KunstGeschichten

KunstGeschichte: Da wird nix draus

Schon Schiller unterschied zwischen »Brodgelehrten« und den eigentlichen Gelehrten, die Wissenschaft um der Wissenschaft willen betreiben. Im Falle der Kunst kann man diesen Gegensatz ohne weiteres umkehren: Selbst wenn man sich Mühe gibt, kann man ein »brodloser Künstler« bleiben – und muss sich notgedrungen rein an das Vergnügen der Kunst halten. Eine KunstGeschichte von Erich Wurth.

Für jede Technik hatte Richard Brunnfelder einen eigenen Malstil. Großflächige Ölgemälde waren immer eher abstrakt gehalten, wobei Richard von in der Natur nicht existierenden Pflanzenformen ausging. Acrylbilder zeigten menschliche Körper, aber es waren keine Aktbilder im strengen Sinn, sondern durchaus fantasievolle Darstellungen, die man kaum in eine Kategorie einreihen konnte. Und schließlich hatten Aquarelle immer Ansichten zum Motiv, die entfernt an Landschaften erinnerten, wobei die eher blasse Farbgebung und die überraschenden Formen recht reizvolle Effekte ergaben.
Richard Brunnfelders Gemälde waren ausgesucht schöne Stücke. Trotzdem verkaufte er nie ein Bild.

In seinem bürgerlichen Beruf als Verkaufsingenieur eines Leiterplattenherstellers verdiente Richard ganz gut. Er hatte es also nicht nötig, Bilder zu verkaufen. Abgesehen davon beeinflusste sein Beruf natürlich seine künstlerische Tätigkeit. Ihn störte in seinem Beruf, dass der Chef immer auf intensive Verkaufsbemühungen und eine damit verbundene Umsatzsteigerung drängte. Richard hatte möglichst viel zu verkaufen! Elektronische Leiterplatten natürlich und zwar möglichst solche, die das Unternehmen bereits auf Lager hatte. Dabei waren Neuentwicklungen nach den Bedürfnissen der Kunden gerade das, was Richard interessierte. Den Verkauf hasste er, da kam er sich als Bittsteller vor, oder – schlimmer noch – als aufdringlicher Keiler.

Der Markt für ein so spezielles Produkt ist beschränkt und Richards Aufgabe war es, die potenziellen Kunden immer wieder zu besuchen und ihnen derart auf die Nerven zu gehen, dass die Abnehmer von Leiterplatten schon aus dem Grund bestellten, von Richard in Ruhe gelassen zu werden.

Richard Brunnfelder produzierte also Gemälde, die von niemandem nachgefragt wurden. Nie wäre es Richard eingefallen, seine Werke jemandem anzubieten, der kein Interesse daran hatte – und das war die Folge des Verkaufs von Leiterplatten.
So wusste nur sein engstes Umfeld von Richards Talent und der Existenz von Gemälden, die den renommiertesten Galerien zur Ehre gereicht hätten. Manchmal ärgerte sich Richard darüber. In den Souvenierläden der Innenstadt sah er mitunter Gemälde, die diesen Namen nicht verdienten, Schmierereien, deren einziger Grund, sie in solchen Geschäftslokalen zu präsentieren, die Motive aus dem Stadtbild von Wien waren. Abgedroschene, oftmals dargestellte Ansichten, Klischees von Schönbrunn und der Ringstraße – und im übrigen scheußlich. Und diese Dinger wurden gekauft! Von reichen amerikanischen Omas, von Touristen, die keine Ahnung von künstlerischer Qualität hatten. Und seine eigenen Bilder kannte niemand!

Na ja, seine geschiedene Frau kannte sie, aber die war nicht zu den Fans von Richard Brunnfelder zu rechnen. Die Ehe hatte zwar fast zwanzig Jahre gehalten, aber Richards Frau und er waren zu unterschiedliche Charakter gewesen. Während Richard die Ruhe und das stille Malen bevorzugte, war seine Frau, der es bei keiner Party laut genug zugehen konnte, gierig nach sozialen Kontakten gewesen.
Jetzt war Richard über vierzig Jahre alt und wieder solo. Aber glücklich war er nicht. Manchmal wünschte er, seine lebenslustige, schrille Annemarie wäre noch da. Ja, sie war ihm zuletzt sehr auf die Nerven gegangen, aber die Stille in seiner Wohnung, in der es nach Farbe roch, war auch nicht das, was er erträumt hatte.

