Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst im Saarland Februar und März 2012

Obwohl gegenwärtig im Saarland kulturpolitisch viel Diskussionsbedarf besteht, zeugen hochrangige Ausstellungen in Galerien und Museen vom kulturellen Potential des von französischem Charme geprägten Bundeslandes. Unsere Autorin Verena Paul hat Ihnen einige Highlights zusammengestellt.

Kunst im Saarland
Kunst im Saarland

Im Westen viel Neues

Peter Köcher führt in der Produzentengalerie Köcher in Bexbach sein Projekt der Kunststoffbildobjekte weiter und zeigt gemeinsam mit den beiden Künstlerkollegen Gerhard Fassel und Herbert Hofer bis 25. Februar 2012 seine »Kunstbevölkerung«, die den Innen- und Außenraum der Galerie bewohnt. Eine sich stets weiterentwickelnde Werkpräsentation, die ich uneingeschränkt empfehlen kann!

Die galerie m beck in Homburg/Schwarzenacker zeigt bis 9. März 2012 in der Parallelausstellung »Erinnern = Orientieren | Bezeichnen = Desorietieren« die Arbeiten von Burghard Müller-Dannhausen und Thomas Rösch. Jochen Ludwig zählt Müller-Dannhausens Werk »zu den wichtigsten Äußerungen der ungegenständlichen Kunst in Deutschland heute. Sein Thema«, erläutert Ludwig weiter, »ist die Untersuchung von Farbe und Licht, eine malerische Grundlagenforschung, die sich konkret-konstruktiver Elemente als Formenvorrat bedient, ohne sich eindeutig stilistisch zuordnen zu lassen.« Dabei setze sich der Künstler kontinuierlich mit der Frage auseinander, »wie sich bildnerische Erscheinungen behaupten können, was eigentlich Wahrnehmung ästhetisch und gesellschaftlich vermag und was sie braucht in einer Welt komplexester visueller Anforderungen.« Reflektionen zu ästhetischer Gestaltung und Wirkung von Kunst in einer medial übersättigten Welt stellt auch Thomas Rösch an. Seine Arbeiten sind geprägt von gesellschaftlichen Fragestellungen und beseelt von dem Wunsch nach Wirkkraft. Kunst – und damit steht Rösch fraglos in der langen Traditionslinie der Moderne – soll sowohl durch formale Gestaltung als auch inhaltliche Aussagekraft überzeugen. Eingebunden in dieses Spannungsverhältnis wirken seine Werke nicht selten verstörend und sind dabei doch so aufrichtig, dass der Betrachter getroffen ist und gezwungen wird, gesellschaftliche Schieflagen kritisch zu überdenken. Folglich erwartet den Galeriebesucher ein spannendes künstlerisches Wechselspiel, das es zu ergründen gilt!

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Bis 11. März 2012 präsentiert die Städtische Galerie Neunkirchen mit »take your time« die Malerei von Arvid Boecker. Der Heidelberger Künstler arbeitet abstrakt und ist nicht am Abbild der Dinge interessiert, weist aber mit seinen Werken über den reinen Selbstbezug gegenstandsfreier Kunst hinaus. Boecker orientiert seine jüngsten Arbeiten am umgebenden Raum und setzt seine Farbfeldmalerei in Bezug zum konkreten Ort. Für die Räume der Städtischen Galerie Neunkirchen hat er im Jahr 2011 rund 40 Bilder geschaffen, die nun zu Bausteinen eines räumlichen Gesamtkonzeptes werden. Durch malerische und plastische Eingriffe, wie Wandmalereien, Bodenelemente oder eigens angefertigte Sitzmöbel, stellt Boecker subtile Verknüpfungen zwischen den Bildern und der Architektur her. Dabei thematisiert er grundlegende Fragestellungen im Verhältnis zwischen Bild und Betrachter: Wie nehme ich ein Bild wahr und wie kann ich durch Veränderung des Bildumfeldes die Wahrnehmung beeinflussen? Ein anregendes Ausstellungskonzept, auf das ich schon sehr gespannt bin!

