KunstGeschichten

KunstGeschichte: Barbara mit dem Turm

Sammler haben's schwer. Deshalb brauchen sie eine Menge Energie, Einfallsreichtum und Hartnäckigkeit: Um Hindernisse zu überwinden - und mit unerwarteten Überraschungen fertig zu werden. Eine solche hält auch Erich Wurths neue KunstGeschichte parat, die zeigt, wie wichtig Improvisation sein kann.

Gerti ärgerte sich ein bisschen über den Verkehr.
Längst hätte man die Westautobahn sechsspurig ausbauen sollen. Immerhin verband sie Wien mit den wichtigsten Handelspartnern Österreichs und der LKW-Verkehr war nervtötend.
Gerti steuerte ihren BMW mit gerade einmal 110 km/h über die hügelige Strecke durch den Wienerwald. Mit ihrem Alter von zweiundfünfzig lag ihr nichts mehr an einer sportlichen Fahrweise und sie benutzte lieber die rechte Spur. Aber immer wieder musste sie abbremsen, wenn sie einen dicken Brummer nicht gleich überholen konnte, weil die linke Fahrspur von Leuten blockiert war, die es furchtbar eilig hatten.
Gerti hatte es nicht eilig. Sie befand sich wieder einmal auf einem „Jagdausflug“, bei dem es auf ein paar Tage nicht ankam.

Die zweiundfünfzig hätte man ihr nicht angesehen, wie sie trotz des dichten Verkehrs entspannt hinter dem Lenkrad ihres „Bayrischen“ saß. Sie war eine elegante, gepflegte Erscheinung, schlank und mit einer Figur, die auch jüngere Männer mindestens zwei Mal hinsehen ließ. Ihr Aussehen hatte sie zu einem guten Teil der Tatsache zu verdanken, dass es ihr im Leben nie an etwas gemangelt und sie eine große Menge ihrer Zeit in Fitnessstudios, auf Schönheitsfarmen und im übrigen meist auf ausgedehnten Reisen verbracht hatte.

Die finanzielle Grundlage für das luxuriöse Leben der Gertrud Eberswald hatte ihr Ururgroßvater, Herr Moses Kohn, gelegt, als er seinerzeit die kaiserliche Armee mit jenen Zuggeschirren ausgerüstet hatte, die 1866 zur Beförderung der Artillerie in die Stellung bei Königgrätz benutzt worden waren, anlässlich jenes Treffens, bei dem Armeekommandant Benedek die bittere Niederlage gegen Preußen hatte hinnehmen müssen.
Die Schlacht war damals durch die preußische Infanterie entschieden worden, die sich im Nebel unbemerkt des Dorfes Chlum hatte bemächtigen können und die an Feuerkraft den kaiserlichen Verbänden durch den Einsatz moderner Hinterlader um das Dreifache überlegen gewesen war. Die Artillerie hatte sich hingegen ganz gut geschlagen – was aber letztlich unerheblich geblieben war.
Trotzdem war Gertis Ururgroßvater – kein Mensch kann mehr nachvollziehen, wie ihm das gelungen war – in den Adelsstand erhoben worden und hatte sich fortan „Moses Kohn Ritter von Eberswald“ nennen dürfen, offenbar, weil der Kaiser seinerzeit auf dem Gut des Herrn Kohn in Galizien ein Wildschwein geschossen hatte.

Der Enkel des erfolgreichen Armeelieferanten Kohn, Moritz, war nach Wien gegangen, als im Jahr 1918 die Güter der Kohns plötzlich auf rumänischem Staatsgebiet gelegen hatten, und war hier als Moritz Eberswald registriert worden. Mit dem Adelstitel war ihm damit auch der Name Kohn abhanden gekommen, was sich schließlich aber als Vorteil herausgestellt hatte, als jener oberösterreichische Tapezierer aus Braunau im Jahr 1938 Österreich „heim ins Reich“ geholt hatte.
Gertis Großvater hatte das beträchtliche Vermögen und sich selbst rechtzeitig in die Schweiz transferiert und Gertis Vater auf dieser soliden Grundlage 1945 eine florierende Textilfabrikation aufbauen können.

Obwohl für Gerti nie ein anderer Beruf als der einer vermögenden Tochter in Frage gekommen war, hatte sie sich eine gute Bildung angeeignet. Sie zeigte künstlerisches Talent, studierte einige Zeit an der Akademie, entwickelte aber nie den Ehrgeiz, als Künstlerin hervorzutreten.

Natürlich lernte sie im Zuge ihres Studiums die großen Werke der Malerei und Plastik sämtlicher Stilrichtungen kennen und dabei galt ihr besonderes Interesse dem Barock, jener Epoche, an deren Kunstwerken in Österreich wahrlich kein Mangel besteht. Jedes noch so entlegene Dorf – und sei es Hintertupfing am Frostaufbruch – verfügt ja hierzulande zumindest über eine barockisierte Pfarrkirche – sozusagen als absolutes Existenzminimum.

Durch Zufall entwickelte sich Gerti von einer bloßen Liebhaberin barocker Schnitzereien zur Sammlerin, als ihr Martin, ein gerade aktueller Verehrer und angesehener Antiquitätenhändler, mit dem sie nach wie vor befreundet war, anstelle eines Blumenstraußes ein leicht beschädigtes Kunstwerk mitbrachte: Die beim Brand einer Kapelle angesengte Holzfigur eines heiligen Christophorus. Die mit dem Geschenk verbundene erste Nacht, die der Antiquitätenhändler bei Gerti verbrachte, wurde für sie zu einem besonders sinnlichen, eindrucksvollen Erlebnis, das sie schließlich unbewusst mit dem angesengten Heiligen in Verbindung brachte. Fortan sammelte sie mit Leidenschaft.
Da zur Zeit des Barock vor allem klerikale Sujets einer künstlerischen Ausgestaltung für Wert befunden wurden, entwickelte Gerti mit der Zeit eine erstaunliche Kenntnis katholischer Heiliger und deren Attribute, obwohl sie eigentlich – zwar nicht praktizierend, aber unterstützend – Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde war.

