KunstGeschichten

KunstGeschichte: Ein Denkmal für Seoul

Einfach unglaublich: Der Geschäftsmann Yun Gwang-jo hat sich in das Wiener Johann-Strauss-Denkmal verliebt und will es sich in den heimatlichen koreanischen Garten stellen lassen! Ein dubioser Saunabetreiber wittert das Geschäft seines Lebens und versucht den Transport zu organisieren. Eine KunstGeschichte von Erich Wurth.

Yun Gwang-jo hatte sich über Jahrzehnte keine Überseereise geleistet. Jahrzehnte hindurch wagte er es nicht, seinen florierenden Maschinenbaubetrieb im Stich zu lassen. Dienstliche Reisen nach Japan, Indonesien, den Philippinen, Taiwan und „Mainland China“ unternahm er zwar häufig, aber alle hatten nur das Ziel, Umsatz und Einfluss seines Unternehmens zu steigern.

Jetzt war Herr Yun fünfundfünfzig und erstmals unternahm er eine Reise zu seinem persönlichen Vergnügen. Als mehrfacher Dollarmillionär konnte er sich’s leisten.
Herr Gang Chung-hee, den der kinderlose Herr Yun als Nachfolger in der Geschäftsführung zu etablieren im Begriff war, hatte geschworen, das Unternehmen nach bestem Wissen und Können weiter auszubauen, solang sich Yun Gwang-jo in Europa aufhielt. Herr Yun vertraute Chung-hee – und außerdem war seine um fünfzehn Jahre jüngere Frau Nari in Seoul zurückgeblieben und würde Gang auf die Finger schauen.
Seine Frau nach Europa mitzunehmen, kam für Herrn Yun gar nicht in Frage. Schließlich hatte er noch nie Urlaub gemacht, da wollte er jetzt gehörig auf die Pauke hauen!

Yun Gwang-jo war ein typischer Koreaner: Ein Arbeitstier voller Pflichteifer, das seinem Unternehmen diente wie einem Gott, geschäftstüchtig, mit enormem Weitblick und unheimlich gerissen.
Einen seiner größten Erfolge hatte er einem Kransystem zu verdanken, das er von einem deutschen Hersteller abgekupfert hatte. Patente zählten nicht für Herrn Yun. Sollten die Europäer doch froh sein, dass ihnen die Ehre erwiesen wurde, ihre Entwicklungen unverändert zu übernehmen! Auch in dieser Einstellung unterschied sich Yun nicht von anderen Ostasiaten.

„Auf die Pauke hauen“ bezog sich im Falle von Herrn Yun nicht auf eventuelle Ausschweifungen erotischer Natur. Über dieses Alter war er schließlich schon hinaus. Aber die europäische Kultur hatte es dem Industriellen angetan!
Er hatte seinen Urlaub in Europa schon ein Jahr vor der Abreise zu planen begonnen und dafür gesorgt, dass er vor allem qualitativ hochwertige Konzerte und Opernaufführungen in den Metropolen Europas besuchen konnte. Die Royal Albert Hall stand ebenso auf Herrn Yuns Programm wie die Scala in Mailand, die Pariser Oper und die Wiener Staatsoper. Lediglich auf Aufführungen der Bayreuther und Salzburger Festspiele musste Yun aus Termingründen verzichten.
Daneben absolvierte Herr Yun ebenso gewissenhaft, wie er seinen beruflichen Pflichten oblag, die Besichtigung aller wichtigen Museen. Um die Eremitage zu sehen, hatte er eigens Sankt Petersburg in seine Reiseroute integriert. Prado, Reijksmuseum und die Uffizien waren Höhepunkte für ihn und dem Vatikan widmete er vier volle Tage.

Als er gegen Ende seiner Europatour in Wien eintraf, war er schon etwas müde. Er nahm standesgemäß Logis im Hotel Imperial und zog am ersten Tag seines Aufenthaltes los, um die Atmosphäre der Stadt in sich aufzunehmen. Für einen Museumsbesuch noch am Tag seiner Ankunft war es bei seinem Eintreffen bereits zu spät.
So schlenderte er also am späten Nachmittag über die Ringstraße und gelangte nach kurzer Zeit zum Stadtpark. Dort wurde sein Interesse geweckt von dem weithin sichtbaren Denkmal für Johann Strauß und da er mit Reiseführern und Büchern über die besuchten Städte wohl versorgt war, informierte er sich, vor der vergoldeten Statue stehend, ausführlich über den Komponisten.

