KunstGeschichten

KunstGeschichte: Der Schachhofrat

In seiner neuen KunstGeschichte wartet Erich Wurth mit zwei spannenden Schachspielen auf. Wer zum Schluss das exquisite Brett bekommt und was sich sonst noch ergibt, erfahren Sie einen Klick weiter.

Hofrat Doktor Edmund Blaschek war gerade dreiundsechzig Jahre alt und immer noch als Sektionschef im Finanzministerium tätig. Seine Abteilung überwachte die Gebarung der Krankenkassen, in erster Linie der Gebietskrankenkassen der Länder.

Hofrat Blaschek verfügte zwar bereits über ein gewisses körperliches Volumen, hauptsächlich was die unmittelbare Umgebung seines Gürtels betraf, sah aber für sein Alter noch ganz gut aus, wenn man das Bäuchlein als unabdingbares Zeichen seines Alters akzeptierte. Die Hornbrille machte sein Gesicht seriös und wenn man ihn das erste Mal sah, wusste man: Das ist jemand, der etwas zu sagen hat!
Das hatte er auch! Er war es, der die Entscheidungen traf, welche Kosten für Heilmittel die Krankenkassen übernahmen, und welche nicht. Er war es auch, der die Kassen im letzten Jahr so ziemlich saniert hatte! Nur die Wiener Gebietskrankasse hatte jetzt noch Schulden, die anderen bilanzierten mehr oder weniger ausgeglichen.

Seine Ministerin, Frau Maria Fekter, hielt viel von dem immer korrekten, höheren Beamten und man munkelte, dass die Frau Minister und Hofrat Blaschek privat „Du“ zueinander sagten.

Privat war der Hofrat ein eingefleischter Junggeselle. Zwar hatte es in seiner Jugend ein paar heiße Affairen gegeben, aber es war keine dabei gewesen, die zu einem Happy End geführt hätte. Und jetzt? Nun, wenn man die Sechzig bereits überschritten hat, wird man bequemer und die Freuden der Liebe sind nicht mehr so reizvoll wie früher. Obwohl Hofrat Blaschek immer noch mit offenen Augen durch die Welt ging und hübschen Frauen sehr gerne nachsah. Und wenn ihm eine davon besonders zusagte, dann war er immer bereit, seine Lethargie abzulegen und noch einmal wie ein junger Mann zu agieren.
Allerdings kam das sehr selten vor.

Seine große Leidenschaft war das Schachspiel. Einmal pro Woche traf er sich im Café Landtmann zu einer Schachpartie mit den Kollegen vom Schachklub Landtmann und meistens gewann er seine Partien. Im Schach machte es ihm keiner so leicht nach!

Außerdem pflegte der Hofrat, gut zu speisen. Er kochte oft selber und ging bei dieser Tätigkeit mit der selben Leidenschaft zu Werke, mit der er auch seine Schachpartien zu schlagen pflegte.

Und außerdem nahm er des Öfteren gesellschaftliche Verpflichtungen wahr. Er kannte – durch seinen Beruf und die Schachpartien im Landtmann – eine ganze Menge von Leuten, alle mit doch recht bedeutendem Einfluss und da kam es mitunter vor, dass er zu diversen Festen eingeladen wurde. Dann schlüpfte er in seinen Frack, legte seine wenigen Orden an und bemühte sich, ein angenehmer Gast zu sein.

Auch heute stand ihm so ein Ereignis bevor. Kommerzialrat Trübner hatte zu einer Feier anlässlich der Promotion seines Sohnes eingeladen.
Obwohl der Hofrat den jungen Moritz Trübner kaum kannte, war er es seinem alten Schachpartner, dem Kommerzialrat Chaim Trübner schuldig, dem Sohnemann die Hand zu drücken. Die Trübners wohnten neben dem Rathaus, einem alten Gebäude in der Lichtenfelsgasse, das etwa zur selben Zeit wie das Rathaus erbaut worden war und das einem Palais aus der Ringstraßenzeit glich.

Um halb acht Uhr abends verließ der Hofrat sein geräumiges Domizil in unmittelbarer Nähe der Produktenbörse im zweiten Bezirk und stieg in das bestellte Taxi. Hofrat Blaschek hielt es nicht für nötig, einen eigenen Wagen zu besitzen. Mit dem Taxi war man ebenso schnell und immerhin konnte er sich das leisten. Und den kurzen Weg von der Taborstraße ins Ministerium in der Himmelpfortgasse legte er täglich zu Fuß zurück, das war seine Art von sportlicher Tätigkeit.

