KunstGeschichten

KunstGeschichte: Der Schirachbunker

Abenteuerlich geht es in Erich Wurths neuester KunstGeschichte zu: Vanessa und ihr Freund Erhard machen sich auf, einen Bunker aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu erkunden. So eine Aktion birgt für sich ohnehin schon einiges an Spannung. Noch abenteuerlicher aber wird es, wenn in aller Eile zurückgelassene und vergessene Kunstschätze und Geister hinzukommen!

Es ist natürlich ungewöhnlich, wenn sich ein junges Mädchen mit Dingen beschäftigt, die erstens lange zurück liegen und zweitens mit der alten Deutschen Wehrmacht zu tun haben. Bei Vanessa Jäger bestand allerdings ein Zusammenhang mit ihrem Wohnort und ihrer Abenteuerlust und außerdem auch noch mit ihrem Freund.
Dieser Freund, ein gewisser Erhard Gaißwinkler, studierte Geschichte, strebte eine Stellung als Gymnasiallehrer an und stand kurz vor dem Studienabschluss. Als Thema für seine Dissertation hatte er „Der Zivilschutz im Dritten Reich“ gewählt. Dabei kam er natürlich mit der Person des Reichsgauleiters von Wien, Baldur von Schirach, theoretisch in Kontakt. Dieser, von den Wehrmachtsangehörigen als „Baruch von Bierarsch“ apostrophierte Politiker war sogar eine der Hauptpersonen in Erhards Untersuchungen. Außerdem wohnte Vanessa noch bei ihren Eltern, die vor vielen Jahren ein kleines Fertighaus in der Siedlung „Am Kordon“ im vierzehnten Bezirk errichtet hatten. Von der Ulmenstraße gelangte man in ganz kurzer Zeit auf den Gipfel des Gallizinberges, wo sich in 449 Metern Höhe die 30 Meter hohe Jubiläumswarte befindet. Und dieser Gipfel war für den Erhard das Ziel häufiger Besuche.

Noch vor dem Balkanfeldzug hatte die Wehrmacht nämlich am Fuß der Jubiläumswarte Baracken zur Unterbringung einer Funkstation errichtet. Wegen der Wichtigkeit von Funkverbindungen im Dritten Reich wurde bereits kurz nach dem ersten alliierten Bombenangriff auf Wien (1942) damit begonnen, unter Baumeister Hans Edelmoser die technischen Einrichtungen in einen Bunker unter Tag zu verlegen. Das Bauwerk wurde etwa 100 Meter lang, wies einen Querschnitt von etwa 2 Meter mal 2 Meter auf und hatte im Süden und Norden je einen Eingang, der zum Schutz gegen eventuelle Druckwellen durch Bombentreffer verwinkelt angelegt worden war. Östlich des Hauptstollens war ein zweigeschossiger Befehlsraum angelegt worden, etwa im Ausmaß von 16,5 Metern mal 5 Metern, in dem sich unter anderem die Anlage zur Erteilung des Fliegeralarms für Wien befand. Die alarmierenden „Kuckuck“-Rufe wurden vom Sender Wien verbreitet und kündigten das Heulen der Sirenen an. Allerdings war dieser Bunkerraum der Öffentlichkeit völlig unbekannt, weil die Zugänge zum Schirachbunker bereits kurz nach Kriegsende gesprengt worden waren. Und gerade dieser unbekannte Raum reizte den Erhard ungemein!

Erhard wusste, dass der Bunker, wie noch etwa 200 andere in Österreich, der BIG gehörte, der Bundesimmobiliengesellschaft, die unter anderem die Aufgabe übernommen hatte, das ehemals deutsche Eigentum an Verteidigungs- und Bunkeranlagen zu verwalten und drohende Schadensereignisse abzuwenden. Genehmigungen zur Befahrung der alten Anlagen wurden allerdings kaum erteilt. Deshalb hatte deshalb Erhard gar nicht erst vor, sich an die BIG zu wenden.

