KunstGeschichten

KunstGeschichte: Der gebrochene Zeigefinger

Elisabeth Cornelius ist eine ganz schöne Göre: Statt sich mit ihren sechzehn Jahren um die Schule und ihre arg gefährdete Versetzung zu kümmern, treibt sie sich in ihrer Freizeit lieber mit zwielichtigen Typen herum. Als sie sich in einer Klassenarbeit mit allem anderen als Ruhm bekleckert, sucht sie Rettung in ihrem künstlerischen Talent. Doch ihr Lebenswandel rächt sich und als invalide Künstlerin mit gebrochenem Finger muss sie sich etwas einfallen lassen. Erich Wurth erzählt uns, was.

Elisabeth Cornelius war ein junges Mädel von gerade einmal sechzehn Jahren, begabt mit einem unwahrscheinlichen Selbstwertgefühl, der Überzeugung, etwas ganz Besonderes zu sein und dem Bedürfnis, sich so zu benehmen, dass sie alles kriegte, was sie wollte. Wenn sie dabei die Unwahrheit sagen musste, dann tat sie das ganz selbstverständlich und ohne die geringsten Gewissensbisse. Was die Angelegenheit allerdings etwas kompliziert machte, war die Tatsache, dass sie tatsächlich etwas Besonderes war: Und zwar hatte sie ein ganz großartiges Talent zur grafischen Gestaltung. Lizzy konnte in wenigen Augenblicken mit ein paar Strichen eine überaus gelungene Karikatur zeichnen oder mit großer Sorgfalt ein anspruchsvolles, farbiges und detailreiches Gemälde anfertigen, wobei es ihr egal war, ob sie Ölfarben oder Tempera benutzte. Dafür brauchte sie zwar länger, aber diese Wartezeit waren die Gemälde in jedem Fall wert! Noch dazu hatte sie keinerlei Ausbildung in der bildenden Kunst erhalten. Sie war ganz einfach ein Naturtalent.

Allerdings nützte sie ihr großes Talent kaum aus. Sie wohnte bei ihren Eltern im 13. Bezirk, besuchte das Gymnasium in der Wenzgasse und kam dort mehr schlecht als recht über die Runden. Mit Latein und Mathematik hatte sie so ihre Probleme. Ihre große Leidenschaft waren – wie üblich in diesem Alter – Diskotheken, Partys und alles, was wild und cool war. Dazu trug auch garantiert ihr Boyfriend bei: Der war ein eher primitiver Bursche mit dem Namen Kevin Wögerer und einem großen Talent, andere zu verprügeln. Auch Lizzy konnte im Fall des Falles „eine abhaseln“ und Kevin hatte ihr schon einige Male die Lippe blutig geschlagen. Nichtsdestoweniger bewunderte sie den Brutalo, ging aber ihre eigenen Wege, besonders was ihre Bekanntschaften betraf.

Auch letztens war sie wieder allein unterwegs. In Meidling. In der Diskothek U4 an der U-Bahnstation Meidlinger Hauptstraße lernte sie einen jungen Mann kennen, der sich besonders für das junge Mädel interessierte. Sie band ihm den Bären auf, sie wäre bereits über 18, eine anerkannte Malerin und stelle in mehreren Galerien aus. Sie tanzten kaum an diesem Abend, sondern verdrückten sich in eine halbwegs stille Ecke und Lizzy zog ihren Schmäh ab. Zum Beweis für ihr künstlerisches Talent zeichnete sie das Gesicht ihres neuen Freundes auf ein Blatt Papier, das sie vom Kellner der Diskothek schnorrte. Der junge Mann (mit dem Namen Thaddäus Nimmrichter, zwanzig Jahre alt und Student der Soziologie) war nun vollständig überzeugt, dass ihm da die Wahrheit gesagt wurde und er verliebte sich mehr und mehr in die Lizzy.

