Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst im Saarland Februar/März 2013

Während der Winter das Saarland noch fest in seiner eisernen Hand umklammert hält, laden die saarländischen Galerien und Museen im Februar und März 2013 die BesucherInnen zu farbentrunkenen, phantastischen und experimentierfreudigen Präsentationen ein. Verena Paul hat Ihnen ihre persönlichen Ausstellungshöhepunkte zusammengestellt.

Kunst im Saarland
Kunst im Saarland

Im Westen viel Neues

Die Produzentengalerie Köcher in Bexbach präsentiert noch bis 23. Februar 2013 in ihrer Jahresausstellung die Arbeiten von fünf international erfolgreichen Künstlern. Neben dem Hausherrn Peter Köcher sind dies Brunhilde Gierend, Schmal, Herbert Hofer und Gerhard Fassel. Während Köcher sein großangelegtes, gesellschaftskritisches Installationsprojekt »Kunstbevölkerung« weiterentwickelt und sich in seinen aktuellen Bildobjekten der dritten Dimension annähert, rückt Gierend Farb-, Form- und Materialexperimente ins Zentrum ihrer Malerei. In den Arbeiten des in Frankreich lebenden Schmal steht das Thema des ›Verletzens‹ respektive ›Verletztwerdens‹ im Fokus. Groteske, monströse sowie märchenhafte Gestalten und Tiere, die von Blumen, Wortfetzen, Zahlenkombinationen oder Schachbrettmustern umgeben sind, entblößen die Abgründe der menschlichen Seele in einer beeindruckenden Radikalität. Entschleunigend wirken demgegenüber die Arbeiten Hofers, denn der österreichische Künstler erkundet in seinen monochromen Wandobjekten aus Aluminium Raum, Zeit, Form und Licht. Fassel konzentriert sich in seiner Malerei auf die Bewegungsabläufe von Figuren und löst diese schließlich in den sie umgebenden markanten Farbfeldern aus kräftigen Erdtönen und Silber auf. Obgleich die Sujets, Techniken und künstlerischen Zielsetzungen der fünf Künstler stark divergieren, konzentriert sich die Ausstellung auf die zahlreichen Schnittmengen, die belegen, wie ›dialogfähig‹ Kunst sein kann – sein soll. Eine absolut sehenswerte Präsentation!

Vom 27. Januar bis 7. April 2013 präsentiert die Städtische Galerie Neunkirchen mit »4 colours 4 rooms« die Werke von Susanne Stähli. Ihre Farbmalerei ist an keine Darstellungsfunktion gebunden, sondern zielt allein auf die Realisierung von Farbe im Raum. Durch das reiche Spektrum feinster Ton- und Helligkeitsabstufungen entfaltet Stähli eine außergewöhnliche Leuchtkraft und faszinierende Tiefe. Für die Ausstellung in der Städtischen Galerie Neunkirchen hat die Künstlerin nun ein Raumkonzept erarbeitet, das die Farbe als umfassendes sinnliches Erlebnis inszeniert. Bereits die Fassade der Galerie hat ein neues Gesicht erhalten, indem die Fenster in kraftvollen Farben erstrahlen. Im Inneren folgt Susanne Stähli einer »farbatmosphärischen Anordnung«, nach der jeder Raum eine der Grundfarben Blau, Grün, Gelb und Rot repräsentiert. Durch die Kombination von gemalter Farbe auf Leinwand mit durchleuchteten Farbfolien und transparenter Tuschemalerei auf den Glasflächen der Fenster entstehen begehbare Farbräume, die im wechselnden Tageslicht immer wieder neu erlebt werden können. Ein Ausstellungserlebnis, auf das ich schon sehr gespannt bin!

In der Ausstellung »Phantastische Reise« zeigt die Galerie des Künstlerkreises Neunkirchen vom 26. Januar bis 31. März 2013 Malerei von Roland Schmitt und Keramik von Hannelore Seiffert. Während die im Stil des phantastischen Realismus gearbeiteten Bilder Schmitts den Betrachter zur Erkundung geheimnisvoller Seelenräume einladen, erschaffen Seifferts Keramiken durch ihre geschmeidigen Formverläufe fragile mediterrane Insellandschaften.