Er und seine Freundin wollten stattdessen die Abwesenheit ihrer Eltern dazu benutzen, eine private Befahrung vorzunehmen. Karl und Margarete Jäger hatten nämlich vor, mit Vanessas jüngerem Bruder drei Tage zu Margaretes Mutter nach Salzburg zu fahren. In diesen drei Tagen wollte Erhard das Geheimnis des unbekannten Raumes lüften.

Am 24. Februar fuhr Familie Jäger bereits um halb sieben Uhr früh ab. Etwa gegen 9 Uhr traf Erhard Gaißwinkler mit seinem kleinen Motorrad ein. Auf dem Gepäckträger hatte er ein kleines Schweißgerät und einen kräftigen Bolzenschneider montiert. Rasch wurden die Gegenstände, gemeinsam mit einem Spaten und einer „Krampe“ in Vanessas kleinen Skoda verladen und dann ging es flott die Ulmenstraße bergan.

Vanessa parkte ihren Wagen auf dem Parkplatz vor der Jubiläumswarte und die beiden trugen ihre Ausrüstung auf die Kreuzeichenwiese. Erhard dachte, am Nordeingang hätten sie bessere Chancen, in den Stollen zu gelangen. Das war aber gar nicht so einfach! Wer auch immer den Stolleneingang gesprengt hatte, er hatte ganze Arbeit geleistet: Bis in etwa zwei Meter Tiefe war der Eingang noch halbwegs frei zugänglich, allerdings gab es da eine Menge Dreck und abgerissene Äste. Vanessa hob die welken und morschen Äste aus der Grube – und stieß an deren Grund auf menschliche Hinterlassenschaften: Zwei wunderbar geformte, immer noch stinkende Verdauungsreste aus einem menschlichen Darm! Erhard erbarmte sich seiner Freundin und räumte den Dreck zur Seite. Vanessa konnte endlich den Spaten ansetzen. Sie kam nochmals etwa 50 Zentimeter tiefer und legte Betonstufen frei. Aber dann behinderte ein herabgestürzter Teil der Betondecke das Vordringen in die Richtung, in der der Hauptstollen liegen musste. Der Beton war auseinander gebrochen, aber die noch vorhandene, abgeknickte Stahlarmierung verband die beiden Teile noch immer mit erstaunlicher Festigkeit.

Erhard griff nach seinem Schweißgerät. Die Stahlarmierung musste durchtrennt werden.
Vanessa stieg aus dem Loch und er entzündete seinen Schweißbrenner. Das Gas zischte laut, die Flamme brannte leicht hellblau und war ziemlich klein, aber die Temperatur war einfach höllisch. Die erste Stahlarmierung flammte rot auf, wurde gelb, dann beinahe weiß und der starke Draht brach. Erhard nahm sich den nächsten vor. Nach etwa einer Viertelstunde waren die Armierungsdrähte durchgeschweißt. Der Betonblock war kurz davor, ganz auseinander zu brechen, aber der Acetylenvorrat des Schweißgerätes war beinahe aufgebraucht. Vanessa half mit ihrem Krampen nach. Sie schlug mit aller Gewalt auf den störrischen Betonblock ein.

„Qualitätsarbeit haben die Nazi da geleistet“, kommentierte sie.
„Baldur von Schirach war eben ein Kapo“, sagte Erhard. „Von dem hat Hitler lange Zeit viel gehalten. Obwohl das eigentlich kein Großmaul war.“
„Hat der den Krieg überlebt?“, fragte Vanessa.
„Er hat beim Nürnberger Prozess 20 Jahre bekommen und ist bis 1956 in Haft gesessen. 1974 ist er dann an der Mosel gestorben“, gab Erhard Auskunft.
„Das war kein Wiener?“
„Das war ein waschechter Berliner! Und in Wien völlig unbeliebt.“

