KunstGeschichten

KunstGeschichte: Epigonen haben’s schwer

Künstler haben es ja manchmal schwer, ihre Werke an den Mann zu bringen. Aber auch so manchner Galerist ist ein Fuchs, wenn es um den Verkauf geht. Karin Kugler, Hauptprotagonistin in der neuen KunstGeschichte von Erich Wurth, zeigt, wie man es seinem zwielichtigen Kunsthändler heimzahlen kann.

„Droben vom Penzinger Kircherl hört man es Zwölfe grad schlag’n…“, tönte es aus dem Lautsprecher und Karin summte mit, während sie versuchte, den braun-grünen Farbton zu mischen, der ihr bei Spitzweg aufgefallen war. Zwischendurch sah sie immer aus dem Fenster auf das verfärbte Laub der Bäume, das demnächst zu Boden fallen würde.

Der alte Text des Franz Allmeder zur Melodie des Roman Domanig Roll ließ Karin jedes Mal an die Zustände im Vormärz denken. „Seht’s, Leuteln, so war’s anno Dreißig in Wien“ hieß es im Refrain. Und in der Strophe war von den Walzern von Lanner und Strauß die Rede, aber nicht von denen eines Johann Faistenberger, eines Heinrich Hirt, Johann Morelly, Matthias Schwarz oder Josef Wild, die damals, um 1830, beinahe ebenso erfolgreich waren. Woran es wohl lag, dass Lanner und Strauß immer noch gespielt wurden, die anderen nicht mehr? Warum waren die so unmodern geworden?

Karin Kugler war selbst unmodern. Mit ihren achtundzwanzig Jahren gehörte sie zwar zur Disco – Generation, aber abgesehen von ihrem durchaus zeitgemäßen Beruf fühlte sie sich im neunzehnten Jahrhundert heimischer als heute. Sie war Flugbegleiterin, kam ziemlich in Europa herum, fühlte sich aber am wohlsten in ihren eigenen vier Wänden, jener kleinen Garconniere in Simmering, dem elften Wiener Gemeindebezirk, der so erfreulich nah zum Flughafen liegt.

Natürlich wusste Karin über die Schattenseiten eines Lebens in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Bescheid: Über Zahnbehandlungen ohne Anästhesie, das Fehlen effektiver Verkehrsmittel und einer sozialen Absicherung, die zweifelhaften hygienischen Zustände und die meist tristen Einkommens- und Wohnverhältnisse, aber die Romantik, die dieser Epoche anhaftet, wiegt vieles auf.

Mit moderner Disco Musik hatte sie nichts am Hut. Wenn sie malte, hörte sie Klassik oder die alten, manchmal recht kitschigen Wienerlieder. Karin war sich dessen bewusst, das gerade in diesem stark kommerzialisierten Genre mit seinen abgedroschenen Krampfreimen wie „Musi“ auf „Gspusi“ und „Freunderl“ auf „Weinderl“ echte Kostbarkeiten nur sehr selten zu finden sind, aber manchmal hat man eben das Bedürfnis nach Herz erfrischenden Plattheiten. Ihr absoluter Favorit war allerdings etwas Anspruchsvolleres: Beethovens sechste Symphonie in F-Dur, die „Pastorale“, die mit ihrem ländlichen, friedvollen Charakter perfekt zu ihrem Malstil passte.

Im Augenblick malte sie an einer Ansicht der Penzinger Pfarrkirche, wie sie um 1830 ausgesehen haben mag. Mit dem Friedhof drum herum, der erst 1879 aufgelassen wurde. Sie war erst letzte Woche drüben im vierzehnten Bezirk gewesen, um sich die spätgotische, aus der Mitte des 13. Jahrhunderts stammende, mehrfach umgebaute Kirche anzusehen, die mit ihrem Keildach auf dem Turm, das nach dem Beschuss 1945 durch einen sowjetischen Panzer anstelle des barocken Zwiebeldaches aufgesetzt worden war, etwas fremdartig wirkt. Nach ihrem Dienst war es gewesen, dem Nachtflug im Charterverkehr, der auf der Strecke von Gran Canaria nach Wien durch heftige Turbulenzen geführt hatte. Die Passagiere waren äußerst unruhig gewesen und Karin hatte einiges zu tun bekommen, so dass sie nach dem Dienst nicht gleich nach Haus, sondern über die Süd - Ost Tangente in den Westen der Stadt gefahren war, um sich in Penzing umzusehen und dabei etwas Entspannung zu finden.