Als Richard unvermutet eine Einladung eines Arbeitskollegen in dessen Privatwohnung erhielt, sagte er spontan zu, obwohl sein Kollege Walter nicht allzu viel beruflichen Kontakt mit ihm hatte. Aber es würde Richard sicher guttun, nach einigen Monaten der Ereignislosigkeit wenigstens einen Abend in Gesellschaft zu verbringen.

Richards Arbeitskollege bewohnte eine der Eigentumswohnungen in der Gasometer City, jenen aus dem Jahr 1896 stammenden vier riesigen Gasbehältern in Simmering, Wiens elftem Bezirk. Zwischen 1999 und 2001 waren die denkmalgeschützten Industriebauten revitalisiert worden und beherbergen nun Eigentums- und Genossenschaftswohnungen, ein Studentenheim, ein Einkaufszentrum sowie einen Kinobetrieb und eine Veranstaltungshalle, in der hauptsächlich Konzerte gerade moderner Musikgruppen stattfinden. Die Gasometer City wird als eine der neuen Sehenswürdigkeiten Wiens betrachtet und findet auch unter ausländischen Touristen viel Beachtung.

Der Abend mit Walter, Richards Arbeitskollegen und dessen Frau verlief ganz so, wie es Einladungen unter Kollegen, die nicht gerade eine innige Freundschaft verbindet, eben tun. Es wurde viel belangloses Zeug geredet, Walter zeigte seine Urlaubsfotos und Richard langweilte sich. Gegen Mitternacht verabschiedete er sich, nicht ohne dem Walter seine Unterstützung bei einem Projekt zuzusichern, das die Entwicklung einer neuartigen, gedruckten Schaltung betraf und das offenbar der Grund für die Einladung gewesen war.

Der Zwischenfall, der Richards Leben veränderte, geschah auf der Heimfahrt.
Richard fuhr in zügigem Tempo die menschenleere Erdbergstraße in Richtung Innenstadt, da kam plötzlich eine dunkle Gestalt zwischen den geparkten Autos hervor und sprang auf die Fahrbahn. Richard stieg auf die Bremse, weil die dunkle Gestalt offenbar winkte. Als Richards Wagen zum Stillstand gekommen war, lief die dunkle Gestalt auf die Beifahrertür zu, öffnete sie und mit den Worten: „Derf i mitfahr'n? Danke!“ schwang sich die Person auf den Beifahrersitz.
Richard war so perplex, dass er erst einmal gar nicht reagierte.
„Geb'n S' Gas! Los!“, drängte die dunkle Gestalt und tatsächlich setzte Richard sein Auto in Bewegung.
„Wohin soll's denn geh'n?“, fragte Richard, der sich von seiner Überraschung noch nicht erholt hatte.
„Wurscht. Nur weg.“

Jetzt erst sah sich Richard die neben ihm sitzende Gestalt genauer an. Es war eine sehr junge Frau, offenbar noch keine zwanzig. Unterstrichen wurde dieser Eindruck noch durch die Kleidung des Mädchens, die ganz der Generation entsprach, der es angehörte. Blue Jeans, zerschlissene, schmutzige Laufschuhe, eine Lederjacke und Piercings in der Unterlippe. Nur die Glatze fehlte. Stattdessen hatte das Mädchen kohlschwarzes, langes Haar, das etwas ungepflegt aussah. Einen kleinen Rucksack, wie ihn die junge Generation heutzutage trägt, hatte sie auf dem Schoß.
Und außerdem roch das Mädchen intensiv nach Nitrolack. Den Geruch hatte Richard immer schon gemocht. Als kleiner Bub schon waren Autowerkstätten, in denen auch lackiert wurde, ein Anziehungspunkt für ihn gewesen, nur des Geruchs wegen.

Richard schnupperte demonstrativ. „Nitro?“, fragte er.
Die junge Frau nickte. „Deshalb san s' ja hinter mir her.“
„Wer is hinter dir her?“, fragte Richard und duzte das Mädchen instinktiv, wie das unter Jugendlichen üblich war.
„Die Simmeringer“, sagte das Mädchen. „Hast 'glaubt, die Schmier?“
„I hab gar nix 'glaubt“, versicherte Richard.
„Übrigens: Dankschön für's Mitnehmen. Derf i heut Nacht bei dir bleib'n?“
Richard glaubte, nicht richtig zu hören. Eine wildfremde, junge Frau äußerte den Wunsch, bei ihm übernachten zu dürfen. Verlegen sagte er: „Hab gar net g'wusst, dass i in mein' Alter auf junge Katzen no so a Wirkung hab...“
Jetzt lächelte seine Beifahrerin zum ersten Mal, jedenfalls soweit Richard das im dunklen Auto erkennen konnte. Die Erdbergstraße ist zwar gut ausgeleuchtet, es war aber wohl bereits nach Mitternach, denn die Beleuchtung war reduziert worden.

