Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst als Breitensport? Ein Zoom–Gespräch für alle

Die Kunstwelt steht derzeit still. Aus diesem Anlass hat die Berliner Künstlerin Kirsten Klöckner (*1962) zusammen mit Freunden auf Zoom ein Gesprächsformat ins Leben gerufen. Die Teilnehmer*innen schlagen dabei die Themen vor, alle sind eingeladen, sich an der Diskussion zu beteiligen. Beim letzten Meeting ging es um »Kunst als Breitensport«. Susanne Braun hat online mit Kirsten Klöckner und der Kunsthistorikerin Astrid Gallinat (*1966) darüber diskutiert.

Fehlstelle: Installation in Vallauris/Frankreich © Fehlstelle
Fehlstelle: Installation in Vallauris/Frankreich © Fehlstelle

Susanne Braun (SB): Kirsten Klöckner, du hast ja schon viele partizipative Kunstprojekte gemacht. Zum Beispiel »Kunst für alle« zusammen mit Klaus Staeck oder das »Wunschprogramm«, bei dem du die Wünsche deiner Follower in sozialen Netzwerken malst. Knüpfen auch die Zoom–Gespräche daran an?

Kirsten Klöckner (KK): Für mich begann es eigentlich nicht als Projekt, sondern als Notlösung, als Ersatz für nicht stattfindende kleine Ausstellungen und Zusammenkünfte in meinem Atelier. Einsamkeit und Sehnsucht nach anderen Menschen trieben mich ins Netz. Ich lebe allein, gehöre zur Risikogruppe und bin sehr vorsichtig.
Zoom ist einfach zu bedienen, relativ preiswert und die ersten Gespräche verhalfen uns allen wenigstens zu virtuellem Treffen mit dem Freundeskreis. Außerdem gefiel den Teilnehmern die Idee eines virtuellen Salons. Also habe ich Leute aus dem Kreis gebeten, über ihr Interesse zu berichten. Und dann gab es von Anfang an auch schnell den Wunsch nach einem allgemeinen Gespräch. Wir wollen keine Vorträge, wir machen Gesprächsangebote. Häufig zu Themen im kulturellen Bereich. Diese richten sich weniger an Fachleute, sondern an Freunde, Bekannte, und die, welche es werden wollen.

S.B.: Astrid Gallinat, das von dir vorgeschlagene Thema »Kunst als Breitensport?« hat mich an das Prinzip erinnert, dass Kunst für alle zugänglich sein sollte. Warum ist das aus deiner Sicht erstrebenswert?

Astrid Gallinat (AG): Erstmal ganz pragmatisch: Kunst in Europa wird durch öffentliche Kunstförderung mit den Steuern der gesamten Bevölkerung finanziert, also sollten auch alle daran teilhaben können.
Durch die Corona–Krise, sehen wir wieder einmal, dass Kunst gerne als Freizeitvergnügen abgetan wird. Deshalb sind gerade wieder sehr viele Kultureinrichtungen geschlossen, während die Kaufhäuser geöffnet bleiben, in denen Abstandhalten viel schwerer fällt. Dabei vermittelt Kunst wichtige Kompetenzen, deren Erwerb jedem möglich sein sollte.
Wir werden durch die Medien, insbesondere die Sozialen von Bildern überflutet. Oftmals steckt hinter der Verbreitung bestimmter Bilder eine Intention: eine bestimmte Nachricht soll kommuniziert werden.
Beispielsweise zeigten die Bilder vom Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 die Missachtung der demokratischen Gepflogenheiten bzw. deren Verachtung. Es ging um Verunsicherung oder gar Ermutigung zu ähnlichen Aktionen und damit die Macht einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu stärken. Um solche Beeinflussung zu durchschauen, ist es hilfreich sich mit Bildstrategien auszukennen. So wird verhindert, das sich Botschaften einfach ins Unbewusste einschleichen ohne hinterfragt zu werden.