Sie sah auch ganz großartig aus, an diesem Abend, mit einem super kurzen schwarzen Minirock und ziemlich hohen Absätzen, dazu einer sehr freizügigen violetten Bluse, unter der man ihren schwarzen Büstenhalter neckisch hervorschimmern sah. Thaddäus, den Lizzy sofort auf Teddy umtaufte, konnte sich kaum sattsehen an ihr. Gegen Mitternacht äußerte Lizzy den Wunsch, nach Hause zu gehen. Sie hätte morgen ein recht kompliziertes Gemälde fertig zu stellen. (Tatsächlich war eine Lateinschularbeit geplant.) Thaddäus erklärte sich sofort bereit, sie nach Hause zu fahren und zu zweit gingen sie die kurze Strecke bis in die Meidlinger Hauptstraße, wo er seinen relativ neuen Skoda abgestellt hatte.
Als Lizzy den eleganten, neuen Wagen sah, bettelte sie: „Vertraust du mir den Wagen an? Darf ich selber bis nach Haus fahren?“
Natürlich hatte sie keinen Führerschein. Aber Teddy hielt sie nun mal für 18 und zögerte keine Sekunde. Er warf ihr den Autoschlüssel zu und Lizzy fing ihn auf. Sie hatte zwar bereits ein paar Fahrversuche mit dem Wagen ihrer Mutter hinter sich, aber geübt war sie natürlich nicht.

Teddy erlebte deshalb an diesem Abend ein paar Momente, da wünschte er, er hätte sein Auto nicht einem jungen Mädel anvertraut, dass er erst seit ein paar Stunden kannte. Lizzy nahm nämlich die Linkskurve bei der Kennedybrücke in die Hietzinger Hauptstraße in einem Höllentempo und hätte beinahe den Mast der Fußgängerampel touchiert. Sie sagte auch schuldbewusst „Hoppala“, blieb aber bei ihrer rasanten Fahrweise, bis sie ihr Elternhaus auf dem Küniglberg erreicht hatten. Der junge Mann wischte sich den Angstschweiß von der Stirn, nahm aber einen gehörigen Abschied von der flotten Lizzy. Dabei kam es auch zu einem intensiven Kuss zwischen den beiden.
Das Mädel frohlockte. Dieser Teddy war ja ein ausgemachter Trottel! Sich nicht einmal den Führerschein seiner Angebeteten zeigen zu lassen! Das musste man ausnützen! Lizzy begann sofort, Überlegungen hinsichtlich weiterer Vorteile anzustellen, die ihr der Teddy Nimmrichter verschaffen könnte. Da müsste doch was zu machen sein. Aber sie verschob die Entscheidung auf den nächsten Tag. Jetzt kam es einmal darauf an, die Latein-Schularbeit mit einer positiven Note abzuschließen! In Latein war sie „gefährdet“ und es drohte ihr die Wiederholung der Klasse.

Am nächsten Tag verhaute sie die Klassenarbeit nicht, weil sie unausgeschlafen war, sondern weil ein Text von Titus Livius kam: „Ab urbe condita, Buch Nummer 6, 42, 1 – 11“ Und diesen Text hatte sie noch nie gesehen. Die Übersetzung fiel demgemäß aus. Die Lizzy erkannte nur, dass es in dem Text um feindliche Gallier ging – und machte eine Episode draus, die es wert gewesen wäre in der Heftreihe des Asterix zu erscheinen. Die Note war ein glattes, sauberes und wohlverdientes „Nicht genügend“. Jetzt hatte sie ein Problem: Die nächste Klasse war so gut wie unerreichbar. Latein und Mathematik reichten locker für's Sitzenbleiben.

Lizzy sprach darüber mit ihrer Mutter: „Mami, wenn ich dieses Jahr sitzen bleibe, mach ich ein paar Gemälde und komme so ins Geschäft!“
„Untersteh' dich! Du kommst in die nächste Klasse!“
„Ich trau mich fast wetten, dass ich nicht versetzt werde! Aber mit den Bildern geht was! Ich hab da gestern einen jungen Mann kennen gelernt, einen Thaddäus Nimmrichter, der ist ein ziemlicher Trottel. Er hat mich sogar seinen Wagen fahren lassen. Ohne sich den Führerschein anzusehen. Vom U4 bis hier her! Der ist sagenhaft naiv!“
„Du gehst jetzt zum Doktor Heinfellner! Latein-Nachhilfe!“
„Aber malen tu ich trotzdem!“