Gerti hatte die unausgebaute, alte Autobahnstrecke über den Wienerwald hinter sich und kam nun auf der sechsspurigen Strecke wesentlich zügiger voran. Ihr heutiges Ziel war das südwestliche Niederösterreich, das wegen des intensiven Obstbaus sogenannte „Mostviertel“, eine touristisch nur teilweise erschlossene Gegend.
Bei Melk verließ sie die Autobahn. Hier, im imposanten Barockstift, das J. Prandtauer so eindrucksvoll auf dem Felsen über der Donau erbaut hatte, kannte sie jeden für Nichtkleriker zugänglichen Winkel. Hier war nichts für sie zu holen, alles bereits von Antiquitätenhändlern abgegrast und die Stücke im Eigentum des Klosters unverkäuflich.

Gerti steuerte ihren Wagen über Nebenstraßen nach Süden. Allmählich wurden die Hügel der sanften Landschaft höher und sie gelangte vom Ackerbaugebiet in jene Region, in der die Viehwirtschaft überwiegt. Es war Ende September und auf den ausgedehnten Futterwiesen an den Hängen der Voralpen waren die Landwirte mit dem Einbringen der letzten Heuernte beschäftigt. Gerti ließ sich vom Zufall leiten und fuhr über schmale, kurvenreiche Straßen durch die idyllische Landschaft. Oft endeten die schmalen Straßen vor einem einsamen Gehöft und Gerti musste dieselbe Strecke zurück. Trotzdem hielt sie sich gerade an die unscheinbarsten Wege und erreichte auf diese Weise kleine Dörfer, von deren Existenz sie noch nie gehört hatte.

Jede noch so kleine Dorfkirche und Kapelle wurde von ihr inspiziert, egal, ob es sich um ein Barockbauwerk handelte oder nicht. Damals, um das Jahr 1700, als nach den Türkenkriegen in Österreich die Konjunktur wieder ansprang und jede Pfarrei zumindest Umbauten im modernen Spätbarockstil vornahm, landeten oft Kunstwerke, die nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen, in irgendwelchen unbedeutenden Filialkirchen oder Kapellen und Gerti hatte auf diese Weise bereits zwei schöne Stücke erwerben können.

Am Abend hatte sie zweiundzwanzig kleine Dorfkirchen gründlich besichtigt und sich drei interessante Objekte notiert: Einen Florian, eine Notburga und einen sehr hübschen Engel. In allen drei Fällen war der Pfarrer nicht erreichbar, sonst hätte sie sofort versucht, die Objekte zu kaufen. Also würde sie eben telefonisch Kontakt aufnehmen.

Gerti beschloss, für diesen Tag die Jagd aufzugeben. Bis zur nächsten größeren Ansiedlung, Scheibbs, waren es noch etwa dreißig Kilometer und sie entschied sich dafür, an Ort und Stelle nach einem einfachen Privatquartier Ausschau zu halten, statt ein Hotel in der Bezirkshauptstadt aufzusuchen. Wenn sie einen ihrer „Jagdausflüge“ unternahm, fühlte sie sich beinahe wie auf einer Forschungsexpedition und zu einer solchen gehörte nun einmal eine möglichst einfache Unterkunft.

Als sie auf einer Nebenstraße einen niedrigen Pass überquerte, sah sie an einer Abzweigung mitten im Wald ein einfaches Schild mit einem Pfeil nach rechts und der Aufschrift „Zimmer frei“. Sie bog ab und folgte einem schmalen, aber asphaltierten Feldweg, der sie an almartigen Wiesen mit hohem Gras zu einem stattlichen Vierkanthof führte. Neben der Hofzufahrt stand ein hölzernes Schild: „Urlaub am Bauernhof – Familie Höllriegel“. Vor dem Haupteingang hielt sie und läutete an der Tür.

Ein stämmiger, etwa fünfzigjähriger Mann mit schütterem Haar und wasserhellen Augen, die irgendwie bösartig wirkten, öffnete. Als Gerti nach einem Einzelzimmer fragte, kratzte sich der Mann hinter den Ohren und betrachtete zunächst einmal wohlgefällig Gertis BMW und dann noch viel wohlgefälliger sie selbst. Er grinste und ließ eine Reihe sehr schlechter Zähne sehen.
Ja. Ein Zimmer wäre verfügbar. Aber er hätte um diese Jahreszeit nicht mehr mit Gästen gerechnet. Im Juli und August wären immer Familien aus Wien da, aber im September nicht mehr. Außerdem wäre seine Frau nicht da. Schon seit einer Woche läge sie in Scheibbs im Krankenhaus – Gallenoperation. Wahrscheinlich habe er sie zu sehr geärgert. In vier Tagen dürfe sie erst wieder nach Haus. Außerdem hätte vor zwei Wochen der Blitz die Satellitenschüssel getroffen. Aber wenn Gerti mit den drei österreichischen Fernsehprogrammen und einem einfachen Frühstück zufrieden sei, achtzehn Euro pro Nacht, Frühstück inklusive.

Während dieses Vortrages versuchte der Bauer, gewinnend zu lächeln, wobei er genau das Gegenteil erreichte. Er roch unangenehm nach Stall und billigen Zigaretten. Gerti zögerte. Der Mann sah nicht Vertrauen erweckend aus.
Dann schalt sie sich im Geist eine „dumme Nocken“. Was konnte der Bauer schließlich für sein Aussehen? „Gut“, sagte sie. „Aufs Fernsehen leg ich keinen Wert. Eine Nacht vorläufig.“
Der Bauer freute sich sichtlich. Den Wagen könne sie da vor dem Haus stehen lassen.
Gerti holte ihre kleine Reisetasche, die sie immer auf ihren Jagdzügen dabei hatte und der Bauer brachte sie zu ihrem Zimmer im Obergeschoss.