Sturm auf das US-Kapitol © Wikimedia Commons
Sturm auf das US-Kapitol © Wikimedia Commons

AG: Darüber hinaus kann das Erlernen von Kreativität kann durch praktische Kunsterfahrungen auch auf andere Bereiche übertragen werden. Kreativität beschränkt sich ja nicht nur darauf, ein Kunstwerk zu erschaffen, sondern ist zum Beispiel in der wissenschaftlichen Forschung, im unternehmerischen Denken und insbesondere auch für einen Mitgestaltungswillen an unserer Gesellschaft wichtig. Deshalb sollten alle die Möglichkeit zur Teilhabe an Kunst haben, sei es praktisch oder theoretisch.
Ein Beispiel für die Wirkung partizipativer Kunstprojekte sind die Lichtinstallationen des spanischen Künstlers MUMA (*1957), die zum ersten Mal im nordspanischen Girona im Jahr 2003 stattgefunden haben. Seitdem lädt MUMA die Bevölkerung eines Ortes oder Stadtteils ein, mit ihm Kerzen in kleinen Windlichtern auf Straßen und Plätzen aufzustellen, eine Kerze pro EinwohnerIn. Er gibt in Zusammenarbeit mit Ortskundigen die Vorzeichnung auf dem Boden vor. Aber dann sind am Tage der Ausführung alle, die es wollen, daran beteiligt, die Kerzen aufzustellen und in der Dämmerung anzuzünden.

MUMA: Lichtinstallation in Vallauris/Frankreich © Fehlstelle
MUMA: Lichtinstallation in Vallauris/Frankreich © Fehlstelle

AG: Abgesehen von der Magie, die das Lichtermeer ausstrahlt und die In–Besitznahme des öffentlichen Raumes durch die BewohnerInnen, haben die Installationen auch nachhaltige Folgen für die Gesellschaft. Ich selbst habe eine seiner Aktionen 2007 im südfranzösischen Vallauris miterleben können. Es war nicht nur das Gemeinschaftserlebnis im Moment der Installation. Nachbarn, die zuvor noch nie ein Wort miteinander gewechselt hatten, lernten sich kennen, Freundschaften wurden geschlossen und die Kommunikation unter den Anwohnern wurde leichter. Zumindest für eine gewisse Zeit entstand auch ein gemeinschaftliches Selbstwertgefühl, da viele BewohnerInnen aus Nachbarstädten und –kommunen sehr positiv reagierten.

SB: Im Zoom–Gespräch gab es viele interessante Hinweise von den Gesprächteilnehmern, wie Kunst einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden kann. Ich erinnere mich an das Beispiel einer gelungenen Aktion von Ólafur Elíasson (*1967) in New York. Oder den Vorschlag, dass Künstler ihre Arbeit in sozialen Netzwerken einem breiteren Publikum zugänglich machen sollten.

KK: Klar wäre es schön, wenn sich mehr Menschen für Kunst interessieren würden. Es wäre auch schön, wenn die meisten Leute mit Kunst nicht nur prominente Namen und hohe Preise verbinden würden. Es wäre auch schön, wenn Politiker die Kunst auch jenseits von Wahlkämpfen beachten würden. Bis das aber so ist, werden meine Künstlerfreunde und ich wahrscheinlich das machen, was wir immer tun: Weiterarbeiten.

