Ausstellungsbesprechungen

Künstlerinnen der Avantgarde zwischen 1890 und 1933 (pt. I)

Hamburg ist in diesem Sommer für alle, die sich speziell für Kunst von Frauen interessieren und den „Malerinnen auf ihrem Weg ins 20. Jahrhundert“ (Renate Berger) [Anm.] nachspüren möchten, der ideale Studienort. Nach langer Pause beschäftigen sich hier nun gleich drei Ausstellungen in vielfältiger Weise mit der Kunst von Frauen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

In der Galerie Herold läuft noch bis zum 8. Juli eine Schau über die „Künstlerinnen in Hamburg 1900-1950“ und das Bucerius Kunstforum würdigt vom 15. Juni bis 17. September die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo.

 

Die Hamburger Kunsthalle widmet sich in einer zeitlich zweigeteilten Ausstellung den Werken von zwölf Künstlerinnen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Nationalsozialismus vor allem in Hamburg gewirkt und mit ihrer Kunst eigenständige Positionen bezogen haben.

 

Der erste Teil – und darum soll es im Folgenden gehen – ist gerade im Hamburger Gang der Kunsthalle eröffnet worden und noch bis zum 20. August zu sehen. Hier hat der Kurator Ulrich Luckhardt in sieben kleinen, aber feinen Kabinetten monografisch sieben Künstlerinnen vorgestellt. Innerhalb der Kabinette konzentriert sich Luckhardt auf ausgewählte, bestimmende Motive aus dem Oeuvre der Künstlerin.

 

Die Schwestern Helene und Molly Cramer (1844–1916 und 1852–1936) schufen vor allem stimmungsvolle Blumenstillleben und Landschaftsdarstellungen und avancierten zu den bedeutendsten Vertreterinnen der Blumenmalerei ihrer Zeit mit unzähligen Auftraggebern. Sie stammten aus vermögender Familie und konnten nach dem Tod des Vaters, der ihnen eine künstlerische Ausbildung noch verwehrt hatte, mit ihrer Karriere richtig durchstarten und später an zahlreichen wichtigen Ausstellungen teilnehmen. Diese Möglichkeit hatten nur wenige ihrer Zeitgenossinnen.

 

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Im Fall von Elena Luksch-Makowsky (1878–1967) dreht sich alles monothematisch um ihr Hauptwerk, die lebensgroße Steingutplastik „Frauenschicksal“, die 1911 entstand und noch bis 1980 im öffentlichen Raum des Hamburger Stadtparks (im Kabinett durch grüne Wände angedeutet) gestanden hat. Auch in Zeichnungen und Gemälden beschäftigt sie sich immer wieder – oft auch in Form von Selbstporträts – mit dem zentralen Thema ihrer Doppelrolle als Mutter und Künstlerin.

 

Auch Mary Warburg geb. Hertz (1866–1934), Ehefrau des Hamburger Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, fand als Mutter und Ehefrau zunächst nur wenig Gelegenheit für ihre Kunst, die sich daher hauptsächlich auf Motive des familiären Umkreises beschränkte. Während ihres Florenz-Aufenthalts bis 1902 entstanden atmosphärisch ausgeprägte Landschaftspastelle und Porträts, später war sie auch bildhauerisch tätig. Stilistisch blieb sie dem Jugendstil und deutschen Impressionismus verpflichtet. Hervorzuheben sind ihre eindruckvollen Skizzenbücher, die belegen, dass sie sich autodidaktisch mit dem „Problem“ der Aktzeichnung und den Proportionen des menschlichen Körpers auseinander setzte; eine Disziplin, die den Frauen während ihrer Ausbildung noch lange vorenthalten blieb.

 

Den Entwicklungsmöglichkeiten von Künstlerinnen in Hamburg waren enge Grenzen gesetzt: Adäquate Ausbildungsstätten waren hier lange Zeit gar nicht vorhanden, und später waren sie ihnen nicht zugänglich. Wenn sie Kunst zu ihrem Beruf machen wollten, waren sie auf privaten Atelierunterricht ihrer männlichen Kollegen angewiesen. Erst seit der Weimarer Republik wurde auch Frauen der Zutritt zu Akademien per Gesetz ermöglicht, in der praktischen Umsetzung allerdings verzögerte er sich oft. Auch der für Künstler so wichtige Auslandsaufenthalt in den Kunstmetropolen kam für die meisten Malerinnen aus finanziellen oder moralischen Gründen nicht in Frage.