Was Karin Kuglers Malerei betrifft, so hätte man die Bilder von ihr eindeutig dem Biedermeier zugeordnet. In ihren Werken waren sowohl der etwas wehmütige Humor eines Carl Spitzweg zu finden, als auch das Pathos eines Moritz von Schwind und die Melancholie eines Ferdinand Georg Waldmüller. Manchen von den Betrachtern der Gemälde Karins kamen vielleicht auch Werke Friedrich Gauermanns oder Adrian Ludwig Richters in den Sinn. Jedenfalls sah man es den Bildern nicht an, dass sie erst im einundzwanzigsten Jahrhundert entstanden waren.

Karin hatte soeben den Farbton, nach dem sie suchte, gefunden, da läutete das Telefon.
Frederic Weinböck war dran. Dieser betrieb eine Galerie in Mariahilf, dem sechsten Bezirk, in der Nähe der beiden großen Warenhäuser und jener Galerie hatte Karin ein Ölgemälde „Flusslandschaft bei Schwechat“ übergeben, signiert mit einem schwungvollen „K. Kugler“ in der Ecke rechts unten. Weinböck hatte versprochen, sich einen Ankauf zu überlegen.

Jetzt hatte er ein Angebot für Karin: Er würde die Flusslandschaft übernehmen und einen Spitzenpreis dafür bezahlen, vorausgesetzt, Karin wäre damit einverstanden, das Bild als das Werk eines unbekannten Biedermeiermalers auszugeben.
„Ist das nicht Betrug?“, fragte Karin ganz unverblümt.
Aber nein! Er, Weinböck, hätte einen Interessenten, der etwas „in der Art des Biedermeier“ suche. Man würde dem Interessenten nur sagen, dass das Gemälde aus dem Biedermeier stammen könnte. Wohlgemerkt: Könnte! Da wäre nichts Verwerfliches dabei.

Karin war wieder einmal etwas knapp bei Kasse. Als Stewardess verdient man kein Vermögen und Karin hatte erst im letzten Monat einiges in ihren Gebrauchtwagen stecken müssen, der sonst die Prüfplakette nicht mehr bekommen hätte.

Was sich der Herr Weinböck unter einem Spitzenpreis vorstelle, fragte sie deshalb.
Nun, etwa zweihundert Euro.
„Wissen Sie, wie lang man an so was arbeitet?“, fragte Karin empört. „Das ist kein Schüttbild, wo man Farbe über die Leinwand gießt und in zwei Minuten hat man’s fertig!“
Na gut, dreihundert.
„Ich hab letzte Woche über sechshundert bezahlt für neue Radlager und einen Auspuff! Wenn ich nicht mindestens fünfhundert für die Flusslandschaft krieg, muss ich meinen Kübel aufgeben und zu Fuß zum Flughafen latschen!“
Na, kulanterweise dreihundertfünfzig. Aber Karin müsse sich verpflichten, nichts über ihre Urheberschaft verlauten zu lassen!
„Wann kann ich mir das Bild wieder abholen?“, fragte Karin betont kühl.
Frederic Weinböck sagte etwas Unverständliches, es klang aber sehr nach einem Fluch. „Sie sind ganz schön hartnäckig“, meinte er dann. „Wenn i net den Kunden an der Hand hätt’, könnten Sie sich das Bild wirklich in die Haar’ schmieren. Aber i bin ja net so. Fünfhundert. Damit ruinieren Sie mich zwar, aber weil Sie’s sind…“
Karin freute sich ungemein und sagte sofort zu. Die Autoreparatur beinahe finanziert! Und Frederic Weinböck freute sich ebenso ungemein. Supergeschäft!

Der Kunde, den Frederic an der Hand hatte, hieß Karl Steinbauer und war Inhaber einer Straßenbaufirma. Und zwar einer, die einen ganz einfachen, aber wunderbaren Trick bis zur Vollendung kultiviert hatte: Die Steinbauer AG gewann mit schöner Regelmäßigkeit mit äußerst günstigen Angeboten EU – weite Ausschreibungen für Straßenbauvorhaben und überschritt dann bei der Abrechnung die offerierte Summe beträchtlich, weil sich völlig unvorhergesehene, gravierende Schwierigkeiten ergeben hätten. Steinbauers ausgezeichnete Kontakte zu Bund, Ländern und Gemeinden führten dazu, dass die verrechneten, höheren Summen ohne viel darüber zu reden ausbezahlt wurden und der Firmenchef erfreute sich deshalb eines durchaus soliden Kontostandes. Einen kleinen Teil seines Vermögens wollte nun Herr Steinbauer in ein Biedermeiergemälde investieren, das zu seiner pompösen, aus dem Jahr 1847 stammenden Villa in Baden bei Wien passen sollte und die Flusslandschaft der Karin Kugler passte geradezu vortrefflich, weil sie den Fluss Schwechat zum Gegenstand hatte, der ja auch durch Baden fließt.