„I mein nur, wegen die Simmeringer. Die haben mi g'sehn auf'm Betriebsbahnhof und jetzt taucht der Patrick sicher bei mir daham auf und will a Golasch aus mir machen.“
„Wer is der Patrick?“
„Der Capo von die Simmeringer. I hab im Betriebsbahnhof Erdberg bissl g'sprayt. Da im Rucksack san die Dosen drin.“
„Was hast?“
„G'sprayt. Weißt eh, mit der Spraydosen a Grafitto auf ein' U3 Waggon g'spritzt. Muss a bissl Reklam machen für meine Bilder. Indirekt über a Rockerband. Bei die Konzerte von denen bring i meine Arbeiten an. “
„Bist Malerin?“
„Na ja, i spray halt was auf Packpapier. Die Simmeringer woll'n net, dass i auf U – Bahn Wagen was spray.“
„Warum?“
„Weil die selber a Rockband unterstützen. Übrigens: I hab mi no gar net vorg'stellt. I bin die Sammy.“
„Was? Samuel?“
„Blödsinn! Samantha haaß i. Samantha Pichacek. Und wer bist du?“
„Richard Brunnfelder, Verkaufsingenieur.“
Sammy schien beeindruckt zu sein, denn sie murmelte nur „A G'studierter.“
„Nur Fachhochschule“, beeilte sich Richard zu versichern und sah kurz zur Seite. Sammy hatte sich mit dem Rücken zur Beifahrertür gedreht und sah ihn neugierig an.
„Erzähl“, forderte Richard seine so plötzlich erworbene Beifahrerin auf. „Was hast für Wickel mit die Simmeringer?“

Was Richard nun erfuhr, war völlig neu für ihn. In Wien hatte sich in den letzten Jahren eine Art „Untergrundkultur“ entwickelt, offenbar seit den Tagen der Rockkonzerte im Schlachthof von Sankt Marx. Eine ganze Anzahl von Rockgruppen wetteiferte mittlerweile um die Gunst des blutjungen Publikums und eine der bevorzugten Aufführungsstätten war die Konzerthalle in der Gasometer City. Sammy kannte einen von den Gitarristen der „Poltergeister“ und diese hatten ihr erlaubt, zu ihren Konzerten ihre Kunstwerke anzubieten. Es handelte sich um Bilder, die mit der Spraydose auf starkes, weißes Packpapier gesprüht wurden und im Stil der Comics von heute gehalten waren. Sammy verkaufte diese Dinger ganz billig, zwischen zehn und zwanzig Euro pro Blatt und die jungen Leute, die diese Kunstwerke erstanden, verwendeten sie zum Teil als Tapete.
Im Gegenzug zu der Verkaufserlaubnis ihrer Bilder durch die Poltergeister sprayte Sammy Reklame für die Gruppe an Betonwände, hauptsächlich im Gebiet des Donaukanals.

Die Simmeringer, die eine andere Rockband unterstützten, mochten das nicht und im Zuge der verbalen Auseinandersetzung anlässlich des heutigen Rockkonzerts hatte Sammy angekündigt, die Werbung für die Poltergeister auf einen Waggon der U 3 sprayen zu wollen, „damit zwischen Ottakring und Simmering die ganze Stadt weiß, was für guten, harten Rock die Poltergeister machen“. Deshalb habe Sammy vorzeitig das Konzert verlassen und sich auf den Betriebsbahnhof Erdberg der U-Bahn begeben, obwohl dieser recht gut nach außen hin abgesichert wäre, schon allein wegen der Gefahr, die von den Stromschienen ausging. Aber einer von Patricks Leuten habe sie offenbar verfolgt und beobachtet, denn später wurde sie von den Simmeringern angegriffen, konnte sich aber dank ihrer Gewandtheit im Überspringen der Gleise und Stromschienen in Sicherheit bringen.

„Spinnst, Madel?“, warf Richard ein. „Wenn'st a Stromschiene unter Spannung nur leicht berührst, bist hin! Knusprig wie a Grillhendl bist dann!“
„I pass scho auf“, meinte Sammy nur gleichgültig. Und dann fügte sie hinzu: „Kann i mi bei dir duschen? Wegen dem Nitrog'stank und...“
„Und was?“
„Na ja... Du willst sicher ein g'waschenen Hasen im Bett … Übrigens: I bin über zwanzig, also brauchst ka Angst haben, wegen Jugendschutz und so... Kann dir ja mein' Führerschein zeigen...“
„Kontrollieren werd' i di net“, sagte Richard. „Und der Nitrog'stank macht mir nix. Den hab i ganz gern.“
„Ja...?“
Dann schwiegen sie die nächste Viertelstunde, in der Richard über die Südosttangente zu seiner Altbauwohnung in Margareten fuhr.

