KunstGeschichten

KunstGeschichte: ASCII-Art

Rund um Pixel-Kunst, Eifersucht und die wahre Liebe dreht sich dieses Mal unsere Kunstgeschichte: Beeindruckt vom Können des ASCII-Künstlers Horst Königshofer beschließt Vivian, hauptberuflich gute Fee an der Museumskasse, auch einmal ihr Glück mit den Bildern aus Buchstaben zu probieren. Ihr Freund Marvin jedoch ist gar nicht begeistert, dass seine Liebste ihre Zeit lieber mit einem älteren Herren als mit ihm verbringt. Welche Maßnahmen er ergreift, erzählt uns Erich Wurth.

Horst Königshofer war beinahe 65 und bereits in Pension. Er hielt sich beinahe jeden Tag von 8 bis 9 Uhr (und am Sonntag bis 10 Uhr) im Technischen Museum Wien auf. Um diese Zeit war das Museum zwar noch geschlossen, aber Horst hatte eine Vereinbarung mit Frau Gabriele Zuna-Kratky, der Direktorin: Er durfte täglich vor Öffnung die Schreibmaschinen des Museums benutzen. Auf den historischen Stücken erstellte er nämlich Bilder. Seit einem halben Jahr kam er regelmäßig morgens ins Museum. Hier war er eines Tages der Vivian Wieland aufgefallen, die sich bei der Direktorin nach dem alten Mann erkundigte.
„Das ist ein Künstler“, antwortete Frau Zuna-Kratky. „Macht das seit einem halben Jahr. Ich weiß nur nicht, warum er das macht! Fragen sie ihn halt!“
Vivian wunderte sich zwar, setzte sich aber dann ganz selbstverständlich an ihren Platz an der Museumskasse.

Um 9 Uhr verließ Königshofer das Museum mit einer unter den Arm geklemmter Mappe. Vivian kam hinter der Kassa hervor und fragte den alten Mann: „Was machen Sie eigentlich genau mit den Schreibmaschinen?“
Der zog seinen Hut und sagte: „ASCII Kunst“, aber er sprach es aus wie etwa „ESKI Kunst“.
„Und was ist das?“, wollte Vivian wissen.
„Das sind Bilder unter Verwendung des ASCII-Zeichensatzes. Und die ASCII-Zeichen bedeuten die Zeichen nach dem 'American Standard Code for Information Interchange'. Das sind sozusagen die Standardzeichen auf einer Schreibmaschine. Da haben Sie so ein Bild“, sagte Horst und entnahm seiner Mappe ein Blatt. Es zeigte den Kopf eines Schäferhundes. Oder war es ein Wolf? Das Blatt war jedenfalls über und über mit den Buchstaben m und n beschrieben – sie waren sozusagen als „Pixel“ verwendet worden. Die Buchstaben m bezeichneten die dunkleren Stellen des Fells und die n-Zeichen die helleren. Das Bild sah wunderbar aus! Der Hund schien tatsächlich zu leben!
„Großartig“, sagte Vivian. „Das muss ich auch einmal probieren!“
„Sie können bei mir mitmachen“, schlug Horst vor. „Ich verwende meistens die ganz alten Schreibmaschinen. Die lassen sich besser steuern, was die Dunkelheit der Pixel betrifft. Ich bin täglich von acht bis neun oben bei den Schreibmaschinen.“
„Das ist sehr lieb von Ihnen“, sagte Vivian. „Da komm ich bestimmt darauf zurück!“
Sie gab dem alten Mann das Bild zurück und der verließ das Museum.