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Die Ausstellung »Saarland – Kunst der 50er Jahre«, die bis 7. April 2013 in der Modernen Galerie des Saarlandmuseums zu sehen ist, bietet in 29 Künstlerpositionen einen Überblick über die aufregende Aufbruchszeit der Bildenden Kunst im Saarland. Vertreter des Saarländischen Künstlerbundes, Professoren der »Staatlichen Schule für Kunst und Handwerk« sowie die Mitglieder der »neuen gruppe saar« unter der Ägide von Boris Kleint entfalteten ein reges, maßgeblich vom Austausch mit dem französischen Nachbarn geprägtes kulturelles Leben. Internationalen Widerhall fanden besonders die von Otto Steinert in Saarbrücken initiierte Richtung der »subjektiven Fotografie« sowie die Werke von Oskar Holweck und Leo Erb. Das Saarlandmuseum unter der Leitung von Rudolf Bornschein stellte seine Sammlung bedeutender Werke des 19. und 20. Jahrhunderts zusammen. Entfalten konnte sich dieses vielfältige kulturelle Leben vor dem Hintergrund einer politisch und gesellschaftlich bewegenden Zeit im autonom gewordenen Saarland. Die mit staatlicher Hilfe gewährten Paris-Stipendien und ein vom französischen Staat gefördertes kulturelles Leben forcierten länderübergreifende Begegnungen deutscher und französischer Kultur. Auf diese Weise entstand auf Basis der französischen und deutschen Vorkriegsmoderne eine bemerkenswerte Avantgardebewegung. Eine spannende Präsentation!

Im Dialog mit dem Saarlandmuseum entstand die Ausstellung »Eberhard Bosslet – Dingsda«, die bis 20. Mai 2013 zu sehen ist. Neun Großinstallationen mit 30 Einzelprojekten an sechs Orten in drei Museen der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz: in der Modernen Galerie, in der Alten Sammlung – Schlosskirche sowie im sogenannten Vierten Pavillon, der für Besucher 2012/13 noch nicht begehbar ist. Eberhard Bosslet macht wie kein anderer das industrielle Bauen, seine baulichen Zustände sowie die mit dem Bauen zusammenhängenden Situationen, aber auch seine Materialien, Formen und Wirkungen zum Ziel und Gegenstand seiner Gestaltung. Alle Installationen wurden vom Künstler für die spezifischen Räumlichkeiten konzipiert und vor Ort realisiert und entsprechen insofern dem künstlerischen Konzept, anlassbezogene Arbeiten zu schaffen, die in den genealogischen Reihen seiner Werkgruppen verwurzelt sind. In sechs dieser Gruppen präsentiert sich eine imponierende Ausstellung im Saarlandmuseum, die eine herausragende Position der Gegenwartskunst erlebbar macht.

Bis 16. Juni 2013 ist in der Alten Sammlung des Saarlandmuseum die Ausstellung »Katharina Kest – Gänsegretel, Mätresse, Herzogin« zu bestaunen. Das »Grüne Kabinett« ist für Saarbrückens Geschichte ein schillerndes Artefakt, das bis 1788 Teil des Stadtpalais‘ der Katharina Kest war. Sie besitzt eine bis heute andauernde Popularität, avancierte sie doch vom Bauernmädchen zur Mätresse und späteren Gattin des Fürsten Ludwig von Nassau-Saarbrücken. Das Stadtpalais sowie das Zimmer befanden sich ursprünglich im Gebäude der Saarbrücker Wilhelm-Heinrich-Straße Nr. 6. Später, wo um 1852 Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I, in seiner Funktion als Generalgouverneur der preußischen Rheinprovinzen logierte. 1908 wurde es an das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld verkauft, vier Jahre später, 1912, erfolgte der Einbau in das Museum. Seit 2012 befindet sich das Zimmer wieder in Saarbrücken und ist Eigentum des Saarlandmuseums. Neben dem nunmehr restaurierten Kabinett sind an die 85 Exponate zu sehen, wie Briefe, Urkunden, Gemälde und Zeichnungen, die nicht nur die historische Person der Reichsgräfin beleuchten, sondern auch ihr Umfeld.

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Mit »Ganz oben rückwärts um die Ecke« zeigt das Saarländische Künstlerhaus in seiner Galerie vom 24. Januar bis 24. Februar die neuesten Werke von Anja Luithle. Neben großformatigen Linoldrucken sind täuschend echt wirkende Objekte aus bemaltem Gießharz und eine komplexe kinetische Rauminstallation zu sehen. Dinge, die zunächst scheinbar einfach daherkommen, lassen bei näherer Betrachtung Tief- und Abgründiges erblicken. Kernstück der Ausstellung ist eine dreiteilige, raumgreifende Maschine. Die 18 Schilder des kinetischen »Wortbaumes« drehen sich um die eigenen Achsen und zeigen auf allen Seiten von Hand gemalte Begriffe und Satzfragmente. Die Denkrichtungen der Schilder sind vielseitig und so ergeben sich insgesamt 36 hoch 35 Wortkombinationen, sodass neue Ideen und Gedankenbilder entstehen und mit der nächsten Drehung auch wieder vergehen können.

Parallel zur Ausstellung in der Galerie zeigt das Saarländische Künstlerhaus im Studio mit »Volle Leere« die Arbeiten Ki Youn Kims. In ihren schwarz-weißen Zeichnungen erarbeitet die Künstlerin eine Bildfindung, die an einer realistischen Darstellung orientiert ist. Durch den Prozess des Zeichnens werden schließlich bildnerische Vorgänge und Bestandteile sowie deren Wahrnehmung thematisiert, wobei Aussparungen eine optische Wirkung von Nähe evozieren. Formen, die nur durch den anschließenden Umraum definiert sind, rücken in den Vordergrund. Dergestalt entsteht eine »volle Leere«, die die Aufmerksamkeit auch auf die Qualität des eigentlich Unsichtbaren lenkt.