Im Vorraum hätte Gerti beinahe der Schlag getroffen. Da stand eine barocke Barbara.
Etwa sechzig Zentimeter hoch, mit so leuchtenden Farben bemalt, dass man hätte meinen können, die Malerei sei eben erst trocken geworden. Ein Umhang in einem dunklen, satten Rot und einem leuchtenden Türkis bekleidete die Heilige, die in der linken Hand den obligaten Kelch hielt. Das zweite Attribut, der Turm, stand zu Füßen der Figur und war golden gelb bemalt. Turm und Kelch waren trotz ihrer Kleinheit mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit geschnitzt und die gesamte Holzskulptur war in erstklassigem Zustand. Ein Prachtstück!
Gerti bemühte sich, ihre Überraschung so gut es ging zu verbergen, aber Bauer Höllriegel hatte ihr Zusammenzucken doch bemerkt.

Eine weitere, sehr angenehme Überraschung bot das Zimmer, das der Bauer ihr anwies. Es war sehr sauber, hatte ein großes Doppelbett und ein zwar kleines, aber offenbar frisch renoviertes Bad und sogar einen nachträglich in die alte Bausubstanz eingefügten Balkon mit einem sehr schönen Ausblick auf den Sattel, über den die Nebenstraße führte, auf der Gerti gekommen war. Etwa einen Kilometer vom Bauernhof entfernt sah Gerti eine kleine Kapelle am Rand eines geschotterten Feldweges und sie nahm sich vor, noch einen Spaziergang dorthin zu unternehmen. Man konnte ja nie wissen, was in solchen unscheinbaren Bauwerken an Kunstgegenständen vorhanden sein mochte.

Bauer Höllriegel bemerkte mit Genugtuung, dass seinem attraktiven Gast die Unterkunft gefiel. „Sie kommen doch noch einmal runter?“, fragte er freundlich.
Gerti nickte. „Da wird’s doch wo einen Gasthof in der Nähe geben?“
Ja. Den Lechner. Nur könne Gerti dort wahrscheinlich höchstens ein Paar Würstel kriegen oder ein angebranntes Gulasch. Er selbst hätte aber einen ausgezeichneten, selbst geräucherten Speck im Haus und er würde sich freuen, Gerti zu einem einfachen Abendessen einzuladen. Kostenlos selbstverständlich.
Gerti zögerte. Mit dem Bauern gemeinsam zu essen, war eine Aussicht, die überhaupt keinen Reiz für sie hatte. Andererseits bot sich da wahrscheinlich die Gelegenheit, die Sprache auf die barocke Barbara im Vorraum zu bringen und herauszufinden, ob Bauer Höllriegel sich die Skulptur zu einem vernünftigen Preis abschwatzen ließ.
„Ich will Ihnen keinesfalls zur Last fallen“, sagte sie. „Außerdem möchte ich noch duschen und zu der Kapelle da drüben gehen.“
Das wäre schon in Ordnung, meinte Höllriegel. Sie solle sich nur Zeit lassen, er brauche ohnehin noch etwa eine halbe Stunde für die Vorbereitungen. Damit übergab er ihr den Schlüssel und zog sich zurück.

Gerti packte ihre kleine Reisetasche aus und nahm anschließend eine Dusche, wobei sie ziemlich lange warten musste, bis das Wasser endlich heiß wurde. Dann schlüpfte sie in ein einfaches Kleid und verließ das Zimmer. Im Vorraum konnte sie nicht umhin, die Barbara noch einmal einer genauen Betrachtung zu unterziehen, während sie irgendwo im Haus den Bauern mit Kochgeschirr hantieren hörte. Die Barbara war wirklich ein ganz besonders schönes Stück! Sie musste sie haben!

Es dämmerte bereits, als Gerti langsam den Feldweg entlang zur Kapelle wanderte. Es war vollkommen still und die Ruhe war für sie als Stadtbewohnerin ungewohnt und fast ein bisschen unheimlich. Nicht einmal das Geräusch des Windes war zu hören, nur ihre eigenen Schritte.
Dann ertönte, erst sehr leise, das Geräusch eines Motors. Es dauerte noch einige Zeit, bis das Geräusch lauter wurde und Gerti sich umdrehte. Hinter ihr kam ein Moped den Feldweg entlang. Eine etwa fünfunddreißigjährige, rundliche Frau mit Jeans und einem roten Pullover rollte gemächlich an Gerti vorbei, nickte ihr zu, hielt vor der Kapelle und stellte den Motor ab. Vom Gepäckträger ihres Gefährts nahm sie einen Strauß weißer Rosen und betrat damit die Kapelle.

Als Gerti das kleine Gebäude erreichte, kam die Frau eben wieder mit einem verwelkten Strauß heraus. „Grüß Gott“, sagte sie freundlich. „Ist das Ihr Wagen dort beim Höllriegel?“
„Ja. Ich übernachte dort.“
„Dann passen S’ auf und lassen S’ sich nicht anscheißen. Is’ die Höllriegel Bärbel schon aus’m Spital zurück?“
„Der Bauer sagt, in vier Tagen kommt sie wieder.“
„Dann passen S’ umso mehr auf! Der Höllriegel betakelt jeden, wenn er kann. Da in der Gegend kauft kein Fleischhauer mehr Viecher von ihm und er muss seine Kalbln jetzt nach Linz liefern. Die Bärbel hat schon ein Kreuz mit ihm…“
Gerti bedankte sich für die Warnung und betrat die Kapelle.
Spätklassizistisch. Nichts Besonderes. Ein Marienbild, etwa aus der Zeit um 1830, eher dilettantisch gemalt, davor die weißen Rosen, die die rundliche Bäuerin, deren Moped draußen eben davon knatterte, gebracht hatte. Den Spaziergang hierher hätte sich Gerti sparen können.

