Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst im Saarland August/September 2014

Sommerloch? Aber garantiert nicht im Saarland! Denn die saarländischen Museen und Galerien bieten auch im August und im September 2014 abwechslungsreiche und absolut sehenswerte Ausstellungen. Verena Paul hat Ihnen ein paar Kunstschmankerl zusammengestellt.

Kunst im Saarland
Kunst im Saarland

Schloss Fellenberg in Merzig zeigt vom 9. August bis 21. September 2014 in der Ausstellung »Tront Christopei – Neue Arbeiten« die Werke des Merziger Künstlers Tront Christopei. Malen ist seine Lebensbeschäftigung. Gleichgültig welches Thema, in welcher Technik oder welches Format: Der Künstler zeigt sich experimentierfreudig und seiner Arbeit intensiv verbunden. Insofern darf man gespannt sein, was die Präsentation an Überraschungen bereithält.

Mit »Euphorie und Untergang – Künstlerschicksale im Ersten Weltkrieg« erinnert die Moderne Galerie des Saarlandmuseums bis 28. September mit rund 80 Gemälden, Arbeiten auf Papier und Skulpturen an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der sich dieses Jahr zum 100. Mal jährt. Zahlreiche Künstler teilten die allgemeine Euphorie bei Kriegsbeginn und waren direkt betroffen vom Untergang der alten Ordnungen, die der Krieg europaweit bewirkte: Schon 1913 schuf Ludwig Meidner seine seismographischen »Apokalyptischen Landschaften«, Albert Weisgerber fiel 1915 in Flandern, Käthe Kollwitz verlor ihren jüngsten Sohn Peter, Beckmann und Ernst Ludwig Kirchner erlitten auf den Schlachtfeldern einen Nervenzusammenbruch. Die Ausstellung thematisiert Schicksale bedeutender Künstler während der Kriegsjahre und spürt der Frage nach, auf welche Weise die existentiellen Erfahrungen ihre künstlerischen Werke prägten. Eine empfehlenswerte Ausstellung, die auch durch das filmische Rahmenprogramm sowie eine Exkursion und eine Lesung spannend ergänzt wird!

Begleitend zur Präsentation des Saarlandmuseums widmet sich das Deutsche Zeitungsmuseum bis 19. Oktober 2014 in der Sonderausstellung »Euphorie und Untergang - Im Trommelfeuer der Schlagzeilen: Der Erste Weltkrieg« in der Saarbrücker Schlosskirche dem Ersten Weltkrieg. Anhand zahlreicher Originalzeugnisse wie Zeitungen oder Extrablättern werden vor allem die letzten Friedens- und die ersten Kriegstage im Sommer 1914 präzise dokumentiert. Darüber hinaus thematisiert die Ausstellung den für den Ersten Weltkrieg so charakteristischen Stellungskrieg und das Leben der Soldaten in den Gräben, indem Schützengraben-Zeitungen einen Einblick in den Frontalltag geben und originale Ausrüstungsgegenstände das Leben an der Front veranschaulichen. Die Präsentation beschäftigt sich aber auch mit der Reaktion des deutschen Bildungsbürgertums auf den Krieg. Kriegskritische und kriegsbegeisterte Stimmen werden einander gegenübergestellt und die Verarbeitung des Krieges in der Literatur vermittelt. Kritisch wird die Rolle jener Intellektuellen beleuchtet, die durch ihre kriegsaffirmative Haltung zur Herausbildung des Mythos um den »Geist von 1914« beigetragen haben, demzufolge das deutsche Volk geschlossen und freudig in den Krieg gezogen sei. Ergänzt wird die Ausstellung durch zeitgenössische Karikaturen, sowohl aus Deutschland als auch aus anderen europäischen Ländern, die von den kursierenden stereotypen Feindbildern zeugen. Nicht zuletzt thematisiert die Ausstellung das Schicksal eines einfachen Frontsoldaten exemplarisch anhand des Lebens eines saarländischen Bergmannes. Prädikat: Sehenswert!