Und das tat die Lizzy denn auch! Sie hatte vor, dem U4 ein Bild zu verkaufen und malte eine Szene auf der Tanzfläche, bei der es ganz schön wild zuging. Und sie selber war auch dabei, in dem Aufzug vom letzten Mal, mit dem super kurzen Minirock und in heftigster Bewegung. Am übernächsten Tag brachte sie das Gemälde in die Galerie Neunteufel, die in der Hietzinger Hauptstraße lag. Dort sah sich Herr Neunteufel persönlich das Bild an und schüttelte nachdenklich den Kopf. „Das ist in einer Diskothek, net wahr?“
„In der U4“, gestand Lizzy. „Ich bin sicher, das U4 wird das Bild auch kaufen! Ich geb's nur Ihnen, weil ich noch weitere Bilder bei Ihnen anbringen will!“
„Na schön. Dann machen wir halt einen Vertrag. Das Bild ist gut, die nächsten sollten auch so sein. Sind Sie schon großjährig?“
„Warum?“
„Wegen dem Vertrag.“
„Na, ich bin über 18.“
„Das reicht.“

Herr Neunteufel tippte in seinem Büro einen Vertrag, in dem Lizzy sich verpflichtete, weitere Gemälde an Herrn Neunteufel zu liefern. Der Preis wurde allerdings nicht erwähnt. Dafür nahm er einen Passus auf, der besagte: „Elisabeth Cornelius (Alter über 18 Jahre) verpflichtet sich, monatlich der Galerie Neunteufel mindestens ein Gemälde zur Verfügung zu stellen... Diese fühlte sich damit zwar nicht allzu wohl, als sie unterschrieb. Sie sagte sich aber, sie werde schon noch eine Antwort finden, um sich heraus zu reden. Dann streifte sie 200 Euro ein und machte sich davon. Von ihrem Handy aus rief sie den Kevin Wögerer an. Sie hatte ein Bedürfnis, sich mit ihm zu treffen und ihm von ihrer Altersangabe bei dem Galeristen zu erzählen.
Kevin befand sich im Café Eibenhof im Ekazent, dem Einkaufszentrum Hietzing. Lizzy sollte doch zu ihm kommen. Also legte seine Freundin einen kleinen Sprint ein und lief den knappen Kilometer zum EKZ Hietzing in einem flotten Trab, ohne viel auf die älteren Fußgänger zu achten. Die sollten auf sich selber aufpassen!

Etwas außer Atem erreichte sie das Café. An der Bar saß Kevin und führte das große Wort. Sofort erzählte Lizzy ihm, was sie da unterschrieben hatte.
„Der Neunteufel soll zum Teufel geh'n mit sein' Wisch! Wenn er dir blöd kommt, kriegt er a paar in die Goschen, dass ihm acht Tag' die Birn' wackelt!“ Damit war für Kevin der Fall erledigt.
'Ist ja doch gut, wenn man einen Beschützer hat', dachte Lizzy und gab dem Kevin einen Kuss.
Da stand an einem der Tische ein Riegel von einem Mann mit Bart, Blue Jeans und Springerstiefeln auf, schob sich an sie heran und sagte in herrischem Tonfall: „Den Wappler busselst ab, Madel, und mi net?“
„Hab aa gar ka Veranlassung dazu!“, meinte Lizzy. „Warum sollt i di abbusseln, Thomas?“
„Weil i a Pfundskerl bin. I kann aa an jeden die Birn wochenlang wackeln lassen!“ Damit beugte sich Thomas ihr zu und brachte seinen Mund vor den ihren.

Lizzy drehte sich weg. Da griff Thomas nach ihr und hielt sie an der rechten Hand eisern fest.
„I krieg jetzt aa a Bussel, sonst muss i dir weh tun!“, verlangte er.
Sie war nicht bereit, nachzugeben. „Dann probier's halt!“, sagte sie.
Doch Thomas hatte mit der zweiten Hand zugegriffen und nun hatte er ihren Zeigefinger zum Handrücken hin gebogen und drückte immer weiter. Lizzy fühlte den Schmerz immer stärker werdend und sprang mit ihren Laufschuhen auf die Springerstiefel des jungen Mannes. Der lachte nur drüber. Das dicke Leder schützte seine Zehen. Lizzy biss die Zähne zusammen und schlug mit der linken Faust mit aller Gewalt auf Thomas' Nase. Der Hieb saß wesentlich besser, als ihre Tretversuche: Ihr Opfer schrie auf. Aber gleichzeitig, möglicherweise infolge des Schlages auf seine Nase, hatte seine Hand Lizzys Finger zu weit gebogen. Die quiekte ebenfalls auf, als ihr Finger brach.