Noch bis 11. Februar 2012 sind in der Galerie des Künstlerkreises Neunkirchen die Zeichnungen Walter Bernsteins (1901-1981) zu sehen. Mit »Walter Bernstein – Der Zeichner« wird ein weithin unbekannter Werkteil gewürdigt, der sich durch künstlerisch überzeugende Ausführung ebenso auszeichnet, wie durch ein verblüffendes Einfühlungsvermögen in Gegenstände und Personen. Sie dürfen sich auf rund 50 Zeichnungen und Skizzen freuen, die erstmals zusammenhängend der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden und die einer genauen Betrachtung lohnen!

Das Saarländische Künstlerhaus in Saarbrücken zeigt bis 18. März 2012 in der Galerie unter dem Titel »Le bien et le mal« die Malerei des 1943 in Saarbrücken geborenen Künstlers Till Neu. In seinen aktuellen Arbeiten verwandelt sich individuelles Erleben zu großformatigen Bilderzählungen, aus denen wir den Facettenreichtum des Lebens herauslesen können. Im Studio des Saarländischen Künstlerhauses schöpft die in Stuttgart lebende Künstlerin Julia Wenz für ihre kartografisch inspirierten Objekte, Installationen und Bilder aus dem grafischen Fundus von Landkarten und Stadtplänen. Sie spürt in ihrer Installation »Koordinaten« abstrakten Linien- und Formverläufen von natürlicher Topografie und Kulturlandschaften nach, wobei sich die Formensprache von ihrem ursprünglichen Trägermaterial löst und auf Plastiktüten, Bierdeckel oder Röntgenaufnahmen neu verortet wird. Im studioblau des Saarländischen Künstlerhauses zeigt schließlich das belgische Künstlerpaar Katleen Vermeir und Ronny Heiremans ihren Beitrag für die Videonale13. Im Video »The Good life (a guided tour)« entwerfen sie ein Zukunftsszenario, in dem eine Kunstinstitution das eigene Haus verkaufen will, damit es in Luxuswohnungen umgebaut wird. Drei spannende Ausstellungen, die bei einem Besuch in Saarbrücken unbedingt eingeplant werden sollten!

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Bis 15. April 2012 zeigt das Saarlandmuseum in Saarbrücken mit »Sterben für die Unsterblichkeit« Radierungen, Lithografien und eine eigenhändige Zeichnung, insgesamt 52 Meisterwerke, des belgischen Künstlers James Ensor, die zum Teil schon in den 1920er Jahren für die Sammlungen des ehemaligen Staatlichen Museums in Saarbrücken erworben wurden. Seine radikale Modernität artikuliert sich in der Wahl der Themen, die auch heute noch verwundern und schockieren können. Seine Bilder maskierter Menschenmassen, die sich dem Betrachter entgegen drängen, sind angefüllt mit ebenso kritischen wie spöttischen Kommentaren zu seiner sozialen und kulturellen Umgebung. Zudem bringen sie den schwarzen Humor des Künstlers zum Ausdruck und verbinden gleichzeitig seine Gegenwart mit einer künstlerischen Tradition. So findet man künstlerische Bezüge zu Rembrandt wie auch zu Hieronymus Bosch und Pieter Brueghel dem Älteren. Sie werden einerseits sichtbar in den ungeschönten Darstellungen niederer Volkstypen und andererseits in Visionen kaum denkbarer Höllen. Der Tod ist ein steter Besucher seiner Bilder, man möchte fast sagen ein guter Freund des Künstlers. So ist er als Sensenmann, Mordopfer oder Skelett – mit oder ohne Zylinder – in zahlreichen Motiven präsent. Mindestens ebenso oft begegnet dem Betrachter Christus als lichtumgebene Erlöserfigur.

