KunstGeschichten

KunstGeschichte: Imbiss für Sisi

Sachertorte für die Kaiserin? Die Österreicher pflegen eine besondere Beziehung zu ihrer Sisi. Für Außenstehende mag diese Eigenheit oft merkwürdig anmuten. Ein Beweis dafür ist die neue KunstGeschichte von Erich Wurth.

Was den zweiunddreißigjährigen Maler Marvin Mosbacher geistig so labil gemacht hat, könnte vielleicht ein guter, phantasievoller Psychiater noch heraus finden. Marvins Hausarzt versuchte es erst gar nicht. Für ihn stand jedenfalls fest: Der Mosbacher spinnt. Ein chronisch Depperter, aber zum Glück harmlos.

Es kann möglich sein, dass das hohe Maß an Alkohol an seiner geistigen Zerrüttung Schuld hatte, denn Marvin soff wie ein Loch. Etwa zwei bis drei Mal pro Woche hatte er das, was man in Wien einen »Affen« nennt, oder einen »Schwül«, jedenfalls war er »ang'soffen wie a Pissoirtschick[1]« und das hatte er dem Absinth zu verdanken, den er in schöner Regelmäßigkeit von seinem guten Freund Alphonse Retarde aus Neuenburg in der Schweiz bezog.
Alphonse, Maler wie Marvin selbst, bezog den Absinth direkt von der Brennerei Matter-Luginbühl in Kallnach und da er ohnehin regelmäßig mit der Bahn dort hin fuhr, übernahm er es gern, seinen Freund Marvin mit der »Grünen Fee« zu versorgen.

Diese »Grüne Fee«, ein hellgrüner Absinth mit 62 Volumenprozent Alkohol und 35 Milligramm des Nervengiftes Thujon pro kg pflegte bei Marvin neben seiner Staffelei auf einem kleinen Tischchen zu stehen, auf dem sich auch das typische Absinthglas mit dem Absinthlöffel darüber befand, auf dem ein Stück Würfelzucker lag. Denn Marvin legte großen Wert darauf, den Bitterschnaps gemäß der alten Tradition zu trinken, was ihn auf eine Stufe stellte mit Henri Toulouse-Lautrec, Vincent van Gogh, Edouard Manet und Paul Gauguins, ganz abgesehen von den Literaten Edgar Allan Poe, Ernest Hemingway und Oscar Wilde.

Wenn also der Absinth diese Leute beflügelt hatte, dann würde er es bei Marvin Mosbacher wohl auch tun.
Die letzte Flasche hatte übrigens sein Freund Alphonse ihm persönlich übergeben.
Vor einigen Tagen war er abends mit dem Railjet von Zürich kommend am alten Westbahnhof eingetroffen. Der neue Hauptbahnhof war vorerst nur für Regionalzüge in Betrieb.
Alphonse hatte bereits einige Erfolge als Künstler – und jetzt war eine Ausstellung vor der Eröffnung, im Museumsquartier. Klar, dass Alphonse dabei sein wollte!

Marvin hatte den Alphonse abgeholt und dann hatte er seinen Freund durch Wien geführt – und in der Hofburg war Alphonse »hängen geblieben«. Sie besahen sich die Räume, die seinerzeit Kaiserin Elisabeth bewohnt hatte neben dem Kaiserappartement. Alphonse blieb lange vor der Feile stehen, die Elisabeth am 10. September 1898 in Genf vom Anarchisten Luigi Lucheni ins Herz gestochen worden war.

Marvin stand indessen vor dem Gemälde des Franz Xaver Winterhalter, dass die Kaiserin in elegantem Abendkleid mit ihrem berühmten Haarschmuck, den silbernen Sternen, darstellt.
,Eine sehr schöne Frau‘, dachte er. ,Und ein armer Teufel. Ihr Mann hat sie vernachlässigt, sie hat ständig Krach mit ihrer Schwiegermutter gehabt, und ihr Sohn hat sich umgebracht. Dazu war sie auch noch magersüchtig und hat fast nix gefressen außer Kalbssuppe und Veilcheneis. War auch nicht so das Wahre im Hochadel damals.‘