Schwer atmend standen die beiden einander gegenüber. Aus Thomas' Nase floss Blut und Lizzys Finger stand in einem unwahrscheinlichen Winkel zum Handrücken, der gebrochene Knochen des ersten Fingergliedes war deutlich zu sehen.
„Der Schweinehund hat mir den Finger 'brochen!“, beklagte sich Lizzy.
„Die Tussi hat mir den Frnak* zerquetscht!“, beschwerte sich Thomas.
Kevin sah sich die beiden Kontrahenten an. „Schneuz di halt“, sagte er zu Thomas. Und beim Anblick des gebrochenen Fingers sagte er: „I glaub, da werd i die Rettung holen müssen“.
„Blödsinn“, sagte Lizzy. „ I geh damit zum Doktor Nanke, das is a Unfallchirurg und a Freund von mein' Vater! Der hat eh jetzt grad Ordination.“

* tschechisch "Nase"

Sie ließ sowohl den blutenden Thomas als auch ihren Freund Kevin einfach stehen und verließ das Lokal. Draußen versuchte sie, die lädierte Hand irgendwie in die Tasche ihres Anorak zu stecken, ohne dass es zu sehr wehtat. Bis die Hand endlich in der Tasche war, hatte Lizzy Tränen in den Augen, aber schließlich war es geschafft. Dann lief sie die kurze Strecke über die Kennedybrücke hinüber nach Penzing und stieg in der Nisselgasse die Treppen zu Doktor Nankes Ordination hoch. Zwischendurch durchzuckte immer wieder eine Welle des Schmerzes ihre Hand und Lizzy wunderte sich, dass so ein gebrochener Finger derart wehtun konnte. Dann war sie in der Ordination und hielt der Sprechstundenhilfe einfach ihre Hand hin.
Die sagte: „Oh weh! Sie kommen gleich dran!“, schob Lizzy in den Warteraum und ging zum Doktor in das Behandlungszimmer.

Es dauerte keine zehn Minuten, da rief Doktor Nanke schon nach ihr. „Na, Lizzy, wie hast du denn das zustande gebracht?“, war seine Frage beim Anblick des Malheurs.
„Ausgerutscht, hingefallen und blöd aufgekommen“, erklärte Lizzy. Vom Thomas wollte sie nichts erzählen, der würde schon noch seine Retourkutsche bekommen!
Der Doktor deutete auf ihre Laufschuhe: „Wenn man mit solchen Schuhen 'rumläuft, sollte das eigentlich nicht passieren“, sagte er.
„Ist aber passiert“, beharrte Lizzy.
„Na schön. Jetzt wird’s ein bisserl wehtun“, sagte der Doktor und begann, den gebrochenen Finger auf der Schiene einzurichten.

Es dauerte ganz schön lang, bis er den Finger in die richtige Stellung gebracht hatte. Lizzy schwitzte ganz schön! Sie hatte sich vorgenommen, nicht zu schreien, wenn der Onkel Nanke ihren Finger malträtierte, aber es fiel ihr sehr schwer, besonders als er an ihrem Finger zog, um die Bruchstellen sauber aneinander zu legen. Trotzdem quiekte Lizzy nur einmal ganz leise auf. Dann umwickelte der Doktor Finger und Schiene mit einem festen Gipsverband und kontrollierte die korrekte Stellung des Knochens mit einer Röntgenaufnahme. Schließlich sagte er: „Sehr schön!“ und Lizzy atmete auf. Und ganz plötzlich kamen ihr die Tränen. Es hatte doch ganz gehörig wehgetan!
„Na, Lizzy, ist ja schon vorbei“, sagte der Doktor. „Und du warst sehr tapfer! Kommst du in zwei Wochen zur Kontrolle?“
„Wenn's nicht wieder so weh tut...“, sagte Lizzy und schniefte. Der Doktor lachte.