AG: Ich denke da an ein weiteres positives Beispiel für partizipative Kunst im öffentlichen Raum. Es stammt von der Düsseldorfer Künstlergruppe FEHLSTELLE. Schon 2006 hatte ich die Gruppe nach Vallauris eingeladen um dort ein Projekt durchzuführen, was dann auch 2008 realisiert wurde.
Bei mehreren Besuchen in der Stadt führte FEHLSTELLE Interviews mit verschiedensten Menschen und filmte diese. Da wurde der Barbesitzer ebenso befragt wie der Bürgermeister, die Leiterin des Stadtarchives genauso wie zufällige Gäste eines Cafés, aber auch der Künstler André Villers (1930–2016), der durch Picasso zur Fotografie kam oder ein zu der Zeit aktiver Keramikkünstler. Es entstand ein buntes Kaleidoskop der Stadt. Die Videos wurden dann an drei Nachmittagen und Abenden in einer Video–Installation gezeigt. Dafür wurden 30 Fernseher auf einer Straße installiert. Der Clou dabei war, dass auch viele der Monitore und nötigen DVD–Geräte aus der Bevölkerung stammten, ebenso wie der Strom.
Das Ergebnis war, dass Menschen, die zuvor kaum einen Bezug zur Kunst hatten, begeistert dabei halfen, das Projekt zu realisieren. Ich denke, KünstlerInnen sollten die Bevölkerung da, wo sie ist, abholen. Dann wird es für alle Seiten zu einem positiven Erlebnis.
Offenbar kann man Menschen auch über soziale Netzwerke dort abholen, wo sie sind. Sogar dann, wenn sie eigentlich nie ins Museum gehen.

Chiara Ferragni in den Uffizien/Florenz © Instagram/uffizigalleries
Chiara Ferragni in den Uffizien/Florenz © Instagram/uffizigalleries

AG: Beispielsweise löste ein Fotoshooting in den Florentiner Uffizien im letzten Sommer hier in Italien eine breite Diskussion aus. Wie kam es dazu? Die Bloggerin Chiara Ferragni (*1987) hatte sich in kurzen Hosen und bauchfrei vor Botticellis »Geburt der Venus« ablichten lassen. Das Foto wurde in den sozialen Medien geteilt und auch vom Museum selbst kommentiert. In dem Kommentar wurde einerseits auf das Gemälde eingegangen und andererseits eine Brücke zur Bloggerin als Vertreterin eines gegenwärtigen Schönheitsideals geschlagen. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten, da dort ein wichtiges Werk der Kunstgeschichte durch die Kleidung und Selfie–Pose profanisiert zu werden drohte.
Insgesamt führte die Aktion jedoch auch zu einem nicht zu unterschätzenden Erfolg für die Uffizien. Am darauffolgenden Wochenende konnte das Museum auf einen starken Besucherzuwachs verweisen, mit 24% sogar den größten seit der Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown. Es waren hauptsächlich junge Menschen unter 25 Jahren, die auf einmal die Uffizien besucht wollten.

Licciardello Tagliavia © Astrid Gallinat
Licciardello Tagliavia © Astrid Gallinat

SB: Was müsste sich aber ändern, damit sich noch mehr Menschen für Kunst engagieren?

AG: Abgesehen von den bereits genannten Möglichkeiten, wäre es mir wichtig, Kunst mehr in der Bevölkerung zu verankern. Das kann zuerst einmal durch besseren Kunstunterricht erreicht werden. Dazu gehört u.a. die Wertschätzung als gleichwertiges Unterrichtsfach mit gut ausgebildeten LehrerInnen, sowohl in der Praxis als auch in der Theorie. Ab und an mal ein Museumsbesuch ist sicher auch gut. Kinder gehen oft viel ungezwungener mit Kunst um und wenn sie diesen früh lernen, wird sich das ins Erwachsenendasein weitertragen.
In anderen Europäischen Ländern, gibt es darüber hinaus Initiativen, wie z.B. freien Museumeintritt an bestimmten Tagen. In Frankreich gibt es den Kulturpass für junge Menschen. Buch–, Musikkäufe genauso wie Eintritte in Kino und Museen werden dadurch unterstützt. Wie das Pilotprojekt gezeigt hat, laden sich die Jugendlichen dann nicht nur Musik herunter, sondern gehen durchaus auch mal in eine Ausstellung.

SB: Am Zoom–Meeting haben auch Fans des wichtigsten Breitensports in Deutschland, dem Fußball, teilgenommen. Jemand hat auch gleich auf das Fußball–Museum von St. Pauli in Hamburg hingewiesen. Welche Gemeinsamkeiten, Unterschiede und vielleicht sogar Synergien gibt es zwischen einem Breitensport wie dem Fußball und der Kunst?

