Ausstellungsbesprechungen

Krieg der Geister. Weimar als Symbolort deutscher Kultur vor und nach 1914, Neues Museum Weimar, bis 9. November 2014

Die Weimarer Schau öffnet die Tür in die Vergangenheit und wirft einen Blick zurück auf die Jahre um den Ersten Weltkrieg. Acht Größen der Zeit und rund 500 Exponate reflektieren die aufgeputschte Stimmung damals in der Residenzstadt, die zum Symbolort deutscher Nationalkultur avancierte. Rowena Fuß berichtet.

Auf der Litfaßsäule in der ersten Etage steht es angeschlagen: »DESTROY THIS MAD BRUT – ENLIST«. Zu sehen ist ein Gorilla mit preußischer Pickelhaube, Schnurrbart und blutiger Kultur-Keule in der rechten sowie einer holden Schönheit in der linken Hand, der gerade amerikanischen Boden betritt. Den Hintergrund bilden die Ruinen der Kathedrale von Reims. Die Beschießung der französischen Stadt und ihrer Kathedrale als wichtigstes Kulturgut am 20. September 1914 durch deutsche Truppen beschädigte das Bild Deutschlands als Kulturnation nachhaltig. Es lieferte die Motivik für die Propaganda auf zahllosen Plakaten, die die Deutschen – wie hier – als Barbaren, Hunnen, Tiere und Monster zeigen, die plündern, vergewaltigen, verstümmeln und morden.

Der deutsche Übermensch präsentiert sich in diesem Ereignis von seiner dunkelsten Seite. Was hier gezeigt wird, ist das Ergebnis einer geistigen Mobilmachung sondergleichen. Weimar als »Hort deutscher Kultur« nahm dabei eine bedeutende Stellung ein. Denn hier wirkten die Nationaldichter Goethe und Schiller, hier verbrachte der Übermensch-Philosoph Nietzsche seinen Lebensabend.

450 Exponate, darunter Büsten, Fotografien, Bücher und Plakate, verweisen in 16 Sektionen darauf, dass Geschichte und Verlauf des Ersten Weltkriegs von Anfang an mit der Neubelebung politischer und kultureller Mythen verbunden war. Sie sollten die deutsche Berechtigung zum Krieg herleiten und rechtfertigen. Im Zentrum des Ganzen stand Weimar. Insgesamt acht Größen der Zeit verbinden das Jetzt mit dem Gestern und führen durch die Ausstellung. Es sind der Publizist Adolf Bartels, der Verleger Eugen Diederichs, der Naturforscher Erich Haeckel, die Philosophenschwester Elisabeth Förster-Nietzsche, der Kulturvermittler und Museumsdirektor Harry Graf Kessler, der Philosoph Rudolf Eucken, die Frauenrechtlerin Selma von Lengefeld und Großherzog Wilhelm Ernst. Sie stehen für unterschiedlichste Weltanschauungen und begleiten die nationalistische Überhöhung des »Ilm-Athens«.

Sie sind in Kojen in der unteren Längsgalerie des Museums untergebracht. In einer solchen beschwört auch die Fotografie der überlebensgroßen Denkmäler von Luther, Schiller und Bismarck im Donndorf-Museum nicht nur die jeweilige singuläre Größe der Dargestellten, sondern stellen auch eine Verbindung von Religion, Geist und Macht her. Befürworter einer deutschen Vormachtstellung war auch Rudolf Eucken. Er schrieb über die Würdigung des idealistischen Philosophen Fichte 1913, dass dieser der Nation ihren wahren Charakter gezeigt und klargemacht habe, »dass das deutsche Volk dem Ganzen der Menschheit unentbehrlich sei«. Der sozialdemokratische Politiker Wilhelm Widmann führte 1915 den nationalen Gedanken auf Schiller zurück, indem er dessen Bedeutung als »Volksredner und Führer, als Dichter und Prophet« unterstrich. Die Begeisterung für den Krieg fand auch ihren Niederschlag in tausenden Gedichten, die früh in Anthologien mit Titeln wie »Der heilige Krieg. Gedichte aus dem Beginn des Kampfs« eingingen, das im Eugen Diederichs Verlag publiziert wurde.

Kultur-Krieg und Zerstörung: Es sind schon Monströsitäten, die sich hier begegnen. Doch war es letztlich der grausame Alltag in den Schützengräben, der die ideologische Überhöhung zügelte und die Menschen wieder zur Vernunft brachte. Der Schüler der Weimarer Kunstschule und Kriegsteilnehmer Gert Wollheim schuf im letzten Kriegsjahr ein Gemälde zweier Soldaten, die im Schützengraben kauern und ihre Gesichter in ihren Händen bergen. Sie sind völlig fertig.

Gleich einer Anklage hängt »Der Verurteilte« von Wollheim daneben. Gefesselt an einem Pfahl stehend liegt zu seiner Rechten bereits ein Toter und links wartet die Schaufel darauf, auch ihn zu beerdigen. Die bedrückende in dunklen Brauntönen gehaltene Exekutionsszene erinnert an eine ganz ähnliche aus Goyas »Desastres de la Guerra« aus dem Spanisch-Französischen Krieg. Wollheims Gemälde beruht auf einer wahren Begebenheit. Er hatte mit ansehen müssen, wie ein Belgier eben auf diese Weise erschossen wurde, nachdem er die deutschen Plünderer seines Bauernhofs als »boches« bezeichnet hatte.

In einen Brief an den deutschen Dramatiker Gerhard Hauptmann fragte der französische Schriftsteller Romain Rolland denn auch zu Recht: »Seid Ihr die Erben Goethes oder Attilas?«

Selbst eine von Albin Egger-Lienz 1915 geschaffene Lithografie dreier auf den Betrachter zustürmender Soldatenreihen, die die Verbrüderung Deutschlands und Österreichs zu einer »unbesiegbaren Macht« symbolisieren sollten, wie er später schrieb, trägt doch andere Züge: Es ist eine gesichtslose Masse, die hier losstürmt; Kampfmaschinen, die jegliche Menschlichkeit abgelegt haben. Von Kulturwesen ist hier keine Spur mehr.

Und so klingt es wie ein schlechter Witz, wenn die deutsche Kultur erst als Mittel zur Massenmobilisierung herhalten muss und Friedrich Ebert am Ende des Krieges in die Nationalversammlung ruft: »Jetzt muss der Geist von Weimar, der Geist der großen Philosophen und Dichter, wieder unser Leben erfüllen«.

Fazit: Ohne eine Führung bleibt die intellektuelle Aufrüstung, die sich zu zeigen die Ausstellung zum Ziel gesetzt hat, nicht greifbar. Wie wollte man dies auch festhalten? Die Exponate sind trotz allen Verweischarakters tote Materie. Erst in der Erzählung wird sie lebendig und greifbar. Es ist also wärmstens zu empfehlen, sich schon vorher zu belesen oder den ein oder anderen Vortrag aus dem vielfältigen Rahmenprogramm wahrzunehmen.