Dann war sie endlich draußen. Es war schon nach halb vier und sie lief nach Hause, wobei ihr der Pulsschlag im Finger dauernd pochte und die Hand ganz gehörig wehtat. Ihre Mutter war ganz schockiert, als sie den Gipsverband sah. Aber Lizzy erklärte nur: „Hingefallen und blöd aufgekommen. Ich war gleich beim Doktor Nanke.“
„Na, Gott sei Dank, wenigsten das!“, sagte Frau Cornelius.
Aber jetzt hatte sie noch ein Problem: Mit der Gipshand konnte sie nicht malen! Da konnte ihr wohl keiner helfen! Oder?
Sie dachte an Teddy Nimmrichter. Der hatte zwar nie behauptet, mit Malerei etwas am Hut zu haben, aber mit Lizzys Anleitung konnte der doch vielleicht etwas zustande bringen? Lizzy rief ihn an. Er war sofort bereit, ihr zu helfen, als er von Lizzys Missgeschick erfuhr. In etwa einer Stunde werde er da sein. Als er auf dem Küniglberg eintraf, begrüßte ihn zunächst Lizzys Mutter (später äußerte sie sich sehr anerkennend über den Teddy).
Leider machte er seiner Angebeteten keinerlei Hoffnungen, dass er ihre Malertätigkeit übernehmen könnte.
„Teddy, nur versuchen!“, bettelte Lizzy.
Gut. Teddy nahm den Pinsel in die Hand – und brachte nichts zustande. Lizzy versuchte, ihm Anweisungen zu geben: Da machst du einen Bogen hin, dort ist ein gerader Strich nötig, und so fort. Es war sinnlos.
Da sagte Teddy: „Und wenn ich deinen Verband umbaue? Vielleicht kannst du dann wieder selber malen!“
„Gut. Versuchen wir's!“

Lizzy holte alles, was sie an Werkzeug auftreiben konnte. Teddy versuchte es erst einmal mit einem scharfen Messer, mit dem er die Gipsschiene, die den Finger fixierte, aufschnitt. Dann machte er eine Kerbe in den Gips, so dass Stift oder Pinsel sicher auflagen. Und zum Schluss befestigte er ein Band (eigentlich einen Schuhriemen) so, dass man das Schreibwerkzeug fest mit dem Verband verknüpfen konnte. Lizzy versuchte, zu malen – und es ging! Zunächst fertigte sie eine Zeichnung an, die offenbar das Innere eines Cafés darstellte. Da waren zwei Männer, offenbar Rocker, und der eine davon hatte Lizzys Hand in der Arbeit. Er bog ihren Zeigefinger gegen den Handrücken und Lizzy machte ein klägliches Gesicht.

„So war das mit dem Finger“, erklärte sie, als sie dem Teddy das Bild zeigte. „Das war nämlich der Thomas Kaltenbacher, der brutale Kerl. Hat a Bussi haben wollen, aber er hat eine auf die Nase gekriegt!“ Lizzy war mittlerweile damit beschäftigt, die Zeichnung zu kolorieren. Sie trug die Farben nur äußerst sparsam auf.
„Da solltest ihn aber anzeigen!“, schlug Teddy vor.
„Ah geh! Der kriegt dafür das Bild! Damit er sich's merkt, dass man mit mir net so rumspringen kann! Kommst du mit ins Eibenhof?“
Teddy zuckte die Schultern, aber Lizzy war auf einmal voller Tatendrang, zog sich rasch ihren Anorak an, nahm die Zeichnung an sich und verließ die Wohnung. Er trottete halt mit.

Draußen war es bereits dunkel geworden. Bei Teddys Auto angelangt, verlangte Lizzy wieder den Autoschlüssel. „Ich will versuchen, ob ich mit der Gipshand fahren kann.“
Gehorsam setzte er sich auf den Beifahrersitz. Lizzy war mit ihrer Hand doch etwas behindert und es dauerte geraume Zeit, bis sie den Motor gestartet hatte. Und dann kam sie kaum aus der Parklücke und touchierte leicht das vor ihr parkende Fahrzeug. Aber schließlich hatte sie den Wagen auf der Fahrbahn und sie fuhr los.
Diesmal war sie etwas vorsichtiger unterwegs, denn ihre eingegipste Hand machte ihr doch einige Probleme. Sie fuhr die sehr steile Wattmanngasse bergab nach Norden, bog in die Trauttmansdorffgasse links ab und gelangte über die Lainzerstraße zur Hietzinger Hauptstraße. Dort fand sie einen Parkplatz in der Kurzparkzone und hatte ziemliche Mühe, einzuparken. Als sie ausstieg, ragte der Wagen noch in die Straßenbahnspur. Teddy besserte schließlich Lizzys Fehler aus und stellte den Wagen näher zum Randstein. Wie ein Artillerieoffizier marschierte Lizzy dann entschlossen ins Ekazent Hietzing und betrat das Café Eibenhof. Teddy folgte.

