Porträts

Künstlerporträt: Daniela Hanus

Daniela Hanus ist Zeichnerin. Aber erst im Verlauf ihres Studiums hat sie festgestellt, dass die Bleistiftzeichnung die künstlerische Form ist, in der sie sich am besten auszudrücken vermag.

Nach dem Abitur, einem Praktikum in einem Fotolabor und unterschiedlichen Arbeiten als Praktikantin am Staatstheater in Karlsruhe begann sie, in der Klasse von Professor Erwin Gross an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste zu malen.

Die Wahl der künstlerischen Ausdrucksform, der Technik und der Methoden in der gelösten Atmosphäre der Klasse Gross steht jedem frei. Keinem werden bestimmte Lernschritte oder -ziele vorgegeben. Jeder der angehenden Künstler hat die Möglichkeit, das für ihn und seine Entwicklung Sinnvolle selbst zu finden.

Zu Beginn ihrer Ausbildung fertigte Daniela Hanus neben ihrer Malerei spontan Skizzen von Dingen oder Situationen, die sie unmittelbar berührten. Heute geht die junge Künstlerin – sie wurde am 26. August 1978 in Karlsruhe geboren – bei der Wahl der Motive für ihre Zeichnungen meist von Fotos aus. Sie zeichnet diese aber nicht ab, sondern greift nur bestimmte Teilbereiche oder einzelne Formationen heraus und überträgt diese auf das geplante Bild. Im Verlauf der weiteren Arbeit entwickeln sich dann für sie neue Zusammenhänge, unvorhergesehene Konstellationen, die nicht mehr an das ursprüngliche Motiv auf dem Foto erinnern, sondern eine neue Situation schaffen.

Jede Zeichnung stellt auf den ersten Blick eine ganz konkrete, nicht besonders spektakuläre Szene dar. Es handelt sich um Außen- oder Innenräume, die in irgendeiner Weise belebt sind. Eine Schläferin in einem Bett zum Beispiel ist kaum unter Decken und Kissen zu sehen. Sie liegt auf dem Bauch, das linke Bein hängt aus dem Bett und ist deutlich sichtbar mit einem Tattoo geschmückt, dessen Form bei genauerem Hinsehen stilisiert wie ein Ornament an vielen Stellen im Zimmer und auf dem Bett wiederzufinden ist. Für Daniela Hanus hat das Tattoo eine besondere Bedeutung. Ein Mensch hat sich diesen Schmuck ausgesucht, um ihn fortan, fest verbunden mit seiner Haut, wie einen Teil seiner selbst nach außen hin darzustellen. Dadurch gibt er in gewisser Weise Auskunft über sich selbst.

Auf einer anderen Zeichnung windet sich ein kriechendes Fabelwesen, wie der Phantasie entsprungen, durch einen geöffneten hellen Türeingang in ein dunkles Interieur, dessen spärliches Mobiliar kaum erkennbar ist. Hanus weist darauf hin, dass sie auch zu diesem tierartigen Wesen von einem Tattoo angeregt worden ist.

Dem Betrachter drängt sich die Frage auf, bringt dieses scheußliche Geschöpf, das sich da aus der Helligkeit eines schönen Tages ins Haus hineinschlängelt, Unglück, oder soll es vielleicht wie ein chinesischer Drache, dem es ähnelt, ein Glücksbote sein? Hinter der leicht erfassbaren Oberfläche verbirgt sich also eine hintergründige zweite Aussage, die aber nicht eindeutig zu klären ist. Da alle Bilder ohne Titel bleiben sollen, ist es dem Betrachter überlassen, welche Deutung er den symbolischen Hinweisen gibt.

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Die Zeichnungen wirken dynamisch. Sie leben von starken Kontrasten, strahlenden Lichteffekten und tiefen Schatten. Besonders die Darstellung einer Baum- und Buschgruppe mit ihren hellen, von der Sonne beschienenen Blättern und den Lichtreflexen auf dem tief verschatteten Waldboden verdeutlichen diese Technik.

Auffallend ist der an Varianten reiche Einsatz der Linie. Sehr feine, exakt parallel gezogene Geraden und breitere, geschwungene, ebenfalls parallele Linien zeichnen eindrucksvoll sehr unterschiedliche Flächen, wie z.B. die verschiedenen Partien des Bettes mit der schlafenden Frau. Durch die Verwendung unterschiedlicher Zeichenarten, die einmal mehr linienbetont, einmal stärker flächenbetont eingesetzt werden, gelingt es der Künstlerin, besondere Effekte zu erzielen und Distanzen zu markieren.

Es ist erstaunlich, mit wie wenig Material eine solche Vielfalt des Ausdrucks erreicht werden kann. Daniela Hanus benutzt häufig einen Bleistift der Stärke 3B. Aber sie verwendet auch andere Härten und verschiedene Bleistiftsorten, um Unterschiede in der Prägnanz zu erzeugen. Daneben ist die Auswahl des Papiers von immenser Bedeutung. Ein getönter Untergrund, eine glatte oder faserige Oberfläche können die Wirkung der Zeichnung grundlegend verändern.

Vorbilder für Ihr Arbeiten gibt es nicht, ihre Bewunderung gilt jedoch Künstlern wie Rembrandt, Caravaggio oder den Symbolisten. Den Weg, auf dem sie selbst weiter gehen und arbeiten möchte, hat Daniela Hanus schon gefunden.

Dieses Porträt entstand im Rahmen der von Dr. Kirsten Claudia Voigt geleiteten Übung "Akademie, Atelier, Ausstellung - eine Schreibwerkstatt" im SS 2004 am Institut für Kunstgeschichte der Universität Karlsruhe.