Das vom Bildhauer Edmund Hellmer gut zwanzig Jahre nach Johann Strauß’ Tod geschaffene, 1921 errichtete Denkmal glänzte in der tief stehenden Abendsonne und übte eine eigenartige Faszination auf Herrn Yun aus. Nicht so sehr die etwas kitschig wirkende Vergoldung war es, sondern eher die weiße, steinerne Umrahmung des Standbildes, die es ihm angetan hatte. Lange stand er vor dem Denkmal, dann ging er langsam in sein Hotel zurück und schrieb in seinem luxuriösen Zimmer eine Ansichtskarte an seine Frau, was er auf seiner Reise bisher nicht oft getan hatte. Auf der Ansichtskarte war das Johann Strauß Denkmal zu sehen.

Die nächsten beiden Tage waren für die Albertina (da hatte es ihm vor allem Dürer angetan) und das Kunsthistorische Museum reserviert, wo er die meiste Zeit vor den Werken Brueghels zubrachte. Und die späten Nachmittage verbrachte er im Stadtpark.
Schon bei seinem zweiten Besuch dort hatte er eine Steinbank nahe dem Parkeingang von der Johannesstraße her entdeckt. Diese Bank befand sich am Fuß der Stiegen, die zum Bett des Wienflusses hinabführen und bot einen guten Blick auf den Austritt des Gewässers aus der Überwölbung, die den Fluss etwa einen Kilometer lang unter die Erdoberfläche verbannt.
Als Herr Yun auf dieser Bank saß und das Gewässer betrachtete, hätte er dem Gerinne den Namen „Fluss“ sicher nicht gegeben. Ein Bächlein ist es, das da vorüber fließt, aber ein Bächlein in einem gewaltigen Bett.
Herr Yun konnte nicht wissen, dass das Gerinne normalerweise etwa zweihundert Liter Wasser pro Sekunde der Donau zuführt, aber mitunter wälzen sich 240.000 Liter pro Sekunde durch das betonierte Flussbett! Bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert verursachte dieser unscheinbare Bach oftmals katastrophale Überschwemmungen, bis man das Gewässer endlich durch Rückhaltebecken und eine umfangreiche Regulierung bändigen konnte.

Die U 4, die aus der „Stadtbahn“ des Jahres 1898 hervorgegangen ist, fährt entlang der Wien, nur durch eine Mauer vom Bett des Flusses getrennt. Selbst heute noch drohen die Wassermassen manchmal, die Gleise der U-Bahn zu überfluten.
Das ist der Grund für die Gestaltung dieses Teils des Parks und für die beeindruckende Architektur am Ende der unterirdischen Flussstrecke. Das wusste Herr Yun zwar nicht, trotzdem aber berührte ihn der Sezessionsstil vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts auf eigenartige Weise. Gern saß er da und zwischendurch spazierte er immer wieder zum Denkmal für Johann Strauß hinüber.

Am dritten Tag seines Aufenthaltes besuchte er die Oper. Man gab diesmal, was eher selten vorkommt, eine Operette: „Wiener Blut“:
Herr Yun kannte zwar eine Menge Melodien von Strauß, aber die Aufführung versetzte ihn in Begeisterung. Die Wirkung der Musik von Johann Strauß' Sohn auf das Publikum des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts kann man nur mit jener der heutigen Popstars vergleichen. Und Strauß war tatsächlich so was wie ein Popstar. Zwar hasste er Reisen und angeblich bestieg er einen Zug nur im Champagnerrausch, aber das hinderte ihn nicht an einträglichen Tourneen. Und noch heute wirken seine musikalischen Einfälle so frisch wie am ersten Tag.

Als Herr Yun das nächste Mal vor dem Johann Strauß Denkmal stand, kam Herr Jeong vorüber, der seit Jahren in Wien ein koreanisches Restaurant und nebenbei einen Handel mit koreanischen Textilien betrieb. Die „koreanischen“ Blusen, T-Shirts und Damenröcke kamen zwar fast ausschließlich aus Bangladesch, weil Herr Jeong dort billiger einkaufen konnte, aber das beeinträchtigte seinen Patriotismus keineswegs.
Sofort erkannte Jeong in Herrn Yun den Koreaner und sprach ihn an. Herr Yun wiederum war froh, sich endlich wieder einmal in seiner Muttersprache unterhalten zu können.
Die beiden Herren fanden einander sehr sympathisch und es dauerte nur wenige Minuten, da fragte Herr Yun seinen neuen Bekannten, was er wohl tun müsse, um das Denkmal des Johann Strauß kaufen zu können. Er habe ein hübsches Anwesen direkt am Hangang in Seouls Stadtteil Gangdong-gu und das Denkmal würde bestimmt eine Zierde seines dortigen Gartens sein.