Bei Trübners wurde er höchst liebenswürdig empfangen. Es war bereits eine ganze Anzahl von Menschen anwesend, alles Herren im Frack und Damen im langen Abendkleid. Chaim Trübner hatte sogar ein Streichquartett engangiert, das im Hintergrund Haydn spielte.
Der Hofrat musste zugeben, der Empfang hatte Stil!

Als der Hofrat sich am Buffet einen kleinen Teller voll Krabbencocktail holte, sprach ihn der alte Chaim an: „Lieber Edmund, darf ich dir eine sehr liebe Freundin vorstellen? Frau Doktor Christiane Böheim, Chirurgin, die aus alten Weibern wieder charmante Damen macht.“
„Sehr erfreut“, sagte der Hofrat. „Sie machen also Enthauptungen? Funktioniert denn das mit den Schädeltransplantationen?“
„Zum Glück nicht“, sagte die Ärztin. „Meistens sauge ich Fett ab und zieh' den Patientinnen die Haut im Gesicht nach oben. Das reicht.“
„Gutes Geschäft?“, fragte der Hofrat.
„Ausgezeichnet! Sie glauben gar nicht, was die Damen bereit sind, dafür auszugeben!“

Chaim Trübner mischte sich nochmals ein: „Und die Frau Doktor ist eine ausgezeichnete Schachspielerin!“
Der Hofrat sah sich die Frau Doktor jetzt genauer an. Sie war etwa 50 Jahre alt, sehr schlank, dunkelblond und trug ein hochgeschlossenes silbernes Abendkleid mit einem sehr langen Seitenschlitz, der fast bis zur Hüfte reichte.
„Ich würde mich glücklich schätzen, einmal von Ihnen matt gesetzt zu werden“, sagte der Hofrat.
„Warum nicht? Ich werde mich jedenfalls bemühen, mich nicht zu blamieren.“ Die Frau Doktor lächelte den Hofrat seltsam an.

„Edmund, gegen die Frau Doktor hast du keine Chance“, bemerkte Chaim. „Nicht einmal du!“
„Umso besser! Es ist doch großartig, mit Stil zu verlieren!“
„Entschuldige. Da drüben ist soeben der Wirtschaftsminister gekommen.“ Chaim eilte hinüber, um den neuen Gast zu begrüßen.
„Sie arbeiten im Finanzministerium?“, fragte Frau Doktor Christiane Böheim.
„Ja. Im Bereich Krankenkassen. Aber damit werden Sie nichts zu tun haben.“
„Doch. Manchmal. Manche Operationen sind medizinisch indiziert, dann übernimmt die Kosten die Kasse. Aber sehr selten und das auch nur teilweise.“
„Wär' ja auch noch schöner, wenn die Allgemeinheit das Lifting der Frau Meier bezahlt!“
„Die Kassen zahlen eh nur Hungerlöhne!“
„Na, wenn ein Arzt genug Patienten hat, kann er trotzdem ganz gut davon leben!“
„Ja. Wenn er viele Patienten hat! Das ist aber gar net so leicht!“
„Na ja, anstrengen halt!“
„Herr Hofrat, ich streng' mich an und i brauch' keine Kassen! So geht’s ja auch.“
„Na, sehen Sie!“

Kommerzialrat Chaim Trübner unterbrach jetzt ihre Unterhaltung und sprach öffentlich ein paar Worte über seinen Sohn. Dem Hofrat kam die Unterbrechung gerade recht. Es widerstrebte ihm, sich mit Christiane über Finanzen zu unterhalten. Frau Doktor Böheim war immerhin eine schöne und elegante Dame! In ihrer Unterhaltung hatten Finanzprobleme nichts verloren!

Nach der kurzen Ansprache von Chaim war Christiane plötzlich verschwunden. Der Hofrat zuckte die Schultern und begann ein Gespräch mit dem Wirtschaftsminister.
Zwei Stunden später hatte sich die Gesellschaft schon etwas vermindert. Mehrere Personen waren ja nur gekommen, dem jungen Moritz zu gratulieren und mochten noch etwas Anderes vorhaben. Hofrat Blaschek war auch bereit, aufzubrechen. Das sagte er auch seinem alten Freund Chaim.