Herr Steinbauer hatte sich das Gemälde bereits einmal angesehen, Herr Weinböck konnte aber keinen Preis dafür nennen, weil angeblich noch nicht fest stand, ob die Flusslandschaft tatsächlich von dem Künstler stammen würde, den Herr Weinböck als Schöpfer des Gemäldes vermutete, nämlich jenen Koloman Kugler, der im Sommer 1822 Beethoven in Baden porträtiert hätte.

Während noch Karin in ihrer Garconniere einen kleinen Freudentanz darüber aufführte, dem Weinböck eine solch riesige Summe für die Flusslandschaft „herausgerissen“ zu haben, rieb sich Frederic Weinböck die Hände und rief den Karl Steinbauer an, in der löblichen Absicht, den gefinkelten Straßenbetonierer für die Flusslandschaft gehörig bluten zu lassen.

„Herr Steinbauer, erfreuliche Neuigkeiten“, sagte er und bemühte sich, seine gute Stimmung den Kunden auch möglichst fühlen zu lassen. „Der Kugler ist echt! Ich hab mit das von zwei Experten für das frühe neunzehnte Jahrhundert bestätigen lassen. Um sechzigtausend können Sie ihn haben.“
„San Sie gegen die Tür g’rennt?“, fragte Steinbauer. „Um sechzigtausend krieg i ja schon die Mona Lisa!“
„Die Mona Lisa is aber net so schön!“, behauptete Weinböck. „Die grinst nur blöd und außerdem verkaufen s’ die Franzosen net. Aber der Kugler passt zu Ihrer Villa wie ein Krügel Bier zum Golasch! Also, an Ihrer Stell würd’ i sofort zuschlag’n! Ein’ Kugler kriegt man net so leicht!“
„In kein’ Lexikon steht der Koloman Kugler“, warf Steinbauer ein. „Wer weiß, was das für ein Grammel war!“
„Na, immerhin hat er den Beethoven g’malt“, sagte Weinböck. „Und dass der was können hat, das haben S’ ja selber g’sehn!“
„Da muss i schon noch mehr wissen über den“, verlangte der Baumeister. „Sonst zahl i net so ein’ Haufen Marie für so ein’ Schinken.“
Weinböck überlegte fieberhaft, von wo er eine Art Biografie eines nicht existierenden Malers herkriegen könnte. Währendessen plapperte er weiter drauflos und lobte die Flusslandschaft über den grünen Klee.
„Besorgen S’ mir Informationen über den Koloman Kugler“, verlangte Steinbauer „und dann red’ ma weiter. Ja?“
Na, immerhin hatte der Baumeister die sechzigtausend nicht mehr in Frage gestellt. Da musste doch was zu machen sein!

Schon wenige Sekunden nachdem Weinböck aufgelegt hatte, fiel ihm dieser Bodenwimmer ein, der Journalist, der im selben Haus wohnte. Der war doch bei so einem Revolverblatt, der musste doch imstande sein, die Biografie eines Biedermeiermalers zu erfinden!
Kurz entschlossen schrieb Weinböck die Bitte um einen Anruf auf eine Visitkarte und schickte damit den einzigen Angestellten der Galerie, der sich hauptsächlich um Bilderrahmen kümmerte, in den dritten Stock.

Richard Bodenwimmer war zu Hause. Er hatte heute Nachtdienst und musste erst abends in die Redaktion. Erstaunt las er die kurze Notiz des Frederic Weinböck und da er keine Ahnung hatte, worum es sich handeln könnte, rief er sofort an.

Der Galerist erklärte ihm, er habe ein Gemälde aus dem Biedermeier gefunden, gemalt von einem gewissen K. Kugler, über den leider überhaupt nichts bekannt sei. Weder Geburtsort, noch sein Lebenslauf. Dieser Kugler wäre aber zweifellos eine bedeutende Entdeckung und solange keine Fakten über diesen Maler bekannt wären, müsste man ihm eben welche zuschreiben, denn ohne etwas über Leben und Werk eines Biedermeierkünstlers aussagen zu können, wären dessen Werke unverkäuflich.
Richard war sofort im Bilde.

