Ausstellungsbesprechungen

Kunst und Kalter Krieg - Deutsche Positionen 1945-1989. 28.05.-06.09.2009 Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum. Ab 03.10.2009 Berlin, Deutsches Historisches Museum

Gerade erst anlässlich der Berliner Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke“ und dem Streit ums deutsche Einheitsdenkmal neu aufgelebt, wird nun ein weiteres Kapitel im Diskurs um die deutsch-deutsche Kunst aufgeschlagen. Denn anlässlich des 60. Jahrestages der Gründung der beiden deutschen Staaten zeigt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg eine große Retrospektive zur Kunst in Deutschland zwischen 1945/49 und 1989. Präsentiert werden über dreihundert deutsche Werke der Malerei, Skulptur, Grafik, Fotografie, Video- und Installationskunst als Ausdruck einer umfassenden Auseinandersetzung um die konkurrierenden Menschenbilder und ideologischen Konzepte in Ost und West. Es handelt sich dabei um jene Ausstellung zur deutschen Nachkriegskunst, die in Amerika für Furore sorgte und im Los Angeles County Museum of Art (LACMA) rund 70.000 Zuschauer anzog.

Die chronologisch geordnete Exposition steht im weiteren Sinne in einer Reihe mit den zahlreichen seit 1989 konzipierten, zum Teil sehr umfangreichen Ausstellungen insbesondere zur ostdeutschen Kunst (zuletzt 2003 in Berlin), die bisweilen, so etwa 1998 die Berliner Schau „Deutschlandbilder“, auch ost- und westdeutsche Kunst einander gegenüberstellten. Möglicherweise aber war es der weite Abstand, mit dem die Amerikaner auf die deutsche Kunst blickten, der dazu führte, die sonst üblichen Befindlichkeiten bei der deutsch-deutschen Kunstbetrachtung einmal beiseite zu lassen und in der Präsentation einen anderen Ansatz zu wagen. Dieser liegt darin, dass sich die in Nürnberg gezeigte Ausstellung nicht auf das Trennende, sondern auf das Gemeinsame zwischen ost- und westdeutscher Kunstproduktion fokussiert. Ganz neu ist dies allerdings nicht, denn ähnlich zeigte bereits Karin Thomas in ihrem umfangreichen Buch „Kunst in Deutschland seit 1945“ (DuMont 2002) die Verbindungen zwischen Ost- und Westkunst auf.

Und verbindend war bereits der Anfang, der Aufstieg aus den Ruinen, als nach dem Krieg Künstler aller Sektoren gleichermaßen um eine Bildsprache zur Darstellung der grauenhaften Kriegsschrecken rangen. Für einen kurzen Moment war die Kunst frei: Man knüpfte an die Vorkriegszeit an, zeigte das zuvor als „entartet“ Abgestempelte, und die erste große Kunstausstellung in Dresden 1946 präsentierte gleichwertig Werke aus allen Besatzungszonen. Mit der Gründung der beiden deutschen Staaten trennten sich die Wege. Kunst diente mit jeweils anderen, bisweilen auch ähnlichen Mitteln zur Selbst- und Staatslegitimation – hier wie dort. So standen die 1950er Jahre unter anderem im Zeichen des Streites um das Menschenbild. Der unerschütterliche Held der Zukunft ist das Sujet des Sozialistischen Realismus im Osten, während die informelle Malerei des Westens Ausdruck des befreiten Subjekts sein will. Mit den 1960er Jahren beginnt in beiden deutschen Staaten die Auseinandersetzung mit dem Trauma der Vergangenheit. Die Gegenwart der Vergangenheit thematisieren Maler wie Georg Baselitz und Anselm Kiefer im Westen, aber ebenso Bernhard Heisig oder Werner Tübke im Osten. Die Fotografie emanzipiert sich und wird zum gleichberechtigten Akteur der Kunstszene. In den 1980er Jahren wird der Sprung aus der Geschichte gewagt und alle Ideologie in Frage gestellt. Das Wandbild in der Frankfurter Paulskirche von Johannes Grützke oder das große Panorama „Frühbürgerliche Revolution“ von Werner Tübke befragen kritisch die Identität der Deutschen in Ost und West.

