Rezensionen, Hörführer

Kunst zum Hören - Masken. Metamorphosen des Gesichts. Von Rodin bis Picasso - Hörführer zur gleichnamigen Darmstädter Ausstellung

Die Idee lag irgendwie in der Luft und ist so genial einfach wie zwingend: eine Kombination von Audioguide und Buch - „Kunst zum Hören“ in einer imaginären Ausstellung.

Nicht nur Hörbücher boomen, auch die Audioguides an den Eingängen der Ausstellungen werden immer beliebter. Kein Wunder, kommen sie doch dem Bedürfnis nach kompetenter Anleitung zum intensiven Schauen ebenso entgegen wie dem nach ganz individueller und spontaner Entscheidung, dieses anstatt jenem anzusteuern und sich vom Mann im Ohr kommentieren zu lassen. Zudem haben Kopfhörer die angenehme Eigenschaft, dass sie den Betrachter im Gewühl isolieren und ihm so etwas von der kontemplativen Intimität zurückschenken, die er spätestens beim Lösen des Tickets oder im Gedränge vor der Garderobe einbüßen musste.
Das Buch zur Darmstädter Ausstellung, die bis zum Juni auf der Mathildenhöhe zu sehen ist, kann deshalb eine wunderbare Ergänzung sein. Wohlproportioniert führt es den Betrachter Seite für Seite vor die repräsentativen Höhepunkte einer Ausstellung, die er, fußlahm oder zeitklamm, verpasst hat oder auch zuhause nochmals im wörtlichen Sinn »nachklingen« lassen möchte. Dazu ein handliches Format, gute Abbildungen und halb so teuer wie der Katalog.

Trotz der zeitlichen Beschränkung auf die Jahrzehnte vor und nach 1900 wird man auch mit dieser Kombipackung von der kulturwissenschaftlichen Vielseitigkeit des Themas gefesselt. Masken haben viele Gesichter, wenn man das so schief sagen darf: Sie gehören zur ausgelassenen Entourage des Dionysos, in die Welt des antiken Theaters ebenso wie zu den japanischen Nô- oder Kabuki-Ensembles; im Mittelalter stehen sie für den Dämon in der  Gefolgschaft des Teufels, für das Fortleben antiker Praktiken oder bäuerlicher Traditionen. So taucht die Fastnachtsmaske entfesselt und grotesk in den abgründigsten Bildern Goyas auf oder auch im Zusammenhang mit den galanten Maskenbällen des Rokoko. Vorformen der Fragmentierung des Menschen auf seine wesentlichste äußere Erscheinung findet die Kunstgeschichte in den abgeschlagenen Häuptern des Holofernes, des Täufers Johannes oder in der Büstentradition. Die Maske ist starr wie eine Ikone, denn in aller Regel verweigert sie die Darstellung des Blicks, dieses Spiegels der Seele. Lebend- und Totenmasken sind gleichsam ins Nichts geöffnete Fenster, von denen etwas Verstörendes ausgeht, das nicht selten fetischisiert wird.

Mit all diesen Erscheinungen wird der zuhörende Betrachter vertraut gemacht. Und noch mehr. Das Büchlein hat schon deshalb eine besondere Note und ist nicht einfach eine Kurzfassung des Katalogs, weil
hier die Darmstädter Ausstellungsmacher einige zusätzlichen Informationen beitragen konnten. So erfährt der Hörer von der sensationellen Maske Shakespeares, die erst vor wenigen Jahren aus Darmstädter Familienbesitz aufgetaucht und inzwischen als wichtigstes Zeugnis des größten aller europäischen Dichter zweifelsfrei anerkannt ist. Eine weitere Ergänzung ist, wenigstens in einem kurzen Ausschnitt, die akustische Kostprobe aus dem wunderbaren Essay »Der Weg der Masken« des strukturalistischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss, der zwar im Katalog angekündigt war, aber wohl aus editorischen Gründen in letzter Minute nicht abgedruckt werden konnte.

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