Herr Jeong bezweifelte stark, dass die Stadtverwaltung bereit sein könnte, das Johann Strauß Denkmal zu verkaufen. Außerdem – die Kosten!
Die wären nebensächlich, behauptete Herr Yun und gab sich als Inhaber des Maschinenkonzerns „Goldene Sojabohnenblütentraube“ zu erkennen. Er müsse das Denkmal haben, um jeden Preis. Und zwar das Original! Er, Yun Gwang-jo, gäbe sich nicht mit Kopien zufrieden, denn Kopien erinnerten ihn zu sehr an seine berufliche Tätigkeit.
Als Herr Yun die Nebensächlichkeit der Kosten erwähnte, wurde Herr Jeong hellhörig. Einer seiner Stammgäste im Restaurant wäre ein großer Manager, dem keine Aufgabe zu schwierig wäre, teilte er seinem Landsmann mit. Dieser könne bei der Beschaffung des Denkmals möglicherweise behilflich sein. Es koste eben nur eine Kleinigkeit…
Nun, daran solle es nicht scheitern, wurde ihm gesagt.
Noch einige höfliche Floskeln – die Herren versicherten einander ihrer aufrichtigen Wertschätzung – dann galoppierte Herr Jeong in sein Restaurant hinter der Technischen Universität zurück, wo er umgehend eine hektische Aktivität entfaltete.
Zunächst wurde sein Stammgast Django Katzbacher alarmiert.

Katzbacher, das, was man in Wien einen „Edelstrizzi“ nennt, betrieb eine sündteure Sauna im Prater, die von einer ganzen Menge teurer Prostituierten frequentiert wurde und zu deren Kundenkreis einige maßgebliche Herren aus der Stadtverwaltung zählten. Katzbacher wäre eine beinahe lächerliche Erscheinung gewesen, denn er trug gewöhnlich Cowboyhüte (was ihm auch den Spitznamen „Django“ eingetragen hatte), wenn er nicht den Ruf gehabt hätte, über eine hinterhältige Brutalität zu verfügen. Django wurde deshalb allgemein respektiert, zumal man ihm bisher noch nie etwas nachweisen konnte. Er hatte ein geradezu unheimliches Talent, die jeweils besten Rechtsanwälte zu verpflichten und wohl niemand in der Stadt war der Justiz bisher so oft aus Mangel an Beweisen durch die Lappen gegangen.

Das Ansinnen, das Johann Strauß Denkmal zu stehlen, ließ aber sogar Django zunächst einmal gehörig schlucken.
Aber je länger er darüber nachdachte, desto reizvoller erschien ihm die Angelegenheit. Es musste doch – verdammt noch einmal – möglich sein, den schwerfälligen Apparat der Stadtverwaltung mit seinen verfilzten Magistratsabteilungen auszutricksen!
Zunächst versuchte Django, Informationen über das Denkmal zu erhalten. Vor allem: Wie schwer war das Ding?
Der vergoldetet Walzerkönig konnte nicht mehr als eine Tonne wiegen, aber die steinerne Umrahmung! Das herauszufinden gelang Django nicht. Also musste er sich mit einer Schätzung begnügen.
Wenn er vom spezifischen Gewicht von Kalkstein ausging, kam er auf etwa zwanzig Tonnen! Verdammt schwer, aber im Internet fand Django ein Foto vom Denkmal, das die Fugen zwischen den einzelnen Teilen deutlich erkennen ließ. So gesehen, müsste die Sache machbar sein. Es kam nur drauf an, genug Verwirrung zwischen den Behörden zu stiften. Möglicherweise konnte ihm da die Presse helfen…
In Djangos Sauna verkehrte ein Herr Kaplan, Redakteur bei der „Zehn Heller Zeitung“, einem sehr populären und populistischem Blatt, das sich die Europäische Union zum Feindbild ausersehen hatte. Eine hervorstechende Charaktereigenschaft der Wiener ist das Raunzen. Folglich raunzte die Zeitung pausenlos (und damit sehr erfolgreich die Auflage steigernd) über „das Diktat aus Brüssel“ und die dortige Bürokratie, wobei sie über die Kapriolen des einheimischen Amtsschimmels großzügig hinwegsah.