Sammy schien sich über den modernen Aufzug in dem alten Haus zu wundern, aber überwältigt war sie von den Gemälden, die – zum Teil noch nicht ganz fertig – in Richards Wohnzimmer auf Staffeleien standen.
„Bist du deppert!“ Das sagte sie mehrmals, als sie die Bilder betrachtete. „Hast die du selber g'malt?“
„Ja“, sagte Richard. „Komm, Madel, geh duschen.“

Die Nacht verlief dann ganz anders, als sich Richard das vorgestellt hatte. Wenn er anfangs angenommen hatte, die Sammy wolle nur eine gewisse Schuld beziehungsweise das Entgelt für die Übernachtung in Naturalien erstatten (was er natürlich bereit war anzunehmen), so entwickelte sich bereits nach einigen Minuten überraschend so etwas wie Vertrautheit zwischen den beiden. Und am Ende hatte Sammy die Nacht vielleicht noch mehr genossen als Richard.

Der nächste Tag war ein Samstag. Richard wachte erst spät auf. Neben ihm lag niemand.
Enttäuscht stand er auf und ging ins Bad. Da saß Sammy im Wohnzimmer in einem von Richard geborgten, ihr viel zu großen Pyjama an einer Staffelei, hatte eine Leinwand darauf gestellt und war in voller Aktion mit ihren Spraydosen.
Was sie da zustande gebracht hatte, war bemerkenswert! Es war zwar nur der knallrote Schriftzug „Poltergeister“ in den charakteristischen, flächigen Buchstaben der heutigen „Kids“, aber die Buchstaben liefen aus in beachtliche Karikaturen von vier Jugendlichen mit durchaus sympathischen Gesichtszügen.

„Tschuldige, bitte. I hab die leere Leinwand g'sehn und da hab i mir 'dacht... I zahl s' dir, die Leinwand...“
„So weit kommt's no“, protestierte Richard. „Das is gut, Madel, das is sogar sehr gut!“
„Find'st?“
„Jawohl! Das sind die G'sichter von deine Musiker?“
Sammy nickte.
„Erinnert mi an Carl Barks...“, meinte Richard versonnen. „So ein' G'sichtsausdruck hat der Donald Duck in einer alten G'schicht g'habt, da is es um ein goldenes Boot 'gangen.“
„Welcher Karl?“, fragte Sammy.
„Carl Barks, der Zeichner vom Donald Duck, der Erfinder vom Onkel Dagobert. War a großartiger Maler, der Barks, und hat immer nur zehn Dollar pro Seite 'zahlt 'kriegt vom Disney Konzern.“
„Kenn i net.“ Sammy wirkte etwas verlegen.
„Kaner kennt den. Die Erika Fuchs aa net. Doktor Erika Fuchs, die Übersetzerin von die Texte in die Micky Maus Heftln. Auch so a Genie. Die hat die lautmalenden Texte erfunden, weißt, nur der Stamm von ein' Zeitwort, ohne Endung. Heul, Grunz, Schluchz. Hast sicher schon g'sehn in an alten Heftl. Und kaner kennt die Leut! Ewig schad! Und mi kennt aa kaner. Und di aa net. Na ja, is ja egal, halt Schicksal.“
„Da kann man aber was machen“, sagte Sammy. „Du brauchst Publicity! I kann dein Namen auf die U4 sprayen!“
Richard lachte. „Untersteh di! Wer fangt was mit ein' Namen an, den kaner kennt? Außerdem is des verboten.“
„Dann mach i was anderes. I stell deine Bilder aus!“
„Wo denn?“
„Im Gasometer.“

Tatsächlich beherbergt die „Gasometer City“ ein Einkaufszentrum, das für 50.000 Besucher täglich konzipiert ist. Nachdem in den vier Gasometern aber lediglich etwa 1.500 Personen wohnen und Wien mit Einkaufszentren mehr als ausreichend versorgt ist, war es für die meisten Mieter der Geschäftslokale ein finanzielles Fiasko, wenn sie dort ein Geschäft eröffnet hatten. Deshalb stehen die meisten Lokale jetzt leer.