Thomas und Kevin saßen an einem Tisch am Fenster und besonders der Thomas sah etwas derangiert aus. Unter der Nase war sein Gesicht leicht rot gefärbt vom Nasenblut. Lizzy marschierte direkt auf ihn zu und stieß ihm ihren eingegipsten Finger direkt auf die Nase. Thomas schlug ihre Hand zur Seite.
Da sagte sie feierlich: „Hör einmal, du brutaler Wicht, ich hab die Szene von heute gemalt! Das Bild kannst kaufen. Wenn nicht, geh ich damit zum Gericht. Ja? Das kostet dich ein schönes Schmerzensgeld! Aber das Bild kostet nur zweihundert Euro.“
Teddy wunderte sich nur über die Frechheit, die Lizzy aufbrachte.
„Wo soll i denn zwaahundert Euronen her nehmen, du Wahnsinnige?“, fragte Thomas.
„Nimm halt ein' Kredit auf, du Negerant*! Zahlst eh fast kane Zinsen!“
„Du, die zeigt dich wirklich an“, meinte Kevin.
„Die Tussi soll mich einmal!“
„Mach ich – kostet aber fünfhundert Euro mehr“, sagte die Wahnsinnige. „Wenn du eh schon ein' Kredit aufnimmst, nimm halt gleich ein' Tausender!“
„Die freche Dame hau i, wie der Kasperl das Krokodil!“
„Das schau i mir an, um fünf Cent, mehr is's net wert!“

* etwa "Bargeldloser", von "neger" = pleite, abgebrannt

Thomas stand auf und hob die Fäuste. Aber Teddy stellte sich vor ihn hin und herrschte ihn an: „Du bist ganz ruhig, sonst kriegst noch einmal eine auf'n Frnak, dass sich die Zähnd verabschieden!“
Thomas wich zurück.
„Neuer Bugl*?“, fragte Kevin.
„Klar! Du bist ja keiner, du Bubi! Lässt den Thomas mir einfach den Finger brechen!“, sagte Lizzy.
„Was hätt' i denn machen sollen?“
„Na, irgendwas halt! Vielleicht dreinschlagen! Aber beim Thomas traust dich ja net!“
„Aber du traust di'?“
„Klar! Hab i ja g'macht! Jetzt hat er a zertepschte Nasen!“ Sie wandte sich wieder dem Thomas zu: „Jetzt komm schon rüber mit den zweihundert!“
„I kann dir höchstens ein' Schuldschein geben“, sagte Thomas.
„Dann gib her!“
Mit seinem Taschentuch die Nase abtupfend stand Thomas auf und holte sich vom Kellner an der Theke ein weißes Blatt Papier. Lizzy diktierte ihm, was er schreiben sollte. Schließlich unterschrieb er und sein Opfer übergab ihm das Bild. Ziemlich kleinlaut schob er dann ab. Er nickte der Lizzy nur ganz kurz zu, als er aus dem Lokal ging.
„So behandelt man die brutalen Typen!“, sagte Lizzy zu Kevin. „Merk dir das!“
Kevin murmelte irgendwas Abfälliges.
Nachdem das erledigt war, fuhr Lizzy Teddys Wagen die Maxingstraße wieder hinauf auf den Küniglberg und dort verabschiedete der sich.

Nachts konnte Lizzy kaum schlafen, denn ihre Hand schmerzte und ließ ihr nicht viel Ruhe.
Aber am nächsten Tag kam ein Anruf von Kevin Wögerer auf Lizzys Handy:
„Du, der Thomas Kaltenbacher hat a Geld! Er hat dein Bild verkauft!“
„Ja, wem denn? Wer zahlt denn was für so ein' Blödsinn?“
„Irgend so ein Grammel, a Perverser! Dem macht's Spaß, wenn er Bilder sieht, wo sich einer weh 'tan hat! Jetzt will er noch so ein paar! Hörst, pass auf, damit dir der Thomas net noch was anderes antut! Aber du könntest solche Sachen auf jeden Fall malen! Und verkauf s' an den Thomas, aber verlang mehr als zwaahundert Euronen!“
„Schön“, sagte Lizzy, „dann mal i mi mit ein' Loch im Schädel. Aber dem Thomas musst du das verkaufen, sonst haut der no hin auf mi!“
Und Kevin sagte: „Na, solang er dir net a Messer in'n Bauch sticht...“

* Bugl = Buckel, etwa "Leibwächter"

Diese Seite teilen