Nachdenklich ging sie durch das nun schon recht schwache, letzte Tageslicht zurück. Also ein Schlitzohr war der Bauer. Na gut, umso reizvoller würde es sein, ihm die barocke Barbara abzuluchsen.

Als sie das Bauernhaus betrat, konnte sie nicht anders und blieb vor der Barbara stehen. Je länger sie die Holzschnitzerei ansah, umso heftiger wurde ihr Wunsch, sie zu besitzen. Verdammt noch einmal! Das musste doch möglich sein, einem primitiven Hörndlbauern aus dem Mostviertel die Skulptur abzukaufen! Gerti schätzte ihren Wert auf gut fünfzigtausend. Notfalls würde sie eben tatsächlich fünfzigtausend bieten. Aber für den Bauern war sicher auch ein geringerer Betrag ein Vermögen. Sie nahm sich vor, hart zu verhandeln, zumal sie ja jetzt wusste, dass es der Bauer nicht so mit der Ehrlichkeit hatte.

„Schön, net wahr?“
Der Bauer stand in der Tür zur „Stube“. Er hatte sich fein gemacht, trug ein kariertes Hemd und frisch gebügelte Hosen, sein schütteres Haar glänzte feucht. Er hatte also auch geduscht und Gerti stieg ein Duft von billigem Eau de Cologne in die Nase, als Höllriegel näher kam.
„Aus’m siebzehnten Jahrhundert“, erklärte er. Als ob das Gerti nicht gewusst hätte!
„Gehört eigentlich meiner Alten. Die heißt auch Barbara. Aber so schön is’ sie net! Das is’ nämlich die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergleute. Warum sie da einen Turm hat, weiß i net.“
„Das kann ich Ihnen sagen“, meinte Gerti, immer noch in den Anblick der Skulptur versunken.
„Ja? Das müssen S’ mir erzählen. Kommen S’ essen!“
Höllriegel führte sie in die Stube, wo auf dem Esstisch in der Ecke eine kalte Platte angerichtet war. Speck, Wurst, Selchfleisch, Käse, Paradeiser, Paprikaschoten, Butter und halbierte harte Eier. Außerdem stand da eine Flasche mit Obstler - offensichtlich selbst gebrannt - und zwei Schnapsgläser. Höllriegel hatte sich sichtlich Mühe gegeben.

Gerti nahm Platz und griff nach einer der Scheiben Schwarzbrot, die in einem Körbchen neben der Platte bereitlagen.
Sie hätte sich mit den Darstellungen katholischer Heiliger beschäftigt, erklärte sie. Der Turm habe eine doppelte Bedeutung. Einerseits hinge er mit der Legende um die Heilige zusammen, die angeblich von ihrem Vater in einem Turm gefangen gehalten worden war, um sie zu zwingen, dem Christentum zu entsagen. Andererseits wäre aber das Symbol des Turmes viel älter und verkörpere die Geborgenheit. Der Bergfried mittelalterlicher Burgen wäre ein Beispiel für diese Geborgenheit, die ein Turm biete, da ein solches Bauwerk für Angreifer schwer zu erobern sei. Vorbild für die christliche Barbara wäre die keltische Borbeth gewesen, die Göttin der Geborgenheit und der unterirdischen Anderswelt , woraus sich auch der Bezug der Barbara zu den Bergleuten erklären ließe.

Höllriegel war beeindruckt. Woher sie denn das wisse, fragte er Gerti, und ob sie eine „Studierte“ sei. Dabei öffnete er die Schnapsflasche und goss Gerti ein.
Nein, nur interessiert an solchen Dingen.
Bewundernswert, meinte der Bauer. Sein Sohn wäre an solchen Dingen überhaupt nicht interessiert. Der hätte zwar studiert, wäre aber nur ein Fachtrottel geworden. Bauingenieur. Momentan wäre er in China und arbeite bei der Errichtung eines Wasserkraftwerks mit. Dabei wäre es doch so wichtig, die alten Volksbräuche und deren Hintergründe zu verstehen und an die nächste Generation weiterzugeben. Was will der Bub in China? Unter lauter Schlitzaugen? Das wäre doch keine anständige Beschäftigung für den Sohn eines angesehenen Bauern!
Gerti stimmte dem natürlich zu. Dann, ganz plötzlich, fragte sie: „Würden Sie die Barbara verkaufen?“
Welche denn? Seine Alte oder die Figur?
Natürlich die Schnitzerei!
Nein.
Warum denn nicht?
Die gehöre seiner Frau. Geschenk des Sohnes. Weiß der Teufel, woher der Bub so viel Geld hat, der Mama eine barocke Holzschnitzerei zu schenken. Aber jetzt wäre sie halt einmal da, und da bliebe sie auch, die Heilige.
Auch nicht um viel Geld würde er sie verkaufen?
Was verstünde die gnädige Frau unter viel Geld?
Na ja, fünftausend vielleicht.
Höllriegel wurde plötzlich still. Fünftausend! Ein Haufen Geld!
Nein. Das ginge nicht, wandte er dann ein. Seine Frau würde ihn an den Ohren aufhängen und ganz langsam mit einem nassen Fetzen zu Tode prügeln. Ein Geschenk des Sohnes! Des Bauingenieurs! Wer weiß, wie lange der Bub hat sparen müssen für die Skulptur!

