Meldungen zum Kunstgeschehen

Kunst im Saarland im Dezember 2010 und Januar 2011

Das Jahr neigt sich seinem Ende zu, die Räder des Uhrwerks scheinen sich zügiger zu drehen und doch haben die saarländischen Kunststätten mit ihren gegenwärtigen Ausstellungen Orte der Entschleunigung und geistigen Einkehr geschaffen, die zugleich von visueller Intensität geprägt sind. Unsere Autorin Verena Paul hat für Sie einige Ausstellungshighlights zusammengestellt.

Kunst im Saarland
Kunst im Saarland

Im Westen viel Neues

Die galerie m beck in Homburg/Schwarzenacker gewährt dem Besucher in einer Parallelausstellung vom 3. Dezember 2010 bis 7. Januar 2011 Einblick in die Arbeiten von Adriana Woll, Manuela Rauber, Steffi Schönenbach und Pilbri. Adriana Woll macht es ihrem Publikum in ihrer Ausstellung »Works on Acrylic« nicht einfach, weil die Themen der Bilder hinter schwungvollen Kurven und Farbfluten verborgen liegen, als ob sie »der Realität ein Make-up aufgesetzt hätte. Es handelt sich dabei um eine halboffensichtliche Manipulation, da die Titel dem Zuschauer eine Möglichkeit anbieten das Werk zu sehen und zu verstehen. Genannt „re-tropicalismo“, bezieht sich dieser Stil sowohl auf die Kunstbewegung der 60er Jahre wie auf ihre Entwicklung bis ins 21. Jahrhundert. Die Wahl des Materials - Leinwand, Papier oder Plexiglas - ist genauso wichtig wie die Festlegung der Farben, beim Versuch den Betrachter auf eine falsche Fährte zu führen«, wie die Künstlerin ihre Arbeiten erläutert. Dagegen sind Manuela Raubers Werke, die unter dem Titel »Periode« präsentiert werden von gleichmäßigen, sich regelmäßig wiederholenden Strukturen geprägt. Und Steffi Schönenbach? Sie experimentiert mit verschiedenen Techniken und gelangt dergestalt zu überraschenden Bildwelten, die von ihrer Neugier auf Neues, Unerwartetes zeugen. »City Views – Bilder wie aus Träumen geboren« gewährt uns schließlich Einblick in die Fotografiken/Computergrafiken von Pilbri (Britta Neumärker). Diese Werke zeigen Sehenswürdigkeiten aus den Städten, Lissabon, New York, Paris und Venedig – doch überraschend anders. Am PC entstehen durch die Symbiose von Malerei und Fotografie, u.a. durch Übermalungen und Anlegen von Ebenen, ganz neue grafische Bilder und surreale Welten, welche die Stimmungen der Städte einfangen und für den Betrachter intensiv erfahrbar machen. Einer meiner Ausstellungsfavoriten im Dezember!

Obwohl inzwischen der Winter im Saarland Einzug genommen hat und der Skulpturengarten, der so genannte »Garten der Künste«, von Schloss Fellenberg mit einer weißen Schneeschicht überzogen ist, lädt das Gebäude und seine Umgebung dennoch oder vielleicht gerade deswegen zu einem Ausflug ein. Denn das Schloss ist mit seinem Anbau aus behauenen Sandsteinen, seinen Erkern und seinen Türmchen ein wunderbares Beispiel für die Architektur des 19. Jahrhunderts in Merzig. Gerade in der Adventszeit finde ich dieses Bauwerk wunderschön!