In diesem Augenblick gab der Betonblock nach. Er brach entlang des Risses vollständig auseinander und sein oberer Teil polterte in die Grube, in der Vanessa stand.
„Sehr wenig Platz“, meinte sie, „aber ich komm' da durch!“
„Zu gefährlich“, meinte Erhard. „Wenn die Betondecke nachgibt, bist du zerquetscht!“
„Warum sollte die nachgeben? Das ist deutsche Qualitätsarbeit!“
„Vom Wiener Hans Edelmoser. Mit miserablem Kriegszement betoniert. Nein, du bleibst schön da!“
Vanessa rüttelte an dem Beton über dem Eingangsloch. „Das hält! Du willst doch was vom Innenleben der Anlage wissen! Nein. Ich kriech' da durch!“ Sie begann, sich den dicken, schwarzen Anorak auszuziehen.
„Lass mich erst einmal nachsehen“, verlangte Erhard und nahm sich die brüchige Betondecke vor. Sie bewegte sich keinen Millimeter.

Vanessa stand mittlerweile nur noch mit einem dünnen Pullover und ihren alten, fleckigen Jeans da. Jetzt versuchte sie, durch die Lücke über dem Betonteil, von dem das obere Stück abgetrennt worden war, über das Hindernis zu kommen. Sie legte sich mit dem Bauch auf das Stück, das Erhard abgetrennt hatte – und verbrannte sich die Brust. Die Drähte der Armierung waren noch ganz schön heiß! Ein paar Hundert Grad mochten sie wohl noch haben, denn Vanessa quiekte auf und kroch, so rasch es ging, zurück.

Ihr Pullover wies ein paar verbrannte Löcher auf, etwa in der Gegend über ihrem Magen.
„Kruzitürken no einmal. Daran hab i net 'dacht“, fluchte sie. „Dein Schweißgerät!“ Sie scharrte etwas Schnee vom Waldboden auf und packte den Schneeball auf die heißen Armierungen.
„Ja. Vorsicht bei alten Bunkern!“, sagte Erhard.
Nachdem Vanessa mehrmals Schnee auf die Eisendrähte gepackt hatte, versuchte sie es noch einmal und kroch mit den Füßen voran in das Loch. Sie hatte ja den Anorak bereits ausgezogen und in der kalten Luft fröstelte sie, aber bei dieser Turnerei wurde ihr wieder warm. Mit unwahrscheinlichen Verrenkungen schaffte sie es schließlich, ihren Körper in den Bunker zu winden.
Nur war da kein Boden! Die Treppe setzte sich am anderen Ende des gesprengten Eingangs noch weiter in die Tiefe fort und Vanessa musste nun irgendwie versuchen, den Boden zu erreichen. Schließlich, nach vielen Mühen, hatte sie sich durchgewunden und hing mit beiden Händen an dem Betonteil, der den Weg versperrte. Sie holte tief Luft und sprang in die Dunkelheit.

Sie produzierte einen perfekten „Fritzelack “
Ihre Füße trafen auf der Kante einer Stufe auf und sie stürzte nach vorne. Glücklicherweise war die Treppe aber da bereits zu Ende und sie blieb – bis auf ein geprelltes Handgelenk –unverletzt. Erst einmal fluchte sie ausgiebig. Fluchen beruhigt und der Sprung war ja doch etwas riskant gewesen. Aber dann stieg sie die Treppe wieder hoch und verlangte von Erhard einen der kleinen Scheinwerfer. Mit der hereingereichten Lampe leuchtete sie den Raum aus: Vor ihr zog sich der Stollen nach Süden hin. Die Wände waren mit Beton ausgekleidet und der Stollen war recht geräumig. Die Wände sahen ganz anders aus, als die in der „Seegrotte“. In dem abgesoffenen Gipsbergwerk in der Hinterbrühl bei Mödling, in dem Jagdflugzeuge vom Typ Me-262 produziert worden waren und das Vanessa selbstverständlich kannte, war nur die erste Strecke des Zugangsstollens mit Ziegeln ausgemauert, dann war da nur der nackte Fels. Aber die „Seegrotte“ befand sich im Kalkstein des südlichen, und der Schirachbunker im Sandstein des nördlichen Wienerwaldes – und außerdem nur knapp unter der Erdoberfläche. Da waren andere Absicherungen nötig.

