KunstGeschichten

KunstGeschichte: Höhenstraße

Gerhard Prokop fragt sich in der neuen KunstGeschichte unseres Wiener Autoren, wie Kunst und Kommerz zusammengehen. Muss man sich als Künstler ganz dem Markt unterwerfen? Einen Klick weiter erfahren Sie die Antwort!

Othello, der rabenschwarze Schäferhundmischling, war natürlich noch nicht zufrieden mit der Dauer des Ausfluges. Wenn es nach Othello gegangen wäre, hätte ihm auch eine vier- bis fünfstündige Wanderung nichts ausgemacht. Aber sein Herrchen war nicht besonders gut zu Fuß.
Gerhard Prokop hatte ein künstliches Hüftgelenk. Das und sein Alter von einundsechzig machte ihm zu schaffen, zumal er in seinem ganzen Leben kaum Sport betrieben hatte. Also musste sich Othello mit einem halbstündigen Spaziergang zufrieden geben.
Als Gerhard aus dem Wald heraustrat und den Parkplatz in der Nähe des Cobenzls erreichte, schmerzte seine Hüfte ein wenig und er hinkte leicht.

Als er Othello auf die Rückbank springen ließ, fiel sein Blick auf das Panorama von Wien, das hier, von der Höhenstraße aus, beinahe das gesamte Stadtgebiet umfasst. Gerhard musste lächeln. Seit Jahrzehnten war er nicht mehr hier auf diesem Parkplatz gewesen. Aber vor vierzig Jahren waren Michaela und er jede Woche hier im Auto gesessen, hatten entweder auf die Lichter der Stadt hinunter gesehen und geträumt – oder sich miteinander beschäftigt. Manchmal recht intensiv sogar.
Immerhin hatte ihre Ehe dann über zwanzig Jahre gehalten.
Na, nichts ist für die Ewigkeit...
Gerhard hatte nach seiner Scheidung nie mehr etwas von seiner Frau gehört. Offenbar war sie mit seinem Nebenbuhler weggezogen. So richtig wohl hatte sich Michaela ja nie in Wien gefühlt.

Gerhard sah auf die Stadt vor sich und wurde ein bisschen traurig. Er liebte Michaela ja immer noch. Na, ein bisschen halt.
Aber dann beschloss er, sich mit dem Problem Ulrikes zu befassen und dabei das Panorama auf sich wirken zu lassen. Konnte nicht schaden! Vielleicht führte das zu einigen Einfällen.
Die Ulli, eine entfernte Nichte, hatte, jetzt knapp vor der Matura, ein Referat vor ihrer Klasse zu halten. Thema: Kunst und Kommerz. Und da hatte sie eben ihren Onkel Gerhard gebeten, ihr ein bisschen unter die Arme zu greifen. Wenn also Gerhard tatsächlich hier ein Konzept für Ulrike machte, konnte er noch hier oben sitzen bleiben, sich einbilden, Michaela wäre neben ihm und gleichzeitig etwas Vernünftiges tun.

Na ja, vom Kommerz verstand er ja einiges. Zumindest hatte er in seinem langen Berufsleben in der Exportwirtschaft ausreichend Kaufleute kennen gelernt, die ihm anschaulich genug demonstriert hatten, wie unmenschlich der Kommerz sein kann. Den meisten Wirtschaftsleuten ging es ganz ausschließlich ums Geld, moralische Aspekte galten nur insofern, als diese mit Strafandrohungen im Zusammenhang standen. Und falls es eine Möglichkeit gab, einer eventuellen Strafe zu entgehen, pfiff man sich um die Moral einen großen Dreck.
Wer das verstanden hatte, konnte es in der Wirtschaft weit bringen. Wer Skrupel hatte, taugte nicht für eine kommerzielle Karriere.
Sicher! Der Markt bestimmte, was produziert wurde. Aber wie es produziert wurde, bestimmte der Produzent! Und den Markt konnte man ja immerhin manipulieren!
Wie passte die Kunst da hinein?

Gerhard nahm einen kleinen Notizblock aus dem Handschuhfach und notierte: »Kunst ursprünglich so etwas wie Magie«.
Begonnen hatte ja alles damit, dass man die Viecher, die man gern erlegt hätte, auf Höhlenwände malte. Dabei wurden höchstwahrscheinlich Beschwörungen gemurmelt, dass die Viecher ebenso starr wie hier dargestellt stehen bleiben und sich abmurksen lassen sollten. Wer das Bild an die Höhlenwand gekritzelt hatte, war dabei unerheblich.