„Sie wollen also so einen alten Schinken, der wahrscheinlich eh nix wert ist, mit einer Story aufpeppen“, stellte er fest. „Was, wenn man tatsächlich auf Fakten stößt und die stimmen dann nicht überein mit der erfundenen Geschichte?“
„Man muss sich halt absichern“, meinte Weinböck. „Immer ein ‚Möglicherweise’ einschieben in der Story. So formulieren, dass einem niemand einen Strick drehen kann. Das können Sie doch als Journalist, oder? Wenn Sie einer politischen Partei was unterstellen, schreiben Sie ja auch ‚wie verlautet’ oder ‚gut informierte Kreise sind der Meinung’ und keiner kann Sie klagen, wenn’s net stimmt!“
„Und was wollen S’ mit dem Lebenslauf machen? Veröffentlichen?“, fragte Richard.
„Nix, nix! Nur dem Käufer in die Hand drucken, damit er a Raubersg’schicht hat für seine Besucher. Machen Sie’s?“
Nun ja, einer kleinen Finanzspritze war Richard nicht abgeneigt. Und wenn’s wirklich nur eine private Sache war, damit ein Käufer G’schichterln über einen Maler erzählen konnte, den niemand kannte, war es ja eigentlich kein Problem.
„Schön. Um ein’ Tausender kriegen S’ a G’schichterl. Sogar mit einer unglücklichen Liebe. Eiverstanden?“
„A Tausender! Haben S’ den Pulitzerpreis g’wonnen, dass Sie sich so viel verlangen trauen?“
„Na, dann erfinden S’ halt selber was.“
„Da hab i kein Talent dafür“, gestand Weinböck. Und dann log er noch: „I kann nämlich net lügen.“ Gleichzeitig rechnete er: Fünfhundert für die Kugler, ein Tausender für den gierigen Bodenwimmer, blieben achtundfünfzigtausendfünfhundert. Immer noch ein gutes Geschäft.
„Wissen S’, wie viel i da recherchieren muss?“, versuchte Richard, seine Forderung zu begründen. „I bin ka Biedermeierexperte.“
„Aber geldgierig“, sagte Weinböck. „Na schön. Is die Kuh hin, soll’s Kalbl auch hin sein. Einverstanden. Wann krieg i die G’schicht?“
„So bald als möglich“, versprach Richard. „Kann i mir das Gemälde anschauen? Vielleicht fallt mir dabei was ein.“
„I hab durchgehend von zehn bis neunzehn Uhr offen“, sagte Weinböck. „Sie können jederzeit rein schauen.“

Das tat Richard dann auch noch am selben Tag, bevor er in die Redaktion musste. Das Bild beeindruckte ihn ungemein. Besonders die Leuchtkraft und Frische der Farben und er machte diesbezüglich eine Bemerkung, dass es erstaunlich wäre, wie gut das Gemälde noch nach hundertsiebzig Jahren aussah.
„Na ja, die Farben stammen halt net aus’m Baumarkt“, erklärte Weinböck. „Das war damals noch Qualität!“

Dann besah sich Richard genau die Signatur. Das „K. Kugler“ war in sehr schwungvoller Kurrentschrift in die untere, rechte Ecke gesetzt und ließ auf einen fröhlichen Charakter schließen. „K. hab ich als Koloman gedeutet“, sagte Weinböck. „Damals hat noch niemand Kevin g’heißen.“
„Koloman Kugler“, sinnierte Richard. „Sohn eines Dorfschullehrers, aus ärmlichen Verhältnissen, geboren 1796 in … Wo lass’ ma ihn geboren werden?“
„Net in Wien“, sagte Weinböck, der aus Krems stammte. „Wiener san mir unsympathisch.“
„Schön. Sagen wir … Traismauer.“
„Warum Traismauer? Mach ma kein’ bloßfüßigen G’scherten aus ihm. Sagen ma: Graz.“
„Maria Trost bei Graz“, verbesserte Richard. „Sonst müsst i den Dorfschullehrer streichen.“
„Okay“, meinte Weinböck. „Und er hat g’stottert.“
„Von mir aus“, stimmte Richard zu. Dann verpassten sie dem Koloman Kugler noch einen leicht hinkenden Gang infolge eines Tritts, den ihm ein Kutschpferd verpasst hatte und als sich schließlich Richard auf den Weg zu seiner Zeitung machte, hatte dieser Koloman bereits ansatzweise so etwas, wie eine Persönlichkeit.

An seinem Arbeitsplatz fand Richard eine Notiz seines Chefredakteurs, die besagte, dass Richard am kommenden Donnerstag nach Frankfurt müsse. Interview mit zwei Typen von der Europäischen Zentralbank. Am Sonntag solle das Interview in der Beilage erscheinen. Frau Kopetzky, die Chefsekretärin, würde das Flugticket besorgen.

Das bedeutete Arbeit für Freitag und Samstag. Aber dafür war der Nachtdienst ruhig. Wiens Ganoven hatten offenbar einen freien Tag, im Polizeifunk war nur von ein paar Besoffenen sowie Unfällen mit Blechschaden die Rede. Also benutzte Richard die Nachtstunden dazu, dem Koloman noch mehr Profil zu verleihen. So erfand er eine rührselige Liebesgeschichte mit der Tochter eines reichen Großbauern, der einer ehelichen Verbindung seines Kindes mit dem Hungerleider Koloman keinesfalls zustimmen wollte, worauf Koloman nach Wien ging, um die für ihn unerreichbare Rosalinde zu vergessen.

