Ausstellungsbesprechungen

Kontroverse und Kompromiss: Der Pfeilerbildzyklus des Mariendoms und die Kultur der Bikonfessionalität im Erfurt des 16. Jahrhunderts, Angermuseum Erfurt, bis 20. September 2015

Die aktuelle Ausstellung im Angermuseum Erfurt widmet sich im Cranachjahr – nein, keinem Cranach! Sie stellt vielmehr die Pfeilerbilder des Mariendoms in den Mittelpunkt, die eindrucksvoll demonstrieren, welche Auswirkungen die Reformation auf Kunst und Kunsthandwerk hatte. Luise Schendel findet's gut.

Gotha, Eisenach, Weimar – Thüringen und Mitteldeutschland sind im Cranach-Fieber. Wer es sich als Museum leisten kann und will, zeigt zahllose Facetten der berühmten Maler- und Grafikerwerkstatt, die zwischen Mittelalter und Neuzeit eine entscheidende Position in der europäischen, vor allem aber der deutschen Kunstgeschichte einnimmt. Wie schon im Van-de-Velde-Jahr und dem Shakespeare-Jahr zuvor wird der Besucher darum mit einer Fülle an Überblicksschauen konfrontiert, die mal mehr, mal weniger gelungen, dafür aber zur Feier des 500. Geburtstages Lucas Cranachs des Jüngeren außerordentlich gut bezuschusst sind.

Nun schickt sich auch Erfurt an, mit seinem Angermuseum, dem Dom St. Marien und der Kaufmannskirche St. Gregor ordentlich im Jubiläums-Jahr mitzumischen. Der kleine Abstand zu den Eröffnungen der Großschauen im Thüringer Umfeld scheint dazu beinahe optimal gewählt. In der Jahresmitte fällt der direkte Vergleich mit anderen, vor allem aber größeren Kulturinstitutionen in der Nachbarschaft nicht allzu schwer ins Gewicht. Doch noch einmal den Thüringer Cranach zeigen und die Komplexität seines Werkschaffens in der Provinz feiern? »Das überlassen wir anderen«, schmunzelt Kai-Uwe Schierz, wohl wissend um den Überdruss, den ein zu oft und bei weitem zu pompös erzähltes Thema auslöst. Der Direktor der Erfurter Kunstmuseen verfolgt eine ganz eigene Taktik, um gleichsam Kunstgenuss und Wissensdurst in der Sonderausstellung »Kontroverse und Kompromiss« zu befriedigen.

Bis zum 20. September widmen sich die Erfurter Kunst- und Kirchenhistoriker einem vollkommen neuen, einem religions-kontextuellen Ausstellungsansatz, der von seiner reizenden optischen Aufarbeitung mit 80, zum Teil nie oder selten gezeigten Kunst(hand-)werken lebt. Hier gesellen sich Prachtkelche neben exquisite Tafelmalereien und Dürer-Grafiken neben eine aufwendig gearbeitete und wertvolle Monstranz aus den Schatzkammern des Doms, die alles in allem nur wenig Cranach, dafür aber umso mehr Erfurt zeigen.

Tatsächlich steht die Geschichte der Thüringischen Landeshauptstadt im Mittelpunkt der erstaunlichen Kunstbetrachtungen, die zuvor unter Kurator Professor Eckhard Leuschner in einer Tagung an der Erfurter Universität erstmals umfangreich aufgearbeitet wurden. Kaum jemandem sei bewusst, dass die Stadt im 16. Jahrhundert eine der ersten war, die sich nach Martin Luthers kirchenreformatorischen Schriften als bikonfessionell begriffen, erklärt Schierz. Am Besten zeige sich dies in der Gegenüberstellung von Kaufmannskirche und Mariendom. So sei in der Chorausstattung St. Gregors mit der Kanzel, dem Taufbecken und den berühmten, theatralisch in den Altarraum hineingearbeiteten Figuren des Friedemann-Altarretabels aus den Jahren 1598-1625 »ein lupenreines protestantisches Gegenstück« zu einer bislang in der Forschung weitgehend übersehenen achtteiligen Pfeilerbild-Serie des Doms aus den Jahren zwischen 1506 und 1590 gegeben, so Schierz. Dass es sich bei den aufgrund ihrer gebauchten Form so benannten Tafelmalereien um ein Alleinstellungsmerkmal Erfurts handelt, ist kaum bekannt. Dabei verführt bereits die fabelhafte künstlerische Qualität der Objekte zum längeren Verweilen.

Mit zartem Pinsel wurde nahezu das gesamte Farbspektrum pointiert auf den dunklen Grund gesetzt. In der Bildtiefe entspinnen sich zahlreiche Details, während winzige Lichtpunkte das Inkarnat zum erstrahlen bringen. Während die noch ansatzweise vereinheitlichten Gesichter, die Haare und Kleidung der Dargestellten weich und dicht die Bedeutungsperspektive der Darstellungen hervorheben, die Heiligen in ihrer plastischen Größe also deutlich überlegen gegenüber den übrigen Menschen zeigen, verraten die Bildkompositionen, Sujets und Inschriften viel über den Zweck der Tafeln. Denn nicht selten treten die Stifter der kostspieligen Kunstwerke demutsvoll auf den Pfeilerbildern in Erscheinung. Es sind fromme Erfurter Katholiken, meist Mitglieder des Chorherrenstifts St. Marien und Professoren der Erfurter Universität, die in der Wahl der Themen wie der Himmelfahrt, der Marienkrönung und der Gregorsmesse ein Glaubensbekenntnis liefern.

Doch die Tafeln liefern noch mehr Anhaltspunkte, die als Schlüssel zum Verständnis Erfurts in der Reformationszeit beitragen sollen; drei bedeutende kunsthistorische Stiltendenzen prallen in ihnen aufeinander. So verweisen einige Merkmale auf die sächsische Cranach-Werkstatt, auf das Umfeld Albrecht Dürers in Franken und der namentlich genannte Maler Peter von Mainz auf das Mittelrhein-Gebiet – die wichtigsten politisch-geographischen Bezüge Erfurts um 1600. Damit wird schnell klar, dass die Hauptprotagonisten der neuen Erfurter Ausstellungs-Dreifaltigkeit nicht im Angermuseum zu finden sind. Das versteht Kai-Uwe Schierz dann doch eher als Schau-Ergänzung zur kirchlichen Präsentation der wichtigsten Kunstwerke. Dennoch ist dem Museumsmann hier eine bezaubernde, erstaunliche Zusammenstellung mit bedeutenden Vergleichsstücken und Erläuterungen zu den konfessionell verschiedenen Bildauffassungen geglückt, die so noch nicht zu sehen war.

Und dann, ganz am Rande der Ausstellung, geht es schließlich doch noch einmal um Lucas Cranach: Aus dem Depot des Angermuseums steuert Schierz zwei Werkstatt-Bilder zur Schau bei – Darstellungen der Heiligen Barbara und der Kindersegnung. Und natürlich, es war eigentlich nicht anders zu erwarten, treffen auch hier katholische und evangelische Bildfindungen aufeinander. Das ist er also, der erfrischend zurückhaltende Cranach-Beitrag Erfurts, der sich nicht mit den großen Nachbarn messen will, aber es durchaus kann. Chapeau, Herr Schierz.