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Gerhard notierte weiter: »Anonyme mittelalterliche Künstler«. Er dachte dabei an die vielen Künstler, die nur etwa als »Meister des was-weiß-ich Altares« bekannt waren. Auch damals stand ja die Malerei im Dienste des Mystischen, zwar nicht mehr in dem des Jagdzaubers, aber in dem der Religion und der allmächtigen Kirche. Der Schöpfer eines Bildes war nicht so wichtig. Ja, und auch den Dichter des Nibelungenliedes kannte man nicht! Was galt also damals der Kunstschaffende? Nichts! Nur sein Werk war wichtig!

Erst mit der Renaissance änderte sich da was. Plötzlich kannte man die Leute, die Bilder produzierten. Ja, und im Frühbarock wurde die Kunst endgültig zum Geschäft. Sogar Rembrandt schon beschäftigte eine ganze Schar von Mitarbeitern und verdiente nicht schlecht dabei!
Da könnte Ulli vielleicht bei ihrem Klassenprofessor punkten, dachte Gerhard und notierte sich: »Kommerzialisierung der Kunst erst ab der Renaissance, mit der teilweisen Loslösung der Kunst von der Kirche«.
Jetzt war Gerhard fast sicher, der Ulrike, diesem in künstlerischen Belangen hilflosen Schrapperl, ein halbwegs vernünftiges Referat liefern zu können!

Er war soeben dabei, sich die Stichworte: »Fugger«, »Utilitarismus« und »Mäzenatentum« zu notieren, da parkte sich auf dem Platz links neben ihm ein unscheinbarer Kleinwagen ein. Es begann eben dunkel zu werden und Gerhard konnte nur gerade erkennen, dass die Fahrerin ausstieg und einige Dinge aus dem Kofferraum holte. Dann wandte er sich wieder seinem Gedanken an die Mäzene in früheren Jahrhunderten zu. Die hatten offenbar tatsächlich noch das Interesse, talentierte Künstler zu fördern! Denen dürfte es dabei gar nicht so sehr ums Geld gegangen sein. Oder doch?
Na, heute war reines Mäzenatentum natürlich undenkbar!
Einen Künstler unterstützt man heute nur, wenn er sich irgendwie vermarkten lässt.

Neben Gerhards Wagen stellte die Dame direkt an der niedrigen Mauer, die den Parkplatz gegen die abschüssige Wiese zu begrenzte, eine Staffelei auf. Gerhard grinste. Das war ja fast so was wie ein Zeichen der Vorsehung, dass er ganz Recht gehabt hatte, diesen Platz zum Nachdenken über Ullis Referat zu nutzen. Er dachte nach über Kunst und da neben ihm wurde Kunst produziert.
Na ja, wenn es tatsächlich Kunst war! Heutzutage glauben ja die Leute, sie wären begnadete Künstler, wenn sie es zustande brachten, ein paar Farbkleckse auf einem passenden Untergrund zu fabrizieren.

Da fiel Gerhard plötzlich ein, dass es vielleicht sinnvoll wäre, in Ulrikes Referat eine Definition von Kunst einzubauen.
Mehrmals nahm er den Notizblock zur Hand – und mehrmals legte er ihn wieder auf den leeren Beifahrersitz. Es war gar nicht so einfach!
Zunächst ging er vom »Können« aus. Dann fielen ihm Gemälde ein, die das »Nichtkönnen« des Malers eindeutig dokumentierten. Vor Jahren war er einmal in der Galerie in Maria Gugging gewesen. Und die hatte ihn fasziniert, obwohl die dort ausgestellten Arbeiten der Insassen des ehemaligen Psychiatrischen Krankenhauses eindeutig verrieten, dass die Künstler nicht im eigentlichen Sinn malen »konnten«!
Nein. Mit »Können« hatte die Kunst nichts zu tun. Dort in Gugging waren hauptsächlich Arbeiten ausgestellt, die im Zusammenhang mit einer Therapie entstanden waren. Die Patienten sollten sich ihre geistigen Probleme »von der Seele malen«. Und dabei waren bemerkenswerte Kunstwerke entstanden!