„Sie sind mit dem Taxi gekommen?“, fragte ihn auf einmal die Frau Doktor Böheim, die plötzlich herangekommen war.
„Ja. Ich hab nämlich gar kein Auto“, sagte Edmund.
„Dann bringe ich Sie nach Haus'. Sie wohnen im zweiten?“ Woher die Frau Doktor das alles nur wusste! Offenbar hatte Chaim geplaudert.
„Aber nur, wenn Sie bei mir noch eine kurze Schachpartie spielen“, meinte Edmund. Die Frau Doktor sah auf die Uhr. „Wenn Sie solchen Wert drauf legen“, sagte sie.

Dann verabschiedeten sie sich von den Trübners und Edmund folgte Christiane über die Lichtenfelsgasse in die Tiefgarage auf dem Friedrich-Schmid-Platz. Dort hatte sie ihren Mercedes 300 stehen, ein etwas älteres Modell, aber immer noch ein sehr schönes Cabrio.
Als sie sich hinters Steuer setze, zog sie sich die Schuhe aus und schlüpfte in ein Paar mit sehr flachen Absätzen. „Mit den hohen Stöckeln kann man nicht sicher Auto fahren“, kommentierte sie.
„Sehr vernünftig“, stimmte Edmund zu.

Dann fuhr Christiane übers Schottentor und Schottenring zum Schwedenplatz und Edmund war voll Bewunderung, wie souverän sie mit dem schnellen Wagen umging.

Vor der Apotheke der Barmherzigen Brüder war ein Parkplatz frei und Christiane hatte in wenigen Sekunden den Mercedes geparkt. „Also, zu den Frauen, die nicht einparken können, gehören Sie nicht“, stellte Edmund fest. Christiane wechselte wieder ihre Schuhe und erklärte: „Ohne Absätze wäre mein Abendkleid zu lang.“

Und dann führte Edmund sie in seine geräumige Altbauwohnung. Christiane sah sich interessiert um und bemerkte ein altes Aquarell, das eine Waldlandschaft darstellte. „Das ist doch ein Fendi, oder?“
„Wahrscheinlich“, sagte Edmund. „War irgendwann einmal ein Geschenk.“
„Und sie haben's nicht untersuchen lassen?“
„Warum?“
„Na hören Sie einmal! Der Fendi ist einer der bedeutendsten Maler des 19. Jahrhunderts!“
„Mir is das eigentlich egal“, sagte Edmund gleichgültig. „Kommen Sie da rein! Jetzt werde ich Sie schlagen!“
„Hoffentlich! Ich freu mich drauf!“

Dann saßen sie beide im Wohnzimmer in der Ecke unter der Stehlampe und Edmund hatte in der Küche Wasser für eine Tasse Tee aufgestellt. Dann ging er zu seinem Wohnzimmerverbau und zog sein bestes Schachbrett aus der Schublade: Ein kupfernes Spielbrett mit Einlegearbeit aus Chrom und gegossene, metallene Figuren, hergestellt von Karl Perl im Jahr 1933. Christiane bewunderte die fantasievollen Schachfiguren sehr.

„Aus dem Jahr 1933, von Karl Perl. Kennen Sie den? Medailleur und Bildhauer, der seine jüdische Frau durch die ganze NS-Zeit gebracht hat. Nur mit Vertröstungen und Wiener Schmäh. Seine Frau, die Malerin Olga Perl konnte keinen Ariernachweis erbringen, hat aber die Nazizeit überlebt.“

„Beachtlich“, sagte Christiane. Edmund ließ sie die Farbe auslosen. Christiane hatte weiß und begann mit einem Zug des Damebauern. Edmund konterte genauso.

Das Teewasser kochte und Edmund goss zwei Tassen Tee ein. Er hatte sich fest „eingeigelt“ und wartete Christianes Angriff ab.
Christiane nahm einen Schluck Tee und begann, eine Attacke mit ihren beiden Springern zu reiten. Edmund rochierte und setze beide Läufer zur Abwehr ein. Es begann ein kleines Gemetzel an Edmunds rechter Flanke und schließlich verlor Edmund einen seinen Läufer, schlug aber einen von Christianes Springern.

Bei der zweiten Tasse Tee räumte Christiane mit ihrem Turm Edmunds Deckung beiseite. Rasch hintereinander fielen vier von Edmunds Bauern und Edmund rettete sich noch einmal durch ein überraschendes Abzugsschach.