Und am Abend des selben Tages saß Marvin vor seiner Leinwand, hatte die neue Flasche Absinth aufgemacht und überlegte, wie er die triste Situation der Kaiserin in modernem Stil auf einem Gemälde verarbeiten konnte. Es fiel ihm nichts ein.
Langsam träufelte er kaltes Wasser auf das Zuckerstück auf dem Absinthlöffel und das Zuckerwasser tropfte in die hellgrüne Flüssigkeit in dem Absinthglas. Die hellgrüne Farbe wandelte sich langsam in ein gelbliches Weiß.
Marvin trank das Glas in einem Zug aus. Der bittere Geschmack des Wermut war fast nicht mehr spürbar. Aber die anderen Kräuter schmeckte Marvin stark aus der Spirituose.
Es fiel ihm immer noch nichts ein. Wie konnte man die ausweglose Situation der Sisi auf einem Bild darstellen?
Na, morgen vielleicht. Momentan war er besoffen genug. Er genehmigte sich noch einen Joint und ging dann zu Bett.

Nachts hatte er einen sehr seltsamen und intensiven Traum.
Die Kaiserin Elisabeth stand vor ihm, in ihrem weißen Abendkleid und mit den Sternen im Haar, genau so, wie Franz Xaver Winterhalter sie dargestellt hatte und sie sagte zu ihm etwas, das Ungarisch klang.
»Ich versteh Sie nicht, Majestät«, sagte Marvin.
»Gyula, seit wann verstehst du nicht mehr Ungarisch?«, fragte die Kaiserin. »Ich habe nur gesagt, dass ich Hunger habe. Diese Parforcejagden machen mir immer Hunger! Wird mir Graf Gyula Andrassy ein Stück Sachertorte beschaffen?«
Dann verblasste die Gestalt der Kaiserin und Marvin wachte auf.
Einerseits war er froh darüber, dass die Kaiserin den Wunsch geäußert hatte, ein Stück Sachertorte zu verspeisen. Andererseits wusste er nicht, wie er der bedauernswerten Frau einen solchen Leckerbissen verabreichen konnte. Immerhin war sie seit über hundert Jahren tot!

Und beinahe gleichzeitig fiel ihm seine kleine Schwester Magda ein, wie sie in den frühesten Tagen ihrer Kindheit ihre Puppe fütterte. Sie hielt ganz einfach das, was die Puppe zu essen bekommen sollte, ganz nah an deren Lippen und produzierte dabei selbst schmatzende Geräusche. So einfach war das!
Auf einmal kam diese Prozedur dem Marvin gar nicht mehr lächerlich vor. Die Puppe seiner Schwester hatte auf geistiger Ebene etwas zu essen bekommen. Na, das konnte er ja natürlich auch tun! Einer seit hundert Jahren Verstorbenen konnte man ja auf keine andere Art etwas zukommen lassen.

Um zehn Uhr rief Alphonse an. Marvin behauptete, noch einmal ins Sisi Museum zu wollen. Er müsse noch etwas nachprüfen. Alphonse könne ja mittlerweile die Räume von Kaiser Franz Josef, gleich nebenan, besuchen.
Alphonse war einverstanden. Also verabredeten sich die beiden für elf Uhr an der U-Bahn Station Stephansplatz. Von dort würden sie über den Graben und den Kohlmarkt zur Hofburg gehen.
Und Marvin würde auf dem Kohlmarkt bei der Konditorei Demel die Sachertorte besorgen, die sich die Kaiserin gewünscht hatte.

Marvin wusste, dass noch vor gar nicht langer Zeit die Streitfrage bestanden hatte, ob nun das Hotel Sacher oder die Konditorei Demel die originale Sachertorte anbieten würde. Der Konditormeister Eduard Sacher hatte die Torte beim Demel entwickelt, aber später ebenso in seinem 1876 gegründeten Hotel Sacher angeboten.
Der Unterschied der beiden »Originale« besteht in der Marmeladeschicht. Das von Demel angebotene Original verfügt nur über eine Schicht Marillenmarmelade unterhalb der Couverture aus Schokolade an der Tortenoberseite, das Hotel Sacher hat noch eine zweite Schicht der Konfitüre in den durchschnittenen Teig der Torte eingezogen. Geschmacklich besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Methoden.
Nachdem der jahrelange Streit nun beigelegt ist und beide Tortenvariationen gleichberechtigt unter der Bezeichnung »Eduard Sacher Torte« und »Demels Sachertorte« angeboten werden, legte Marvin keinen großen Wert darauf, welches Original die Kaiserin heute bekommen sollte. Sachertorte sollte es sein, und Marvin würde eine originale mitbringen!