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Othello auf dem Rücksitz brummte unzufrieden. Offenbar ging es ihm gegen den Strich, dass Herrchen so untätig im Auto saß und ihn nicht draußen schnüffeln ließ.
Na schön. Gerhard fiel ohnehin keine vernünftige Definition ein. Also sollte Othello eben nochmals den Parkplatz abschnüffeln. Gerhard stieg aus.
Othello sprang vom Rücksitz und kam an die Leine. Sofort zog er mit Vehemenz auf die Dame zu, die an ihrer Staffelei saß und malte.
»Othello, du aufdringliches Mistvieh«, schimpfte Gerhard, als er sein Tier gerade noch bändigen konnte, bevor es gegen die Staffelei gestoßen wäre.
»Aber lassen Sie ihn doch«, sagte die Malerin und legte den Pinsel beiseite. »Der ist doch ganz friedlich.« Sie sprach ein ziemlich gepflegtes Deutsch, zwar mit wienerischer Färbung, aber doch sehr nahe an der Schriftsprache.
»Ja, aber schwarz«, meinte Gerhard und versuchte ebenfalls, den Dialekt, den er gern benutzte, weitgehend zu vermeiden. »Manche Leute haben Angst vor ihm.«
»Wie heißt er denn?«
»Othello.«
»Nachdem ich nicht Desdemona heiße, hab ich nix zu befürchten«, lachte die Malerin und kraulte Othello zwischen den Ohren.

Gerhards Blick fiel auf die Malerei, ein Ölbild in einem seltsam breiten Format. Gerhard schätzte die Abmessungen auf etwa einen Meter mal vierzig Zentimeter. Das Bild war schon recht weit fortgeschritten, die Künstlerin musste schon vorher einige Male hier oben gemalt haben. Es war die Stadtansicht, die man von hier oben hatte, wobei es der Malerin gelungen war, die Stimmung der Dämmerung auf irgend eine Art derart eindringlich darzustellen, dass man sich schwer tat, zu entscheiden, ob nun die originale Ansicht des Panoramas oder die auf dem Gemälde eindrucksvoller war.

»Das ist ja großartig«, sagte Gerhard und deutete auf das Bild.
»Da fehlen noch die Lichter«, stellte die Malerin fest. »Ich bin jetzt das vierte Mal da. Aber immer muss ich Schluss machen, wenn es zu dunkel wird.«
»Darf ich indiskret sein und nach Ihrem Namen fragen?«
»Doris Fanelli. Warum wollen Sie meinen Namen wissen?«
»Weil Sie doch sicher schon bekannt sind als Malerin.«
Frau Fanelli lachte schallend. »Mit so was wird man nicht bekannt«, sagte sie dann. »Ist mir auch völlig egal.«
»Aber Sie haben doch schon ausgestellt?« Gerhard war leicht befremdet über die so offenbar zur Schau gestellte Gleichgültigkeit der Malerin.
Doris Fanelli schüttelte nur den Kopf. Sie hatte mittlerweile begonnen, mit einem ganz feinen Pinsel die strahlend weißen Lichtpunkte in das Panorama einzufügen, die von da unten herauf leuchteten.

»Schau'n Sie: Es hängt davon ab, ob man Spaß an der Kunst haben will, oder was damit verdienen. Ich mach das aus Freude am Malen. Da ist es mir wirklich wurscht, ob das Anderen g'fallt oder net.«
»Das kann einem doch nicht so völlig egal sein«, brummte Gerhard.
»Mir schon«, sagte Frau Fanelli. »Ich arbeite in einer Werbeagentur. Da hören Sie laufend so Sätze wie 'Der Autraggeber verlangt einen dynamischen Plot' oder 'Das Produkt braucht ein Image von Jugendlichkeit'. Da will ich privat mit Marktbedürfnissen nix zu tun haben. Ich will nicht was machen, das Anderen g'fallt. Ich male, was und wie es mir g'fallt – und wenn's den Andern nicht behagt, haben s' Pech g'habt.«
»Versteh ich«, nickte Gerhard. »Is aber trotzdem schad'. Das Panorama tät' sicher Vielen g'falln.«
»Ich will's aber gar net verkaufen«, gestand Doris. »Ich hab Erinnerungen an das Panorama von da oben. Das hab ich für mich selber g'malt.«

