Ausstellungsbesprechungen

Kunst = Leben – John Cage, Galerie Stihl Waiblingen, bis 20. September 2009

John Cage (1912-1992) gilt als einer der innovativsten Musiker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Was weniger bekannt ist: Er war ein begnadeter bildender Künstler, ja ein kultureller global player, für den die Musik samt Kunst alle Grenzen sprengte und sich mit Tanz, Theater und Literatur und nicht zuletzt mit dem Leben verbündete. Das eine war bei dem Komponisten ohne das andere nicht zu haben.

So verwundert es nicht, dass die Galerie Stihl in Waiblingen angetreten ist, Kunst und Leben im Schaffen von John Cage nachzuspüren, mehr noch: unter seinem Namen Kunst und Leben gleichzusetzen. Ein kompliziertes Unterfangen, das leicht ins Auge gehen kann. Aber um es vorweg zu sagen: Die Kuratorin Gisela Sprenger-Schoch und ihre Mitstreiter haben eine der schönsten und anregendsten Ausstellungen der Saison zustande gebracht. Dabei tritt der Musiker Cage sogar vornehm zur Seite, damit der Blick auf den ganzen Menschen frei wird.

»Wenn sich die Kunst dem täglichen Leben annähert, wird sie uns dessen Schönheit erschließen« (Cage). Die Galerie betritt man über eine Art Dunkelkammer mit Licht-Klang-Installation, wird an sinnigen Zitataufschriften an der Wand entlang in den Ausstellungsraum geführt, nimmt zunächst ein diffuses Gesamtbild des künstlerischen Schaffens wahr, das malerische Arbeiten genauso umfasst wie Objekte, begleitet von poetischen Texten verschiedener Autoren, die als Leitsystem den Fußboden zieren, und im Zentrum des Raumes steht ein Schachbrett, das zum Spielen einlädt. Das hat mit Zufällen nichts zu tun, auch wenn der Eindruck gerechtfertigt oder sogar erwünscht ist. Zum Schach kam Cage über Marcel Duchamp, dem eine großartige Arbeit gewidmet ist – »Not wanting to say anything about Marcel«. Duchamp war einer der besten Schachspieler seiner Zeit, und Cage ließ sich von ihm unterrichten. »Was ich suche, ist das Öffnen von allem, was möglich ist und für alles was möglich ist« (Cage). So durchdacht das Ausstellungskonzept ist, so viel Freiraum lassen die Ausstellungsmacher der »geistigen Einstellung«, die Cage erneuern wollte. Er nahm tatsächlich den Zufall zu Hilfe (»... ein Sprung über die Reichweite des eigenen Selbst hinaus«), der seine Musik genauso prägte wie seine flüchtig-skizzenhaften Kunstblätter. Die Kunst selbst sah er als »eine Art Labor« an, »in dem man das Leben ausprobiert«.

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Dies macht sich die Schau zu eigen, was nicht nur ein sinnliches Vergnügen ist, sondern auch eine intellektuelle Herausforderung, kann man Cage getrost auch unter die Philosophen zählen, beeinflusst von Marshall McLuhan und Buckminster Fuller, seines Zeichens Architekt. Cage war überzeugt, dass heute alles gleichzeitig passiert – die Zeiten, wo alles seinen Gang nahm, rührten noch von der wichtigsten Erfindung aller Zeiten her, der Erfindung des Rades, doch die sei nun überholt worden von einer Welt elektronischer Erfahrungen, »durch die unser zentrales Nervensystem nach außen verlegt worden« sei. Das Leben als Jahrmarkt der hereinbrechenden Eindrücke, der erstmals von den Dadaisten initiiert und in der Postmoderne wiederbelebt wurde. John Cage gab seine Musik und seine Kunst dazu, wie etwa der 2009 gestorbene Merce Cunningham sein Tanztheater einbrachte – nicht von ungefähr arbeiteten beide Künstler, die sich 1936 kennen lernten, vielfach zusammen.

Die visuell-künstlerischen Arbeiten sind freie Assoziationen zur eigenen Musik, Übertragungen des »I Ging« oder Freundschaftsbekundungen an andere Künstler wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns oder eben Marcel Duchamp. Es ist schon fast ein Segen, dass Ausstellungsmacher wie Harald Szeemann die Möglichkeiten umfassender Ausstellungen im Übergang zwischen Kunst und Leben ausgelotet haben. Heute kann man darauf zurückgreifen, was man dieser spektakulären Schau ansieht. Gisela Sprenger-Schoch ließ sich zudem in New York inspirieren, wo man das bildkünstlerische Potential von John Cage längst entdeckt hat – in den USA sind in den kommenden Jahren um die sechs Ausstellungen zu dessen Werk geplant. So gesehen, liegt Waiblingen im Trend. Den setzt das Haus auch im Hinblick auf den Katalog, der keiner ist – wie hätte der auch aussehen müssen! Nein, die Vielfalt der Möglichkeiten hat Stihl veranlasst, eine Kartonkiste zusammenzustellen mit Lese- Blätter- und Guckstoff, der das Vergnügen an der Ausstellung noch über den Besuch hinaus verlängert.

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Donnerstag bis 20.00 Uhr
Montag geschlossen