Django hatte so das Gefühl, dass ein Gespräch mit Redakteur Kaplan hilfreich sein konnte, obwohl er sich noch gar keinen Plan für den Abtransport des Denkmals zurecht gelegt hatte.
Beinahe als ob er ihn bestellt hätte, erschien Herr Kaplan am Abend in Djangos Sauna.
„Herr Chefredakteur, was sagen Sie dazu, dass uns die EU das Johann Strauss Projekt versalzen will?“, fragte Django den Herrn Kaplan, sobald er dessen ansichtig geworden war.
„Welches Johann Strauss Projekt?“, wollte Kaplan wissen.
„Na, das Denkmal! Die EU will uns verbieten, dass wir’s nach Seoul schicken!“
„Das Johann Strauss Denkmal nach Seoul?“ Kaplan war schockiert. „Was soll denn der Blödsinn?“
„Na, die Koreaner wollen einen Erlebnispark errichten mit unserem Denkmal als Hauptattraktion. Dafür kriegen wir ein neues. Voll elektronisch! Animiert von ein’ koreanischen Computer. Alles dreht sich, alles bewegt sich, wie im Wurstelprater! Was glauben Sie, wie viele koreanische Touristen so eine Wiener Walzer Erlebniswelt in Seoul letztendlich nach Wien bringen könnt! Ihre Zeitung muss da was schreiben, damit die Bürokraten in Brüssel sich da nimmer einmischen!“
„Das geht doch Brüssel nix an“, behauptete Kaplan.
„Genau das sag ich auch! Schreiben S’ was! Unsere Regierung kuscht schon wieder einmal, nur weil die EU neidig is!“

Kaplan hatte somit was zum Nachdenken, während er in der Saunakabine schwitzte. So, ohne Recherche, konnte er natürlich das höchst reizvolle Thema nicht verwenden. Er nahm sich vor, gleich am nächsten Morgen die nötigen Nachforschungen aufzunehmen.
Der Zufall wollte es, dass Herr Amtsrat Sedlacek an diesem Abend beschlossen hatte, etwas gegen seinen gewaltigen Bierbauch zu unternehmen und ein paar Liter herauszuschwitzen.

Sedlacek verbrachte seine Dienstzeit im Stadtgartenamt und war zuständig für die Grünflächen, beziehungsweise deren Rasen und dessen pünktlichen Schnittes. Privat bezeichnete sich Sedlacek als treuen Leser der sozialistischen „Stadtzeitung“ und mit Redakteur Kaplan verband ihn eine zwar nicht ganz ernst gemeinte, aber doch herzerfrischende Feindschaft, weil er die Anti – EU – Linie dessen Zeitung einfach nicht nachvollziehen konnte.

„Na, Sedlacek, wieder einmal a Buckerl g’macht in Brüssel?“, begrüßte Kaplan den Beamten, als dieser seinen umfangreichen Bauch durch die Saunatür quetschte. Sedlacek hatte zwar keine Ahnung, wovon der Zeitungsfritze sprach, nichtsdestoweniger konnte er natürlich einen solchen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen.
„In Brüssel wird prinzipiell nie ka Buckerl net g’macht“, konterte er. „Bestenfalls buckerlt Brüssel vor uns!“
„I weiß schon“, ätzte Kaplan, „Du kannst ka Buckerl machen, dir is die Wampen im Weg. Aber eure Großkopferten buckerln! I wett mit dir, du hast no net einmal was g’hört davon, dass des Johann Strauß Denkmal nach Korea verschifft werden hätt’ sollen, wenn die Magistratsdirektion sich net vor Angst ang’schissen hätt’!“
„Klar weiß i des“, log Sedlacek. Er wollte sich nicht nachsagen lassen, dass er nicht über alle wichtigen Projekte informiert wäre. „War ja schon das Problem, wie der Tieflader zum Denkmal kommen soll. Übern Rasen lass i den nämlich net fahren!“
„Ah so?“ Kaplan war überrascht. Der Sedlacek wusste also davon! Da konnte man sich ja einiges an Nachforschungen ersparen! „Na, vom Parkring her müsst’ aa a großer Laster leicht zum Denkmal kommen können. Da braucht er gar net übers Gras!“
„Sag i ja“, bestätigte Sedlacek. „Die Kurven von die Fußweg’ sein a bissel eng, aber wenn der Fahrer was kann, schafft er des schon. Nur, ob man des als ganzes wird verladen können?“
„Das Denkmal kann man sicher zerlegen“, beruhigte Kaplan. „Also is nix dran an dem Gerücht, dass des Rathaus wieder nach der Pfeifen aus Brüssel tanzt?“
„Is doch a Blödsinn“, sagte Sedlacek. „Wir machen, was wir wollen! Da kann uns die EU, verstehst? Europa geht das nix an! Der Strauß g’hört uns!“
Kaplan war zwar skeptisch, aber jetzt hatte er die Bestätigung, dass es mit dem Projekt seine Richtigkeit hatte.