AG: Fußballspiele werden ausgiebig übertragen. Häufig beenden die aktuellsten Fußballergebnisse die Tagesschau. Hingegen sind Meldungen über Bildende Kunst allenfalls Randnotizen und beziehen sich nur auf Blockbuster–Events. Kultursendungen werden zu Zeiten ausgestrahlt, an denen »normale« Werktätige längst schlafen müssten.
Es wäre schön, wenn sich das ein wenig zu Gunsten der Kunst ändern könnte. Warum sollte denn nicht regelmäßig in den Nachrichten eine aktuelle Ausstellung vorgestellt werden und damit Lust auf den Besuch machen? Vielleicht wäre ja auch eine Idee an einem Tag in der Woche einen Künstler oder eine Künstlerin, ganz gleich ob zeitgenössisch oder bereits Verstorben vorzustellen. Ein guter Anlass wäre zum Beispiel der Geburtstag des Künstlers.
Im Übrigen ist es kein Ausschlusskriterium, Fußballfan zu sein und sich gleichzeitig für Kunst zu interessieren oder auch KünstlerIn zu sein!
Ich kenne mehrere KunsthistorikerInnen, die sich, für diesen Sport begeistern. Das MAMbo [Museo d’Arte Moderna di Bologna] hat sogar einen eigenen Fan–Schal in den Farben des FC Bologna. In der großen Sommerausstellung 2018 »That’s IT!« gab es gleich zwei Arbeiten, die sich mit diesem Sport auseinandersetzten: der Wandteppich »A Great Loss« von Angelo Licciardello & Francesco Tagliavia und das Video–Spiel »Emozioni Mondiali« des Duos »The Cool Couple«, bei dem künstlerische Bewegungen wie zum Beispiel die Futuristen gegen Dada antreten konnten. Es geht ja auch darum, dass sich die BetrachterInnen mit den Inhalten identifizieren können und Emotionen geweckt werden.
Es gibt da also eine gemeinsame Schnittmenge, die ausbaufähig sein könnte. Ebenso berühren sich verschiedenste kulturelle Ausdrucksformen. Wenn ich junge Menschen ins Museum »locken« will, kann das ja auch einmal durch einen DJ–Abend während der White Night wie hier im MAMbo passieren. Wenn sie sich dann zwischendurch auch noch die aktuelle Ausstellung ansehen, umso besser.


Kirsten Klöckner (*1962)
studierte Bildhauerei an der Kunstakademie Münster.
1990 eröffnete sie die Edition Klöckner in Düsseldorf. Neben ihren eigenen Arbeiten vertreibt sie Grafiken und Multiple unter anderem von A.R. Penck, Sigmar Polke und Klaus Staeck (als Gemälde, Druckgrafik oder Postkarte). Darüber hinaus veröffentlicht die Künstlerin Bücher über ihre eigenen Projekte.
Seit 2014 arbeitet sie an ihrem »Wunschprogramm« bei dem das Publikum dazu aufgefordert ist, Wünsche zu äußern, die sie dann bildnerisch umsetzt. Dazu ist sie auch in den Sozialen Medien aktiv und hält so auch während der Pandemie Kontakt zur breiten Öffentlichkeit.
Seit 2001 lebt und arbeitet Kirsten Klöckner in Berlin.

www.edition–kloeckner.info

Astrid Gallinat (*1966)
studierte Kunstgeschichte an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf sowie Politikwissenschaften an der Université Nice Sophia Antipolis.
2006–2013 war sie Vorsitzende des französischen Vereins ARTIFICIALIS, der Projekte im öffentlichen Raum initiierte und unterstützte.
Seit 2015 schreibt sie auf ihrer Webseite über zeitgenössische Kunst.
Astrid Gallinat lebt und arbeitet in Bologna/Italien.

www.artificialis.eu

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