichen Sinn ist unsere Kunst. Die alten Meister verpflichten uns. Natur als Landschaft, Besinnung als Stilleben, der Mensch im Bildnis sind aktuell. Die Darstellung spiegelt Wunder und Wunden des Wirklichen.«

Wie und was ist Wirklichkeit? In der Kunst gibt es den Realismus, der den Bereich der sichtbaren Welt abdeckt, und es gibt den Sur-Realismus, der sich um das Nichtsichtbare der Wirklichkeit kümmert. Letztlich sind sie nur verschiedene Verhaltensweisen des Subjekts gegenüber einem Objekt. Die Fachwelt hat dafür eine Salve an Schlagwörtern parat: allegorischer, expressionistischer, kritischer, magischer, phantastischer, sozialistischer, veristischer Realismus, dazu kommen noch die Wiener Spielart des phantastischen Realismus oder die Leipziger Schule als Ableger eines zum allegorischen oder schematischen gewandelten sozialistischen oder nennen wir ihn gesellschaftsbezogenen Realismus. »Das simpelste Objekt ist phantastischer als alle Erfindung«, meinte Rudolf Wacker, ein Vorarlberger Vertreter der Neuen Sachlichkeit, 1934 – diese sogenannte Neue Sachlichkeit gehört auch noch in die Liste, eines ihrer Zentren war in den 1920er Jahren Karlsruhe, wo auch Klaus Langkafel seine Wahlheimat gefunden hatte. Und Wacker folgt seiner Obsession für das Objekt: »wir wollen es selbst sprechen lassen und uns hinter ihm verbergen. Die Sprache der Dinge ist lauter als die der Menschen. Lassen wir einmal getrost unser ›Seelchen‹ schweigen, es hat Raum genug in der lebendigen Struktur eines jeden Dinges.«

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Klaus Langkafel war ein Stilllebenmaler mit Leib und Seele. Die Neigung muss aus ihm selbst gekommen sein, denn weder sein Lehrer an der Karlsruher Hochschule für Bildende Künste, Walter Herzger, noch sein Lehrer an der Kunsthochschule Düsseldorf – es war kein Geringerer als Joseph Beuys – haben ihm den Weg in die Illusionsmalerei gewiesen. Er suchte sie lieber bei den alten Niederländern, die die Lust an Vanitassymbolen, das heißt an den Zeichen der Vergänglichkeit, mit der eitlen Freude über die formvollendete Illusion vermischten. Sie erinnern sich vielleicht an manche dieser Gemälde: Zitronen, die nicht nur das saure Leben symbolisieren, sondern auch so raffiniert geschält dargestellt sind, dass die Betrachter in Verzückung gerieten; Sanduhren, die uns an das Ende der Welt erinnern und das Rieseln des Sandes nahezu sichtbar machen; die komplette Flora, die mahnt, dass alles verblüht und zugleich die satte, farbenprächtige Vielfalt der Natur vor uns aufblättert.

Die ausgefeilte Symbolsprache ist den modernen Menschen verloren gegangen, weshalb Langkafel auch andere Wege einschlug. Im Unterschied zu den holländischen Stillleben, die mit üppigem Brokat, mit prachtvollen Pokalen und mit kunsthandwerklichen Artefakten protzen und prahlen konnten, suchte Langkafel einfache Dinge, die letztlich ja dasselbe Schicksal haben. Genau beobachtet und überscharf gezeichnet, täuscht er Dauer und – wie er schrieb – einen »kargen Reichtum« vor, die dem Menschen nie und nimmer gegeben sind: »Das Vergängliche ist ein Gleichnis menschlichen Lebens.« Leider nicht das Unvergängliche, das jedoch – und das ist der Clou der Illusionsmalerei – in der Momentaufnahme verewigt wird. Die Vanitas-Gewissheit, die unser Leben bestimmt, wird in der Kunst zur Hoffnung auf Dauerhaftigkeit gewandelt. Ein Paradox: Was im Stillleben die nature morte, die tote Natur, betrifft, ist zugleich Garant für eine Parallelwelt neben der eigentlichen Wirklichkeit.

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Klaus Langkafel fasste es so zusammen: »Im Malerischen werden die Gegenstände aus ihrer vertauten Sphäre herausgehoben. Solche Entfernung und Vereinzelung bedingt eine gewisse Idealisierung, zuweilen sogar eine surreale Sicht der Dinge. Provoziert wird diese auch durch die Lust am Virtuosen, der ich in der Trompe- l’Œil -Malerei nachgehe. Sie erreicht ihren Höhepunkt, wenn man das Bild im Bild aus diesem herausnehmen möchte.« So ertappen wir uns bei dem Gedanken, eine halb verdeckte Postkarte vorziehen zu wollen, die Nadel abzuziehen, um die Karte in die Hand zu nehmen, das meist landschaftliche Motiv genau anzusehen oder um womöglich unsere Neugier am allzu Privaten andrer Menschen zu befriedigen – man glaubt den Rückseitentext gedanklich zu spüren. Oder stört uns die Zigarettenkippe hier, der angenagte Apfel dort, derer wir uns gern entledigen wollen, um das Motiv sozusagen bereinigt zu genießen – wie übrigens auch den allgegenwärtigen Schinken, der durchaus Appetit zu machen versteht. Aber prompt sind wir reingefallen wie Zeuxis, der den Vorhang zur Seite gezogen wünschte. Auch der Schmetterling oder die Fliege wären kaum noch da, wie das Mäuschen auf dem Bodenmosaik, wenn alles echt gewesen wäre.

Der französische Schriftsteller und Kunstkritiker André Malraux war überzeugt davon, dass »jede Kunst mit dem Kampf gegen das Chaos beginnt«, unabhängig von jeglichem Individualismus, der allerdings den Blick auf die Wirklichkeit beeinflusst. »Als Kunst«, so Malraux, »ist jeder Realismus eine Berichtigung«. So handgreiflich und echt uns die Motive bei Klaus Langkafel vorkommen, müssen wir zugeben, dass wir nicht wirklich so sehen: Biologisch gesehen, fokussieren wir für gewöhnlich einen Gegenstand, quasi einen Bildausschnitt, um den herum sich Unschärfen bilden, was wichtig ist, um überhaupt Einzelheiten begreifen zu können – beim Gehör funktioniert das genauso, und wie mir berichtet wurde, ist es höchst unangenehm und schwierig, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen, weil das alle Geräusche gleichwertig übermittelt. Im Gehirn wird dann ein Gesamtbild erstellt, das Lücken selbständig auffüllt, je nachdem, was da alles an Bildpartikel – nicht zu vergessen Geräusche, Gerüche usw. –  im Kopf herumgeistert. Nehmen wir hier in der Ausstellung beispielsweise die Stillleben Langkafels im Vergleich zu den Landschaften Annemarie Moddrow-Bucks und die Personenbilder von Johanna Winkelgrund ins Visier, fallen nicht nur die unterschiedlichen Genres auf – Landschaften präsentiert Langkafel auch auf Postkarten, und Johanna Winkelgrund, die bei Arno Rink und Rolf Kuhrt studierte und somit der figurativen Leipziger Schule angehört, verweist auch konkret auf die Dingwelt. Bei unterschiedlichen emotionalen Niveaus, divergierenden Abstraktionsstufen sowie verschiedenen Vorstellungen, wie die Wirklichkeit in die künstlerische Parallelwelt übertragen werden könnte, erkennen wir die reale Welt, die dahinter steht – einmal mit dem nüchtern-sezierenden, einmal mit dem impressionistisch-lichtgierigen und einmal mit einem eher existenzialistisch-skeptischen Blick. (...)