„Aber, bedenken Sie doch, was Sie für fünftausend alles kaufen können! Auch eine neue, moderne Barbara!“, drängte Gerti.
Ja. Modern! Alles Scheiß, das Moderne! Er habe erst neulich einen modernen Traktor angesehen, deshalb bleibe er bei seinem alten Steyr – Traktor aus dem Jahr 1965! Prost!
Gerti sah ein, dass sie das Angebot erhöhen musste. Gut. Siebentausend.
Daraufhin nahm Höllriegel erst einmal einen Schluck. Und dann noch einen. Und dann goss er Gerti noch einmal ein. Er nötigte sie zum Trinken und füllte das Schnapsglas erneut.
„Wie heißen Sie noch?“, fragte er dann.
„Gerti Eberswald.“
„Prost Gerti. Zehntausend und i komm di’ heut Nacht noch besuchen. Dann g’hört die Barbara dir.“
„Sie spinnen ja!“
Wieso denn? Immerhin wolle Gerti eine barocke Holzschnitzerei, da müsse sie schon zu Zugeständnissen bereit sein!
„Hören Sie! Ich bin über fünfzig und kein Flittchen, das Sie für so eine Statue haben können!“
„Über fünfzig glaub i net!“
„Wollen Sie meinen Führerschein sehen? Da steht das Geburtsdatum drin!“
„Scheiß drauf! Bist halt über fünfzig, siehst aber aus wie dreißig! So gut hat meine Bärbel nie ausg’sehen, auch net früher! Also, was is’? Willst die Figur haben oder net?“
Natürlich wollte Gerti die Skulptur haben! So sehr, dass sie sogar notfalls darauf eingegangen wäre, mit dem unappetitlichen Bauern dafür eine Nacht zu verbringen. Aber alles in ihr sträubte sich gegen diesen Gedanken. Sie unternahm einen letzten Versuch.
„Ok! Zehntausendfünfhundert und du gehst jetzt ganz brav schlafen, ja? Um die fünfhundert zusätzlich kannst nach Scheibbs, Sankt Pölten oder Linz ins Puff gehen, oder auch nach Wien, falls es dort bessere Puffs gibt! Mich lass in Ruhe, ja?“
Höllriegel schenkte sich noch einen Obstler ein. Er trank das Glas aus und nickte dann.
„Her damit.“
Gerti seufzte und griff nach ihrer Handtasche. Sie nahm das Scheckbuch heraus und stellte einen Barscheck über zehntausendfünfhundert Euro aus, den sie dem Bauern reichte.
Höllriegel, bereits mit stierem Blick, sah den Scheck an, drückte ihn an seine Lippen und stand dann mühsam auf.
„Gnädige Frau Gerti“ sagte er mühsam, „darf ich Sie auf Ihr Zimmer begleiten?“
„Nein, du Arsch! Bleib da und sauf dich von mir aus weg!“

Gerti fand den Weg zu ihrem Zimmer allein. Dort warf sie sich aufs Bett und überdachte die Situation. So ein Schwein, dieser Bauer! Besser, wenn sie sich vergewisserte, dass er hier nicht hereinkam.
Die Tür zum Balkon war nicht vollständig zu schließen. Der untere Riegel rastete nicht ein und die Balkontür war deshalb von außen bestimmt leicht zu öffnen. Gerti schob die Kommode davor.
Die Zimmertür schloss hingegen einwandfrei. Trotzdem stellte Gerti einen Sessel so an die Tür, dass die Klinke nicht herunter gedrückt werden konnte. Jetzt fühlte sie sich halbwegs sicher und ging zu Bett.

Um halb zwölf kam der Bauer.
Er kam durch die Zimmertür, die eines jener teuflischen Schlösser hatte, die man von außen öffnen konnte, auch wenn die Türklinke fixiert war – und er kam nackt bis auf die Unterhose und total besoffen.
Gerti, die durch das Geräusch des Schlüssels aufgewacht war und die Nachttischlampe eingeschaltet hatte, sah ihn kommen. Instinktiv wälzte sie sich auf das Bett neben ihr und der Bauer fiel krachend auf die Matratze, als er sie ansprang.
Es blieb ihr keine Zeit mehr zur Flucht, denn der Bauer packte ihren Arm und versuchte, sich auf sie zu wälzen. Gerti kämpfte, als ob sie um ihre Unschuld kämpfen würde. Dieses Schwein würde sie nicht kriegen! Sie wehrte sich mit den Fäusten, aber der Bauer grunzte nur, sonst schienen ihn ihre Fausthiebe nicht zu beeindrucken.
Dann, als Höllriegel schon halb auf ihr lag, landete sie mit dem Knie einen Volltreffer zwischen den Beinen des Bauern. Höllriegel röhrte auf wie ein angeschossener Hirsch und ließ von ihr ab.

Wie der Blitz war Gerti aus dem Zimmer. Der Schlüssel des Bauern steckte außen. Sie sperrte die Tür ab und sah sich dann nach etwas um, das ihr als Waffe dienen konnte. Sie war sicher, Höllriegel würde ihr sofort nachkommen, da ja ihr Schlüssel innen steckte.
Erstaunlicherweise war dem nicht so. Sie hörte eine zeitlang den Bauern jammern und fluchen, dann wurde es still. Offenbar tat der Alkohol seine Wirkung und Höllriegel war eingeschlafen.

Da stand Gerti nun im Pyjama, alle ihre Habseligkeiten, sogar ihr Autoschlüssel, waren in dem Gästezimmer, in dem Höllriegel offenbar schlief. Jetzt hörte sie ihn sogar durch die Tür schnarchen, aber sie getraute sich nicht, das Zimmer nochmals zu betreten.