Obzwar der Frühling noch etwas auf sich warten lässt, möchte ich dennoch nicht versäumen, Sie bereits jetzt auf die »Straße der Skulpturen« aufmerksam zu machen. Sie wurde im Jahr 1971 von dem saarländischen Bildhauer Leo Kornbrust initiiert und führt von Sankt Wendel bis zum Bostalsee. Inzwischen haben fast 60 Skulpturen entlang des circa 25 km langen Teilstücks des Saarland-Rundwanderwegs ihren Platz gefunden. Diese Werke, die mit der Landschaft auf beeindruckende Weise verschmelzen, sind jedoch nicht nur eine Augenweide, sondern auch kleine Mahnmale. Schließlich ist die »Straße der Skulpturen« dem von den Nationalsozialisten ermordeten deutsch-jüdischen Bildhauer und Maler Otto Freundlich gewidmet, der bereits in den 1930er Jahren die Idee zu einer die Völker verbindenden Skulpturenstraße entwickelte. Bei schönem Wetter ist die »Straße der Skulpturen« ein wunderbares Ausflugsziel, wobei nicht nur die Skulpturen, sondern auch der Reiz der saarländischen Landschaft entdeckt werden kann!

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte zeigt bis 9. April 2012 in der Ausstellung »Asterix & Die Kelten« 128 Zeichnungen und Szenarien der Asterix-Väter René Goscinny und Albert Uderzo. Dabei erwacht in der Gebläsehalle der Mythos um das kleine gallische Dorf mit seinen unbeugsamen Bewohnern zu neuem Leben. Für die Besucher, die dieses ‚Dorf‘ betreten, entwickelt sich eine fesselnde Entdeckungsreise durch die Geschichte von Kelten und Römern. Zum einen spiegeln Zeichnungen und Szenarien das Alltagsleben des gallischen Dorfes wieder, zum anderen treten Exponate der gallo-römischen Epoche und der Zeit des Gallischen Krieges in einen faszinierenden Dialog mit diesen dörflichen Szenen. Nicht zuletzt geben Bilder mit Persönlichkeiten und Szenen aus Asterix, die berühmte Werke der Bildenden Kunst zitieren, Computerspiele und Souvenirs der Kultfiguren Einblick in den Asterix-Mythos unserer Tage.

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Bis zum 18. März 2012 präsentiert das Deutsche Zeitungsmuseum in Wadgassen in der Ausstellung »Marianne und Germania in der Karikatur (1550-1999)« deutsche und französische Karikaturen, in denen die beiden berühmten allegorischen Nationalfiguren im Mittelpunkt stehen. Für die Wanderausstellung wurden rund 90, primär aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammende Karikaturen ausgewählt. Sie zeigen die beiden symbolhaften Frauengestalten als Repräsentantinnen ihres eigenen Landes. Indem das Bild der Marianne und der Germania Übertreibungen, Vereinfachungen oder Verzerrungen aufweist, gewinnen die Besucher Einblick in die »Seele« der jeweils anderen Nation. In spannungsgeladenen Zeiten, primär den Revolutionen und Kriegen, dienten die Karikaturen der Propaganda und der Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Die häufige Wiederholung bestimmter Motive führte zu Stereotypen und Klischees, in denen sich in der Art einer Chronik das Auf und Ab der deutsch-französischen Beziehungen abzeichnet. Eine Ausstellung, die im frankophilen Saarland einen wunderbaren Platz gefunden hat!

1959 sagte Günter Eich in seiner Büchner-Preis-Rede: »Es wird Ernst gemacht, die perfekt funktionierende Gesellschaft herzustellen. Wir haben keine Zeit mehr, Ja zu sagen. Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage und Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst, dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit Geranien.« Literatur respektive Kunst soll demzufolge nicht in einen luftleeren Raum verbannt werden, sondern sie soll auf ganz unterschiedliche Weise den Betrachter anregen, seine Umwelt kritisch zu hinterfragen und sich mit gesellschaftlichen Auswüchsen auseinander zu setzen. Aussagefähig und originell, politisch und ästhetisch motiviert sind auch die Kunstwerke in den aktuellen Ausstellungen, bei deren Besuch ich Ihnen viel Freude wünsche!