Bis 9. November 2014 ist in der Alten Sammlung des Saarlandmuseums die Ausstellung »Andrea Gritti und die Rettung Venedigs - Ein europäischer Krieg am Beginn der Neuzeit« zu sehen. 1509 befreite der Doge Andrea Gritti (1455-1538) Padua, das von deutschen Landsknechten besetzt war und rettete damit die gesamte Seerepublik. Diese herausragende Episode aus der Geschichte Venedigs illustrieren elf großformatige, venezianische Wandfriese aus dem 16.Jahrhundert, die erstmals seit Jahrzehnten wieder zusammengeführt werden konnten. Begleitet werden sie von altdeutscher Druckgrafik, die sich mit dem Thema aus Sicht des Gegners befasst. Fazit: Eines Besuches wert!

Die Stadtgalerie Saarbrücken zeigt noch bis 28. September 2014 in ihrer nachdenklich stimmenden Ausstellung »Nach der Natur« die Arbeiten von Regula Dettwiler, Gabriela Gerber und Lukas Bardill sowie Ursula Palla. Wenn die Geschichte der Natur, die Benennung ihrer Flora und Fauna als menschlicher Versuch verstanden wird, das »Chaos« der Natur zu ordnen, zu begreifen, zu definieren und damit beherrschbar zu machen, dann stellt sich die Frage: Erscheint nicht alles, was wir an Natur wahrnehmen, bereits als unsere Projektion respektive Konstruktion von einer natürlichen Welt? Daher erstaunt es nicht, dass in jüngster Zeit Künstlerinnen und Künstler diese Natur und ihre Repräsentation kritisch reflektieren. Denn die Debatten um Gentechnik, Entfremdung und Verlust von Natur sind hochaktuell. So konfrontiert Regula Dettwiler die BesucherInnen beispielsweise in ihren altmeisterlichen Pflanzenzeichnungen und Collagen mit einer künstlichen Flora, die das Verschwinden des realen Artenreichtums verdeckt. Ursula Palla dagegen macht mit ihren interaktiven Installationen und Videos die Auflösung und Rekonstruktion natürlicher Landschaften bewusst. Das Künstlerpaar Gabriela Gerber und Lukas Bardill widmet sich in der raumgreifenden Video-Installation »Dornröschen« dem Verhältnis von Mensch und Natur, Zeit und Raum sowie der Konstruiertheit natürlicher Wachstumsprozesse. Eine wunderbare Werkschau, die ich Ihnen sehr gerne empfehlen möchte!

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Bis zum 7. September 2014 präsentiert das Saarländische Künstlerhaus in der Galerie und im Studio die Ausstellung »Regards sans limites / Blicke ohne Grenzen #2«, die die Fotografien der vier Preisträger des bereits zum zweiten Mal vergebenen Stipendiums zur Förderung junger Fotografie in der Region vereint. Die Lothringer Künstler Delphine Gatinois, Sylvie Guillaume, Guillaume Greff und der Luxemburger Fotograf Mike Bourscheid erhielten künstlerische, technische und finanzielle Unterstützung zur Umsetzung ihrer Arbeiten. Aus fünfzig Einreichungen wurden die vier Fotografen von einer Fachjury ausgewählt. Die von Eric Didym kuratierte Gruppenausstellung ist bis zum Frühjahr 2015 an unterschiedlichen Orten der grenzüberschreitenden Großregion zu sehen sein. Sie belegt die eigenständigen Blicke und Handschriften der vier Künstlerinnen und Künstler.