Als sein Nachtdienst beinahe vorüber war, dachte Richard darüber nach, ob er die Rosalinde nicht nach dem Tod des Herrn Papa nach Wien reisen lassen sollte, wo es zu einem späten Happy End kommen könnte. Er verwarf aber den Gedanken, denn neue Liebschaften in der Residenzstadt gaben mehr her, also blieb die Liebe zwischen Koloman und Rosalinde platonisch. Aber langsam begann Richard dieser tragische Maler Koloman zu interessieren und als er auf dem Weg nach Hause war, überlegte er, ob der Galerist Weinböck nicht vielleicht imstande war, ein weibliches Portrait aufzutreiben, von dem man behaupten konnte, es stelle die Rosalinde dar.

Nach einem kleinen Imbiss ging dann Richard um halb neun Uhr morgens zu Bett und er träumte, dem Maler Koloman Kugler in den Auen der Schwechat zu begegnen. Aber dummerweise konnte er sich am frühen Nachmittag nicht mehr erinnern, was ihm Koloman erzählt hatte.

Am Donnerstag musste Richard früh aus den Federn, denn die Kopetzky hatte ihn auf den ersten Flug nach Frankfurt gebucht. Das hieß, möglichst um 6 Uhr am Flughafen zu sein.
Richard schaffte den Flug, aber nur, weil er kein Gepäck dabei hatte und sich das Check-in sparen konnte. Und dann saß er im Airbus und war noch sehr schläfrig, was ihn aber nicht daran hinderte, dass ihm die brünette Stewardess auffiel, die ein paar Mal an ihm vorüberging, während die Maschine zur Startbahn rollte.

Diese Stewardess war ein durchaus interessantes Mädel mit einem leicht melancholischen Blick und langem, brünetten Haar. Als sie einmal kurz neben Richard stehen blieb, um zu kontrollieren, ob das Handgepäcksfach über seinem Kopf richtig verschlossen war, sah Richard zufällig das Namensschild an ihrem Blazer: K. Kugler.
Überrascht deutete Richard auf das Metallschildchen. „K. Kugler hab ich vorgestern als Signatur auf einem Bild gesehen“, sagte er.
Die Stewardess lächelte ihn an. „In der Galerie Weinböck?“, fragte sie. “Ist die einzige Verkaufsgalerie, wo derzeit was hängt von mir.“
„Von Ihnen?“ Richard war perplex.
„Ja. Die Flusslandschaft, oder? Hab ich diesen Sommer gemalt.“
„Sie??“ Richard muss drein gesehen haben, als hätte ihm jemand gesagt, er sitze im falschen Flugzeug, denn die Stewardess lachte plötzlich hell auf. „Na ja, auch Stewardessen haben manchmal ihre Hobbys“, meinte sie. „Malen macht mehr Spaß als im Flugzeug Kaffee servieren.“
„Entschuldigen Sie, ich war deshalb so perplex, weil der Herr Weinböck das Gemälde als ein Werk aus dem Biedermeier ausgegeben hat“, erklärte Richard.
„Ist ja ein großes Kompliment für mich“, sagte die Stewardess. „Ich muss nach hinten für den Take-off.“ Und damit ging sie rasch ins Heck der Maschine, die soeben auf die Piste 30 einschwenkte.

Nach der Linkskurve, die das Abflugverfahren aus Lärmschutzgründen vorschreibt, stand die Stewardess plötzlich wieder neben Richard. „Hat der Herr Weinböck ausdrücklich gesagt, dass das Bild aus dem Biedermeier stammt?“, fragte sie.
„Jawohl“, bestätigte Richard, um sofort die Frage anzuhängen: „Bitte, was bedeutet das K in der Signatur?“
„Karin“, sagte die Stewardess. „Hat der Weinböck gesagt, wer die Landschaft gemalt hat?“
„Ein unbekannter Künstler“, berichtete Richard. „Ich soll sogar eine Biografie für den erfinden. Für einen gewissen Koloman Kugler, geboren 1796.“
„Schau ich so alt aus?“, fragte Karin mit gespielter Empörung. „Na, wahrscheinlich bringt’s dem Weinböck einen besseren Preis. Entschuldigung, ich muss was arbeiten. Bis Frankfurt haben wir nicht einmal eine Stunde Zeit dafür.“

Bis etwa Nürnberg hatte Richard viel nachzudenken. Über Weinböck und seinen Betrug mit der Flusslandschaft und mehr noch über diese attraktive Stewardess Karin Kugler. Richard hielt es für wenig wahrscheinlich, dass ihn Karin verarschte. Wie hätte sie sonst von dem Gemälde in Weinböcks Galerie wissen können, wenn sie nicht die Urheberin des Bildes gewesen wäre? Aber die größte Frage war jetzt natürlich, wie er, Richard, sich in diesem Fall verhalten sollte. Dem Weinböck erzählen, dass er hinter dessen Machenschaften gekommen war?