Nach ihrem Dienst ging die junge Frau hinauf zu den Schreibmaschinen und legte in eine alte Erika einen Bogen weißen Papiers ein. Sie begann, die Lettern w und v sowie einen Bindestrich einzutippen. Nach insgesamt sechs Zeilen konnte man eine Art Bild erkennen, das zwar keinen Gegenstand darstellte, aber je nach den eingetippten Lettern eine deutliche Skalierung der Helligkeit aufwies. Vivian war sehr zufrieden und machte sich auf den Heimweg.
Am nächsten Morgen erschien sie wesentlich früher als sonst, aber unausgeschlafen zum Dienst. Sie hatte die halbe Nacht experimentiert: Auf einem Blatt karierten Papiers hatte sie die einzelnen Karos mit Bleistift geschwärzt und auf diese Art das Bild eines Gesichtes zustande gebracht. Es war zwar relativ grob gearbeitet, weil die Karos 0,5 mal 0,5 Zentimeter maßen und damit die Pixel zu groß waren, aber Vivian wollte das Bild heute mit der Schreibmaschine nochmals machen und damit herausfinden, ob sich die Sache mit dem karierten Papier eventuell für Vorstudien eignete.
Als sie wieder an der alten Erika saß, tauchte Horst auf und sah einige Zeit zu. „Sehr gute Idee, das mit dem karierten Papier“, sagte er.
Vivian tippte inzwischen, aber diesmal mehrere unterschiedliche Zeichen. Der obere Teil des Gesichtes wurde nach einiger Zeit gut erkennbar. Mit den verschiedenen Schreibmaschinenzeichen war es wesentlich feiner gearbeitet als mit den geschwärzten Karos auf dem Papier.
„Na, Sie haben ja den Bogen schon so ziemlich raus“, sagte Horst.
„Ein paar Tipps könnte ich schon noch brauchen“, meinte Vivian.
„Kriegen Sie noch. Alles zu seiner Zeit“, antwortete er und spannte sein Blatt in die alte Remington, die er bisher benutzt hatte, wobei er sich bemühte, das Papier auf den Zehntelmillimeter genau zu platzieren.

Eine Weile saßen sie jetzt einträchtig nebeneinander und tippten ihre Lettern. Doch plötzlich fragte Horst: „Wie heißen Sie eigentlich?“
„Vivian Wieland“, sagte Vivian. „Ich verscherble hier die Eintrittskarten.“
„Und ich bin der Horst Königshofer“, kam die Antwort und leise fügte der hinzu: „Pensionist“.
„Unsinn“, sagte Vivian. „Künstler! Pensionist mögen Sie auch sein, aber in erster Linie Künstler!“
„Ihre Ansicht ehrt mich, Frau Wieland. Aber wissen Sie, dass manche Leute die ASCII-Art gar nicht als Kunst anerkennen? Dummes Schreibmaschinentippen sagen viele“, erklärte Horst.
„Dann könnte man zur Malerei dummes Pinselabstreifen sagen!“
Horst lächelte. „Vielleicht haben Sie nicht Unrecht“, sagte er. „Wie alt sind Sie?“
„Neunundzwanzig.“
„Sie könnten meine Tochter sein. Leider habe ich keine Kinder. Meine Frau ist früh gestorben. Hat sich tot geraucht! Kehlkopfkrebs. Sie geht mir immer noch ab!“
„Das ist traurig“, sagt Vivian. Dabei tippte sie weiter ihre Zeichen auf's Papier.
Dann verhielt sie. „Welches Zeichen sollte ich da nehmen, Herr Königshofer? Da sollte viel Farbe drauf sein!“
Horst stand auf und stellte sich hinter Vivian. „Da nehmen Sie am besten die Ziffer acht“, sagte er.
Vivian schlug die Acht an. „Stimmt“, sagte sie, „gibt wirklich viel schwarz.“
Horst strich leicht mit der Hand über ihr Haar. Dann setzte er sich wieder vor seine Maschine, beobachtete aber weiter seine Schülerin

Sie war zweifellos eine schöne Frau. Ihr langes, schwarzes Haar fiel wie ein Helm über ihren Kopf und sie saß völlig aufrecht vor ihrer Schreibmaschine. Horst bewunderte ihre schmale Taille. Ihre Jeans saßen wie angegossen.
Ganz instinktiv machte er einen ersten Versuch: „Sie sind eine fesche Katz', eine wirklich interessante Frau“, sagte er.
„Danke“, sagte Vivian, „aber leider nichts für Sie!“
„Aha, ich bin Ihnen zu alt.“
„Na ja, Sie könnten mein Vater sein!“
„Schon, aber was macht das?“ Plötzlich war Horst mutig geworden.
„Das wäre nichts auf Dauer.“
„Zugegeben. Aber es wäre vielleicht was für kurze Zeit. Ist doch auch ganz schön, oder?“
„Nur, wenn man so was mag...“
„Na, besser als gar nichts!“
„Da kann man geteilter Ansicht sein!“
„Daraus entnehme ich, dass Sie bereits liiert sind.“
„Wie man's nimmt. Wenn überhaupt, dann nur sehr locker“, sagte Vivian.
„Na, sehen Sie“, sagte Horst triumphierend. „Da ist ja noch Platz für eine weitere lockere Bindung!“
Die junge Frau sah ihn von der Seite her sehr fragend und äußerst skeptisch an, sagte aber nichts mehr.
Kurz vor neun Uhr beendeten beide ihre Tätigkeit. Vivians Bild eines Gesichts war ganz anständig geworden, allerdings fehlten noch einige Zeilen. „Die fehlenden Teile mache ich heut Abend“, entschied sie.
Und Horst dachte: 'Eigentlich eine gute Idee! Da komme ich auch noch einmal.'