Später, nachdem der Redakteur Kaplan sich mit dem zweiten Aufguss einen ganz beachtlichen Durst angezüchtet hatte, saß er draußen im Restaurant vor seinem Krügel in Gesellschaft zweier Damen vom horizontalen Gewerbe und natürlich kam irgendwann der Eigentümer des Etablissements an ihm vorüber.
„Herr Katzbacher, der Amtsrat Sedlacek sagt, da is nix dran an dem Gerücht, dass Brüssel was gegen den Transport vom Johann Strauß hätt“, informierte er den Django. „Der Sedlacek denkt, der Tieflader könnt vom Parkring her leicht zum Denkmal zufahren.“
Django hatte große Mühe, seine Freude nicht offen zu zeigen. „So?“, sagte er. „Na, i werd mit dem Sedlacek reden.“
„Was haben denn Sie damit zu tun?“, wunderte sich Kaplan.
„Na ja, i kenn dieses Schlitzaug’, das den Transport organisieren soll“, gestand Django. Dabei passte er auf wie ein Schießhund, ob Kaplan irgendein Anzeichen von Misstrauen erkennen ließe. Aber der sagte nur: „Hätt i mir denken können, dass Sie die Klebeln drin haben, wenn’s was zum verdienen gibt!“
„Na ja“, rechtfertigte sich Django. „Wissen S’, was die Erhaltung von der Saunabude kost’? Die wirft fast nix mehr ab. Das mach i ja nur aus Menschenfreundlichkeit. Mir liegt die Gesundheit meiner Gäste am Herzen.“
Kaplan lachte. „Ja, erst was tun für’n Kreislauf und sich dann ein’ Tripper holen“, sagte er und zwickte die neben ihm sitzende Desiree in den Hintern. „Net wahr, Puppi?“
„Na ja, a bissel aufpassen sollt’ man schon“, grinste Django und verzog sich in sein Büro, um Herrn Jeong in dessen Restaurant anzurufen. Die Angelegenheit habe den Anschein, doch machbar zu sein und er, Django, erwarte nun einen verbindlichen Auftrag, die Sache durchzuführen.

Fünfzehn Minuten später rief Herr Jeong, der inzwischen mit Herrn Yun Rücksprache gehalten hatte, zurück und erteilte den Auftrag, das Denkmal zu stehlen und nach Seoul zu verschiffen.
Am nächsten Morgen klemmte sich Django Katzbacher ans Telefon und rief Spediteure an. Bei „Monumentas GmbH“, einer kleinen, auf Kunstwerke spezialisierten Spedition, wurde er fündig. Dort hätte man bereits reiche Erfahrung mit dem Transport von Kunstwerken wie Plastiken oder Denkmälern, wurde Django versichert. Man verwies auf einen Obelisken aus Ägypten, den man vor kurzem nach Wien verschifft hätte. In vierundzwanzig Stunden hätte Django Katzbacher eine verbindliche Offerte, inklusive Abholung per Tieflader, Spezialverpackung in einem Zwanzig Fuß Container und Seefracht via Hamburg nach Seoul.

Django musste also warten. Den Tag, den die Spedition für die genaue Kalkulation benötigte, benutzte er, um die Hauptschwierigkeit der ganzen Aktion in Angriff zu nehmen: Die Zollabfertigung.
Was er brauchte, war ein amtliches Dokument. Nun, wenn man über das nötige Formular verfügt, kann man so etwas heutzutage, im Computerzeitalter, schon irgendwie basteln. Nach reiflicher Überlegung kam Django zu dem Schluss, dass das Denkmal ja im Stadtpark stünde und deshalb das Stadtgartenamt dafür zuständig sein müsse.
Folglich schickte Django eines der Mädchen, die untertags noch nicht viel zu tun hatten, los zum Stammkunden Amtsrat Sedlacek, ein paar Blätter leeres Briefpapier von der Magistratsabteilung 42, Wiener Stadtgärten, zu besorgen.