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»Ich hab auch Erinnerungen«, sagte Gerhard. »Vor vierzig Jahren war ich sehr oft da auf dem Parkplatz mit meiner späteren Frau Michaela.« Die Malerin sagte nichts und sah ihn nur an. Da fügte Gerhard hinzu: »War eine schöne Zeit, damals.«
»Ja, das war's«, stimmte Doris zu. Und dann fragte sie: »Was is mit Ihrer Frau?«
Gerhard zuckte die Schultern. »Weg. Nach fast zwanzig Jahren hat s' genug g'habt von mir.«
Doris nickte verständnisvoll. »Da bleibt dann nur die Erinnerung«, sagte sie leise.
»Deshalb hätt' ich Ihnen das Gemälde gern ab'kauft«, rückte Gerhard mit der Sprache endlich heraus.
»Leider«, sagte Doris bedauernd, »i verkauf's net. I verkauf überhaupt nie eine von meinen Schmierereien.«
»Schade«, sagte Gerhard. »Warum denn net?«
»Weil ich glaub’, dass das furchtbar sein muss, wenn man sich Kunst bezahlen lasst. Und noch schlimmer muss es sein, von der Kunst leben. Da kann man nie malen, was einem g’fallt, sondern muss das malen, was ’kauft wird. Da is man sozusagen der Sklave des Marktes. Und beeinflussen können S’ den Markt als Einzelner net. Das können nur die Konzerne mit ihrer Werbung.«
Doris setzte noch einige Lichtpunkte in das Bild und wusch dann den Pinsel aus. »So! Schon wieder einmal zu finster«, sagte sie.
»Darf ich Sie zu irgendwas einladen? Da drüben in der Cobenzl-Bar. Jetzt hab ich Sie g’stört.« Gerhard klang schuldbewusst.
Frau Fanelli lächelte Gerhard an. »I hab Ihnen g’sagt, dass i schon a paar Mal da war. Die Dämmerung dauert halt net lang. Sie können nix dafür, dass i noch einmal kommen muss. Außerdem komm i gern her.«
»Na ja, i würd’ mi halt gern no a bisserl mit Ihnen unterhalten. I hab da a kleines Problem mit der Kunst.«
»Ja? Na, höchstens vielleicht ein' Kaffee.«

Noch bevor Doris das noch feuchte Gemälde vorsichtig in den Kofferraum legte und ihre Staffelei einpackte, hielt ein weiterer Wagen auf dem Parkplatz. Der Fahrer, ein Herr um die Vierzig mit südländischem Aussehen, kam neugierig heran und konnte noch einen Blick auf das Bild werfen, dann begab er sich den Abhang hinauf zum Kaffeehaus. Gerhard sperrte Othello wieder in seinem Wagen ein.

Dann saßen sie in der Café-Bar Cobenzl an einem Tisch mit der Aussicht auf die Stadt einander gegenüber und rührten jeweils in einem großen Mokka. Gerhard konnte jetzt endlich erstmals seine neue Bekannte genau ansehen. Es war ein sympathisches Gesicht mit einigen, aber bezeichnenden Falten. Die Frau musste viel gelächelt haben in ihrem Leben.
Frau Fanelli war etwas jünger als Gerhard, darüber hinaus recht fraulich, zwar schlank aber keinesfalls zu dünn und eher – wie man in Wien sagt – »mit etwas zum Anhalten«. Gerhard empfand die Malerin als überaus anziehend.

»Was ist Ihr Problem mit der Kunst?«, fragte Doris.
»Entschuldigung, ich hab nicht noch gar net vorgestellt«, sagte Gerhard. »Prokop, Gerhard Prokop. Und mein Problem is folgendes.«
Dann erklärte er seiner neuen Bekannten, dass er es übernommen habe, Material für ein Referat seiner Nichte zu sammeln und zusammen zu stellen. Dabei wäre er auf die Frage gestoßen: Wie könne man Kunst und Kommerz in Verbindung bringen?
»Gar net«, meinte Doris, um gleich einzuschränken: »Na ja, alles kann man irgendwie vermarkten. Manche Kriminelle vermarkten sogar den Frieden. Denken Sie an Schutzgelder, die man etwa den Drogenkartellen in Südamerika zahlen muss. Die verkaufen also den Frieden, die Zusicherung, den nicht anzugreifen, der bezahlt hat. Aber Kunst ist keine Ware!«