Als Sammy am Schweigen ihres neuen Bekannten Richard erkannte, dass dieser die Idee nicht sofort und grundsätzlich ablehnte, stieß sie nach: „Da krieg i ganz billig an Laden, weil dort eh alles leer steht. Und Zeit hab i aa, weil i arbeit' nur Teilzeit an der Kassa von ein' Supermarkt. A Monat einmal probieren! Deine und meine Bilder! Und bei die Konzerte verteil' i Zettel und halt die Galerie zu die Konzertzeiten offen.“
Richard schwieg noch immer. Seine Gemälde einmal öffentlich zu präsentieren, ja, das wäre schon was! Aber die Kosten...
„A bissel was wirst ja g'spart hab'n! Und i brauch ka Bezahlung. I verscherbel ja meine Bilder aa dort. Wirst sehn, das funktioniert!“ Sammy schien seine Gedanken erraten zu haben.
„Die jungen Leut hab'n ja ka Geld“, wandte Richard ein.
„Die Jungen net, aber ihre Eltern“, konterte Sammy. „In zwaa Wochen hab i sicher zwanz'g Bildl g'sprayt. Wie viele hast denn du fertig?“
„Genug“, lachte Richard. „Der Keller is voll davon. Und i hab ein' ziemlich großen Keller. Meine Bildln will ja kaner haben! “
Sammy umarmte ihren Gastgeber der letzten Nacht und gab ihm einen Schmatz auf die Nase. „Bald werd'n si' die Leut um deine Sachen reißen. Dann kannst was anderes in' Keller tun“, meinte sie und dann fragte sie: „Was machst denn da?“ Richard hatte begonnen, ihre Pyjamaknöpfe aufzumachen.
„Der Pyjama passt dir net“, sagte er, „Viel zu groß. Ohne schaust besser aus.“
„Du Falott“, lächelte Sammy.

Und so begann die Verkaufsaktion für Richards Bilder tatsächlich.
Sammy konnte zwar kein Geschäftslokal mieten, da die Mieten nur längerfristig vergeben wurden, aber sie erhielt die Erlaubnis, zu bestimmten Zeiten die Bilder im „Skywalk“, der Fußgängerbrücke über die Guglgasse, die die Gasometer mit dem gegenüber liegenden Kinozentrum verbindet, auszustellen und zu verkaufen.

An dem Freitag, an dem wieder eines der Rockkonzerte angesetzt war, borgte sich Sammy Richards Auto, einen Kombi seiner Firma, der ihm auch zu privaten Zwecken zur Verfügung stand, um eine Anzahl von Richards Bildern zum Gasometer zu bringen. Richard kam nicht mit. Er fühlte sich in seinem Alter unter den Jugendlichen fehl am Platz und außerdem hatte er nichts übrig für Rockmusik.

Wie geplant verteilte Sammy Ankündigungen unter den jungen Leuten, die ins Konzert strömten, dass im Skywalk Bilder der Sammy Pichacek sowie des Richard Brunnfelder günstig zu haben wären. Abgesehen davon, dass die meisten der Anwesenden diese Namen natürlich nicht kannten, führte das allerdings dazu, dass auch einer der Simmeringer so einen Zettel in die Hand gedrückt bekam. Und der kannte natürlich die Sammy Pichacek.

Nach dem Konzert zog somit eine Gruppe von sechs Halbstarken in den Skywalk in der Absicht, die Sammy ein wenig zu „birnen“, ihr also die Birne ein bisschen einzuschlagen.
Sammy entkam den ihr zugedachten Prügeln unter Hinterlassung sämtlicher Kunstwerke, von denen sich die Simmeringer allerdings nur die Packpapiergemälde der Samantha vornahmen. Richards Gemälde ließen sie bis auf eines – denn auch diesen Burschen musste man ja warnen – in Ruhe, Sammys Werke wurden allerdings in kleine Schnipsel zerrissen.

Sammy, die bemerkte, dass sie nicht verfolgt wurde, fasste sich nach einigen Sekunden ein Herz und kam zurück, wo sie Zeugin der Vernichtungsaktion ihrer Werke wurde.
Von weitem rief sie den Simmeringern die Bitte zu, sie möchten doch die Gemälde des Richard Brunnfelder in Ruhe lassen, das wäre ein sehr alter Mann, dem man ein wenig helfen müsse, seine Gemälde zu vermarkten. Der habe nichts mit den Poltergeistern zu tun.
Dann möge sie die Sprayaktionen in Zukunft unterlassen, forderte Patrick. Sammy versprach es, worauf sich Patrick ihr ganz freundlich näherte und ihr einen Faustschlag auf die Nase gab, der bewirkte, dass die Samantha Pichacek sich beim Supermarkt krank melden musste. Mit einer solch bunten Nase an der Kasse zu sitzen, war den Kunden nicht zuzumuten.
Der Bilderverkauf im Gasometer war folglich ein Misserfolg gewesen.