Ende September waren die Nächte recht kühl. Gerti begab sich deshalb auf die Suche nach etwas, das sie über den Pyjama ziehen konnte. Als sie ins Erdgeschoß hinunter stieg, fiel ihr sofort auf, dass die Skulptur der Barbara nicht mehr an ihrem Platz stand.
Es war klar, der Bauer hatte eine seiner Gemeinheiten mit ihr vor. Gerti war versucht, wieder in ihr Zimmer zu gehen und Höllriegel zur Rede zu stellen. Aber in seinem momentanen Zustand war das wohl nicht sehr vernünftig. Außerdem fror sie und brauchte zunächst einmal etwas, das sie anziehen konnte.
In einem Schrank fand sie einen dicken Mantel, der offensichtlich der Bäuerin gehörte. Sie schlüpfte hinein und machte es sich dann auf der Bank in der Stube so komfortabel, als es die Umstände eben zuließen.

Es wurde eine kalte, schlaflose, äußerst unbequeme Nacht für Gerti. Jedes noch so leise Geräusch, wie etwa das Knarren der Holzvertäfelung, ließ sie hochschrecken. Aber der Bauer kam nicht herunter.

Als es bereits hell wurde, nickte Gerti endlich ein wenig ein. Sie hatte vielleicht eine halbe Stunde gedöst, als sie Schritte auf der Treppe weckten.
Höllriegel, nach wie vor nur mit der Unterhose bekleidet, erschien in der Tür zum Vorraum. Er sah furchtbar aus, mit geröteten Augen und einem Stoppelbart, der in seinem blassen Gesicht abstoßend wirkte. Er musste einen furchtbaren Kater haben, denn seine gestammelte Entschuldigung war fast nicht zu verstehen. Es täte ihm unendlich Leid, aber er könne sich nicht mehr erinnern, was gestern nach dem Gespräch beim Abendessen noch geschehen wäre. Er sei den Schnaps nicht gewohnt und er hoffe, er habe sich nicht allzu unmöglich benommen.
Gerti ging auf seine Entschuldigung gar nicht ein. Wo denn die Barbara wäre, fauchte sie ihn unfreundlich an.
Na, im Krankenhaus.
Nein! Nicht seine Frau! Die Heiligenfigur!
Keine Ahnung! Gerti müsse sie doch haben!

Einen Moment lang war Gerti sprachlos. So ein impertinenter Hund! „Schön“, sagte sie und zog den Mantel der Bäuerin aus. „Ich geh kurz duschen, packe mein Zeug zusammen und wenn ich wieder runterkomme, ist die Statue da!“

Keine zehn Minuten brauchte Gerti, um sich reisefertig zu machen. Sie war froh, dass sie von hier wegkam.
Als sie mit ihrer gepackten Reisetasche die Treppe herunterkam, stand Höllriegel rasiert und angezogen im Vorraum. Keine Spur von der Heiligenfigur.
„Geben Sie mir meinen Scheck zurück!“ verlangte Gerti.
„Warum denn? Sie haben ja die Statue!“
„Ich habe sie nicht!“
„Gestern hab ich sie Ihnen doch gegeben!“
„Haben Sie nicht! Na gut, lass ich den Scheck eben sperren.“
„Wenn Sie den Scheck sperren lassen, mach ich Anzeige. Das ist nämlich Betrug, wenn Sie die Barbara mitnehmen und nicht bezahlen!“
„Ich hab sie doch gar nicht!“ Langsam wurde Gerti zornig. Sie zwang sich zur Ruhe und verkündete: „Machen Sie doch, was Sie wollen! Ich sperre den Scheck und Sie verklagen mich meinetwegen. Schauen wir, was dabei rauskommt!“ Ohne Gruß wandte sie sich zur Haustür.
Die Tür war abgesperrt. „Ich krieg noch achtzehn Euro“, sagte Höllriegel. „Für’s Zimmer.“
Am liebsten hätte Gerti ihm eine geknallt. Aber sie beherrschte sich, kramte ihre Geldbörse aus der Handtasche und hielt dem Bauern einen Zwanziger entgegen. „Da. Schieben Sie sich’s in den Arsch!“, schrie sie Höllriegel an.
Der Bauer zuckte sichtlich zusammen. Offenbar war sein Brummschädel lärmempfindlich und Gertis Schadenfreude darüber war groß. Er nahm den Geldschein und sperrte die Haustür auf.

Endlich saß Gerti Eberswald am Steuer ihres BMW und fühlte eine ziemliche Wut im Bauch. So eine Frechheit! Einfach zu behaupten, die Statue bereits übergeben zu haben! Aber damit kam der Bauer bei ihr nicht durch!
Noch bevor sie losfuhr, schaltete sie ihr Handy ein, rief ihre Bank an und ließ ihr Konto sperren. Jetzt sollte Höllriegel versuchen, an ihr Geld zu kommen! Dass er sie verklagen würde, glaubte Gerti nicht.

Als sie dann den asphaltierten Zufahrtsweg entlang fuhr, kam sie sich vor, wie eine geschlagene Armee auf dem Rückzug. Himmel, Arsch und Zwirn! Die wunderschöne Barbara war ihr entgangen! Dabei hatte sie bereits die Zustimmung Höllriegels zum Verkauf gehabt. So ein Schweinehund! Die Beulenpest soll über ihn kommen!

An der Einmündung des Zufahrtsweges in die Bezirksstraße, dort wo das Hinweisschild „Zimmer frei“ angebracht war, hielt Gerti ihren Wagen an. Es widerstrebte ihr, einfach aufzugeben. Was würde Höllriegel jetzt als nächstes wohl tun? Wahrscheinlich versuchen, ihren Scheck einzulösen, in der Hoffnung, dass Gertis Bank nicht so schnell reagieren würde. Also würde er mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Minuten hier vorüber fahren.
Spontan entschloss sie sich, bei dem Bauern Höllriegel einzubrechen und sich zu holen, was ihr zustand. Vorausgesetzt, Höllriegel kam tatsächlich.