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»Ja. Die Definition von Kunst macht mir auch Probleme«, gestand Gerhard.
Doris lachte. »Kunst definieren? Geben Sie's auf. Alle Aspekte, auf die's ankommt, können S' gar net in eine Definition packen. Jeder muss seinen persönlichen Zugang zu Kunst finden.«
»Und was ist Ihrer? Ihr Zugang?«
»Ich kann Ihnen nur meinen Zugang zu Malerei erklären«, meinte Doris. »Für mich ist das so was, wie dem lieben Gott ins Handwerk pfuschen. Eine eigene Welt erschaffen. Meine Darstellung von der Stadt ist sicher nicht exakt. Ich hab das Panorama nicht abgebildet, sonder neu gestaltet. Wenn das Bild jetzt an der Wand hängt und ich schau es mir an, seh' ich die Stadt so, wie ich sie damals, vor Jahren, gesehen hab. Oder vielleicht sehen wollte. Und dabei kommt mir auch das Gefühl von damals in Erinnerung. Das auf dem Bild ist also eine eigene, ganz persönliche Welt. Deshalb verkauf ich das Bild auch nicht.«
»Ja«, stimmte Gerhard zu. »Vielleicht ist das ein wesentlicher Aspekt von Kunst. Eine kleine, eigene Welt erschaffen. Die muss dann nicht einmal einen Zweck haben.«

»Deshalb sag i ja immer, da die Höhenstraße is auch a Kunstwerk.«, sagte Doris. Gerhard sah sie fragend an.
»Kennen Sie die G'schicht net? Die Höhenstraße hat man 1935 erbaut, um Arbeitsplätze zu schaffen. Sie wissen ja, Wirtschaftskrise. Notwendig war die Straße sicher nicht. Na ja, auf den Kahlenberg konnte man leichter rauf, seit die Zahnradbahn weg war und die Berge da hat sie erschlossen. Und die Aussichten von da oben. Aber sonst war die zu nix gut. Ist aber schön, finden S' net?«
Gerhard nickte.
»Eben a Kunstwerk«, bekräftigte Doris noch einmal.

Da trat der Herr von vorhin an ihren Tisch, der unten am Parkplatz das Bild gesehen hatte. »Entschuldigung. Ich wollte nur fragen, ob man Ihr Bild kaufen kann.«
Doris lachte. »Schon wieder! Was is' da so B'sonderes mit dem Panorama?«
»Ich bin Teilhaber an der Café-Bar und betreibe eine zweite in der Innenstadt. Für die hätte ich gern ihr Panoramabild, sozusagen als Werbung für das Lokal da auf dem Cobenzl.«
»Da haben S' Ihre Verbindung zwischen Kunst und Kommerz«, sagte Doris zu Gerhard gewandt. Und dem Herrn, der sie gefragt hatte, sagte sie: »Ich verkauf prinzipiell keine Bilder.«
Der südländisch wirkende Herr war bereits im Begriff, sich abzuwenden, da sagte er: »Auch nicht um einen sehr guten Preis?«
Doris wurde unsicher. »Was verstehen Sie unter sehr gut?«, fragte sie.
»Na, was halten Sie von zweitausend Euro?«
»Donnerwetter!« Doris war offenbar sehr überrascht. »Sie, Herr....«
»El Nagdi, Mustafa El Nagdi«, stellte sich der Herr vor.
»Also, Herr El Nagdi, ich hab noch nie ausgestellt und noch nie was verkauft. Wie kommen Sie auf ein so hohes Angebot?«
»Weil das Bild wie eigens für meine Café-Bar gemalt wirkt. Das passt so hundertprozentig dort an die Wand, dass mir das die zwei Tausender wert ist.«
»Das kommt ein bisserl überraschend«, versuchte Doris, Zeit zu gewinnen.
»Na, überlegen Sie sich's. Ich komme in ein paar Minuten wieder«, sagte der interessierte Käufer, der offenbar bemerkt hatte, dass die Malerin zu schwanken begonnen hatte, was ihr Prinzip betraf. Jedenfalls verschwand er durch eine Tür nahe der Bar.