Nachdem die Desiree bereits am Mittag in Djangos Sauna anwesend war und überdies den Amtsrat bereits mehrmals persönlich betreut hatte, fiel Djangos Wahl auf sie und die Desiree wischte immerhin so viel Schminke aus ihrem „Zuckergoscherl“, so dass man sie tagsüber im Stadtgebiet nicht sofort als Profi aus einer Pratersauna erkennen würde.

Die Desiree, die aus Tschechien stammte und eigentlich Bocena hieß, war ein nettes, sehr humorvolles Mädel und überaus beliebt bei den Kunden von Djangos Sauna. Django erzählte ihr nur, dass es darum ging, den dicken Amtsrat zu „papierln “ und ihm mit dem amtlichen Briefpapier einen Streich zu spielen. Und die Desiree, die den Amtsrat zwar als Kunden durchaus akzeptierte, im übrigen aber von ihm nicht besonders beeindruckt war, spielte gern und amüsiert mit.
Sie machte ihre Sache ausgezeichnet. Sedlacek fiel aus allen Wolken, als Desiree bei ihm im Amt in der Johannesgasse aufkreuzte und eine haarsträubende Geschichte erzählte: Sie habe sich entschlossen, den Herrn Amtsrat Sedlacek, von dem sie so viel halte, um Hilfe zu bitten. Sie wolle endlich aus dem Milieu heraus. Seit über zwei Jahren sei sie nun in der Pratersauna tätig und es wäre Zeit, sich zu verändern. Sie hätte jetzt ein Angebot von einer Gartenbaufirma in Kosice und ob der Herr Amtsrat ihr vielleicht raten könne, ob Gartenbau überhaupt für sie in Frage käme?

Nun, der Herr Amtsrat fühlte sich enorm „bauchgepinselt“ und gab Ratschläge in Hülle und Fülle. Zwischendurch bot er seiner überaus attraktiven Besucherin einen Kaffee an und während er diesen von einer Mitarbeiterin im Nachbarzimmer holte, stibitzte Desiree fünf Blätter Briefpapier und einen Stempel aus dem Schreibtisch des Amtsrats.

Django Katzbacher war nach ihrer Rückkehr in das Prateretablissement höchst zufrieden mit „seiner“ Desiree, die ja eigentlich nur die Sauna als ihr Standquartier zur Ausübung eines selbständigen Gewerbes benutzte. Aber eine längere Zusammenarbeit verbindet eben und Desiree konnte sich über eine ganz hübsche finanzielle Zuwendung freuen, die Django selbstverständlich peinlichst genau als Spesen verbuchte.
Somit war Django also im Besitz des nötigen Briefpapiers und er schnitzte darauf mit Hilfe seines Computers eine „Proforma Invoice“, die dann später vom Zollbeamten am Tau-Lager des Spediteurs anstandslos vidiert wurde.

Dass das Denkmal heute noch immer im Stadtpark steht und nicht auf einem Hügel am Ufer des Hangang in Seoul ist vor allem einer jungen Polizistin zu verdanken, die am Morgen jenes denkwürdigen Tages, an dem der goldene Walzerfürst die Reise nach Fernost hätte antreten sollen, unerwartet zum Streifendienst abkommandiert worden war. Franziska Dreher hätte an diesem Tag dem Sauhaufen ihres Wachzimmerkommandanten zu Leibe rücken sollen, der eine geradezu unnachahmliche Fertigkeit entwickelt hatte, Dokumente zu verlegen.

Der Kommandant benutze ein System von „Kisterln“ zur Ablage und in diesen bunten Kunststoffkörben stapelten sich die Anzeigen, Dienstvorschriften und ähnlicher Kram. Ein Schriftstück zu suchen war für die Mannschaft des Wachzimmers immer eine äußerst dornenreiche Angelegenheit, denn der Kommandant hatte zwar den einzelnen Dokumenten verschiedene Farben der Ablagekistchen zugeordnet, legte die Papiere aber grundsätzlich in die falschen. Franziska hatte sich daraufhin eine ganze Anzahl von Aktenordnern kommen lassen und hatte vor, die Papiere sauber und alphabetisch geordnet abzulegen.

An diesem Tag kam sie aber nicht dazu. Ihr Kollege Revierinspektor Michael Kratky, privat ein sehr engagierter Mittelfeldspieler beim FC Siebenhirten, hatte am Vorabend beim Training eine „über’s Röhrl “ gekriegt und humpelte wie ein Kriegsveteran. Franziska musste für ihn im Streifendienst einspringen und das tat sie nur unter der Bedingung, den Streifenwagen fahren zu dürfen. Privat hatte sie kein eigenes Auto und deshalb nützte sie die Möglichkeit, im Falle eines Einsatzes einmal gehörig Gas geben zu können, wobei es ihr größtes Vergnügen war, die den Einsatzfahrzeugen vorbehaltenen selbständigen Gleiskörper der Straßenbahn zu benutzen, sofern solche gerade zur Verfügung standen.