Sein eigener, massiver Angriff mit beiden Türmen ging ins Leere und schließlich tauschte Christiane ihre Dame gegen einen Turm. Edmunds König stand beinahe im Zentrum und Christiane setzte ihre Läufer und einen Turm gegen Edmunds König an.

Edmunds König flüchtete planlos übers Spielfeld, aber dann sah Edmund seine Chancenlosigkeit ein und legte den König um.
„Gratuliere! Großartige Partie“, urteilte Edmund.
Christiane trank den Rest ihres Tees aus. „Dann werde ich mich jetzt verabschieden“, sagte sie.
„Wenn ich Sie nicht zu einer Revanche überreden kann...“, sagte Edmund.
„Ein anderes Mal“, wehrte Christiane ab. „Wir werden uns ja wieder einmal treffen.“
„Ja, glauben Sie, ich lasse so eine exzellente Schachspielerin einfach in Ruhe?“
„Das hab ich mir fast gedacht...“, sagte Christiane.

Edmund begleitete sie ins Vorzimmer. Interessiert betrachtete Christiane das Aquarell. „Erstaunlich, dass Sie sich nichts draus machen“, sagte sie. „Zirka vierhundert Aquarelle gibt’s von Peter Fendi, und das ist ein sehr schönes!“
„Beschäftigen Sie sich damit?“, fragte Edmund.
„Ein wenig. Mein Hauptinteresse sind die alten Adelspaläste von Wien. In manchen war ich noch nie drin!“
„Im Finanzministerium hoffentlich aber schon“, sagte Edmund. „Ein wunderbares Gebäude!“
„Stadtpalais des Prinzen Eugen von Savoyen. Ich hab nur einmal kurz rein gesehen.“
„Jetzt ist es renoviert! Sehr schön geworden! Darf ich Sie einmal dort herumführen?“
„Ach ja, Ihr Arbeitsplatz! Na, wenn Sie einmal Zeit haben, gerne!“
„Ich nehme mir einfach die Zeit! Rufen Sie mich an, wenn Sie Lust dazu haben!“ Dabei übergab Edmund seinem Gast eine Visitenkarte.
„Danke vielmals! Und jetzt gute Nacht! Es ist schon spät heute!“ Und damit glitt Christiane aus der Tür.

Edmund stand ganz verunsichert da und starrte seine Eingangstür an. So eine interessante Person! So elegant, so hübsch und was das für eine Schachspielerin war!

Als Christiane ihren Mercedes aus der Parklücke fuhr, dachte sie ebenso positiv über Edmund nach. Ein durchaus gebildeter, sehr sympathischer Mann, der für sein Alter sogar noch recht gut aussah! Und Schach spielte er auch ganz ausgezeichnet! Wie er ihren Angriff der Springer mit seinen Läufern abgeblockt hatte, das war schon etwas Besonderes! Christiane nahm sich vor, die angebotene Führung durch das Palais der Prinzen Eugen möglichst bald in Anspruch zu nehmen.

Bereits am übernächsten Tag rief sie den Hofrat im Ministerium an.
Der war höchst erfreut, dass Christiane ihn nicht lang hatte warten lassen und rasch wurde ein Termin für den kommenden Montag vereinbart.

Das Wochenende nützte der Hofrat, sich über die Baugeschichte des Palais zu informieren und am Montag war er so ziemlich sattelfest.
Um 13 Uhr kam Frau Doktor Böheim. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug mit einem weißen Rollkragenpullover und Edmund empfand sie als noch hübscher als letzte Woche.

Edmund ließ sich von seiner Sekretärin Kaffee bringen und begann dann seine Erklärungen:
Prinz Eugen von Savoyen war im Türkenjahr 1683 völlig mittellos in Wien eingetroffen, hatte an der Schlacht am Kahlenberg mitgewirkt und das Vertrauen von Kaiser Leopold erhalten. Als der federführende Feldherr hatte er die folgenden Türkenfeldzüge geleitet und es zu Wohlstand gebracht. Am Ende seines Lebens war er einer der reichsten Männer Europas.

1694 beschloss der Prinz, sich in Wien einen repräsentativen Wohnsitz zu verschaffen und er kaufte für 33.000 Gulden ein Haus in der Trabothgasse, wie damals die Himmelpfortgasse hieß.
1695 beauftragte er den Architekten Fischer von Erlach mit der Planung eines Palastes mit sieben Fensterachsen und einem Portal. 1698 war dieser erste Bauteil vollendet und er zeichnet sich durch ein aufwändiges und prächtiges Stiegenhaus aus.