Unter dem Titel »Atmosphärische Störungen« präsentiert die Städtische Galerie Neunkirchen bis zum 23. Januar 2011 das malerische und zeichnerische Werk von Gabriele Langendorf. In ihrer bislang umfassendsten Einzelausstellung im Saarland gibt die im badischen Rheinfelden geborene Künstlerin, die seit 2006 Professorin für Malerei an der Hochschule der Bildenden Künste Saar ist, erstmals einen repräsentativen Überblick über ihr gesamtes künstlerisches Schaffen der Jahre 2003 bis 2010. Zentrales Thema der gegenständlichen Kunst Gabriele Langendorfs ist das ambivalente Verhältnis von Zivilisation und Natur. In großformatigen Landschafts- und Schiffsbildern setzt sich die Künstlerin mit Innen- und Außenräumen auseinander, mit rätselhaften Orten und mit dem Unterwegssein. Doch meist deuten nur indirekte Hinweise auf den Menschen im ‚Naturraum‘. Mehrdeutig und hintersinnig präsentieren sich auch die Arbeiten auf Papier, in denen die menschliche Figur wieder Eingang in Langendorfs Bildwelt findet. Neben Bleistiftzeichnungen im Miniaturformat, deren aus Reisekatalogen entlehnte Motive von abenteuerlichen Begegnungen mit der Natur handeln, sind es insbesondere die Arbeiten der jüngsten Werkgruppe »Atmosphärische Störungen«, die eine neue Form von Ironie und subtilem bildnerischen Witz in der Kunst Gabriele Langendorfs manifestieren. Die skurrilen, aus malerischen Zufallsprodukten, etwa einer Pinselspur oder einem Farbfleck, entwickelten Bildgeschichten, in denen sich kleine Figuren in Schutzanzügen bei Katastropheneinsätzen und Umwelt-Störfällen abmühen, erinnern in ihrer pointierten Komik an Cartoons und thematisieren doch zugleich drängende Fragestellungen der Zeit. Eine Ausstellung, die ich nur empfehlen kann!

Fortsetzung von Seite 1

In der großen Jahresausstellung, die bis 23. Januar 2011 läuft, widmet sich das Saarlandmuseum in Saarbrücken Karl Schmidt-Rottluffs »Landschaften und Stillleben«, wobei rund 80 Gemälde und Aquarelle zu sehen sind. Der deutsche Expressionismus bildet einen bedeutenden Schwerpunkt in den Beständen des Hauses. Zahlreiche monografische und thematische Ausstellungen zu den Künstlern der „Brücke“ in der Vergangenheit belegen die intensive Beschäftigung mit diesen Werken. Das Œuvre Karl Schmidt-Rottluffs ist jedoch noch nicht in vergleichbarer Weise vorgestellt worden, weshalb es naheliegend war, eine Ausstellung um die im Saarlandmuseum vorhandenen Gemälde »Urwaldlandschaft« von 1919 und »Pommersche Moorlandschaft« von 1931 zu konzentrieren. Eine Werkschau, auf die sich die Besucher freuen dürfen!

Die Ausstellung »Der Druckgrafiker Pierre-Auguste Renoir«, die vom 4. Dezember 2010 bis 6. Februar 2011 in der Studiogalerie des Saarlandmuseums zu sehen ist, beleuchtet mit rund 45 Druckgrafiken – Lithografien und Radierungen – eine eher unbekannte Facette des Kunstschaffens dieses Künstlers. Im Gegensatz etwa zu Claude Monet ging Renoir mit der impressionistischen Auflösung des Gegenständlichen zurückhaltender um und verlieh der Figur einen zentralen Stellenwert. Neben seinen berühmten „Badenden“ sind auch in der Druckgrafik mehrere sorgfältig ins Bild gesetzte Porträts zu finden, sei es von wichtigen Persönlichkeiten der Zeit wie Ambroise Vollard, von Künstlerkollegen wie Paul Cézanne oder von Familienmitgliedern. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Renoir seinen Söhnen, die er in verschiedenen Entwicklungsstadien darstellte. Von unmittelbarer Frische und Unbeschwertheit geprägt, halten Renoirs Kinderdarstellungen den Reiz einer Momentaufnahme fest. Experimentelles Ausloten verschiedener Drucktechniken zeichnet einen Teil seines Spätwerks aus in der Zeit kurz vor 1890 bis 1914 – auf der Suche nach einer Synthese zwischen Linearem und Malerischem. Eine Präsentation, auf die ich mich sehr freue!