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»Na so was«, murmelte Doris mehr zu sich selber. »Was soll ich machen?«, fragte sie dann Gerhard. »Das ist gegen mein Prinzip! Andererseits würde ein Verkauf meine Probleme mit dem Wagen lösen! Ich brauche nämlich ein paar Reparaturen. Und so reich bin ich auch wieder nicht!«
»Verkaufen Sie«, schlug Gerhard vor. »Und malen Sie für sich selber ein neues Bild. Wenn Sie's einmal zustande gebracht haben, dann können Sie's ein zweites Mal auch noch.«
»Aber meine Prinzipien!«
»Sind schön und gut«, sagte Gerhard, »aber Ausnahmen bestätigen die Regel.«
»Dann muss ich aber noch zwei solche Schinken malen«, jammerte Doris.
»Ja, warum denn?«
»Na, eines für Sie! Sie wollten mir das doch vorhin abkaufen! Ich hab nein gesagt, und wenn ich es jetzt dem Araber verkauf' hab ich ein schlechtes Gewissen!«
»Das ehrt Sie«, meinte Gerhard. »Aber so viel wie der Kameltreiber kann i leider net zahlen.«
»Doch egal«, sagte Doris. »Zweitausend sind so a Menge Marie, da kann ich leicht zwei malen. Damit ist das Getriebe finanziert!«
»Sie brauchen ja dann nimmer da rauf kommen«, schlug Gerhard vor. »Einfach zu Haus kopieren. Obwohl mir das Leid tut. Ich hätt' Sie gern da an der Höhenstraße noch ein paar Mal getroffen.«
Doris sah ihn forschend an. Dann sagte sie zu Gerhards großer Freude: »Treffen können wir uns ja auch wo anders.«
Gerhard ging einen Schritt weiter: »Am liebsten würde ich Ihnen beim Malen zusehen.« Er hoffte insgeheim, von Doris eingeladen zu werden.
»Morgen Abend bin ich wieder hier und mache die Lichtpunkte fertig«, sagte Doris. »Wenn Sie möchten, können Sie mir zusehen.«

»Na? Wie sieht's aus?« Der Araber war wieder zu ihnen getreten.
»Einverstanden«, sagte Doris. »Ich muss es aber noch fertig malen. In ein, zwei Wochen vielleicht?«
»Perfekt. Wo kann ich mir das Gemälde abholen?«
»Ich bringe es Ihnen hier her«, schlug Doris vor. Herr El Nagdi nickte zustimmend. Dann tauschten sie die Telefonnummern.

Als er wieder gegangen war, fragte Doris: »Wird es Ihrem Hund nicht zu langweilig im Auto?«
»Der ist das gewöhnt«, erklärte Gerhard. »Aber Sie haben recht. Es wird wirklich langsam Zeit.« Gerhard winkte dem Kellner.
Als sie dann bei ihren Autos waren, riss Gerhard noch rasch ein Blatt aus seinem Notizbuch und überreichte Doris seine Handynummer. Die gab ihm natürlich ihre eigene ebenfalls, »für den Fall, dass was dazwischenkommt«.
Als Gerhard dann die ersten paar hundert Meter hinter Frau Fanelli herfuhr, bemerkte er, dass diese relativ lang brauchte, um die Gänge zu wechseln. Ah ja, sie hatte ja was erwähnt von einer fälligen Getriebereparatur...

Jedenfalls befand sich Gerhard in einer wahren Hochstimmung. Eine neue Bekanntschaft! Eine sehr reizvolle, reife Dame, die ihn auch körperlich überaus beeindruckte. Vielleicht war auf seine alten Tage doch noch so etwas wie ein zweiter Frühling in Aussicht?
Am nächsten Abend traf Gerhard wie vereinbart Frau Fanelli auf dem Parkplatz. Es dauerte nur ein paar Minuten, bis sie das Gemälde fertiggestellt hatte. Und dann saßen sie in der Café-Bar und plauderten beinahe wie zwei alte Bekannte.
Zu ihren Autos zurück gingen sie dann sogar Hand in Hand. Und dort gab es den ersten zaghaften Kuss. Sie benahmen sich beinahe wie zwei Teenager.