Sammy gab noch nicht auf. Es gab ja eine ganz schöne Anzahl von Galerien in Wien.
Daraufhin entstanden in Sammys kleiner Gemeindewohnung in Favoriten in kurzer Zeit etwa zehn Bogen Packpapier mit ihren gesprayten Bildern und mit diesen sowie einer Auswahl von zehn von Richards Werken begann Sammy ihre Verkaufsaktion.

Die erste Galerie lehnte ab. Man habe sich auf Ansichten Wiens spezialisiert. Etwas anderes würde von den Touristen nicht gekauft.
In der zweiten Galerie wurde Sammy, die natürlich wieder in ihren alten Jeans unterwegs war, derart missbilligend angesehen, dass sie beinahe den Mut verloren hätte. Aber schließlich gelang es ihr, der Besitzerin, die übrigens aussah wie einem Modejournal entstiegen, wenigstens eines ihrer Spraybilder zu zeigen.
Das Resultat war ein gekünstelt wirkendes, lautes Lachen der eleganten Dame und der Rat, sie möge doch ihre Werke auf dem Naschmarkt den Standlern anbieten, denn zum Einwickeln von Fisch oder Wurst wären die Werke überaus geeignet. Möglicherweise würden Fettflecke noch die Qualität zusätzlich erhöhen. Sich Richards Bilder überhaupt nur anzusehen, weigerte sich die elegante Galeristin.

In Galerie Nummer drei wurde Sammy klar gemacht, in einem Aufzug wie dem ihren wäre es völlig sinnlos, über irgendwelche Bilder überhaupt nur zu sprechen. Sie möge sich gefälligst anziehen wie ein Mensch, wenn sie die Galerie betrete. Und als Sammy enttäuscht vor der Galerie stand, sah sie, dass der Besitzer einen Schrubber geholt hatte und die Stellen des Bodens, an denen Sammy gestanden hatte, mit Seifenwasser schrubbte.

Der nächste Galeriebesitzer war überaus höflich und freundlich. Sammy solle doch verstehen, dass man als unbekannter Kunstschaffender beträchtliche Summen investieren müsse, um bei den Medien, insbesondere der Presse, bekannt zu werden. Er, der Galeriebesitzer, habe momentan eine junge Künstlerin unter seine Fittiche genommen und bemühe sich, diese zu allen möglichen Partys mitzunehmen, bei denen wenigstens ein Prominenter anwesend wäre, sodass sie die Chance hätte, dass über sie in der Klatschpresse berichtet würde. Eine weitere junge Künstlerin zu protegieren übersteige seine finanziellen Verhältnisse – es sei denn, Sammy würde ihn in drei Wochen zu einer Kunstmesse in Velden am Wörthersee begleiten. Dann müsse sie sich aber zurecht machen wie eine junge Dame, aus ihren dreckigen Jeans heraussteigen und im Übrigen größtes Stillschweigen über ihre Übereinkunft bewahren. Immerhin wäre er, der Galerist, verheiratet.
Sammy verließ die Galerie, nicht ohne bei ihrem Abgang dem netten Galeriebesitzer die Zunge zu zeigen.

Erschöpft kehrte Sammy abends zu Richard zurück.
„So geht’s net“, gestand sie und schilderte Richard die Erlebnisse des Tages. Allerdings, in einem Punkt hätte der letzte Gesprächspartner recht gehabt: Ein Künstler müsse halbwegs bekannt sein, damit Galerien dessen Werke zum Verkauf übernehmen würden, andernfalls scheuten sie zu sehr das finanzielle Risiko.

Richard freute sich über Sammys Entschluss, einige sowohl seiner als auch ihrer Werke zu fotografieren und die Fotos an Zeitungsredaktionen zu senden, denn das würde wohl wieder dazu führen, dass Sammy nach dem Fotografieren bei ihm übernachten würde. Und mittlerweile war ihm das junge Mädel richtig ans Herz gewachsen. Es war nicht nur der Sex, der die beiden auch vom Alter her so unterschiedlichen Menschen verband.

In diesem Fall waren die Kosten gering. Über eine Digitalkamera verfügte Richard, also waren nur Abzüge der Fotos anzufertigen. Und natürlich die Fotos selber.
Samantha betätigte den Auslöser der Kamera, Richard sorgte für die richtige Beleuchtung und die Arbeit wurde immer wieder unterbrochen, weil dringend ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen waren.
Es war ein schöner Abend, sowohl für Richard als auch für Samantha, was aber das einzig Positive an der gesamten Aktion bleiben sollte.