Also zogen Alphonse und Marvin vom Stephansplatz los. Über den Graben und dann links auf dem Kohlmarkt in Richtung zum Michaelerplatz.
Als sie zum Demel kamen, lud Marvin den Alphonse zu einem Kaffee ein und ging vor in die Konditorei. Alphonse folgte natürlich.
Es waren bereits alle Tische besetzt, immerhin war es schon beinahe elf Uhr. Die ältere Dame, die bediente, führte Alphonse und Marvin zu einem Tisch in einer Ecke, wo eine etwa 30-jährige Dame in einem dunkelgrauen Geschäftskostüm bei einem Cappuccino saß und bat diese, die beiden Herren dazu setzen zu dürfen.

Die Dame nickte, rutschte mit ihrem Sessel etwa beiseite und sagte zu Marvin: »Der Cappuccino ist einzigartig da. Viel besser als drüben im Café Hofburg.«
»Cappuccino?«, fragte Marvin den Alphonse. Der schüttelte den Kopf und sagte: »Absinth«. Die Kellnerin zog sich zurück.
»Dafür machen die im 'Hofburg' den Mokka besser«, sagte die junge Dame am Tisch der beiden.
»Sie wechseln also?«, fühlte sich Marvin bemüßigt, zu fragen. Die junge Dame nickte. »In der Frühstückspause«, sagte sie. »Ich hab nämlich den Arbeitsplatz in der Hofburg.«
»Bei der Regierung?«, fragte Marvin.
»Burghauptmannschaft«, erklärte die Dame. »Ich muss eh gleich wieder zurück. Wir räumen heute die unsichtbaren Gänge für die Dienerschaft auf. Da sieht's unwahrscheinlich aus! Wer weiß, was da alles rumliegt!«
»Ich höre das erste Mal davon«, sagte Marvin. »Was sind die unsichtbaren Gänge?«
»Die meisten alten Paläste haben so was«, erklärte die junge Dame. »Das waren versteckte Gänge, hauptsächlich in den Wänden, durch die die Dienerschaft ungesehen in die Wohnräume gehen konnte. Die Hofburg hat eine ganze Menge davon.«
»Nie gehört davon.«
»Klar. Hat man nie an die große Glocke gehängt. War immer so was wie eine Serviceeinrichtung. Na, ich muss jetzt los.« Die junge Dame stand auf und ging zur Verkaufstheke im vorderen Bereich der Konditorei, wo sie bezahlte.

Alphonse versuchte, den Würfelzucker auf seinem Absinthlöffel mit möglichst wenig Wasser aufzulösen. Wasser in größerer Menge hatte seiner Meinung nach nichts im Absinth verloren.
Marvin rührte in seinem Cappuccino und verdrückte nebenbei ein Stück Sachertorte. Dann ging er zum Verkaufspult, ließ sich weitere vier Stück Sachertorte einpacken und bezahlte.
Als Marvin und Alphonse dann weiter zum Michaelerplatz gingen, sagte Alphonse: »Das war französischer Absinth.«
»Klar«, meinte Marvin. »EU Ware. Tretet doch endlich der EU bei, ihr Kasstecher!«
»Schweizer sind anders«, antwortete Alphonse.

Sie kamen bei den römischen Ausgrabungen am Michaelerplatz an. Alphonse beugte sich interessiert über das Geländer, das die römischen Relikte vom Gehsteig trennt.
»Wenn du noch bleiben willst, ich geh einmal schon vor ins Museum«, kündigte Marvin an.
»Wenn ich mit dem Kaiserappartement fertig bin, komm ich rüber zu dir«, sagte Alphonse und Marvin betrat das Michaelertor.

Nur kurze Zeit später betrat er das Museum und verfügte sich sofort zu dem Gemälde des Franz Xaver Winterhalter.
Kaiserin Elisabeth begrüßte ihn mit einem Lächeln.
Es war allerdings kein kumpelhaftes Lächeln. Ihr Gesichtsausdruck war hoheitsvoll, aber freundlich und Marvin deutete es als ein erfreutes Lächeln in Erwartung eines lang entbehrten Genusses. Der 1805 in Menzenschwand im Schwarzwald geborene Maler schien Elisabeth gerade in dem Augenblick porträtiert zu haben, als sie gerade erfuhr, sie würde ein Stück der berühmten Mehlspeise erhalten.