Vom 11. Dezember 2010 bis 23. Januar 2011 zeigt die Stadtgalerie Saarbrücken die Ausstellung »Wiederkehr der Landschaft«. Die Forderung, »die Landschaft muss das Gesetz werden«, 1959 von Walter Rossow erhoben, bildet das Leitmotiv der Präsentation, die Donata Valentien für die Akademie der Künste in Berlin konzipierte. Fünfzig Jahre später ist Rossows Forderung aktueller denn je, denn der Raubbau an Landschaften hat weltweit unvorstellbare Umweltprobleme verursacht. Zwei Städte stehen im Mittelpunkt: Venedig und Las Vegas, entstanden in Landschaften, die für eine Besiedlung denkbar ungünstige Voraussetzungen bieten – Meer und Wüste. Die eindrucksvollen Luftaufnahmen des amerikanischen Fotografen Alex MacLean zeigen beide Städte, Landschaften von großer Schönheit, aber auch das Ausmaß an Zerstörung, Hässlichkeit und Banalität, das in den letzten 100 Jahren entstanden ist. Eine Ausstellung, die zwischen Ästhetik und inhaltlicher Eigendynamik pendelt und deshalb eingeplant werden sollte!

Mit der Präsentation »Die Kelten – Druiden. Fürsten. Krieger« gibt das Weltkulturerbe Völklinger Hütte bis 22. Mai 2011 erstmals einen breiten Einblick in dieses vergessene Kapitel unserer Kultur. Vor 2500 Jahren war das Saarland mit Luxemburg, Lothringen, Rheinland-Pfalz und dem belgischen Wallonien ein wichtiges Zentrum Europas. Hier lebten Kelten. Ihre Fürsten waren gefürchtete Krieger, die den Grundstein für eine neue Kultur, die Latène Kultur, legten. Ihre Schmiede beherrschten die Kunst, Eisen zu gefürchteten Waffen und innovativen Werkzeugen zu formen. Mehr als 150 ausgewählte Exponatengruppen lassen Innovation, Kultur und Macht der Kelten in der 6000 Quadratmeter großen Gebläsehalle lebendig werden. Eine beeindruckende Ausstellung in nicht minder imposanten Rahmen präsentiert!

Mit »Science-Ausstellung Schrift« widmet sich das Deutsche Zeitungsmuseum in Wadgassen bis zum 31. Dezember 2010 dem Thema Schrift. Sie ist allgegenwärtig und obgleich kaum jemand ihr Beachtung schenkt, ist sie trotzdem – auch im Zeitalter des Cyberspace – unverzichtbar. Sie blickt auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück. Im Mittelpunkt stehen das Mitmachen, Ausprobieren und Staunen. Vor allem für Kinder und Jugendliche ist die interaktive Ausstellung konzipiert – aber auch für alle Erwachsenen, die Schrift einmal aus einem etwas anderen Blickwinkel betrachten. Die Ausstellung gliedert sich in drei große Teile: Als Einstimmung wird dem Besucher in der Galerie das Thema „Schrift“ auf ganz spezielle Weise präsentiert, um dieses Kommunikationsmittel bewusst zu machen. Danach geht es weiter in die Ausstellung »Schrift-ABC«, die viel Interessantes, Lustiges und Wissenswertes rund um das Thema bietet. »Alphabete« bilden den Auftakt, dann erfährt man etwas von »B wie Blindenschrift« über »C wie Cicero« bis »Z wie Zeitungen«. Zu guter Letzt geht es im Typo-Lab, dem Schriftlabor, ans Ausprobieren und Experimentieren.

Wieder geht für das Saarland ein spannendes Ausstellungsjahr seinem Ende entgegen, ein Jahr mit imposanten, bisweilen aufwühlenden, lehrreichen und überraschend vielseitigen Präsentationen in Museen und Galerien. Wie wichtig Kunst für die Weltanschauung ist, hat Pablo Picasso wie folgt beschrieben: »Wir alle wissen, daß Kunst nicht die Wahrheit ist. Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt, wenigstens die Wahrheit, die wir als Menschen begreifen können«. Und insofern hoffe ich, dass uns auch im kommenden Jahr im Saarland wieder Präsentationen erwarten, die einerseits mit technischer Versiertheit und Artistik überzeugen und andererseits unseren Blick für gesellschaftliche Schieflagen schärfen. In diesem Sinne wünsche ich allen BesucherInnen der saarländischen Kunststätten ein besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Start in das Jahr 2011 – Ihre Verena Paul.