Abends um siebzehn Uhr sah Vivian den Königshofer wieder das Foyer betreten. 'Aha, er macht's mir nach', dachte sie und winkte dem alten Herrn freundlich zu. Und als der letzte Besucher das Museum verlassen hatte, ging sie wieder hinauf zu den Schreibmaschinen und spannte ihr Gesicht ein.
„Genau justieren!“, empfahl ihr Lehrer. Sie platzierte das Papier ganz genau und die ersten Lettern saßen richtig. Es konnte mit dem Blatt weiter gehen.
„Hasi, was machst du denn da?“
Ein junger Mann stand plötzlich hinter Vivian.
„ASCII Art“, erwiderte die und drehte sich um. Es war Marvin Scheidl, ihr Freund.
Nun, „Freund“ war nicht ganz der korrekte Begriff. Die Vivian und der Marvin hatten zwar etwas miteinander und ungefähr so einmal im Monat teilten sie auch das Bett, aber das war so eine Art vorläufiger Zustand, der für beide etwas unbefriedigend war. Vivian suchte noch nach dem Richtigen. Und sie fühlte, dass es Marvin ganz ähnlich ging.
Horst, der neben Vivian saß, spürte ganz instinktiv, dass zwischen den beiden nicht alles „Wonne und Waschtrog“ war und nutzte die Situation, um wieder einmal eine Andeutung zu machen: „Frau Wieland, was halten Sie davon, mich einmal abends zu besuchen? Ich hab zu Haus eine ganze Menge Schreibmaschinen!“
Und Vivian sagte: „Na ja, vielleicht einmal. Irgendwann.“
Sie erreichte damit genau das, was sie beabsichtigt hatte: Marvin wurde auf der Stelle eifersüchtig. Mag sein, dass das freche, triumphierende Grinsen des Horst Königshofer dazu beigetragen hatte. Denn der rechnete sich tatsächlich Chancen aus. Wenn Vivian schon nicht gleich „nein“ sagte, dann müsste doch etwas möglich sein!
Marvin jedenfalls zog die Konsequenzen aus Vivians halber Zustimmung und ging vorerst. Allerdings nicht mit den besten Absichten. Das schrie etwas nach Rache. Dem komischen Alten würde er schon noch etwas servieren! Etwas Überraschendes und wenig Angenehmes!

