Buchrezensionen

Kräftner, Johann (Hrsg.): The Badminton Cabinet, Prestel-Verlag, München u. a. 2008.

Es gibt viele Gründe, immer wieder nach Wien zu fahren. Unendlich viele. Aber auch ohne Hofburg-Appartements, ohne Brueghels Monatszyklus im KHM, ohne Reichsinsignien und Lipizzanerhengste, auch ohne Belvedere und Schuberts Geburtswohnküche oder die Berggasse 19, – allein wegen des Liechtenstein Museums lohnte es sich schon.

1687 erwarb Fürst Johann Adam Andreas von Liechtenstein einen Garten mit ausgedehnten Wiesen in der Roßau, dem heutigen Alsergrund. Dort ließ er in den Folgejahren einen »Palazzo in villa« errichten. Hinter dem Namen »Badminton Kabinett« verbirgt sich nicht etwa ein kleines Gemach dieses mächtigen städtischen Landhauses, in welchem die fürstliche Familie diskret dem seinerzeit durchaus geschätzten Federballspiel frönte; nein, damit ist nicht mehr und nicht weniger gemeint als das bedeutendste Werk dekorativer Kunst, das in den letzten 300 Jahren in Auftrag gegeben wurde.

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Und seit dem 9. Dezember 2004 wissen wir es genau: die Bezeichnung meint auch das teuerste Möbelstück der Welt. Denn im Auftrag von Prinz Adam II. von Liechtenstein erwarb damals der Direktor der vielleicht hochkarätigsten Privatsammlung der Welt, Johann Kräftner, für sage und schreibe 27 463 250 Millionen Euro im Londoner Auktionshaus Christie’s diesen einzigartigen Barockschrank (– das sind mehr als die 30 Mio. Dollar für den Leonardo-Codex).

Tim Knox, Kunsthistoriker und Head Curator des National Trust, beschäftigt sich dann mit dem Aufraggeber und der Herstellungsgeschichte: Nur wenige Tage war der seinerzeit gerade 19-jährige Herzog Henry Somerset, der dritte Herzog von Beaufort, nach Abschluss seines Studium am University College in Oxford im Frühling des Jahres 1726 auf einer »Grand Tour« durch Frankreich, Savoyen und Italien in Florenz. Dort gab er das barocke Möbel für sein Landschloss Badminton in der Grafschaft Gloucestershire in Auftrag. Von Livorno aus wurde der Schrank dann nach England geschifft, wo er bis zum Jahre 1990 in Familienbesitz verblieb.

 

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Alvar González-Palacios stellt schließlich den 1720 bis 1732 von etwa 30 Meistern angefertigten Prunkschrank vor. Leider fehlt hier aber jede systematische Beschreibung des Aufbaus und der vielfältigen Einzelheiten: Knapp vier Meter hoch, mehr als zwei Meter breit, besteht er aus einer ansprechenden Kombination unterschiedlicher Gewerke. Der massige Fassadenblock steht auf acht Füßen in Form umgekehrter Obelisken und ist mittels Lapislazuli-Pilastern, die ihrerseits in rote Marmorbänder eingelassen sind, in drei vertikale und drei horizontale Zonen gegliedert. Dabei wird die Mittelzone formal akzentuiert. Der Kontrast aus schwarzem Ebenholzgrund und den feuervergoldeten Applikaturen wie den, die Geschosse betonenden Goldgirlanden ist die ideale Grundlage, auf der sich die farblichen Steinschnittarbeiten leuchtend abheben können. Allein die Frontseite weist elf solcher Blumengestecke auf, in denen sich jeweils ein Vogel niederlässt, der anmutig seine Flügel spreizt. Atemberaubend fein sind diese Stillleben aus Lapislazuli, roten und grünen sizilianischen Jaspis, Amethyst und unterschiedlichen Quarzen wie Puzzleteile zusammengefügt: rote Kirschen aus Karneol, rosa Tulpenblüten aus Aprikosen-Achat, blaue aus Lapislazuli, feine Holzzweige und Stiele aus Leoparden-Jaspis, Früchte aus Streifen-Achaten oder Zitronen-Chrysopras, grüne Blätter aus Malachit oder gestreiftem Marmor.
 

