Ausstellungsbesprechungen

Kunstakademie Karlsruhe, Städtische Galerie Karlsuhe, bis 21. Februar 2016

Ein quasi konzeptloses Konzept verfolgt die Ausstellung, die die Werke von achtzehn Professoren der Karlsruher Kunstakademie zusammenbringt. Das klingt erst einmal nach einem bunten Sammelsurium ohne Mehrwert. Aber tatsächlich eröffnet genau diese Form der Präsentation ungeahnte Einsichten! Günter Baumann hat das überzeugt.

Die jüngste Ausstellung in der Städtischen Galerie, die eben ihrem Ende entgegengeht, hätte keinen allgemeineren Titel finden können: »Kunstakademie Karlsruhe«. In Zeiten, wo man mit recht blumigen Titeln oder hochfliegenden Anglizismen lockt, wirkt dieser fast ein wenig dröge. Das kann alles sein, von der fachlich ambitionierten Akademiegeschichte bis hin zum unterhaltsamen Info-Forum. Womöglich haben hinter den Bürotüren die Köpfe gequalmt, als es um einen griffigen Oberbegriff ging. Doch wie sollte man die Gemeinsamkeiten fassen und trefflich kommunizieren, wenn sie nur darin bestehen, dass die beteiligten Künstlerinnen und Künstler der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe angehören?

Es ist ein heikles Unternehmen, das demzufolge schon besondere Anlässe gibt: Als die Ausstellung startete, galt die Schau dem 300. Geburtstag der Stadt Karlsruhe, dazu kommt für dieses Jahr das 35-jährige Bestehen der Städtischen Galerie, auch wenn der Feiertakt im Fünferschritt weniger hervorsticht. Wie auch immer: Spätestens, wenn man durch die wunderbar offenen Räume des Museums in der Nachbarschaft zum ZKM geht, erlebt man, wie erfrischend und originell ein konzeptloses Konzept sein kann. Denn auch das ist ein Konzept: Verzicht auf Einmischung, eventuell mit der lenkenden Hand der Mitarbeiter der Städtischen Galerie, damit nichts aus dem Ruder läuft. An die 20 an einer Hochschule lehrende Professoren auszustellen, heißt so viel wie zwei Fußballmannschaften – ohne Torwart gerechnet – mit lauter Topstars spielen zu lassen. Selbst unterstellt, es gäbe hier und da kollegiale oder freundschaftliche Pässe, der Spielverlauf wäre gelinde gesagt sperrig. Unter solchen Vorbehalten geht man an diese Ausstellung heran, wo sich 18 Professoren ein Stelldichein geben.

Doch ist man erst mal durch, ergibt sich das Bild einer segensreichen Disharmonie. Die Ausstellungsmacher haben sich schon gar keinen Kopf gemacht, um zusammenzubringen, was nicht zusammenpasst. Mehr noch: die hochdotierten Künstler konnten weitgehend selbst ihren Platz in der Städtischen Galerie aussuchen, und sie konnten bringen, was ihnen am Herzen lag. Stephan Balkenhol beispielsweise kam regelrecht auf den letzten Drücker, stellte seinen Beitrag auf und verschwand. Nun, es wird nicht immer so rasch gegangen sein, wenn nicht sogar diese kolportierte Geschichte nur gut erfunden war. Dass so manche Arbeiten unter größter Konzentration an ihren Platz kam, zeigt nicht zuletzt ausgerechnet Silvia Bächli, die mit extrem minimalistisch gezeichneten, roten Gitterlinien Zeichen setzt. Was wie zufällig aussieht, ist perfekt kalkuliert, inklusive der Leerstellen inmitten der Blätterreihen. Die Starparade ist eröffnet, neben Bächli und Balkenhol stehen auf dem Programmzettel: Franz Ackermann, John Bock, Ernst Caramelle, Tatjana Doll, Helmut Dorner, Marcel van Eeden, Erwin Gross, Axel Heil, Leni Hoffmann, Harald Klingelhöller, Kalin Lindena, Meuser, Claudia & Julia Müller, Daniel Roth, Marijke van Warmerdam, Corinne Wasmuht.

Mit etwa 300 Studierenden und jährlich 60 bis 80 neuen Studierenden gilt die Karlsruher Kunstakademie als kleinere Künstlerschmiede in Deutschland. Da sind 18 Profs nicht zu viel, aber noch nie kam jemand auf die Idee, alle zusammen auszustellen. Hilfreich bei der Motivation war sicher das traditionell enge Verhältnis der Institutionen. In luftiger Höhe der Städtischen Galerie prangt beispielsweise ohnehin schon eine Arbeit von Balkenhol, und das großformatige Gemälde von Corinne Wasmuht, die sich ihre komplex angelegten, Realräume und digitale Dimensionen zur Einheit verschmelzenden Bildkosmen in langen Prozessen erarbeitet, kommt aus den eigenen Beständen.

Vergleicht man die Karlsruher Situation mit Stuttgart, wird man herausfinden, dass etliche Professoren gerademal mit kleineren Arbeiten in den Kunsthäusern der Stadt vertreten sind, wenn überhaupt. Das mag auch ein Grund sein, warum die Ausstellung »Kunstakademie« derart unverkrampft zur Schau gestellt werden kann. Welten liegen zwischen den farbsinfonisch-grellen Ornamentalarchitekturen und den traumhaft-traumatischen, sperrigen Pseudomöbeln und Schrottensembles von Meuser, zwischen den finster-kafkaesken Zeichnungen Marcel van Eedens und den poetisch-verrätselten, zeichenhaften Objekten von Harald Klingelhöller. Man könnte allen beteiligten Künstlern der Ausstellung eine eigene Schau widmen, ihre Klassen im Überblick würdigen – es wären alles formidable Foren für die Produktivität der Kunstakademie. Doch diese nicht inszenierte Inszenierung dieser divergenten Präsentation sollte Schule machen.

Es wäre wünschenswert, wenn sich andere Akademiestädte diesem Modell anschließen könnten. Aber es ist zu fürchten, dass dort – Stuttgart liegt nahe – niemand als Nachahmer dastehen will. Dabei tut es Not, gerade im Süden des Landes zu zeigen, dass nicht alle wichtigen Künstler in Berlin oder Düsseldorf sitzen – wobei nicht verheimlicht werden soll, dass ausgerechnet die wichtigsten Namen, etwa Corinne Wasmuht, neben der Wirkungsstätte Karlsruhe dann doch als Wohnort Berlin im Pass stehen haben. Auch Leni Hoffmann, die mit einer zauberhaften Intervention vertreten ist, welche aus der Massenware einer Tageszeitung ein originäres Kunstwerk macht, ist außerhalb Baden-Württembergs sesshaft. Auch da wäre die Liste verlängerbar. So gerät die Ausstellung auch noch zu einer hochanständigen Zusammenkunft, sozusagen nach Dienstschluss. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, der leider in der Schrift mal exzessiv großspurig und mal winzig daherkommt, was das Lesevergnügen schmälert. Doch darf man das Buch auch als visuelle Visitenkarte der Karlsruher Kunstakademie betrachten.