Auf der Treppe nach unten kam ihm Frau Zuna-Kratky entgegen. „Was machen denn Sie da?“
„Ich hole die Frau Wieland ab. Aber die ist noch schwer beschäftigt.“
„Sie kann sich noch Zeit lassen“, sagte Frau Zuna-Kratky, „ich mache noch meine Ansprache für nächsten Sonntag im Heizhaus Strasshof. Die machen spezielle Dampftage und präsentieren ihre alten Dampfloks. Bin in der Direktion.“
Damit drehte sie auf der Treppe um und stieg wieder hinunter. Marvin folgte ihr. Im Erdgeschoß wandte er sich der Abteilung mit den physikalischen Experimenten zu. Dort hatte er in kürzester Zeit eine so genannte „Elektrisiermaschine“ abgebaut. Das sperrige Ding wieder nach oben zu schaffen, kostete einige Anstrengung. Schwer war die Maschine ja nicht gerade, aber dumm zu tragen: Die riesige Kugel, mit der die nötige Reibung erzeugt wurde, streifte sämtlichen Mauerecken an und Marvin musste höllisch aufpassen, dass sie nicht beschädigt wurde.
Schließlich erreichte er das Geschoß mit den Schreibmaschinen und stellte die Elektrisiermaschine im Raum davor ab. Etwas versteckt, halb unter einer Vitrine. Daraufhin machte er sich daran, einen Draht zu besorgen. Das jedoch war gar nicht so einfach! Man sollte zwar meinen, in einem technischen Museum leicht einen Draht finden zu können, aber wenn es gut aufgeräumt ist, liegt eben doch keiner herum!
Als erstes inspizierte Marvin die Eisenbahnabteilung. Aber in den alten Dampfloks war kein Draht zu finden. Die Elektroloks konnte Marvin nicht öffnen, aber er kam am Hofsalonwagen der Kaiserin Elisabeth vorüber. Er stieg die Holztreppe hinauf und betrat den Wagen. Über einen schmalen Gang, den eine Glasplatte zum Innenraum hin abtrennte, ging er durch den Wagen. Dabei kam ihm der Gedanke, in diesem Wagen seine Vivian zu verführen. Das musste doch ein besonderes Erlebnis für sie sein! Er stieg am anderen Eingang wieder hinunter und versuchte, ob nicht eine der Türen an der anderen Wagenseite zu öffnen wäre. Er hatte Glück: Eine der Reinigungskräfte hatte vorhin den Boden des Waggons abgesaugt und vergessen, den Zugang wieder abzusperren. Marvins Plan stand also fest!

Vorher benötigte er aber immer noch den Draht: In der Abteilung für Hüttenwesen wurde er schließlich fündig und fand einen Litzendraht, der die Beleuchtung einer Vitrine mit Strom versorgte. Die Beleuchtung war zwar abgeschaltet, aber Marvin bekam nichtsdestotrotz eine Watschen, als er den Draht abklemmte. Denn natürlich hatte die Beleuchtung einen eigenen Schalter und die Leitung stand immer noch unter Spannung. Der junge Mann war überzeugt davon, dass der Alte eine ebenso feste „Tetschen“ kriegen würde, mit ein paar tausend Volt Spannung, aber sehr geringer Stromstärke. Trotzdem musste ihn der Stromschlag so erschrecken, dass der alte Königshofer mit den Ohren schlackern würde! Daran dachte er, als er den Draht nach oben trug.

Die Verbindung mit der Elektrisiermaschine war rasch hergestellt. Dann wartete Marvin auf eine Gelegenheit, den Draht an die Schreibmaschine anzuschließen, ohne dass der Alte das bemerkte. Vivian kam ihm dabei unbeabsichtigt zu Hilfe: Sie fragte den Alten, welchen Buchstaben sie für eine gewisse Grauschattierung benutzen sollte – und Königshofer stand auf und kam zu ihr hinüber. Wie der Blitz stand Marvin an der Remington des Alten und schlang das blanke Ende des Drahtes um das Gehäuse der alten Schreibmaschine. Wieder im Nebenraum begann er die Kurbel der Elektrisiermaschine zu drehen.
Königshofer brauchte eine ganze Weile, um Vivian klar zu machen, welcher Buchstabe ideal wäre – und Marvin kurbelte indessen wie verrückt. Es mussten schon mindestens 5.000 Volt Spannung auf der Schreibmaschine sein! Endlich setzte er sich wieder vor seine Remington und schlug den Buchstaben m an.

„Ahh! Verdammt!“, schrie er auf, als ihn der Schlag traf. Als er die Taste in Panik wieder los ließ, war doch tatsächlich ein Lichtblitz zwischen der Schreibmaschine und seinem Finger sichtbar! Die Elektrisiermaschine funktionierte ausgezeichnet.
Obwohl der Stromschlag nur von sehr geringer Stromstärke war, fühlte sich Horst wie gerädert. Dazu mochte auch der Schock beitragen, den der alte Künstler erhalten hatte, als der Stromfunke überschlug. Jedenfalls beklagte er sich lautstark über diese bodenlose Frechheit! Hochspannung auf seine harmlose Schreibmaschine zu legen, wäre doch das Maximum von Boshaftigkeit!
„Da waren keine Ampère dahinter“, sagte Marvin. „Völlig harmlos!“
„Mag sein, aber schmerzhaft ist das allemal!“
„Dann lassen Sie die Vivian in Ruh'!“
„Hören Sie, ich bin fast 65! Kein Interesse mehr! Wenn Sie so alt sind, haben Sie auch keinen Bedarf mehr!“
Marvin sah ihn sehr skeptisch an: „Na ja, vielleicht. Aber manchmal klappt's ja doch noch“, sagte er. Horst machte eine wegwerfende Handbewegung.
„Komm, Vivian, ich hab da was Interessantes gefunden“, forderte Marvin seine Freundin auf. Sie stand tatsächlich auf und folgte ihm.