Als Karin ihm das Tablett mit dem Frühstück vom Tischchen nahm, schlug er ihr vor: „Wir sollten uns einmal über die Galerie Weinböck und die Sache mit dem Biedermeiergemälde unterhalten. Was halten Sie davon?“
„Okay“, sagte Karin. „Ich geb Ihnen meine Telefonnummer.“ Und tatsächlich, als sie das nächste Mal vorüberkam, überreichte sie Richard einen Zettel mit einer Handynummer drauf. Richard bedankte sich sehr höflich und freute sich über Karins Zusage. Je öfter er sie ansah, desto attraktiver erschien sie ihm.
In Frankfurt nahm Richard den Zug zum Hauptbahnhof und die beiden Interviews in der Europäischen Zentralbank waren rasch erledigt. Seine Interviewpartner waren Profis, auch auf journalistischem Gebiet. Richard hielt sich nicht länger in der Stadt, die er ohnehin gut kannte, auf und er erreichte sogar eine frühere Maschine nach Wien. Normalerweise hätte er bereits während des Rückflugs an den Kommentaren zu den Interviews gearbeitet, diesmal konnte er sich aber nicht konzentrieren. Immer wieder kam ihm die Stewardess Karin Kugler in den Sinn.

In Wien angekommen rief er sie noch am Flughafen einfach an.
„Richard Bodenwimmer. Wir haben heut früh im Flugzeug über Ihr Bild gesprochen“, stellte er sich vor.
„Ah ja, Sie sind das. Bin grad aus Moskau zurückgekommen“, sagte Karin.
„Wann hätten S’ denn einmal Zeit für einen Kaffee?“, kam Richard gleich zur Sache.
„Was interessiert Sie eigentlich an dem Bild? Das is verkauft an den Weinböck.“
„Weiß ich. Aber der Weinböck hat Sie beschissen!“
Karin lachte. „Hab i mir eh ’denkt. Macht aber nix. Immerhin hat er fünfhundert ’zahlt.“
„Trotzdem sollten wir uns was überlegen“, sagte Richard. Und dann fügte er hinzu: „Außerdem hätt’ ich Sie gern wiederg’sehn.“
„Na, jetzt bin ich aber noch am Flughafen.“
„Ich auch“, sagte Richard. „Grad aus Frankfurt zurück. Können wir uns da irgendwo treffen?“
„Nur, wenn Sie’s nicht stört, dass ich noch in Uniform bin“, meinte Karin.
„Die Uniform passt Ihnen großartig“, beteuerte Richard. „Da sehen Sie so fröhlich aus.“
„Ist auch wahrscheinlich der Sinn von Hostessenuniformen“, vermutete Karin.

Fünf Minuten später trafen sie einander im Café in der Ankunftshalle und Richard fand Karin noch hübscher, als er sie in Erinnerung hatte. Aber er hielt sich mit dem Flirten zurück und sie sprachen ernsthaft über die Galerie Weinböck und über die Geschäftsmethoden des Inhabers.
„Wenn ich a Story über den Maler erfinden soll und der Weinböck zahlt mir was dafür, muss er ganz schön verdienen dran“, vermutete Richard. „Ich werd’ versuchen raus zu finden, was er für das Gemälde kriegt. Und dann mach ich einen Artikel über Sie in meiner Zeitung und drohe dem Weinböck, dass ich’s verraten werd’, dass das Bild von Ihnen is, und net vom Koloman Kugler.“
„Ich soll in die Zeitung?“, fragte Karin ungläubig.
„Klar! Und Ihre Bilder. Kann ich die wo fotografieren?“
Karin lachte. „Aha, das is der Hintergedanke! Die Bilder hab ich zu Haus. Sie wollen mich besuchen kommen!“
Richard wurde rot im Gesicht. „Na ja, wenn Sie mich nicht rein lassen, kann ich natürlich nix machen“, sagte er.
Karin griff nach seiner Hand und streichelte sie. „Wenn Sie versprechen, brav zu sein, dürfen Sie die Bilder fotografieren.“
Richard sah sie offen an. „Ich kann nur versprechen, mich zu bemühen“, gestand er und Karin lachte wieder. Aber mit etwas mehr Verlegenheit.
Sie blieben nicht lang in dem etwas ungemütlichen Café und vereinbarten einen Besuch Richards ein paar Tage später, wobei der Termin noch zu vereinbaren wäre. Bis dahin wollte er mehr über Weinböcks Kunden heraus bekommen.