Drei Tage später lagen die Fotos auf dem Schreibtisch des Redakteurs Müller. Eben hatte er sich die Bilder angesehen und anerkennend genickt, als der Chefredakteur Müllers Büro betrat und Herrn Müller „zur Sau machte“. Wie er denn dazu käme, einen Auftritt der Garanca an die Kollegin von der Klatschspalte abzutreten? Müller rechtfertigte sich, dass der Abend keine Sensationen gebracht habe, außer dem Abendkleid der Garanca – und das wäre höchstens einen Artikel der Kollegin vom Klatsch wert gewesen.
Trotzdem hätte er, Müller, der unfähige Kulturredakteur, einen Artikel über den Liederabend bringen müssen! Die Konkurrenz habe das getan und wie stünde man jetzt da! Der Chef war „auf tausend“, Müller sich keiner Schuld bewusst, ein Wort ergab das andere und am Ende war es ein handfester Krach, der dazu führte, dass Müller die Fotos der Samantha Pichacek wütend in den Papierkorb warf und sich überlegte, zu kündigen (was er aber nach ein paar Krügeln Bier dann doch nicht tat).

Sein Kollege vom Konkurrenzblatt, ein gewisser Caicek, legte die Fotos in seine Schreibtischlade, um sie sich später vorzunehmen. Nach einem halben Jahr fielen sie ihm wieder in die Hände, worauf sie als nicht mehr aktuell in den Mülleimer wanderten.

Die Kollegin bei der dritten Zeitung sah die Fotos gar nicht erst an. Sie hatte an einem Artikel über einen jungen, aufstrebenden Architekten zu arbeiten und der Architekt war nicht nur aufstrebend, sondern sehr charmant zu der Redakteurin gewesen, welche nicht gerade mit körperlichen Vorzügen gesegnet war und sich eines der für sie sehr seltenen erotischen Abenteuer versprach, wenn ihr Artikel gut würde. Samanthas Fotos wanderten unbeachtet in den Mist.

Beim vierten Blatt, das eine äußerst konservative Linie vertrat, landeten die Fotos bei Herrn Weberknecht, der als Kulturredakteur vielleicht noch konservativer war als seine Zeitung. Herr Weberknecht, von den Kollegen nur „Spinne“ genant, wunderte sich ein wenig, was dieses moderne Geschmiere eigentlich darstellen solle, und warf die Fotos dann angeekelt in den Papierkorb.

Beim fünften und letzten Blatt landeten Sammys Fotos in der falschen Abteilung. Dort wurden die Bilder und das Begleitschreiben in einen Umschlag gesteckt, an die Kulturabteilung adressiert und per Rohrpost versandt. Allerdings irrtümlich an die Druckerei. Dort nahm ein gewisser Mustafa die Fotos entgegen, konnte mit ihnen nichts anfangen – und das Begleitschreiben verstand er kaum. Irgend so ein Ungläubiger, der Bilder malte, die nichts darstellten. Unerheblich für einen gläubigen Muslim. Also weg damit.

Die Reaktion auf Sammys Versandaktion war also logischerweise nach vier Wochen immer noch null.
Richard nahm es gelassen. „Schau, Madel, uns wollen s' net. Is halt a österreichisches Schicksal. In Österreich muss einer tot sein, damit ihn die Leut' hoch leben lassen. Nimm's net tragisch.“ Insgeheim war Richard sogar dankbar für die mangelnden Reaktionen der Presse, denn Sammy kam des öfteren bei ihm vorbei, um sich nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, worauf sie getröstet werden musste. Und wie Richards Trost aussah, kann man sich leicht ausmalen.

Dann riss eines Tages der Sammy die Geduld. „Dann mach' ma a Ausstellung“, entschied sie. „I schau mi nach ein' günstigen Lokal um!“
Das tat sie dann auch, fand lange Zeit nichts Geeignetes, aber dann stieß sie auf das neu eröffnete Restaurant eines Nigerianers, der im zehnten Bezirk westafrikanische Gerichte anzubieten gedachte.
Zacharia, ein baumlanger Farbiger mit blitzend weißen Zähnen, stimmte zu, sein Lokal mit den Arbeiten der Sammy und des Richard auszustatten. Vernissage sollte gleichzeitig mit der Eröffnung des „Nigerian Paradise“ sein.