„Hilf mir da rein!“, verlangte Erhard. Er stand ganz knapp an der Lücke ins Innere. Aber der doch recht muskulöse junge Mann war natürlich ein anderes Kaliber als die zarte, schlanke Vanessa.
„Da müss' ma die Lücke größer machen“, meinte Vanessa und begann, die Betonblöcke unter dem Loch ins Freie zu ziehen. Gute zehn Minuten angestrengter Arbeit waren nötig, um den Durchschlupf so zu erweitern, dass er in den Bunker kriechen konnte, aber dann war er endlich drinnen und begann, die Stollenwände mit seinem Scheinwerfer zu untersuchen. Der gesamte Stollen war mit Beton ausgekleidet. An Fundgegenständen lag hier kaum etwas herum. Nur eine völlig verrostete Pistole und eine Menge Schrauben.
Erhard wandte sich der Ostwand des Stollens zu und suchte den Verbindungsgang zum Kommandoraum. Etwa vierzig Meter vom Eingang fand er ihn. Er war etwas schmäler als der Hauptstollen und in seiner ungefähren Mitte lag eine völlig desolate Maschinenpistole.

Und dann betraten sie den Kommandoraum. Er bestand aus zwei Geschossen, die etwas über zwei Meter hoch waren. Im unteren Geschoss befanden sich ein großer Schreibtisch, ein alter Büroschrank, vier Fernschreiber einer völlig veralteten Art und ein paar Sessel. Der darüber liegende Raum war fast völlig leer.

Und noch etwas befand sich im unteren Raum: Ein Gemälde!
Es lehnte an der Längswand mit dem Bild zur Mauer und war in einen einfachen Rahmen gefasst. Erhard drehte es um.
„So was hab ich schon gesehen“, sagte Vanessa. Zu sehen waren Soldaten mit Waffen in den Händen, die tief gebückt über ein Feld gingen,. Die Gestalten waren in graublaue Uniformen gekleidet und wirkten ausgesprochen klobig, mit scharfen, eckigen Gesichtern. Das Gemälde war alles andere als farbenfroh.
„Das ist ein Egger-Lienz“, sagte Vanessa. „Ein anderes Bild, das fast gleich aussieht, hängt in Lienz, im Schloss Bruck und heißt: 'Die Namenlosen'. Ich war vor fünf Jahren dort, mit meinen Eltern.“
Erhard untersuchte das Gemälde. In der rechten, oberen Ecke fand er den Namenszug: Albin Egger-Lienz“.
„Wertvoller Maler?“, fragte er.
„Im Museum hab ich gehört, dass seine Bilder um etwa eine halbe Million ersteigert worden sind. Es gibt nämlich viele Varianten von seinen Bildern. Deshalb sind die nicht so viel wert, wie Gemälde von anderen Malern.“
„Na, immerhin“, konstatierte Erhard. „Hilft uns auch weiter.“
Vanessa war sofort alarmiert. „Du willst doch nicht das Bild für uns haben! Das gehört doch höchstwahrscheinlich dem Schirach!“
„Dem sicher nicht! Der hat die Patschen g'streckt!“
„Na, dann seinen Erben!“
„Wäre möglich, ist aber nicht zu bewiesen! Ich weiß nicht einmal, ob's überhaupt Erben gibt!“
„Dann müssen wir das Bild dem Eigentümer des Bunkers übergeben!“
„Die BIG? Was sollen denn die damit machen?“
„Weiß nicht.“
„Irgendeinem Politiker übergeben wahrscheinlich. Als Gratifikation.“
„Das glaub' ich nicht!“ Vanessa schien davon überzeugt zu sein, dass im Staat Österreich alles genau nach Gesetz ablaufen würde.
„Sei doch net so naiv“, wandte Erhard ein! „Die BIG ist nie in der Presse! Völlig uninteressant für die Öffentlichkeit! Da wird sicher was gemauschelt.“
„Du darfst net glauben, dass die gesamte Regierung und Beamtenschaft korrupt ist!“
„Na, fünfzig Prozent reichen ja!“
„Glaub i net! Die Mehrheit is anständig!“
„Na, streit' ma net um 'n Kaiser sein' Bart! Was mach ma mit dem Gemälde? Da bleib'n kann's net!“, sagte Erhard.
„Warum?“
„Weil die BIG vielleicht den Bunker demnächst zumacht. Weißt, verfüllen, mit Beton und so Zeug, damit das Ding net einbrechen kann!“
„Weißt du was davon?“
„Nein. I weiß gar nix. Aber die BIG macht so was laufend! Jetzt haben s' erst in Hallein ein' langen Stollen dicht g'macht!“
„Dann nehm'ma das Bild mit!“, entschied Vanessa.

