Ausstellungsbesprechungen

Künstlerinnen der Avantgarde zwischen 1890 und 1933 (pt. II)

Kaum haben sich die Türen zum ersten Teil der Ausstellung geschlossen, öffnen sie sich nun im Hamburger Gang der Kunsthalle für den zweiten Teil; wiederum gesponsert von den Mitgliedern des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Schon der erste Teil war mit 68.000 Besuchern für eine Kabinettausstellung außerordentlich erfolgreich und hat das große Interesse an den lange Zeit vergessenen Künstlerinnen gezeigt.

Die aktuelle Schau widmet sich dem Oeuvre von fünf weiteren Künstlerinnen, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Zeit des Nationalsozialismus in Hamburg tätig waren, und umfasst kunsthistorisch die Entwicklung vom Expressionismus bis zur Neuen Sachlichkeit.

 

Innerhalb der Kabinette erzeugt der Kurator Ulrich Luckhardt eine Dramaturgie von künstlerischen Standpunkten und konzentriert sich auf die bestimmenden Sujets im Werk dieser Künstlerinnen: Porträts, Selbstbildnisse Stillleben und vor allem Milieustudien. Mit der Motivwahl aus der Halbwelt der Varietés und Bars bewegten sich viele Künstlerinnen auf männlichem Terrain, doch sie ließen sich nicht reglementieren und entdeckten besonders in den 20er Jahren das künstlerisch pulsierende Nachtleben St. Paulis für sich. Diesen Teilaspekt hatte schon die Bonner/Bremer Ausstellung „Femme Flaneur – Erkundungen zwischen Boulevard und Sperrbezirk“ zum Thema. Gewissermaßen ein süddeutsches Pendant zu den Hamburger Künstlerinnen liefert die aktuelle Ausstellung „Eigenwillig. Künstlerinnen am Bodensee 1900–1950“.

 

Den Auftakt der Ausstellung bilden Malerei und Druckgraphik von Dorothea Maetzel-Johannsen (1886–1930), die bei Lovis Corinth studierte und Gründungsmitglied der Hamburgischen Sezession war. Ihre bevorzugten Motive waren Stillleben, Bildnisse und besonders weibliche Aktfiguren, die ihre ganz eigenständige, energiegeladene Formensprache ausdrücken und wie kaum bei einem anderen Hamburger Künstler stark vom „Brücke“-Expressionismus geprägt waren. So rezipiert sie in ihren Bildern mit dem Sonnenaufgangsmotiv und den heiteren Aktfiguren auch den intellektuellen Hintergrund ihrer Zeit und feiert – ganz im Sinn von Nietzsches Philosophie in „Zarathustra“ („Dies ist mein Morgen, der Tag hebt an...“) – die Einheit von Körper und Natur, Befreiung und weiblichem Aufbruch. Im Aufgreifen des Primitivismus, der zum Beispiel in ihrem „Akt in den Dünen“ hervorsticht und konkret das Liegemotiv des berühmten antiakademischen „Blauen Aktes“ von Henri Matisse zitiert, klingt die Sehnsucht nach Rückkehr und Aufbruch ins Paradies an. Einen Gegenpol bilden ihre Melancholie-Darstellungen, etwa das als „Krankes Mädchen“ betitelte Bild.

 

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Eine echte Neuentdeckung ist das bisher nahezu unbekannte und relativ kleine Oeuvre von Hella Jacobs (1905–1974), die ihren Lebensunterhalt als technische Zeichnerin in einem Architekturbüro verdiente. Um 1930 entstanden dynamische Kompositionen vor allem aus der Varieté- und Zirkuswelt, die Anklänge an Dada, den Blauen Reiter und Neue Sachlichkeit erkennen lassen, konkret die Farbprismen von Sonia Delaunay und die geometrisch vereinfachten Figuren Oskar Schlemmers aufgreifen. Inspiriert durch die Vorbilder der Avantgarde geht sie dann aber ihren ganz eigenen künstlerischen Weg, wie nicht nur die ausschnitthaften Momentaufnahmen aus dem Amüsierbetrieb – z.B. die Halbfigur eines „Artisten“, der jonglierend auf seinem Kopf eine Frau balanciert –, sondern auch ihre farblich und formal ausgewogenen Stillleben, Porträts sowie zwei schonungslose Selbstbildnisse dokumentieren. Letztere zeigen Jacobs als Selbstmörderin – so auch das Bild „Gas“ von 1930 – und rekurrieren auf zwei tatsächliche Verzweiflungstaten der feinsinnigen Malerin, ausgelöst durch Depressionen und das Gefühl drohenden Unheils.