Richard brauchte sich gar nicht sehr bemühen, denn Weinböck servierte ihm den Käufer sozusagen auf dem Silbertablett.
Als Richard seine erfundene Biografie des Malers Koloman Kugler ablieferte, bat ihn Frederic Weinböck, den Karl Steinbauer anzurufen und ihm über die Recherchen zu berichten. „Sonst glaub’s der blöde Aff’ net, dass i wirklich ein’ Experten beauftragt hab“, meinte er.
„Bin ka Experte“, sagte Richard. „Net einmal a Dilettant. Und die G’schicht is doch erfunden! Was soll i da mit dem Käufer reden?“
„Ne, reden S’ irgendwas. Der glaubt eh alles, weil von Malerei hat der ka Ahnung.“
„I versteh auch soviel davon, wie a Kuh vom Klavierspielen“, sagte Richard. Aber er rief trotzdem an, weil es seinen Absichten entgegenkam.

Er phantasierte etwas über Verbindungen der Journalisten untereinander, er habe Hinweise zweier Kollegen von der Frankfurter Allgemeinen und vom Züricher Tagblatt bekommen und ähnlichen Unsinn. Dann erzählte er in Umrissen Koloman Kuglers Lebenslauf und Karl Steinbauer schluckte den Blödsinn anstandslos. Ganz am Ende des Telefonats fragte er dann: „Also is der Schinken wirklich sechzig Tausender wert?“
Richard verschlug es beinahe die Sprache. Sechzigtausend!
Er wäre nur ein Journalist, stotterte Richard. Über Preise von Kunstwerken könne er nichts sagen.
„Haben Sie was g’hört von dem Beethoven Porträt, das der Koloman g’malt haben soll? Kann man das vielleicht kaufen?“
Auch da konnte Richard keine Auskunft geben. Aber er versprach, sich zu erkundigen und Steinbauer verabschiedete sich mit ausgesuchter Freundlichkeit.

Natürlich rief Richard sofort Karin an und erzählte ihr in allen Einzelheiten sein Gespräch mit Karl Steinbauer. Empört berichtete er, dass Weinböck die horrende Summe von sechzigtausend für das Gemälde fordere und er fand es als den Gipfel der Frechheit, dass Karin mit lächerlichen fünfhundert abgespeist werden sollte.

Karin war offenbar gar nicht so sehr schockiert. „Ja, a Wahnsinn, was das alte Zeug wert sein kann“, kommentierte sie nur. Viel mehr interessierte es sie, dass Steinbauer daran interessiert war, das Porträt Beethovens, das Koloman Kugler angeblich angefertigt hatte, in die Finger zu kriegen. „Da wird der Weinböck jetzt suchen wie ein Irrer“, vermutete sie. „Na, vielleicht gibt’s ja Porträts, die man als einen Kugler ausgeben kann“.

„Wir müssen uns was einfallen lassen“, beschwor Richard die Malerin. „Der Weinböck soll noch schön schauen, wenn wir dem Steinbauer sagen, dass Sie die Flusslandschaft g’malt haben!“
„Na, wart’ ma noch ein bisserl damit“, meinte Karin.
„Aber überlegen sollten wir uns das! Haben Sie schon einen Termin frei für die Fotos von Ihren Bildern?“ Richard lag viel daran, Karin wieder zu sehen.

Die aber winkte ab. Es gäbe Probleme mit ihrem Dienstplan und die nächsten zwei Wochen müsse sie häufig Bereitschaftsdienst machen. Jetzt, im Herbst, wären eine Menge Charterflüge nach Ägypten und die Kanaren geplant. Sie werde sich bei Richard melden, sobald sie Näheres wisse.
Richard war enttäuscht. Im Café in der Ankunftshalle hatte Karin den Eindruck gemacht, als ob sie gar nicht abgeneigt wäre, den Kontakt zu ihm etwas auszubauen. Und jetzt das!
Aber Richard fasste sich in Geduld und ließ die hübsche Stewardess die nächsten zwei Wochen tatsächlich in Ruhe.
Als er sie dann doch wieder anrief, schütze Karin einen grippalen Infekt vor. Sie fühle sich gar nicht wohl. In weiteren zwei Wochen vielleicht.
Als zwei Wochen später Karin wiederum abblockte, ließ Richard nicht mehr locker. Ob denn Karin kein Interesse mehr daran habe, dass er einen Artikel über sie veröffentliche?
Karin konnte schließlich nicht anders. Gut, dann solle Richard in zwei Wochen zu ihr kommen. Und sie gab ihm ihre Adresse.
Noch zwei Wochen! Richard fluchte ein bisschen, aber das Mädel war es wahrscheinlich wert, dass er Geduld haben musste. Er freute sich wahnsinnig auf seinen Besuch bei Karin.

