Ausstellungsbesprechungen

Kunst-Stoff – Textilien in der Kunst seit 1960, Städtische Galerie Karlsruhe, bis 12. Februar 2012

Das Spektrum der Materialien, aus denen Kunstwerke entstehen, hat sich seit den 1960er Jahren in fast unüberschaubarer Weise erweitert. Im Zuge der sich auflösenden Grenzen zwischen den Medien fanden auch Materialien wie Fäden, Garne und Stoffe Eingang in die Kunst. Günter Baumann hat sich angeschaut, was daraus gestrickt wurde.

Das 20. Jahrhundert hat mehr Materialien in die Kunst gebracht, als jemals bis dahin ge- oder erfunden worden sind. Die markantesten sind sicher – nicht zuletzt durch den Einsatz im Werk von Joseph Beuys – Fett und Filz. Mit Letzterem ist der Künstler auch in der Ausstellung Kunst-Stoff in der Städtischen Galerie Karlsruhe präsent, die sich den Textilien in der Kunst angenommen hat: Der Filzanzug, ordentlich mit Bügel versehen, wirkt, als sei er eben mal weggehängt worden, macht aber ansonsten einen tragbaren Eindruck. Doch der grobe Schnitt, die fehlenden Funktionselemente wie etwa Knöpfe lassen vermuten, dass es um etwas ganz anderes als um Bekleidung geht. Freilich hat Beuys auch keine Mode im Sinn gehabt, sondern den potentiellen Träger: den Menschen. Deshalb kam ihm die Form als symbolstarker Platzhalter gelegen, aber wie man weiß, hätte es auch eine Filzrolle oder ein breiter Filzstreifen sein können – in erster Linie spielte der isolierende und wärmende Filz hier im übertragenen Sinn eine ›Rolle‹ im Energie- und Kräftefeld, das der Künstler privatmythologisch inszenierte. Dazu mag biografisch bzw. aus der Legende hinzukommen, dass der in den 1940ern abgeschossene Kriegsflieger Beuys von Krimtataren in einen solchen Stoff gehüllt worden war, um ihm das Leben zu retten.

Drei Dutzend Künstler(innen) haben sich ins Zeug gelegt, um die verschiedensten Stoffe zu bearbeiten: zu sticken, stricken, weben, kleben, zuzuschneiden. Rund 80 Arbeiten zeigen die Fülle an Möglichkeiten, mit Textilien umzugehen. Natürlich ist es nicht der reine Textilstoff, der zu sehen ist, sondern auch dessen Einbindung in malerische und zeichnerische Arbeiten sowie in Plastiken und Reliefs, in Installationsobjekten und sogar Videos. Überrascht realisiert man die Bandbreite, wenn man sich vor Augen führt, dass die Fasern, die den Stoffen zu Grunde liegen, synthetischen, pflanzlichen und tierischen Ursprungs sind, und dass es tatsächlich nichts zu geben scheint, was nicht zwischen den Wahrnehmungsraum zwischen Leinwand und Teppich passt. Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts nutzte Textilien noch zurückhaltend, allein im Dadaismus und in seiner Nachfolge waren die materielle Entgrenzung an- und vorausgedacht; erst um 1950/60 machte sich die textile Kunst breit.

Joseph Beuys war für die Etablierung ungemein wichtig, wobei allerdings nach ihm die formalen und ästhetischen Gründe für den Einsatz textiler Stoffe die ikonografische Einbindung überwogen. Robert Morris, Rainer Ruthenbeck, oder Franz Erhard Walther nehmen die für die Kunst neuartigen Stoffe als Ideengeber und -speicher: Sie interessieren sich für die prozessualen, konzeptuellen und experimentellen Seiten des Materials, das anders als die traditionellen malerischen und plastischen Mittel gedanklich noch formbar ist. Andrerseits hat die Teppichweberei eine – dem Themenzeitraum fast schon widersprechend – sehr lange Geschichte. Davon profitieren Alighiero e Boetti, der gestickte Buchstabenserien zu »Divine astrazioni« (Göttliche Abstraktionen) erklärt, selbstverständlich auch Rosemarie Trockel und sogar der experimentell vielseitige Martin Kippenberger. Von hier aus entwickeln sich wunderbare Positionen: hochsensible Gewebearbeiten von Louise Bourgeois, die als Kind in der elterlichen Tapisseriemanufaktur arbeiten musste; beachtenswert sind die Stoffzeichnungen von Tracey Emin oder Anila Rubiku. Tom Früchtl trägt Acrylarbeiten auf groben Möbeldecken auf, während Gotthard Graubner zauberhafte Farbfantasien in seinen Kissenbildern erschafft; Ritzi Jacobi, eine Pionierin textiler Kunst, erschafft reliefierte Wandbehänge aus Kokosfasern, Baumwolle und anderen Materialien; und nicht zuletzt brilliert Beat Zoderer mit seinen Wickelbildern mit bunten Fäden. Ganz eigenständig, der puren Einbildungskraft entsprungen sind die poetischen Werke von Martel Wiegand oder die makabren gehäkelten Comicfiguren von Patricia Waller. Weitere Teilnehmer(innen) sind: Thomas Bayrle, Cosima von Bonin, Jürgen Brodwolf, Robert Elfgen, Hösl & Mihaljevic, Isabell Kamp, Kimsooja, Anja Luithle, Josephine Meckseper, Stefan Müller, Sebastian Neubauer, Gabriela Oberkofler, A. R. Penck, Sigmar Polke, Dieter Roth, Simone Rueß, Nada Sebestyén, Ulrike Tillmann, Erwin Wurm, Martina Ziegenthaler.

Die Karlsruher Stoff-Schau ist eine Fundgrube grandioser Textilverarbeitung in der Kunst, bei der man vielleicht manche Positionen wie die weichen Plastiken eines Claes Oldenburg vermisst. Aber es bereitet ein großes Vergnügen, die bunte Welt der Fantasie einmal in den Stoffen zu genießen, auf denen sonst unsre Köpfe gebettet sind, um sie in dieser Gestalt zu träumen.

Diese Seite teilen