 

Einen Schwerpunkt der Ausstellung bilden die grafischen Arbeiten von Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940), die früh das Leben eines Bohemien führte. Während ihrer Studienzeit in Dresden gehörten Otto Dix und Conrad Felixmüller zu ihrem Freundeskreis. Ihr berühmtes Aquarell „Lissy“ von 1931, das die selbstbewusste Animierdame im hautengen roten Kleid raffiniert in Szene setzt, steht für ihr eindringliches Werk, in dem das drastische Kneipen- und Prostitutionsmilieu St. Paulis eine wichtige Rolle spielt. Ihre Motive fand sie auch in der Heilanstalt Friedrichsberg, in die sie 1929 wegen eines Nervenzusammenbruchs zeitweilig eingewiesen worden war. Dort entstanden die sog. „Friedrichsberger Köpfe“, eine Serie von 60 bewegenden Psychogrammen, in denen sie mit viel zeichnerischem Gespür und Beobachtungsgabe die Seelenlage der Krankenschwestern und Patienten getroffen und sich eine unmittelbare, affektgeleitete Ausdrucksform erarbeitet hat. Bereits kurz darauf wurden diese Zeichnungen erfolgreich ausgestellt. Der emphatische Ausdruck und die Lebensnähe ihrer Porträts und Milieustudien entsteht auch durch den Einsatz eines besonderen Stilmittels, indem sie den Stift bei ihren Strichführungen kaum absetzt. Von den drei Räumen, die der Künstlerin gewidmet sind, präsentiert einer davon zehn Selbstbildnisse; die meisten sind als Pastelle gefertigt, zwei als kleine Ölgemälde. Die Farbgebung und Linienführung variieren stark und stimmen mit ihrem emotionalen Ausdruck überein. Lohse-Wächtler hat unter den politischen und ökonomischen Umständen ihrer Zeit ebenso wie unter der unglücklichen, demütigenden Ehe mit Kurt Lohse sehr gelitten. 1940 wurde sie bei Dresden, wo sie erneut von ihrer Familie in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden war, im Zuge des nationalsozialistischen Euthanasie-Programms ermordet.

 

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Völlig unbekannt waren lange Zeit die Fotoarbeiten der gebürtigen Berlinerin Ursula Wolff Schneider (1906–1977), obwohl sie in Hamburg den modernen Fotojournalismus etabliert hatte. Um 1930 war sie eine gefragte Fotografin, die Reportagen in der „Hamburger Illustrierten“ und im „Hamburger Fremdenblatt“ ganz im Stil der Neuen Sachlichkeit publizierte. Ihre Serien, zum Beispiel „Die Post kommt“, wirken oft wie Schnappschüsse, sind aber tatsächlich gestellte Kunstwerke. In ihren bemerkenswerten Aufnahmen hat sie verschiedene Berufsgruppen festgehalten: etwa Studierende im alten Lesesaal der Staatsbibliothek, die Kesselklopfer an Bord, den nächtlichen Hauptbahnhof sowie Gegenstände des Alltags, die an die Ästhetik des Bauhauses anknüpfen. Sie war mit dem Hamburger Architekten Karl Schneider verheiratet und musste 1937 als Jüdin in die USA emigrieren.

 

In dem eigenwilligen, bisher selten zu sehenden Werk von Elsa Haensgen-Dingkuhn (1898–1991), die das letzte Kabinett bestreitet, beherrschen skurrile Kinderfiguren, genrehafte Familienbilder und einfühlsame Sozialstudien die Sujets ebenso wie das pralle Stadtleben inklusive Rotlichtmilieu und Vergnügungsparks. Dabei bewahren ihre Figuren immer Distanz und Würde und sind in ironisch-amüsante Szenerien eingebunden. In ihren Ölgemälden, Radierungen und Aquarellen entwickelt die Künstlerin eine persönliche Bildsprache, angesiedelt zwischen Paula Modersohn-Becker und der Neuen Sachlichkeit. Ihre Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen, u.a. an der Berliner Schau „Die Frau von heute“ von 1929, erhielten positive Resonanz.

 

Auch der zweite Teil der großartigen Schau hält wunderbare Neuentdeckungen bereit. Dabei mischt Luckhardt gezielt bekannte mit in Vergessenheit geratenen Namen. Im Zusammenspiel der sehr unterschiedlichen avantgardistischen Positionen ergeben sich so gleichermaßen Überraschungen wie Kontinuitäten.

 

 

 

Öffnungszeiten
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr, Mo geschlossen

 

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