Die beiden wandten sich nach unten. In der Halle mit den Exponaten der Eisenbahnabteilung führte Marvin seine Angebetete zum Hofsalonwagen der Kaiserin Elisabeth. Es war ein zweiachsiger, relativ kurzer Wagen, der so gar nichts von einem Salonwagen an sich hatte. Vivian folgte ihm. Sie kannte natürlich das Ausstellungsstück. Aber ihr Freund ging nicht zum Besucherdurchgang, sondern zur anderen Wagenseite und öffnete eine der Türen.
„Komm mit!“, forderte er auf. Sie hatte etwas Mühe, die hoch liegende Stufe zu betreten, aber er hob sie einfach hinauf. Dann sagte er: „Der Putzfleck hat offenbar vergessen, die Tür abzusperren. Komm mit und mach's dir gemütlich.“ Und damit drängte er die Vivian auf die gepolsterte Bank am Fenster. Die sah sich befremdet um. Da war ein Spiegel an der Seitenwand, zu beiden Seiten Beleuchtungskörper und davor ein Waschtisch. Die Einrichtung wirkte irgendwie gutbürgerlich und hatte nichts Imperiales an sich.
Marvin setzte sich zu ihr und begann, an den Knöpfen ihrer Bluse zu nesteln. Vivian ließ es mit sich geschehen. In kurzer Zeit hatte er sie vollständig ausgezogen und legte sie auf den Rücken. Die gepolsterte Bank war etwas kurz, aber trotzdem legte sich Marvin auf die Vivian. Ihre Vereinigung war intensiv und dauerte nicht lange. Aber Vivian genoss sie in vollen Zügen! Die ungewöhnliche Umgebung ließ sie beinahe die Bewegung des Wagens über die Schienen spüren und sie kam sich vor, wie die Kaiserin selbst. Die Illusion entstand, sie würde nach Korfu fahren... Und dann ließ der Marvin von ihr ab – und die Illusion war verschwunden. Sie befand sich plötzlich wieder im Technischen Museum in einem ausgestellten Eisenbahnwagen aus dem neunzehnten Jahrhundert und zwei Stockwerke über ihr wartete der Horst Königshofer auf sie mit seinen ASCII-Bildern.

Rasch zog sie sich an. „Ich muss noch meine ASCII-Bilder holen“, sagte sie.
„Die kannst du aber doch auch zu Haus machen, oder?“, fragte Marvin. „Ich kauf' dir auch eine schöne, alte Schreibmaschine.“
„Das müsste sogar mit einem Computer gehen“, sagte Vivian, „und den hab ich ja sowieso.“
„Sehr gut“, sagte Marvin. „Schick den alten Trottel in die Wüste – und ich heirate dich, einverstanden?“
Da bemerkte Vivian auf einmal, dass dieser Abend alles geändert hatte. Der Marvin war plötzlich nicht mehr ihr momentaner Liebhaber, sondern sie konnte sich ganz leicht vorstellen, immer mit ihm beisammen zu sein. Waren da die getippten Bilder dran schuld, oder die „Nummer“ im Salonwagen der Kaiserin?
Vivian rannte die Treppe nach oben. Dort packte sie ihr Bild in eine Mappe aus Karton, machte ihre Schreibmaschine zu und verabschiedete sich von Horst Königshofer.
„Herr Königshofer, recht herzlichen Dank für Ihre Hilfe. In Zukunft werde ich die Bilder zu Haus' machen. Und ich werde es mit dem Computer versuchen. Heut ist mir vieles klar geworden!“
Und dann rannte sie leichtfüßig die große Treppe wieder hinunter.
Horst stand etwas überrascht da. Dann packte er selber ein und deckte die Schreibmaschinen ab.
Beim Hinuntersteigen ging ihm dauernd durch den Kopf: 'Der wahre Künstler schafft wohl doch einsam...'

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