Es war heiß an diesem Vormittag und der Verkehr in der Innenstadt hielt sich in Grenzen. Ein paar Lieferfahrzeuge, die verbotenerweise noch nach zehn Uhr in der Fußgängerzone unterwegs waren, stellten die gesamte Ausbeute der ersten Patrouillenfahrt dar und Franziska begann, sich zu langweilen. Nach einem eher unappetitlichen Einsatz, den ein besoffener Unterstandsloser in der U-Bahnstation Schwedenplatz ausgelöst hatte, fuhr Franziska den Ring entlang und stieß auf eine Verkehrsstockung auf dem Parkring.

Entlang des Stadtparks verfügt die Ringstraße nicht über eine Nebenfahrbahn, sondern der Park ist vom Straßenbahngleis durch drei Baumreihen und ebenso viele Gehwege dazwischen getrennt. Und zwischen den Bäumen durch versuchte ein Schwerfahrzeug, ein Tieflader mit Kran, vom Ring in den Stadtpark einzufahren.

Ja, verdammt noch einmal, was wollte denn der dort? Franziska parkte den Streifenwagen auf dem Gehsteig neben dem Straßenbahngleis und schickte ihren Beifahrer und Kollegen, den Funkwagenkommandanten Willi Haslinger los, sich zu erkundigen, was denn zum Kuckuck da los wäre.
Willi kam nach einem kurzen Gespräch mit dem Fahrer des Tiefladers zurück und sein Gesichtsausdruck war nicht sehr intelligent. „Franzi, hörst, der holt das Johann Strauß Denkmal ab“, berichtete er.
„Was? Spinnt der?“, rief Franziska und stieg nun ebenfalls aus.
Der Tieflader hatte mittlerweile die Bäume passiert, wobei das Fahrzeug einen davon leicht gestreift hatte und war im Begriff, in den Park einzufahren.

Vor dem Johann Strauß Denkmal war eine Gruppe von Herren versammelt. Amtsrat Sedlacek war natürlich aus seinem Büro, das sich ohnehin auf dem Gelände des Parks befindet, herübergekommen und dessen Intimfeind Redakteur Kaplan war ebenfalls anwesend. Und außerdem zwei gut gekleidete Herren mit Krawatte, die Franziska sofort als Ostasiaten identifizierte.
„Was is denn da los?“, fragte Franziska den Mann mit der wichtigsten Miene und dem dicksten Bauch, also den Amtsrat Sedlacek.
„Das Denkmal wird verladen“, gab Sedlacek Auskunft.
„Da wiss’ma gar nix davon“, wunderte sich Franziska.
„Geht euch aa nix an. I vom Stadtgartenamt weiß drüber Bescheid und das reicht“, behauptete der Amtsrat.
„Sie san vom Gartenamt? Darf i an Ausweis sehn?“, fragte Franziska.
Der Amtsrat fingerte seine Legitimation heraus. „Da! Bitte, Frau Inspektor, obwohl i ja ziemlich bekannt bin im Magistrat“, sagte er vorwurfsvoll.
„Sei’ Wampen is bekannt“, berichtigte Redakteur Kaplan, der hinzu getreten war. „Der größte Bierbauch in der Stadtverwaltung.“
Franziska sah sich den Dienstausweis an und fragte: „Wo kommt denn das hin, das Denkmal?“
„Nach Korea. Da, der Herr da drüben, der koreanische Chineser, der organisiert das“, gab Sedlacek Auskunft.
„Haben S’ an Bescheid vom Bundesdenkmalamt?“, wollte Franziska wissen.
„Der Bund is doch net zuständig für so was“, protestierte der Amtsrat. „Das Denkmal steht im Stadtpark, also is die MA 42 zuständig! Und die MA 42 bin i!“
„Aber das is doch a Denkmal! Da können ja net die Gärtner zuständig sein!“
„Nur die MA 42. Der Bund kann uns und Brüssel kann uns aa“, behauptete Sedlacek und Kaplan warf ein „Sehr richtig“ ein.