1703 konnte Eugen ein weiteres Grundstück im Osten seines Besitzes erwerben, das so genannte „Ballhaus“ und er ließ den Baumeister Lukas von Hildebrandt das Palais erweitern und auf zwölf Fensterachsen mit zwei Portalen ausbauen, was ab 1708 erfolgte. 1712 wurde die erste Kapelle in den Privaträumen des Prinzen errichtet, die aber nur 40 Jahre bestand und dann an die heutige Stelle verlegt wurde. 1724 war das Palais in der heutigen Form fertig gestellt. Am 21. April 1736 verstarb Prinz Eugen in seinem Winterpalast.

Seine Erbin, Viktoria Prinzessin von Savoyen, verkaufte das Palais an den Staat Österreich und seit 1848 beherbergte der Palast das Finanzministerium. Allerdings verblieb die Inneneinrichtung weitgehend im Originalzustand und erst kürzlich wurde das Objekt behutsam renoviert.

Nach seiner Erzählung führte Edmund die Frau Doktor im Haus herum. Die Prunkzimmer, wie roter, blauer und gelber Salon wurden besichtigt und kurz durfte Christiane auch in das Arbeitszimmer der „Schotter-Mizzi“, wie die Frau Minister Maria Fekter in Wien genannt wird. Die Schotter-Mizzi war zurzeit in Brüssel und diskutierte mit den Granden der EU über das österreichische Bankgeheimnis.

Christiane war voll des Dankes über die Sonderführung, die sie soeben erlebt hatte. Edmund drängte darauf, heute Abend noch eine Schachpartie zu machen. Er brenne darauf, seine Schmach von letzter Woche zu tilgen!

Christiane schlug vor, Edmund solle sie doch heute Abend in ihrem Haus besuchen kommen. Edmund war dieser Vorschlag natürlich hoch willkommen und Christiane gab ihm ihre Visitenkarte.

Am Nachmittag brachte der Hofrat nichts Rechtes mehr zustande. Sein bevorstehender Besuch bei Christiane macht ihn nervös und unruhig – und manchmal ertappte er sich dabei, wie er Strategien für die Schachpartie am Abend erörterte. Er würde nicht mehr abwarten, bis Christiane angriff, sondern sofort mit Macht den Gegner berennen!

Nach Dienstschluss ging er zu Fuß nach Hause, duschte, rasierte sich ein zweites Mal und bestellte für 19 Uhr 30 ein Taxi. Er wählte einen hellgrauen Zweireiher und band die modernste Krawatte um, die er finden konnte.

Der Taxifahrer, der ihn erst zum Karmelitermarkt fuhr, wo Edmund einen Strauß Orchideen erstand und anschließend in den 19. Bezirk brachte, war ein Farbiger, der voller Späße steckte und sogar den kürzesten und günstigsten Weg zur Hohen Warte fuhr. Edmund gab ihm ein großzügiges Trinkgeld.

Und dann stand er vor Christianes Haus. Es war eine geräumige Villa, etwa aus den späten 1960er Jahren und Edmund läutete.
Daraufhin erschien Christiane vor dem Haus und Edmund fielen fast die Augen aus dem Kopf. Christiane trug ein buntes und weites, leichtes Kleid mit sehr kurzem Rock und wenn Edmund nicht gewusst hätte, dass sie über 50 Jahre alt war, hätte er ihr keine 35 Jahre gegeben.

Allerdings war auch dieses Kleid bis oben hin geschlossen und insgeheim hatte sich Edmund bereits auf ein reizvolles Dekolleté gefreut, das er während der Schachpartie hätte betrachten können.
Aber Edmund ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken und überreichte zunächst einmal die Blumen. Christiane bat ihn ins Haus und führte ihn in ihr Wohnzimmer, wo auf einem kleinen Tisch, etwas Abseits vom Esstisch, das Schachbrett schon bereit stand.

Das Schachbrett war ein Traum! Es musste aus dem Rokoko stammen und die Figuren bestanden aus geschnitztem Birkenholz, wobei die schwarzen Figuren eingefärbt waren, die weißen aber naturbelassen in der natürlichen Holzfarbe. Das Schachbrett selbst war aus dunklen und hellen Holzplättchen gefertigt und in einen Rahmen aus Ebenholz eingepasst. Edmund bat, sich die Hände waschen zu dürfen, um die Figuren nicht zu beschmutzen und Christiane führte ihn ins Bad.