Gerti fuhr die Bezirksstraße langsam entlang und suchte eine Stelle, wo sie ihren BMW hinter Büschen verstecken konnte. Nach etwa fünfzig Metern hatte sie eine Stelle gefunden, und manövrierte den Wagen zwischen den Bäumen durch. Mehr als notdürftig war das Versteck, aber Höllriegel würde es wohl eilig haben und nicht genau hinsehen. Sie sperrte den Wagen ab und lief die kurze Strecke zur Abzweigung zurück, wo sie hinter einer kräftigen Buche in Deckung ging.

Acht Minuten dauerte es, bis Höllriegel in einem schmutzigen, verbeulten, blauen Kombiwagen vom Zufahrtsweg in die Bezirksstraße einbog, glücklicherweise nicht in die Richtung, wo ihr BMW stand.
Gerti rannte zu ihrem Wagen und fuhr so schnell es ging zum Hof des Bauern Höllriegel zurück.

Das Haus war natürlich versperrt. Gerti fand zum Glück im Kofferraum sofort das Abschleppseil, schlang hastig einige Knoten in die Kunststoffleine und warf das Seil zum Balkon vor dem Gästezimmer hoch. Viermal versuchte sie es vergeblich, dann gelang es ihr, die Metallöse am Seilende so zu werfen, dass sich das Seil um das Geländer des Balkons schlang und die Öse wieder zu ihr herunter fiel.
Gerti holte einige Male tief Luft. Eigentlich war es Wahnsinn, was sie vorhatte. Sie war immerhin kein junges Mädchen mehr und Klettern war nie ihre besondere Stärke gewesen. Aber ihre Wut auf Höllriegel war stärker als ihre Vernunft. Außerdem, wozu hatte sie sich so geplagt im Fitnessstudio? Also los!

Beinahe hätte sie es nicht geschafft. Das Seil war dünn und schnitt in ihre Hände, die Knoten, die sie als Kletterhilfe geknüpft hatte, waren zu klein und boten ihren Füßen kaum Halt und zu guter Letzt ging ihr einen halben Meter unterhalb des Balkons die Puste aus. Einige Sekunden musste sie verschnaufen, während sie sich an das Seil klammerte. Dann nahm sie alle Kraft noch einmal zusammen und erreichte mit letzter Anstrengung das Balkongeländer.

Endlich stand sie vor der Tür zum Gästezimmer, das sie bewohnt hatte, aber die Tür ließ sich nicht öffnen.
Verdammt noch einmal! Sie wusste ja, dass der untere Riegel nicht einrastete! Warum ging das blöde Ding nicht auf? Verzweifelt drückte sie gegen den Türrahmen und trat gegen die Unterseite, wobei sie ihre flachen, weichen Schuhe verfluchte. Schon wollte sie resignieren, da krachte es plötzlich und die Balkontür sprang auf.

Die Zimmertür war zum Glück unversperrt und völlig außer Atem rannte Gerti die Stiege hinab zum Vorraum.
Da stand die Barbara. Höllriegel hatte sie also noch aus dem Versteck geholt, bevor er aufgebrochen war. Wie nett von ihm!
Gerti öffnete ein Fenster der Stube, stellte die Statue griffbereit aufs Fensterbrett und kletterte ins Freie. Aufatmend stieg sie in ihren Wagen, nachdem sie die Barbara vorsichtig auf den Rücksitz gelegt hatte. Jetzt, nachdem es geschafft war, stieg noch nachträglich Panik in ihr hoch. Sie kümmerte sich nicht mehr um das Abschleppseil, das noch am Balkongeländer hing, sondern machte, dass sie weg kam. Die Reifen quietschten, als sie losfuhr.

Keine Sekunde zu früh! Auf dem Zufahrtsweg kam ihr Höllriegels blauer Kombi entgegen. Gerti hütete sich, stehen zu bleiben und quetschte ihren BMW, rücksichtslos durch das hohe Gras der angrenzenden Wiese fahrend, an dem Kombi vorbei.
Dann gab sie erst einmal ordentlich Gas. Der alte Kombi würde keine Chance haben, auch wenn Höllriegel sofort wenden und ihr nach fahren sollte. Sie fegte durch die engen Kurven der Landstraße im Stil einer Rallyepilotin und fühlte sich dabei um zwanzig Jahre jünger. Alle Spannung fiel von ihr ab und sie lachte fröhlich wie ein Backfisch.

Nach etwa dreißig Kilometern hielt sie vor einem Gasthof und genehmigte sich ein anständiges Frühstück mit mehreren Tassen Kaffee.
Dann rief sie die Bank an und bat ihren Betreuer, die Sperre des Kontos wieder aufzuheben, es hätte sich um ein Missverständnis gehandelt. Außerdem rief sie Martin an, den Antiquitätenhändler, mit dem sie immer noch eng befreundet war und lud ihn zum Abendessen in ihre Wohnung. Sie müsse ihm ihre sensationelle Neuerwerbung zeigen.

Schließlich bemerkte sie, dass sie recht müde war. Immerhin hatte sie letzte Nacht kaum geschlafen und die Zeiten, in denen man so eine durchwachte Nacht einfach wegsteckte, waren längst vorbei. Gerti machte sich auf den Heimweg.
Um einem Sekundenschlaf vorzubeugen, schob sie eine CD in die Stereoanlage, als sie bei Ybbs auf die Autobahn auffuhr. Bruckners siebente Symphonie, in beachtlicher Lautstärke, hielt sie hellwach bis Wien.