Mittlerweile hatte der Tieflader Aufstellung genommen und die hydraulischen Stützen, die für den Kraneinsatz nötig sind, ausgefahren und Franziskas Kommandant, der Inspektor Haslinger, sah interessiert zu. Privat derzeit ein „Häuselbauer“ in Hischstetten war er interessiert an allem, was mit Bauwirtschaft zu tun hatte. Und dieser Transport zählte unzweifelhaft dazu.

„Was hat den Brüssel damit zu tun?“, wunderte sich Franziska.
„Na, die EU hat sich wieder einmal eing’mischt“, klärte Redakteur Kaplan auf. „Aber mei’ Redaktion, die Zehn Heller Zeitung, sorgt schon dafür, dass die Oberg’scheiten von der EU die Goschen halten!“

Mittlerweile hatte Willi Haslinger eine Unterhaltung mit dem Fahrer des Tiefladers, der auch den Kran bediente, begonnen und äußerte Zweifel, dass die steinerne Umrahmung des Denkmals in drei Teile zerlegt werden könne. Die drei Elemente wären immerhin „mit Zement z’samm’pickt“.
Na, dann werde man die Umrahmung eben in einem Stück verladen, meinte der Fahrer, Immerhin schaffe der Kran gut und gern seine zwanzig Tonnen und es wären genug hölzerne Eisenbahnschwellen als Unterlage für die Steinblöcke auf dem Tieflader vorhanden.
Diese Auskunft veranlasste Willi, „amtshandelnd einzuschreiten“.
Sofern das Denkmal nicht in Stücke, die einen normalen Transport erlauben würden, zerlegt werden könne, verbiete er als Amtsorgan den geplanten Transport. Es handle sich nämlich bei einem so großen Stück um einen Sondertransport mit Überbreite und für einen solchen wäre eine Genehmigung der Polizei nötig, sowie ein Begleitfahrzeug mit Warnblinklicht. Ein solches wäre nicht vorhanden, folglich habe der Transport zu unterbleiben.

Na, man werde das Ding schon zerlegen, meinte der Tiefladerfahrer und befestigte die Ketten, mit deren Hilfe der hinten über der Figur des Walzerkönigs angebrachte Schlussstein der Umrahmung angehoben werden sollte.
Dann wurde der Versuch unternommen, den gebogenen Schlussstein abzuheben.
Der Tieflader neigte sich trotz der Stützen bedenklich zur Seite, der Dieselmotor ächzte und der Stein rührte sich keinen Millimeter. Stattdessen wackelte die gesamte Umrahmung des Denkmals.
„Stopp! Schluss“, entschied Willi Haslinger. „Aktion abgebrochen. Besorgen Sie sich die Genehmigung für den Sondertransport, dann können S’ das Steinglumpert verladen.“

Amtsrat Sedlacek war einem Herzanfall nahe und Redakteur Kaplan machte sich mit einem Wutausbruch Luft. Brüssel wäre offenbar gar nicht der gefährliche Feind seiner Zeitung, sondern die einheimischen Amtskappeln! Es gab einen lautstarken Auftritt, bei welchen sowohl Willi als auch Franziska einige Unfreundlichkeiten einstecken mussten.

Herr Yun Gwang-jo stand verständnislos neben den aufgebrachten Herren, die die Verladung unbedingt durchführen wollten. Er war soeben erst aus Berlin angereist. Die Rückreise nach Seoul hatte er auf den Korean Air Flug ab Wien umbuchen können, weil er bei der Verladung „seines“ Denkmals dabei sein wollte. Erst nach einigen Minuten bekam er mit, dass diese Verladung nicht stattfinden würde.
Herr Jeong, der Restaurantbesitzer, versuchte sein Möglichstes, Herrn Yun zu erklären, dass es sich nur um eine vorübergehende Schwierigkeit handle. Man müsse sich nur noch eine Sondergenehmigung besorgen, dann könne die Aktion wie geplant stattfinden.
Aber Herr Yun lächelte nur weise und ostasiatisch. Er hatte in den letzten Tagen Berlin kennen gelernt und war fasziniert von der Dynamik dieser prachtvollen Metropole, die eine jahrzehntelange Teilung so problemlos weggesteckt hatte.
Er habe nachgedacht, gestand er Herrn Jeong. Das Johann Strauß Denkmal passe eigentlich gar nicht so recht in seinen Park am Hangang in Gangdong-gu. Ob er den Auftrag an Herrn Jeong noch ändern könne?
Er hätte anstelle des Denkmals in seinem Garten lieber das Brandenburger Tor.

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