Ausstellungsbesprechungen

Künstlerinnen. Eigenwillig – Künstlerinnen am Bodensee 1900–1950

Der Weg der Künstlerinnen war immer steiniger als der ihrer männlichen Kollegen – unabhängig davon, dass die Frauen in bescheidener Zahl immerhin über alle neuzeitlichen Epochen hinweg ihr Schattendasein behaupteten.

Auch Themen- und Epochenausstellungen schieben gerne die wenigen vertretenen Teilnehmerinnen ins Abseits kleinerer Kabinettecken. Allerdings darf man nicht übersehen, dass sich mehr und mehr Museen der Vorstellung bzw. Entdeckung der weiblichen Kunstschaffenden verschrieben haben. So hat das August Macke Haus in Bonn und das Paula Modersohn-Becker Museum in Bremen – nach Eigenaussage das erste Museum weltweit, das einer Künstlerin gewidmet wurde – unlängst die Präsentation der „Femme Flaneur“ mit ihren „Erkundungen zwischen Boulevard und Sperrbezirk“ an die Öffentlichkeit gebracht. Nun folgt in Konstanz die Ausstellung „Eigenwillig – Künstlerinnen am Bodensee 1900–1950“, die sich freilich weniger am Rotlicht orientiert, unter dem zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch die Frauen in den Großstädten zum Pinsel greifen wollten. Die kulturgetränkte Bodenseeregion zog das Naturlicht vor: entsprechend unaufgeregt ist die Konstanzer Schau geraten. Und die Sensation dabei ist die Selbstverständlichkeit einer Wahrnehmung, die vor Jahrzehnten so nicht möglich war (und die immer noch – wie auch in den Katalogtexten – zu Rechtfertigungszwängen verleitet): Die Werke der Künstlerinnen sind denen der Künstler in jeder Hinsicht ebenbürtig. Dass man diese Erkenntnis mit dem Etikett „eigenwillig“ versah, zeigt die Widerstände, denen die Frauen in der ersten Jahrhunderthälfte noch ausgesetzt waren – für die männlichen Kollegen wäre die Vokabel wohl kaum verwendet worden.

Der Überblicksband „Die Künstlervereinigung DER KREIS“ (Friedrichshafen 1992) über eine der wichtigen Euregio-Gruppierungen anfangs des 20. Jahrhunderts nimmt auch etliche Künstlerinnen vom Bodensee auf, ohne dies irgendwie zu dokumentieren: Gertrud Bernays; Maria Caspar-Filser; Anna Gertrude Colsman; Elisabeth Goetz von Ruckteschell; Friedel Grieder; Stephanie Hollenstein; Kasia von Szadurska - eine durchaus staatliche Mitgliederschar, die nun auch in der Wessenberg-Galerie wieder auftaucht. Dass Mathilde Purrmann, geb. Vollmoeller, die über ihren Bruder Hans Vollmoeller Kontakte zur Geisteswelt Stefan Georges unterhielt und die Großstadtluft von Berlin und Paris geschnuppert hatte, noch gar nicht Mitglied der KREIS-Gruppe war, dessen Mitbegründer ihr Mann Hans Purrmann gewesen war, zeigt nur umso mehr, dass die Künstlerinnen in der Region eine ungewöhnliche Eigenständigkeit entwickeln konnten. Maria Caspar-Filser – wie ihr Mann, der Erneuerer der religiösen Malerei Karl Caspar Kreismitglied – konnte sich gänzlich selbst verwirklichen und nahm 1948 an der Biennale in Venedig teil. Die Hollenstein schritt bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs resolut zur Tat und ging als „Stephan“ an die Front – sie wurde zur Kriegsberichterstatterin mit Pinsel und Palette, während Katharina Weissenborn allein nach Ägypten reiste und ihre Eindrücke in Holzschnitten festhielt und Kasia von Szadurska, selbst Mutter zweier Söhne, mit der Darstellung homoerotischer Szenen provozierte.

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Über 30 Künstlerinnen versammelt die Wessenberg-Galerie in ihrer Ausstellung, noch mehr sind im Katalog zu entdecken. Dabei stößt man auf weithin bekannte Namen wie Sophie Taeuber-Arp, findet eventuell vergessene, großartige Werke von Margarete Binswanger oder Helen Dahm wieder, holt Frauen aus dem Schatten berühmter Männer hervor wie Lisbeth Bissier oder Nelly Dix-Thaesler, deren Vater Otto Dix die innere Emigration am Bodensee suchte. Nicht zuletzt kann man eine erstaunliche Vielfalt und Reife erkennen, wenn man die auf den ersten Blick biederen, dann aber formal raffiniert ausgeklügelten Arbeiten von Martha Haffter, die märchenhaften Szenerien Susanne Scheurmanns oder die neusachlichen Anklänge bei Fridel Dethleffs-Edelmann, die am japanischen Farbholzschnitt orientierten Drucke von Martha Cunz, die Gobelinkunst Maria Geroe-Toblers, die Marionetten Klara Fehrlin-Schweizers oder die von Georg Kolbe beeinflussten Plastiken von Friedel Grieder betrachtet.

Der vorzügliche Katalog schafft es auf erfreulich knappem Raum, themenbegleitende Essays, aussagekräftige Bildbeispiele sowie ein sehr nützliches Personenlexikon (mit rund 90 Einträgen) zu vereinen.

 

Weitere Informationen

 

Öffnungszeiten:
Dienstag–Freitag 10–18 Uhr
Samstag/Sontag 10–17 Uhr

Eintritt (nur Wechselausstellung)
Erwachsene         3,- EUR
Ermäßigt         2,- EUR

Führungen:
Öffentliche Führungen noch am 31. Juli, 21 August (15 Uhr)
Gruppenführungen auf Anfrage

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