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In der folgenden Woche besuchte Gerhard erstmals Doris in ihrer Wohnung. Othello kam mit und unterzog die Behausung von Herrchens neuer Bekanntschaft einer ausgiebigen Geruchskontrolle.
Doris kopierte ihr Bild und erzählte dabei Gerhard, warum sie in ihrem Alter Single war. Es war die ganz banale Geschichte einer gehörnten Ehefrau. Aber nachdem Gerhard bat, sie solle den Ausdruck »Gebrauchtkartonage«, also das Synonym für »alte Schachtel« für sich selbst nicht mehr verwenden, ging Doris plötzlich aus sich heraus und es kam zu Intimitäten.
Dann lieferte Doris das Gemälde an Herrn El Nagdi ab und kopierte das bereits kopierte Bild ein zweites Mal. Diesmal für Gerhard.

Mittlerweile kam Gerhard fast täglich nach dem Büro in Doris' Wohnung nahe dem Augarten. Und eines Tages überraschte ihn Doris mit der Mitteilung, Herr El Nagdi habe ein zweites, möglichst gleichartiges Gemälde des Panoramas von Wien bei ihr bestellt. Wieder zum selben Preis von zweitausend Euro.
»Hast du zugesagt?«, fragte Gerhard.
»Noch nicht. Jetzt reicht mir das Motiv langsam. Und außerdem kennst du mein Prinzip! Das eine verkaufte Bild hätte eine Ausnahme sein sollen. Sonst kommt's wirklich noch so weit, dass andere Leute bestimmen, was ich malen soll.«
»Gib ihm die Kopie, die du für mich gemalt hast«, schlug Gerhard vor. »Die Erinnerung an die Zeit vor vierzig Jahren bedeutet mir nichts mehr.«
Doris sah ihn nur fragend an. »Wenn ich mir das Panorama anschauen will, können wir jederzeit miteinander rauffahren. Das ist besser, als ein Gemälde anschauen und von früher träumen«, erklärte Gerhard. »Früher ist vorbei, jetzt bist du dran.«
Das trug ihm einen leidenschaftlichen Kuss von Doris ein.

Nachdem Gerhards Exemplar geliefert war, opferte schließlich Doris auch noch das ihre. Herr El Nagdi brauchte schon wieder eines. Diesmal für einen Botschaftsangehörigen, der nach Kairo zurück berufen worden war und der ebenfalls Erinnerungen mit dem in El Nagdis Café-Bar gesehenen Gemälde verband. Gleicher Preis.
Als Doris das Bild in El Nagdis Lokal ablieferte, versuchte sie, dem Araber klar zu machen, dass es jetzt das allerletzte Gemälde gewesen wäre, das sie ihm zur Verfügung stellen könne. Sie male ausschließlich zum Vergnügen und lasse sich in Zukunft nicht mehr vorschreiben, was ihre Bilder darstellen sollten.

Herr El Nagdi versuchte es mit jener Aktion, die man in Wien als »bauchpinseln« bezeichnet, also mit Schmeicheleien der Extraklasse. Er könne schließlich nichts dafür, dass das Panorama hier in seinem Lokal die Begehrlichkeiten der Gäste wecke. Die Qualität der Arbeit spreche eben für sich! Und wie Doris die Abendstimmung so treffend eingefangen habe, entzöge sich zwar einer sachlichen Analyse, beweise aber das einmalige Talent der Künstlerin.

Bei Doris ging das alles runter wie Öl, bis sie den Araber durchschaute und ihm das Geständnis entlockte: Er brauchte noch so ein Gemälde!
Doris reichte es. Sie steckte ihre zweitausend ein und flüchtete.

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Aber Mustafa El Nagdi ließ nicht locker. Noch am selben Tag rief er an: Ein Bekannter von ihm wolle in Alexandria ein Wiener Kaffeehaus eröffnen und Frau Fanellis Gemälde sollte die große Attraktion werden. Und in diesem speziellen Fall wäre er, El Nagdi, sogar bereit, mehr zu bezahlen! Wie wäre es mit zweitausendfünfhundert? Da verdiene er nicht nur nichts, da träte er sogar als Sponsor in Aktion! Aber die Wiener Kaffeehauskultur wäre es wert, auch in Ägypten bekannt gemacht zu werden.