»Vom Demel, Majestät«, murmelte Marvin ganz leise – und das Lächeln der Kaiserin verstärkte sich. (Zumindest kam es Marvin so vor.)
Marvin sah sich um. Das Gemälde hing nämlich relativ hoch. So reichte er nicht mit den Händen an das Gesicht der Monarchin. Er brauchte eine Leiter!
Natürlich war keine vorhanden.
Marvin unterzog die Räume des Museums einer gründlichen Inspektion. In einem Nebenraum fand er ein paar Besuchersessel, aber keine Leiter.
Außerdem hielt sich im Nebenraum der Aufseher des Museums auf, ein gewisser Dalmat, ein Kosovoalbaner, gebürtig aus der Region Pristina. Der nahm Marvin genau in Augenschein, fand aber nichts Verdächtiges an dem Besucher und beschloss, das Museum kurz zu verlassen, um draußen eine seiner stinkenden, türkischen Zigaretten zu rauchen.

Marvin nützte die Gelegenheit. Er griff sich zwei der Besuchersessel und eilte zurück zum Gemälde der Kaiserin.
Den Tisch, der zwischen den beiden Gemälden der Kaiserin und ihres Mannes Kaiser Franz Josef stand, schob Marvin unter das Bild der Kaiserin und stellte die beiden Sessel auf die Tischplatte. Dann begann er unverzüglich sein akrobatisches Vorhaben, auf die Sessel zu klettern. Momentan war er allein in dem Raum.
Und dann, nach einiger Anstrengung beim Hochklettern, stand Marvin vor der Monarchin und sie lächelte ihn erwartungsfroh an.

Marvin öffnete sein Päckchen und nahm eines der Tortenstücke heraus. Vorsichtig führte er den Leckerbissen an die Lippen der Kaiserin heran.
Da betrat ein älteres Paar den Raum. Argwöhnisch schaute die Dame den Marvin an, der das Tortenstück vor die Lippen der Kaiserin hielt, dann stieß sie den Mann an und auch der beobachtete die Szene interessiert. Dann lächelte er seltsam und wandte sich ab. Beide verließen den Raum wieder durch die Tür, durch die sie eingetreten waren.

»Was du machen da oben?« Der Aufseher war plötzlich herein getreten.
»Geht dich nix an«, bemerkte Marvin. Da kam so ein Amtskappel und wollte der Kaiserin ihren Imbiss nicht gönnen! Marvin fühlte Zorn in sich hoch steigen.
»Runter da!«, brüllte Dalmat und griff nach Marvins Beinen, die etwas labil auf dem Sessel standen. Marvin trat nach dem Aufseher und versuchte gleichzeitig, das Tortenstück möglichst ruhig vor das Gesicht der Kaiserin zu halten. Aber der Tritt nach dem Aufseher führte dazu, dass sich das Stück Torte etwas bewegte – und prompt gab es einen Schokoladefleck auf den Lippen von Elisabeth. Die Glasur aus Marmelade und Schokoguss war an die Oberfläche des Gemäldes geraten. Und der Aufseher hatte das unglücklicherweise bemerkt!
»Vandale!«, rief er und zog an Marvins Bein. Der konnte sich nicht mehr halten fiel aus der Höhe auf diesen penetranten Aufseher zu. Der Sessel, auf dem Marvin gestanden war, polterte ebenfalls zu Boden und dabei brach ein Stück aus der Lehne.

Marvin selbst war direkt auf den Aufseher gefallen und hatte ihn umgerissen. Das alles war natürlich nicht leise vor sich gegangen und es hatte ein höllisches Gepolter gegeben.
Marvin drehte sich auf den Rücken und sah zum Gemälde der Kaiserin hoch. Die hatte immerhin die Contenance bewahrt und trug immer noch das schwache Lächeln auf den Lippen.
In dem Moment bekam Marvin „eine geschmiert«. Der Aufseher schlug mit dem Handrücken dem Marvin auf die rechte Backe und sagte »Kestu ke i cmendur« dazu.

Allerdings verstand Marvin kein Albanisch, konnte aber ungefähr erraten, was der Aufseher meinte. Na, so ging das natürlich nicht!
Dalmat bezog ein so genanntes »Magenbeugel«, indem Marvin ihm den Ellenbogen in die Magengrube rammte. Die beabsichtigte Reaktion, nämlich das Zusammenkrümmen des Oberkörpers, blieb aber beinahe vollständig aus. Dalmat rang nur nach Luft, denn er kauerte neben Marvin auf dem Boden und konnte sich nicht so recht bewegen. Dann fiel sein Blick auf das Stück Sachertorte, das Marvin bei seinem Sturz natürlich fallen gelassen hatte. Es lag direkt unter dem Gemälde.