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Der Titel „Positionen deutscher Kunst“ deutet bereits an, dass die Ausstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben möchte. Vielmehr beleuchtet sie am Beispiel herausragender Werke schlaglichtartig die Kunstentwicklung in Ost und West. Viele Künstler, viele Werke können nicht mit besprochen werden. Die ausgestellten Arbeiten machen in der Überschau dennoch die gesellschaftlichen und politischen Stimmungen sowie ihre Spiegelungen im künstlerischen Werk nachvollziehbar. Wer mit offenem Blick sieht, wird die Parallelen entdecken, wird in der Lage sein, Verbindungen herzustellen und das einzelne Werk im Rahmen komplexer Zusammenhänge betrachten. Die zentralen Fragen der deutsch-deutschen Kunstbetrachtung wie etwa die nach der Zuordnung von Autonomie- und Freiheitsgraden in Ost und West, die nach den verschiedenen ästhetischen Lesarten unseres Jahrhunderts und ihrer Wertigkeit sowie die damit verbundene Auf- oder Abwertung von Kunst deuten sich hinter der Werkpräsentation nur an und bleiben offen. Ihrer Beantwortung, die wohl nur vor dem weiten Horizont der Frage nach einer deutschen Kunst nach 1945 gelingen kann, gehört die Zukunft in der Auseinandersetzung um die deutsche Kunst zwischen Nachkriegszeit und Wende.
 

Der Katalog

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erschienen. Er bietet ausführliche Hintergrundinformationen zu den ausgestellten Objekten und zu den Künstlern sowie zu den historisch-politischen und ideologischen Hintergründen deutsch-deutscher Kunstproduktion zwischen 1945 und 1989. Der Katalog gliedert sich in vier Teile, die verschiedene historische Zeitrahmen umfassen und die Kunst innerhalb dieser größeren historischen Zusammenhänge bei Berücksichtigung von nationalen Konstanten und Brücken, internationalen Verbindungen und Differenzen, Überschneidung von Populärkultur und Avantgarde sowie Phänomenen des Traumas und seiner Nicht-Darstellbarkeit kontextualisieren. Ein erster Teil, „Die Nationalisierung der Ästhetik. Wiederaufnahmen und Widerlegungen“, untersucht die moderne deutsche Kunst zwischen Drittem Reich und Kaltem Krieg, analysiert das Erbe des kritischen Realismus in Ost und West und fokussiert die Haltung beider deutschen Staaten zum Expressionismus. Der zweite Teil, „Die Internationalisierung der Kunst“, betrachtet den ostdeutschen sozialistischen Realismus in der Ära Stalin, die Abstraktion als internationale Sprache sowie die Bildende Kunst und ihre Politik im Nachkriegsdeutschland. Ein dritter Teil, „Kunst, Technologie und Neoavantgarde“, widmet sich der Geschichte des deutschen Pop, den gegenkulturellen Kunstprogrammen und der Rückkehr der Moderne in der DDR, der Fotografie als Zeitdokument sowie der Videokunst. Der vierte Katalogteil mit dem Titel „Trauma, Gewalt und Gedächtnis“ analysiert die Gedächtnisfiguren sowie die Kunst der Barbarei und des Leidens und widmet zwei Aufsätze der Rolle von RAF und Terrorismus in der Kunst der Bundesrepublik. Die Aufgabe des Kataloges ist dabei, so die Herausgeber, von „drei Aspekten bestimmt: Simplifizierungen zu überwinden, die auf essenzialistische Weise eine angeblich homogene deutsche Identität mit ästhetischer Visualität gleichsetzen; scheinbare Gegensätze von Affirmation und Opposition [...] erneut zu betrachten und die facettenreichen Beiträge der beiden deutschen Staaten zur internationalen modernen und postmodernen Kunst aufzuzeigen.“ Begleitet werden die Aufsätze von zahlreichen, überwiegend farbigen Abbildungen sowie einem umfangreichen Anhang. Er bietet neben chronologisch geordneten kurzen Informationen zu den Künstlern und Kunstwerken der Ausstellung ein Verzeichnis der ausgestellten Exponate sowie einen kurzen chronologischen Abriss zur Geschichte der beiden deutschen Staaten zwischen 1945 und 1990 und eine Bibliografie.
 

Barron, Stephanie/Eckmann, Sabine: Kunst und Kalter Krieg: Deutsche Positionen 1945-1989. Köln: Du Mont 2009. 459 Seiten, 200 s-w und 330 farbige Abbildungen. ISBN 978-3-8321-9146-7. Preis Museumsausgabe: 32 €; Preis Buchhandel: 49,95 €. mehr

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Di – So: 10-18 Uhr
Mi: 10-21 Uhr
Eintritt:
Erwachsene: 6 €, ermäßigt: 4 €

Rahmenprogramm
Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Programm sowie zahlreichen museumspädagogischen Angeboten und Führungen begleitet.

Führungen
Einzelbesucher: Mi 18 Uhr, So und Feiertage 14 Uhr, Pfingstsonntag und Pfingstmontag 11 Uhr.
Einzelbesucher in russischer Sprache: Mi 15.07.2009 um 18 Uhr und Mi 05.08.2009 um 18 Uhr.
Gruppenführungen (auch in Fremdsprachen) können gebucht werden im Kunst- und Kulturpädagogischen Zentrum (KPZ) Abteilung II:
Telefon 0911/1331-238, E-Mail: erwachsene@kpz-nuernberg.de