Nachdem Zacharia all sein Kapital bereits aufgebraucht hatte und Richard in der Überzeugung, dass die Sache sinnlos wäre, nicht gewillt war, in die Ankündigung der Vernissage Geld zu stecken, blieb das Ereignis so gut wie unbeachtet. Sammy und Richard waren zwar zugegen, ein paar wenige von Richards und Sammys Arbeitskollegen kamen und Richard verdrückte Suya mit Boli, einen extrem scharfen Spieß mit Leber und Rindfleisch und als Beilage ganze, gebratene Kochbananen – und glaubte hinterher, sich sämtliche Eingeweide verätzt zu haben. Ein paar Gäste probierten ebenfalls die überaus feurigen Gerichte Westafrikas, aber die Beschwerden, die diese Spezialitäten an den Gaumen der Gäste hervorriefen, ließen eine Beachtung der Kunstwerke gar nicht erst zu. Da musste in erster Linie gelöscht werden. Mit viel kühlem Bier.

Richards aufgewühltes Innere war erst soeben unter Verwendung dreier ganzer Krügel halbwegs besänftigt worden, da kamen die Simmeringer.
Klar, die Geiselbergstraße ist die Verlängerung der im zehnten Bezirk gelegenen Gudrunstraße und ein nigerianisches Lokal wird nicht jeden Tag im Nachbarbezirk, also in unmittelbarer Nähe eröffnet.

Sammy war ziemlich erschrocken, als plötzlich Patrick, der Capo, vor ihr stand.
„Na gut“, meinte sie dann resigniert. „Wenn ihr mi verdreschen wollts, dann bitte draußen. Der Zacharia hat sei' Wirtshaus ganz neu und da wär' schad' drum. Und i hab seit Wochen nix mehr für die Poltergeister g'sprayt.“
Richard stand auf und mischte sich ein: „Sammy, woll'n die was von dir?“
„Wer is denn der Opa?“, wollte Patrick wissen.
„Der Maler“, sagte Sammy. „Der alte Mann, von dem i euch erzählt hab. Da! Die meisten Bilder san von ihm.“
„Alter Mann?“ Richard war nicht grade erfreut über die Bezeichnung.
Patrick nickte. „Grufti. Verwesi. Mumie“, sagte er grinsend, in der Hoffnung, Richard zu provozieren.
Der war aber nicht in der Stimmung dazu. Die Enttäuschung, dass niemand auch nur nach seinen Bildern gefragt hatte sowie das soeben überstandene Großfeuer in seinem Magen bewirkten, dass er sich resigniert wieder setzte und gar nicht erst antwortete.

Zacharia, der Lokalbesitzer, hatte mitbekommen, dass da etwas in der Luft lag und näherte sich dem Patrick drohend, was diesen veranlasste, sich rasch umzusehen. Sechs Farbige, alle offenbar nicht von dem Typ, den man leicht umblasen konnte, waren im Lokal anwesend. Und die Simmeringer waren nur zu viert...
Patrick schaltete die Taktik auf Rückzug um.
„Und du, kane Grafitti für die Poltergeister mehr! Sonst staubt's!“ Diese Warnung an die Sammy schien dem Patrick unbedingt notwendig, um seinem Abgang doch noch etwas Würde zu verleihen.

„Setz di her zu mir, Madel“, bat Richard, als die Simmeringer sich in der Natur verloren hatten. „Da wird nix draus, aus unserer Malerei. Du kannst ja deine Packpapierbögen weiter im Gasometer zu die Materialkosten verscherbeln. I werd' weiter für'n Keller malen. Wenn die Leut' Kunst net würdigen wollen, soll'n s' in' Gatsch hupfen! Oje – is mir schlecht...“
Richard benötigte dann noch vier Schnäpse und zwei Krügeln, bis es in seinem Magen „Brand aus“ hieß. Natürlich war er dann nicht mehr fähig, selbst nach Hause zu fahren und Sammy musste ihn heim bringen.

Richard malt weiterhin „für den Keller“ und ist weiterhin mit Sammy eng befreundet, wobei ihn der Gedanke quält, dass diese Freundschaft nicht auf Dauer sein könne. Der Altersunterschied sei zu groß. Irgendwann würde Sammy den für sie Richtigen treffen. Und irgendwann würde Sammy vielleicht sogar Erfolg mit ihren Packpapierbögen haben.
Vorläufig fertigt Richard also zwar weiterhin Gemälde an und freut sich, wenn sie der Sammy gefallen. Dann aber wandern die Bilder in den Keller.
Und dabei ist nur wichtig, dass die Sammy kommt, sie ansieht und dann die Nacht über bei Richard bleibt.
Denn schließlich: Was ist schon Erfolg?
In arte voluptas...

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