Dann reichte Christiane einen Cinzano mit Eis und holte aus der Küche eine große Platte mit den typischen Aufstrichbrötchen, die sie offenbar von Trzesniewsky besorgt hatte. „Ich hab mir gedacht, Sie spielen lieber Schach als mit mir zu essen. Und ich hoffe, Sie mögen Trzesniewsky“, sagte Christiane, als sie sich zum Schachbrett setzte.
„Ich schwärme für die Aufstriche“, bekannte Edmund. Christiane hielt ihm beide zur Faust geballte Hände vor's Gesicht, die offenbar je einen weißen und schwarzen Bauern enthielten.

Edmund tippte auf ihre linke Hand und erhielt weiß.
Die Figuren standen bereits richtig, Edmund fügte nur den letzten Bauern hinzu und eröffnete mit einem Zug des Königsbauern. Und dann sagte er: „Frau Doktor, spielen wir um einen Einsatz? Sie wissen ja schon, wie ich spiele. Wenn ich Sie also jetzt schlage, darf ich das Spiel behalten. Einverstanden?“
Christiane lachte etwas gequält auf. „Na, Sie gehen aber ganz schön ran, Herr Hofrat! Aber gut, wenn Sie das so wollen, ich will kein Spielverderber sein!“
Christiane zog ihren Springer auf F6. Edmund führte seinen Bauernaufmarsch fort. Die Partie entwickelte sich ganz normal ohne Überraschungen.

Edmund hatte einen Angriff auf Christianes Königsflanke angesetzt und als Christiane kurz aufstand, um eine Karaffe Wein zu besorgen, gelang es Edmund, einen Gabelangriff auf König und Turm mit einem seiner Springer zu setzen.
Als Christiane mit dem Wein kam, sah sie, welchen Fehler sie gemacht hatte und zog den König aus dem Schach, was sie prompt den Turm kostete.

Jetzt hatte Edmund einen riesigen Vorteil und er nützte ihn auch gehörig aus. In rascher Folge verlor Christiane beide Läufer und einen Springer und konnte nur mehr ihren König hinter einer Reihe von Bauern in Sicherheit bringen.
Das Endspiel dauerte noch geraume Zeit, da Christiane sich immer wieder aus der Affäre zog. Aber dann beendeten Edmunds Türme die Partie.
„Sie sind schachmatt, Frau Doktor“, sagte Edmund. Die stand auf und sagte: „Ja. Der Wetteinsatz. Lassen Sie mich nur schnell etwas holen, um das Spiel einzupacken.“

Mit ein wenig Wehmut überreichte sie es dann später Edmund. Dieser befand sich nun in einem Zwiespalt: Einerseits mochte er die Frau Doktor, aber auf der anderen Seite wollte er auf das exquisite Spiel nicht verzichten. Das wäre für einen Sammler, wie er es war, unverzeihlich!
Da kam ihm eine Idee.

„Frau Doktor, ich möchte Ihnen das Fendi-Aquarell schenken. Vielleicht tröstet es Sie ein wenig über den Verlust des Spiels.“
Sie strahlte ihn daraufhin an und gab ihm einen Kuss, der Edmund in Hochstimmung versetzte. Er versprach das Bild gleich am nächsten Tag zu bringen.

Als er am nächsten Morgen zur Arbeit fuhr, hatte er glänzende Laune und freute sich auf das Treffen am Abend. Pünktlich um 17 Uhr stand er vor Christianes Tür. Diese öffnete und führte ihn wieder ins Wohnzimmer, wo sie bereits ein Schachspiel vorbereitet hatte. Edmund sah sich jedoch erst einmal im Raum um, den Fendi immer noch unter dem Arm. In dem Raum gab es mehrere dunkelbraune Schränke und Stehregale, in einem Stil für den Edmund den Begriff „altdeutsch“ gewählt hätte. In einer Ecke stand außerdem eine gemütliche Couchgarnitur mit Tisch. Edmund marschierte darauf zu.
„Hier würde der Fendi hin passen“, sagte er zu Christiane. Diese kam gerade mit einer Teekanne aus der Küche.
„Ja, du hast recht. Das ist ein schöner Platz“, stimmte sie ihm zu. Edmund ließ es dich daraufhin natürlich nicht nehmen, das Bild selbst aufzuhängen. Und dann wurde gespielt. Wer gewann und welcher Preis dieses Mal zwischen den beiden vereinbart worden war, bleibt allerdings geheim …

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