Am Nachmittag holte sie den verlorenen Schlaf nach und gegen Abend wurde die kalte Platte geliefert, die sie telefonisch bei ihrem bevorzugten Delikatessengeschäft bestellt hatte. Der Champagner war eingekühlt und Gerti schlüpfte in das kleine Schwarze, das Martin so sehr mochte, und freute sich auf einen anregenden Abend.

Gerti hatte die neue Barbara mit einem Tuch verhüllt und in ihr riesiges Wohnzimmer gestellt. Als Martin kam, brachte er einen Strauß Orchideen mit und war charmant wie immer.
Während des Essens erzählte Gerti ihr Abenteuer in allen Einzelheiten, nur den genauen Betrag des Schecks verschwieg sie Martin. Sie wollte ihn bitten, eine Schätzung der Statue vorzunehmen.
Martin amüsierte sich königlich und bewunderte ausgiebig Gertis Mut, über den Balkon in den Bauernhof einzudringen. Und dann enthüllte Gerti die heilige Barbara.

Minuten lang sah der Kunstexperte die Schnitzerei an. Dann hob er sie hoch und schätzte ihr Gewicht ab. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte er dann.
„Worüber?“
„Ob es die Skulptur ist, die ich vermute.“
„Und was vermutest du?“
Martin wollte nicht so recht mit der Sprache heraus. Er müsse sich erst Gewissheit verschaffen. Aber Gerti drängte ihn so sehr, dass er schließlich doch nachgab.
Er vermute, die Skulptur sei aus australischem Eukalyptusholz gefertigt und zwar von der South China Art Incorporation in Guangzhou. Dieses kleine, aber feine Unternehmen stelle Kopien europäischer Meisterwerke der Plastik her, und zwar mit Hilfe eines modernen Computerprogramms, das die Originalstatue mit mehreren Laserstrahlen abtaste und so eine Fräsemaschine steuere oder einen dreidimensionalen Drucker. So könne man völlig exakte Duplikate herstellen, die in der Volksrepublik reißenden Absatz fänden. Anders als mit Kopien wäre die enorme Nachfrage der ständig wachsenden chinesischen Oberschicht nach europäischen Kunstwerken nicht zu befriedigen.

Gerti war wie vor den Kopf geschlagen. „Eine Fälschung“, murmelte sie deprimiert.
„Aber nein!“, widersprach Martin. „Auch wenn es sich tatsächlich, wie ich vermute, um ein chinesisches Produkt handelt, ist das keine Fälschung!“
„Klar ist das aus China! Der Sohn vom Bauern muss es mitgebracht haben! Warum sollte es dann keine Fälschung sein?“
„Weil zur Fälschung die Täuschungsabsicht gehört! Die Chinesen deklarieren solche Stücke ganz offen als Kopien.“
„Eine Kopie ist kein Original!“
Martin legte den Arm um Gertis Schultern. „Hast du noch was von dem ausgezeichneten Cognac, den ich letztes Mal von dir gekriegt hab? Ja? Fein. Komm, setz dich da auf die Couch und ich erklär’s dir.“

Als sie dann dicht nebeneinander saßen und den Duft des Weinbrandes aus den großen Schwenkern genossen, fragte Martin zunächst nach der CD, die Gerti auf der Rückfahrt gehört hatte. Bruckner? Siebente? Wer habe dirigiert?
Eine historische Aufnahme, erklärte Gerti. Karajan und die Berliner.
Aha, meinte Martin, also habe sie nicht das Original gehört, denn Bruckner wäre nicht am Pult gestanden, sondern Karajan.
Man könne doch Musik nicht mit Plastik vergleichen, protestierte Gerti.
Das wäre schon richtig, aber der Vergleich zeige, worauf er hinaus wolle, argumentierte Martin. Gerti wisse doch, dass gerade im Barockzeitalter die Großen der Malerei eine ganze Anzahl von Gehilfen gehabt hätten. Altomonte, der Kremser Schmidt, Troger, sie alle hätten sicher nicht jeden einzelnen Pinselstrich ihrer Deckengemälde selbst ausgeführt. Der Entwurf, die Komposition stamme von den Meistern, wer aber den Pinsel in der Hand gehabt hätte, sei nicht mehr feststellbar. Und im Grund auch unerheblich.

Gut, wandte Gerti ein, aber im vorliegenden Fall hätte eine Maschine die Arbeit ausgeführt!
Na und? So exakt könne schließlich ein Mensch gar nicht arbeiten. Kleinste Unterschiede zum Original würden da immer vorkommen. Bei einem Computer nicht! Es sei doch schön, dass es Leute gäbe, die bereit seien, für so eine barocke Kopie Geld auszugeben. Viel Geld sogar, denn die Dinger wären nicht billig. Das zeige, dass die menschliche Kultur doch noch nicht verloren sei. Außerdem sei die kopierte, barocke Barbara immer noch viel mehr wert als so manches Original moderner Kunst. Denn die Barbara sei ganz einfach schön!

Schließlich wollte Martin wissen, was sie für die Skulptur bezahlt hätte. Gerti gestand es etwas beschämt.
„Gratuliere!“, sagte Martin. „War ein gutes Geschäft.“
Erleichtert lehnte Gerti sich gegen Martins Schulter. „Danke für die Expertise!“, sagte sie leise. „Kannst du dich noch an den angesengten Christophorus erinnern?“
„Wie könnte ich den je vergessen!“ Martin küsste sie zärtlich.
„Die Barbara ist wirklich sehr schön“ stellte Gerti fest. „Aber der Christopherus ist mir der liebste von allen Heiligen.“
„Den hast im Schlafzimmer, nicht?“
„Ja. Willst ihn besuchen?“
Martin reichte Gerti die Hand und half ihr beim Aufstehen. Sie hielten einander immer noch an der Hand, als sie den geräumigen Salon verließen.
Und die kopierte, barocke Barbara lächelte ihnen nach.

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