Bewaffnet mit einer Flasche Sekt und seiner Kamera fand er sich schließlich in der Wohnhausanlage in Simmering ein.
Die Überraschung, die er erlebte, war eine vollständige. Die gesamte Garconniere war voller Bilder, aber es waren ausschließlich abstrakte Bilder!
„Ich glaub, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig“, sagte Karin, die Richard in einem mit Farbe bekleckerten Arbeitsmantel empfing.
„Die Karin Kugler hat immer nur abstrakt gemalt“, erklärte sie, als Richard völlig belämmert auf der Couch saß und seine Augen zwischen den farbenprächtigen Arbeiten hin und her blickten. „Die Flusslandschaft hat mein Vorfahre Koloman Kugler im Jahr 1831 gemalt. Und das Beethovenporträt, das ich dem Steinbauer verkauft hab, stammt aus dem Jahr 1825. Es gibt noch ein paar andere Gemälde von meinem Urururgroßvater im Keller, aber die werden erst mit der Zeit auftauchen. Der Steinbauer kauft die wahrscheinlich auch“.

„Sie haben Beethoven porträtiert?“, fragte Richard ungläubig.
„Na ja, ist keine Kunst. Im Internet gibt’s das Porträt von Josef Karl Stieler aus dem Jahr 1820. An dem hab ich mich orientiert. Und der Stieler und mein Vorfahr haben halt unterschiedliche Sichtweisen gehabt. Aber ähnlich sind sich beide Porträts.“
„Sie machen sich also den Betrug des Weinböck zunutze?“, fragte Richard und Missmut stieg in ihm hoch. Die hübsche Stewardess war also eine Betrügerin!
„Betrug? Der Steinbauer hat mir ein Gemälde abgekauft. Das ist kein Betrug!“, wehrte sich Karin.
„Doch! Er hat Ihnen einen Koloman Kugler abgekauft, der in Wahrheit ein Karin Kugler ist!“
„Und wo liegt der Unterschied?“
„Na hören Sie! Das war eine Fälschung!“
Karin schüttelte den Kopf. „War’s nicht. Den Koloman Kugler hat’s nie gegeben. Den haben Sie, Herr Bodenwimmer, erfunden! Da gibt’s nix zum fälschen!“
„Was hat Ihnen denn der Steinbauer dafür bezahlt?“
Karin wurde etwas verlegen. „Na ja, ich bin raus nach Baden gefahren und hab ihm das Bild gezeigt und meinen Führerschein, damit er sieht, dass ich wirklich Kugler heiß’. Das Bild hab ich geerbt, hab ich ihm erzählt. Und da hat er mir’s für siebzigtausend abgekauft.“
Richard pfiff durch die Zähne. „Gutes Geschäft“, kommentierte er.
„Na ja, ich hab immerhin vier Wochen für den Beethoven gebraucht. Und jetzt mal ich halt abstrakt und die alten Sachen, die ich noch von früher hab, stammen halt alle vom alten Koloman.“

Richard wusste nicht, was er von der Sache halten sollte. Betrug widerstrebte ihm, aber Karin trug die Sache so selbstverständlich, so überzeugend vor, dass er schließlich Bewunderung für die Malerin empfand. Ein raffiniertes Luder!
Karin zog den Arbeitsmantel aus und setzte sich zu Richard. „Wenn Sie also Bilder fotografieren wollen, bitte. Aber nur die neuen! Ist eh net schlecht, dass ich jetzt moderner mal. Das Biedermeier war eh schon ein bisserl langweilig“.

Richard sah Karin lange an. Wie sie so da saß und ihn doch ein wenig unsicher musterte, da war sie schon ein verflucht hübsches Mädel.
„Na ja, genau betrachtet ist das vielleicht doch keine Fälschung“, gab Richard zu. „Aber die Wahrheit ist es auch nicht.“
„Wahrheit. Heut ist der Kunstmarkt nur mehr ein Geschäft. Glauben Sie, die Werbung sagt die Wahrheit? Schauen Sie sich im Fernsehen die Werbespots an! Alles gelogen! Und jeder weiß das und keiner hat was dagegen. Und wenn die Leut so blöd sind, für eine einfärbig bemalte Fläche ein Vermögen zu zahlen, weil’s von irgend einem Grammel stammt, das grad modern ist, sind s’ selber schuld. Und der Steinbauer is auch selber schuld, wenn er Bilder von ein’ Maler sammelt, der nie existiert hat. Was meinen Sie, Herr Bodenwimmer?“

Da legte Richard ihr den Arm um die Schulter: „Sagen Sie doch Richard zu mir.“
„Und ich bin die Karin“, lächelte die Malerin und gab Richard einen ganz kurzen, flüchtigen Kuss auf die Lippen. „Die seit kurzem reiche Karin. Und jetzt kannst von mir aus die Bilder fotografieren.“
Das tat Richard denn auch. Erst fotografierte er die Bilder, dann öffnete er die Sektflasche und dann fotografierte er die Karin.
Und dann fotografierte er gar nichts mehr.

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