Dalmat robbte hin und holte sich das bereits recht deformierte Tortenstück, das außerdem auch noch auseinander gebrochen war. Daraufhin kriegte Marvin die Reste sorgsam in die Fiesanamie[2] geschmiert.
Als ein Stück der Schokoladeglasur dem Marvin in die Nase drang, fiel ihm ein, dass er ja noch Nachschub hatte. Vier Stück Torte hatte er vom Demel mitgenommen.
Dort drüben lag ja das Päckchen!
Auf allen Vieren kroch Marvin dort hin und riss die Verpackung auf.
Währenddessen hatte sich der Aufseher wieder aufgerappelt und kam jetzt auf Marvin zu. Der entnahm dem Päckchen ein Stück Sachertorte und schmiss es dem Dalmat entgegen.

Treffer! Mitten ins Aug'! Der Aufseher bekam das Tortenstück genau an die Nasenwurzel und die scharfkantige Schokoladeglasur berührte seinen linken Augapfel. Das tat weh. Dalmat heulte ein bisschen auf und fuhr mit der Hand in sein Gesicht. Wieder einmal stieß er auf Albanisch eine Verwünschung aus und Marvin freute sich darüber. Aber der Aufseher ging sofort zum Angriff über und entriss dem Marvin sein Päckchen mit den Tortenstücken.
Marvin knallte dem Aufseher eine und die Reste der Torte auf Dalmats Gesicht spritzten auf eine nahe Figurengruppe aus Porzellan. Die weißen Figuren nahmen ein ganz neues, interessantes Aussehen an. Die schwarzbraunen Flecken überall belebten die Kleinplastiken ungemein.

Marvin nahm an, dass der Aufseher nun die Räume verlassen würde, um Verstärkung zu holen. Das tat er aber nicht, sondern er warf ein Tortenstück auf Marvin, der geschickt auswich. Das Stück Sachertorte klatschte an die Wand knapp unterhalb des Gemäldes des Kaisers Franz Josef, das neben dem Gemälde der Kaiserin hing. Aus dem Nebenraum betrat jetzt ein älteres amerikanisches Ehepaar den Saal. Es waren die selben Leute, die Marvin bereits oben auf dem Sessel die Kaiserin füttern gesehen hatten. Die Dame, deren Haar blau gefärbt war, schlug ihre Hände vor's Gesicht, so überrascht war sie, hier zwei Männer in einer tätlichen Auseinandersetzung zu sehen.

Marvin fühlte sich ohne Sachertortenstücke unbewaffnet und lief darum zum Gemälde des Kaisers. Das übel zugerichtete Stück Torte warf er auf den Aufseher, traf aber stattdessen die blaue Frisur der amerikanischen Lady, die empört kreischte. Ihr Mann entriss darauf dem Albaner ein weiteres Stück Torte und schleuderte es knapp an Marvin vorüber, dem Kaiser auf seine Uniformhose.
Aber Kaiserin Sisi lächelte weiterhin – und es schien Marvin, sogar recht belustigt.
Des Kaisers Gesichtsausdruck schien allerdings plötzlich, als ob er »not amused« wäre.

Als Marvin die Reste des Tortenstücks von der kaiserlichen Hose nahm und auf den Albaner schleuderte, öffnete sich plötzlich links neben dessen Gemälde die Tapete. In der Öffnung, die sich hier auftat, erschien die junge Dame aus dem Demel, an deren Tisch Alphonse und Marvin vorhin gesessen hatten.
»Was ist denn hier los?«, fragte sie fassungslos.
»Frau Kronberger, a Wahnsinniger!«, klagte der Aufseher und warf ein Tortenstück in Richtung Marvin.
»Hören Sie sofort mit dem Blödsinn auf, Dalmat!«, rief Frau Kronberger. »Und Sie, kommen Sie da rein«, wandte sie sich an Marvin und öffnete die Tür noch weiter.