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Besonders wichtig ist es dabei gewesen, Steinmaserungen und -abtönungen in dunklere, farblich intensivere Valeurs zu nutzen, um räumliche Tiefe und die Abschattierung von Früchten oder Blüten zu suggerieren. Neben den nur für den Großherzog der Toskana arbeitenden Handwerkern haben die Bildhauer Baccio Cappelli sowie Girolamo Ticciati den Giebel des Prachtmöbels mit vier Jahreszeitenfigürchen aus vergoldeter Bronze, einer Uhr und einem Wappen gekrönt, das von einem Panther und einem Greif in Levadehaltung präsentiert wird.


Die »commessi in pietra dura« besitzen gerade in Italien eine lückenlose Kontinuität, wobei bei den Römern die Grenze zwischen Mosaiken und den mit höchster Akribie zugeschnittenen und möglichst fugenlos eingepassten Edelsteinen fließend ist.

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Interessant wäre es gewesen, die Verbindungen nachzuzeichnen, die sich, etwa über die Wandverkleidungen von Kirchen zur arabischen Welt, nachweisen lassen. Mit Sicherheit gibt es manche Verknüpfung zwischen den Steinschnittpavimenten der Cosmaten und syrisch-persischer Verzierungskunst (vermittelt vermutlich über Konstantinopel oder Venedig).

 

Höhepunkt der pietra dura-Kunst sind ohne Zweifel die Werkstätten in Rom und besonders in Florenz. Jedem Besucher der Arno-Stadt begegnen sie in den Fußböden aus rotem und grünen Porphyren im Palzzo Medici-Riccardi oder in der Grabkapelle in der Hauskirche San Lorenzo. Inkrustationen gehören ja auch in der gesamten Toskana seit der Romanik zur Fassadengestaltung (etwa die feine Marmorgestaltung an Santa Maria Novella oder die absolut aus einem Guss gefertigte Pietro-Lombardo-Kirche Santa Maria dei Miracoli in Venedig). Die eigentliche Blütezeit ist dann aber das Cinquecento. Es entspricht ja auch ganz dem Geist des Manierismus, aus ohnehin strahlenden Halb- und Edelsteinen, die sich denkbar sperrig bearbeiten lassen, grazile Formen von Blumen, Schmetterlingen und Vogelgefieder erstehen zu lassen. Das Meravigliose und die Liebe zum Preziösen, die Tendenz zum Extraordinären, zu antinaturalistischer Gesuchtheit macht ja einen Grundton der manieristischen Epoche aus. Verfremdende Materialverwendung und das Prinzip der Collagierung sind bekanntlich auch bei Arcimboldo Ausdruck einer antinaturalistischen Ästhetik.

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Zwischen der großherzoglichen Werkstatt in Florenz und der kaiserlichen Werkstatt Rudolphs II. in Prag wanderte denn auch manches hin und her. Es begann damit, dass Goldschmiede aus Florenz an die Moldau abgeworben wurden. Prachtstücke, die dort hergestellt wurden, wie der 35-pfündige Kristall, aus dem in Prag der so genannte »Maienkrug« 1639 gearbeitet wurde, bereichern heute auch die Sammlung des Fürstenhauses in Wien-Vaduz.

 

Die Bilder des Buches lassen keine Wünsche übrig. Aber das Wesentliche, die Betrachtung des eigentlichen Möbelstücks, bleibt insbesondere im letzten Beitrag hinter den Erwartungen zurück. Das ist umso verwunderlicher, als der italienische Kunsthistoriker Alvar González-Palacios als ein ausgewiesener Kenner europäischer Möbelkunst gilt. Stattdessen geht er, ohne dass es zwingend gewesen wäre, am Schluss mit ziemlich nichts sagenden Ausführungen auf ein anderes Mitbringsel des jungen Herzogs ein: den berühmten Alberoni-Sarkophag, einem römischen Hauptwerk aus der Zeit des Kaisers Septimus Severus, das 1955 vom Metropolitan Museum in New York erworben wurde.

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