Gisela Zimmermann verwandelt das Studioblau im Saarländischen Künstlerhaus in einen FarbLichtRaum. Dabei transportiert sie Bilder unter Verwendung digitaler Medien über die Materialität hinaus ins Immaterielle, indem Details beleuchtet, vergrößert und projiziert werden. Ausgangspunkt der digitalen Transformation ist Zimmermanns expressive, großformatige Malerei, aus der sie Details fotografiert und anschließend in eine Animation umwandelt. »Die Begegnung des Betrachters mit dem Bild verstehe ich – ebenso wie die Begegnung des Malers mit Farbe und Material im Malakt«, erklärt die Künstlerin, »als Ereignis in einem ZeitRaum, das sich auf vielen Wahrnehmungsebenen abspielt und inszeniert werden kann.«

Am Saarbrücker Schlossplatz präsentiert das Saarlandmuseum bis 31. Dezember 2013 die Lichtinstallation »Gelb Rot Blau« des Künstlers Michael Seyl. Mit dieser Arbeit lotet der Künstler das Phänomen des farbigen Lichts aus, wie es im Innern der Saarbrücker Schlosskirche mit ihren prägnanten Meistermann-Fenstern zu erleben ist. Durch die Illuminationen der Fassaden des Museumsgebäudes am Schlossplatz ermöglicht Seyl einen neuen Blick auf das vermeintlich vertraute Gebäude. Ist der Zyklus der Glasfenster gemeinhin – im Innenraum – in seiner Gesamtheit erlebbar, so rückt die Lichtinstallation das einzelne Kunstwerk in der nächtlichen Außenansicht in den Blickpunkt des Betrachters. Übrigens gibt es hier eine spannende Verbindung zu der aktuellen Ausstellung in der Städtischen Galerie Neunkirchen sowie zur Ausstellung im Studioblau des Saarländischen Künstlerhauses!

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In der Ausstellung »FEIN SORTIERT – aus den Werksätzen 2000 bis 2012«, die vom 27. Januar bis 10. März 2013 im Stadtmuseum St. Wendel zu sehen ist, wird ein Einblick in den jüngsten Schaffensprozess Dietmar Bingers gegeben. Riesige »Fotopuzzel« – in kleine Quadrate geteilte Großfotografien – laden zu einer spannenden Wahrnehmungsüberprüfung ein. Kann man aus der Distanz das eigentliche Motiv noch entschlüsseln, zerfällt es beim Nähertreten in kleine Bruchstücke. Im Zuge dessen öffnet sich unser Blick für Details, die man im Alltag so nicht wahrnimmt. Eine Schau, auf die ich mich schon sehr freue!

Mit »Allen Jones – Off the Wall. Pop Art 1957-2009« setzt das Weltkulturerbe Völklinger Hütte seine Ausstellungsreihe zur Pop Art fort. Bis 16. Juni 2013 können Besucher den Weg von der (Lein-)Wand in den Raum beobachten – Off the Wall: vom zweidimensionalen Gemälde zur dritten Dimension in der Kunst, der Skulptur, dem Objekt. Es ist die leitmotivische Orientierung in den Arbeiten des britischen Künstlers Allen Jones, wobei im Titel zugleich die Abwendung von traditionell in der Kunst verwendeten Materialien und Formaten mitschwingt.

Das Deutsche Zeitungsmuseum Wadgassen zeigt bis 24. März 2013 die Sonderausstellung »News«. In einer abwechslungsreichen Präsentation werden grundlegende Fragen zum Thema Nachrichten beantwortet: Mit welchen technischen Hilfsmitteln wurden und werden etwa Nachrichten übermittelt? Wie und warum werden Nachrichten manipuliert? Wer sind die Macher des Nachrichtengeschäfts? Wie haben Radio und Fernsehen über epochale Ereignisse wie zum Beispiel die Fußball-WM 1954 oder die Mondlandung 1969 berichtet? Doch es geht nicht nur um die verschiedenen Formen der Nachrichtenübermittlung, sondern auch um berühmte Reporterpersönlichkeiten. Darüber hinaus sind wertvolle Originalzeitungen, die über weltbewegende Ereignisse berichteten, zu sehen.

»Die Wirklichkeit der Kunst beginnt in den Augen des Betrachters und erlangt Kraft durch Phantasie, Erfindungsgabe und Konfrontation«, so Keith Haring. Ein ganz wunderbarer Satz, der die vielfältigen Möglichkeiten von Kunst offenlegt und uns bei jedem Ausstellungsbesuch begleiten sollte. Insofern wünsche ich Ihnen nun viel Freude beim Erkunden der saarländischen Kunstlandschaft! Ihre Verena Paul