Erhard nahm das Gemälde und trug es zum Hauptstollen. Als sie wieder am Einstieg zum Stollen standen, ergab sich aber ein Problem: Das Gemälde war nämlich etwa 1 Meter mal 1 Meter 20 groß und passte nicht durch die Lücke ins Freie. Vanessa begann sofort, mit ihrem Krampen die Betonteile zu bearbeiten, die den Ausstieg blockierten. Aber Erhard begann, den Rahmen zu lösen.
„Ja, so geht’s auch“, kicherte Vanessa.
Nach etwa fünf Minuten war die bemalte Leinwand gelöst und Erhard rollte sie vorsichtig in einer lockeren Rolle zusammen, die er am Rand des Ausstiegs deponierte.
„Komm noch einmal zurück zu den Fernschreibern“, sagte er dann. „Nachsehen, ob da noch Meldungen sind.“

Es gab aber im Kommandoraum keinerlei fernschriftlichen Meldungen mehr.
Also gingen Vanessa und Erhard langsam zurück zum Einstieg.
Als sie in den Hauptstollen einbogen, kam es Erhard so vor, als bewegte sich vorne beim Einstieg etwas.
„Da sind Leute, da vorn“, warnte er und begann gegen den Eingang zuzulaufen und den Strahl seines Scheinwerfers auf die Eindringlinge zu richten.
Vanessa folgte ihrem Freund, und je näher sie kam, desto seltsamer wirkte die Gestalt. Als sie bis auf etwa fünf Meter herangekommen war, bemerkte sie, dass die Gestalt eine Uniform trug. Und aus der Nähe konnte sie erkennen, dass es eine deutsche Uniform war. An den Rockaufschlägen waren deutlich die Hakenkreuze erkennbar.
Die Gestalt da am gesprengten Eingang wirkte irgendwie transparent, fast so, als ob da ein Bild aus einem Projektor an den Schuttkegel vor dem Eingang geworfen würde. Aber da hätte das Bild verzerrt wirken müssen. Das war aber nicht der Fall.