Parallel dazu ist im Studioblau des Saarländischen Künstlerhauses unter dem Titel »Abode of Vacancy« die Videoinstallation der kroatischen Künstlerin Tanja Deman zu sehen. Das Video zeigt eine Reihe architektonischer Orte in Form von Tableaus aus bewegten Bildern, wobei jedes Tableau reale und surreale leere Räume in der Natur und der modernen Stadt repräsentiert. Tanja Deman konstruiert Bilder verlagerter Gebäude und Landschaften und transformiert so dokumentarisch anmutende Bilder in fiktionale Räume. Dabei entsteht ein modernes Konzept kollektiver Räume, die im Widerspruch zu spezifischen Räumen stehen. Wer also Saarbrücken besucht, der sollte die Ausstellungen im Saarländischen Künstlerhaus unbedingt einplanen!

Das Museum Haus Ludwig Saarlouis präsentiert im Atelier vom 10. bis 31. August 2014 die Ausstellung »warumnICHt« mit rund 50 Arbeiten des saarländischen Künstlers Peter Köcher. Bereits seit 2010 arbeitet Köcher an dem Installationsprojekt »Kunstbevölkerung«, bestehend aus einer rasch wachsenden Population lebensgroßer, weißer Figuren. Dank durchsichtiger Schläuche können die im urbanen oder im ländlichen Raum, an sakralen oder profanen Bauten, innen wie außen angebracht werden. Die Interaktion zwischen den Körpern und ihrem Umfeld unterliegt wird also stets neu ausgelotet, aber dabei steht noch vor der Wechselwirkung zwischen Objekt und Umgebung eher die »Ästhetik der zwischenmenschlichen Beziehungen« im Fokus. Damit lotet Köcher die Kontakte zwischen Kunst und Politik neu aus und will dazu anregen, die Frage nach der gesellschaftlichen der Bedeutung von Kunst neu zu formulieren. Neben den Installationen sind zudem materialexperimentelle, farbintensive Werke zu sehe Eine Ausstellung, auf die ich mich schon sehr freue!

2014, im »Europäischen Erinnerungsjahr«, das bundesweit begangen wird, steht das Museum St. Wendel im Herbst ganz im Zeichen des Friedens: Der Verein »Europäische Skulpturenstraße des Friedens«, das Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes und das Museum warten in den Monaten September und Oktober mit Aktionen rund um die Skulpturenstraße statt, die als Zeichen der Völkerverständigung gedacht ist. Seit Jahrzehnten wird daran unermüdlich gearbeitet. Mittlerweile stehen auf einer Länge von 5.500 km fast 500 Skulpturen. Im Mia-Münster-Haus finden daher vom 31. August bis 2. November unter dem Titel »500 Skulpturen für den Frieden – 5.500 km quer durch Europa« Filmvorführungen, Konzerte, Performances, Lesungen, Vorträge und Gesprächsrunden mit einzelnen Künstlern/innen statt, in denen der Prozess der Realisation der Skulpturenstraße rekapituliert wird. Veranstaltungen, auf die sich Jung und Alt freuen dürfen!

»Sichtbare Dinge können unsichtbar sein. Wenn jemand ein Pferd durch den Wald reitet, dann sieht man sie zuerst, dann wieder nicht, aber man weiß, dass sie da sind. In der ›Blankovollmacht‹ verbirgt die Reiterin die Bäume, und die Bäume verbergen sie. Aber unser Denken umfasst beides, das Sichtbare und das Unsichtbare. Und ich benutze die Malerei um das Denken sichtbar zu machen«, äußerte René Magritte. Und genau darum geht es doch auch bei unseren Ausstellungsbesuchen: Sowohl das Sichtbare als auch das Unsichtbare zu erkunden, die Übergänge zu entdecken, sich des Verborgenen bewusst zu werden, es zu reflektieren und dabei der Kunst (vielleicht auch sich selbst?) näher zu kommen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen beim Besuchen der Ausstellungen in den saarländischen Museen und Galerien Horizonterweiterung, Gedankenanstöße, Sinnengenuss oder kurz gesagt: viel Vergnügen! Ihre Verena Paul