Doris rief Gerhard im Büro an und bat ihn, abends doch kurz zu ihr zu kommen, sie habe ein Problem mit dem Araber.
Abends hörte sich Gerhard erst Klagen an, die Doris vorbrachte. Der von El Nagdi bezahlte Preis wäre zwar gut, aber sie habe es satt, immer nur das Panorama von der Höhenstraße zu malen. Sie habe zwar keine Ahnung, wie es El Nagdi gelungen wäre, ihre Gemälde zu vermarkten, aber sie wolle nicht mehr auf Bestellung produzieren. Das wäre eine unwürdige Lohnarbeit und habe mit Kunst nichts mehr zu tun.
Gerhard sah das anders.
Doris habe ja früher nie versucht, ihre Gemälde zu vermarkten. Sie wäre also eine Künstlerin, der es ausschließlich um die Kunst selber gegangen war, nicht um Finanzielles. Wenn sich jetzt herausstellte, dass ihre Arbeiten doch kommerziell zu nutzen wären, so wäre das doch ein Glücksfall und sie solle nicht undankbar sein.
Immerhin könne man nicht behaupten, Kunst wäre nur das, was keinen Käufer fände! Und warum denn Doris eine solche Abscheu davor hätte, auf Bestellung zu produzieren? Nichts anderes hätten doch die alten Meister ebenfalls getan!
Doris konnte nichts darauf erwidern.

Gerhard legte noch ein Schäuferl nach und erklärte, er könne es gut verstehen, wenn Doris es vermeiden wolle, den Kunden sozusagen in den Hintern zu kriechen, indem sie versuche, sich mit kitschigen Motiven oder einer momentan gefragten Malweise »Marktanteile« und Popularität zu verschaffen. Aber wenn sie nun ganz konkret um das Gemälde eines bestimmten Motivs gebeten wurde, dann wäre das nichts anderes als der Ausdruck von Wertschätzung!
Dann machte Gerhard eine Pause. Doris dachte angestrengt nach und Gerhard konnte fast sehen, wie es hinter der Stirn ihres immer noch hübschen Gesichts arbeitete.

»Übrigens«, sagte Gerhard, »meine Nichte Ulrike hat auf ihr Referat in der Schule die Note 'Sehr gut' gekriegt. Sie lässt sich durch mich bei dir bedanken.«
»Bei mir?« Doris war recht verwundert. »Du hast ihr doch bei dem Referat geholfen!«
»Ja. Aber mit deinen Ideen! Die waren alle so vernünftig, dass ich mich frage, warum du jetzt so gegen die Arbeit auf Bestellung bist.«
»Weil das nur ein Nachmachen ist! Nichts Originales, das ist doch keine Kunst mehr!«
»Ah ja? Nehmen wir eine andere Kunstrichtung. Film zum Beispiel. Da werden die Schauspieler berühmt, nicht die Drehbuchautoren! Diejenigen werden gefeiert, die nur das nachplappern, das der Autor geschrieben hat. Und den kennt man meistens nicht einmal!«
»Das hat doch mit Malerei nix zu tun«, widersprach Doris.
»Also glaubst du, dass Holzschnitte, Radierungen, Lithografien keine Kunst sind?«
Doris sagte erst nichts darauf.
»Dann kann man alle die Blätter in der Albertina wegschmeißen?«, hakte Gerhard nach.
Da sagte Doris etwas, das Gerhards leichte Aufgebrachtheit, die sich mittlerweile eingestellt hatte, einfach wegwischte. Doris sagte nämlich ziemlich ratlos: »Na ja...«

Gerhard musste lachen. Und dann nahm er seine Doris in den Arm und drückte sie heftig an sich. »Werden wir halt noch ein paar Abende an der Höhenstraße verbringen«, zog er das Resümee. »Und du kaufst dir um das Geld vom El Nagdi irgendwas Schönes. Sei doch froh über das Taschengeld!«
»Du glaubst also, das ist trotzdem noch Kunst?«, fragte Doris.
»Mir hat eine sehr kluge Malerin einmal gesagt, Kunst kann man nicht definieren. Also versuchen wir's gar nicht. Fühlen, ob etwas Kunst ist, kann man jedenfalls! Zumindest ich kann das mittlerweile. Aber das ist kein Wunder, ich hab ja zum Glück eine großartige Partnerin, die noch dazu eine großartige Künstlerin ist!«
Und damit war das Thema beendet. Die beiden beschäftigten sich diesen Abend nicht mehr mit der Kunst, sondern miteinander.
Sollten Sie übrigens auf ein eindrucksvolles Gemälde des Wiener Panoramas von der Höhenstraße aus stoßen, dann hat das wahrscheinlich eine gewisse Doris Fanelli gemalt.