„Was machen Sie da?“, herrschte Erhard die Gestalt an. „Der Bunker ist nicht öffentlich zugänglich!“
„Ich gehöre hier her“, sagte die Gestalt. „Vizeleutnant Klaus Brenner aus Königsberg von der Luftschutztruppe.“
Erhard starrte den Soldaten verständnislos an. „Und was machen Sie da?“
„Ich werte die Meldungen der Außenstellen aus. Und gebe dann den Alarm zum Sender Wien.“
„Der Krieg ist doch schon lang vorbei!“
„Lang wird er nicht mehr dauern, der Krieg. Die Hauptstadt Berlin liegt in Trümmern und die Rote Armee steht schon bei Purkersdorf! Kamerad von Schirach hat sich nach Floridsdorf abgesetzt – und die »Namenlosen« hat er zurück gelassen.“ Dabei nahm der Soldat das Gemälde, dass Erhard in einer Rolle hier am Eingang deponiert hatte und hob es demonstrativ hoch.
„Wissen Sie, wo er das her hat?“ Erhard konnte sich die Frage nicht verkneifen.
„Aus Lienz. Da hat er dem General Klausenburg eine Flak Stellung verschafft. Und der Klausenburg hat eine B25 runtergeholt. Ist im Kalsertal runter gekommen. Da hat der Klausenburg dem Schirach die »Namenlosen« verehrt. Wundert mich, dass der Schirach das Bild nicht mitgenommen hat!“

Dann, als er die Rolle wieder beiseite stellte, sagte er: „Nehmen Sie es dem Gauführer mit. Ich mache jetzt alles fertig zur Sprengung. Der Iwan soll den Bunker nicht kriegen!“
„Die Russen sind längst abgezogen! Und Ihre Heimatstadt Königsberg heißt jetzt Kaliningrad und ist eine russische Stadt“, erklärte Erhard.
„Unsinn“, sagte Brenner. „Ihr Ostmärker spinnt alle!“
„Herr Vizeleutnant, wir haben das Jahr 2013, der Krieg ist seit 1945 zu Ende und es war eine harte Zeit nach dem Krieg. Aber jetzt ist Europa in Ordnung! Es gibt die EU, die Europäische Union, Russland ist den Kommunismus los und es sieht alles nach einem dauerhaften Frieden aus! Ich habe keine Ahnung, was Sie sind, ob ein Gespenst oder eine andere Erscheinung, jedenfalls passen Sie nicht hierher!“
Da begann die Erscheinung des Vizeleutnants Brenner zu verblassen und nach wenigen Augenblicken war nichts mehr von ihm zu sehen.

Erhard drehte sich nach Vanessa um und fragte: „Was war das? Ein Gespenst?“
Vanessa zuckte die Schultern und sagte: „Hier drinnen ist die Luft sehr schlecht. Die Belüftung dürfte kaputt sein, da kann man schon manchmal halluzinieren.“
„Dann müssen wir raus!“ Erhards Worte klangen wie ein Befehl.
Vanessa begann sofort, sich durch den Spalt am Ausgang hindurch zu winden. Dabei zerriss sie sich die alten Jeans, war aber nach wenigen Minuten im Freien. Erhard schob das Gemälde durch das Loch am Eingang und dann folgte er selber, was ihm enorme Anstrengung verursachte. Schließlich standen sie beide wieder im Wald vor dem gesprengten Eingang zum Bunker und Vanessa zog sich ihren Anorak wieder an. Sie gingen über die Kreuzeichenwiese zurück zum Auto und Vanessa fuhr zu ihrem Elternhaus zurück.

Fazit der Bunkererkundung: Nicht viele neue Erkenntnisse, aber das Gemälde von Egger-Lienz war sichergestellt.
Drei Tage später übergab Erhard Gaißwinkler das Gemälde einem Vertreter der BIG, was einiges Aufsehen in der heimischen Presse hervor rief. Er hatte zwar geplant, das Bild für sich zu behalten, aber die Erscheinung des Vizeleutnants Brenner hatte ihn so sehr beeindruckt, dass er sich dazu entschloss, das Bild seinem rechtmäßigen Eigentümer zu retournieren.

Übrigens: Die BIG verfüllte den alten Bunker nicht. Es war keine Gefahr im Verzug und die Bundesimmobiliengesellschaft begnügte sich mit einer neuerlichen Schließung des Einstieges durch eine massive Betonsperre.

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