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Um so bemerkenswerter ist, dass es drei Frauen waren, die 1919 die Hamburger Sezession mitbegründeten und diese in den folgenden Jahren entscheidend mit ihrem Stil prägten. Gemeint sind Gretchen Wohlwill (1878–1962), Alma del Banco (1862–1943) und Anita Rée (1885–1933). Alle drei absolvierten den für die Profession des Künstlers obligatorischen Parisaufenthalt. Del Banco griff besonders kubistische Tendenzen und die Kunst Paul Cézannes auf. Ihr malerisches Werk wird von drei Motivgruppen bestimmt: Porträts, Häfen und Reiseeindrücke aus Südeuropa. Wohlwill arbeitete im Atelier von Henri Matisse und entwickelte dessen Einflüsse im flächig-akzentuierten Sezessionsstil zu einer eigenen künstlerischen Handschrift weiter. Neben dem malerischen entstand auch ein umfangreiches grafisches Oeuvre, ihre Darstellungen reichen von Landschafts- und Stadtansichten über Porträts bis zu dem immer wiederkehrenden Motiv der „Kartenspieler“. Anita Rées klare Formensprache ist durch Fernand Léger und dessen Reduktion auf geometrischen Grundmuster geprägt. Von großer Eindringlichkeit sind vor allem ihre Selbstporträts, die wie eine Bestandsaufnahme ihres jeweiligen Seelenzustandes wirken. Auf ihrem letzten Selbstbildnis im Halbakt von 1930 setzt sich Rée dem Betrachter, den sie mit fixierendem Blick gefangen nimmt, schonungslos aus. Die psychologische Dimension der Gestik ist unübersehbar: Mit den Armen verdeckt sie den entblößten Körper und scheint dem Betrachter damit ihre Verletzlichkeit zu offenbaren.

 

Alle drei Künstlerinnen entstammten jüdischen Familien und waren auf tragische Weise von den politischen Ereignissen in Deutschland gezeichnet. Schließlich wurden sie 1933 als „artfremde Mitglieder“ aus der Hamburger Künstlerschaft ausgeschlossen. Während Gretchen Wohlwill 1940 nach Portugal emigrieren konnte und 1962 wieder nach Hamburg zurückkehrte, wählte Alma del Banco nach Erhalt des Deportationsbescheids 1943 den Freitod. Auch Anita Rée nahm sich bereits 1933 auf Sylt das Leben, nachdem sich Angst und Perspektivlosigkeit in schwere Depression und Verfolgungswahn gesteigert hatten.

 

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Die spannende und aufschlussreiche Schau dokumentiert erstmals umfassend, dass die neuere Kunstgeschichte Hamburgs entscheidend von Frauen mitgeprägt wurde. Gegen alle Widerstände, meist in Opposition zu den gesellschaftlichen Konventionen und immer mit sehr hohem Energie- und Kapitaleinsatz sind sie eigene künstlerische Wege gegangen, mit denen viele von ihnen ihrer Zeit voraus waren und zu Mitgliedern der Avantgarde avancierten.

 

Im zweiten Teil der beachtenswerten Ausstellung werden dann die Werke von Elfriede Lohse-Wächtler, Elsa Haensgen-Dingkuhn, Dorothea Maetzel-Johannsen, Hella Jacobs und Ursula Wolff-Schneider zu sehen sein.

 

Anm.:

Renate Berger: Malerinnen auf dem Weg ins 20. Jahrhundert. Kunstgeschichte als Sozialgeschichte, Köln 1982.
Die Autorin leistete damals Pionierarbeit auf unerforschtem Terrain.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-21 Uhr
Mo geschlossen


Eintritt
6 Euro, ermäßigt 4 Euro