Marvin startete tatsächlich in Richtung auf die Tapetentür, schielte aber gleichzeitig auf Kaiserin Sisi. Die Schokolade war von ihren Lippen verschwunden. Hatte sie die Schokolade abgeleckt?
»Der Dalmat kann ganz schön gewalttätig werden«, erklärte Frau Kronberger. »Außerdem wollten Sie ja vorhin im Demel was über die Gänge für die Dienerschaft wissen. Na, jetzt sind wir in einem dieser Gänge drin.«
»Und ich sollte mich eigentlich vorstellen«, sagte Marvin. »Mein Name ist Mosbacher. Marvin Mosbacher und ich bin Maler.«
»Ich bin die Bettina Kronberger von der Burghauptmannschaft«, sagte die junge Frau. »Und Sie sollten jetzt langsam gehen. Sonst zerlegt Sie noch der Dalmat! Kommen Sie mit mir?«

Es war ziemlich dunkel hier. Zwar drang von oben her etwas Tageslicht in den Gang, der nur so breit war, dass ein einzelner Mensch gerade durch kam, es war aber fast nichts zu sehen. Bettina hatte eine Taschenlampe bei sich und schaltete sie nun ein. Marvin folgte der jungen Frau vor ihm.
Nach etwa fünfzig Schritten wandte diese sich nach rechts und öffnete eine weitere Tür. Dahinter befand sich ein breiter, öffentlicher Gang mit Fenstern hinaus auf die Schauflergasse.
Bettina bog links ab und öffnete nach ein paar Metern eine unsichtbare Tür an der rechten Seite des Ganges. Diese führte wieder in einen der Dienergänge, in dem sich Bettina wieder nach links wendete. »Ich lass' Sie am Ballhausplatz raus«, kündigte sie an.
Marvin folgte der Frau Kronberger wortlos in dem engen Gang. Einmal mussten sie einige Kartons überklettern. »Dokumente aus der Präsidentschaftskanzlei«, erklärte Bettina.

Dann war da wiederum eine Tür. Es ging wieder hinaus auf den Gang, die zu den Räumen des Bundespräsidenten führte. Bettina wandte sich nach rechts, wo eine Stiege ins Erdgeschoß führte. Und da war auch schon der Ausgang.
»Sie sollten sich in nächster Zeit nicht hier blicken lassen«, sagte Bettina, als Marvin hinaus auf den Ballhausplatz trat. Der Polizist, der hier Wache schob, salutierte.
Plötzlich kam eilig der Aufseher Dalmat um die Ecke gebogen. Er trug eine ganze, weiß glänzende Malakofftorte unverpackt und auf einem Tablett aus Silberblech in der Hand.
Während seines Laufes auf Marvin zu schrie er: »Terrorist! Verhaften den Irren! Machen dreckig das Sisi Museum!«
Als er sich Marvin näherte, hob er die Malakofftorte mit der rechten Hand hoch, um sie dem Marvin in die Visage zu drücken.
Bettina stellte sich ihm in den Weg und schrie ihn an: »Dalmat! Sie rabiater Dummkopf! Hören Sie sofort auf damit!«

Dalmat hatte die Torte bereits wurfgerecht angehoben und stürzte auf Marvin zu. Der duckte sich instinktiv hinter Bettina – und Bettina kriegte das Silberblech mit der Torte voll ins Gesicht. Das Schlagobers, mit dem die Torte verziert war, tropfte von ihrem Kinn auf ihre Kostümjacke und färbte ihre Kleidung mit weißen Flecken.

Bettina hatte einiges von der Torte in den Mund bekommen und konnte im Moment nicht einmal aufschreien. Sie griff nach den Tortenresten in ihrem Gesicht und bewarf damit den Dalmat. Dabei rief sie »Dalmat! Sie Riesentrottel!«
Der Polizist, der Wache geschoben hatte, kam herbeigelaufen und legte dem Dalmat Handschellen an. Marvin streifte mit der Seitenkante seiner Hand das Schlagobers von Bettinas Gesicht und rieb es dem Dalmat um die Nase.
»Wie kommen Sie zu der Torte, Dalmat? Was soll das alles?«, wollte Bettina wissen.
»Das kann ich Ihnen sagen«, meinte Marvin.
»Sie? Dann kommen Sie bitte mit in mein Büro!« Bettina hatte begonnen, mit einem Taschentuch ihr total verunstaltetes Kostüm zu reinigen, was aber nichts nützte.

Marvin folgte also der Bettina, die bemüht war, das Schlagobers von ihrer Jacke und von ihrem Rock zu putzen.
Keine fünf Minuten später saß Marvin auf einem Besucherstuhl vor Bettinas Schreibtisch, die noch immer mit der Restaurierung ihrer Kleidung beschäftigt war. »Na, erzählen Sie«, forderte sie Marvin auf.
Und der erzählte tatsächlich. Von seinem nächtlichen Traum, dass ihn die Kaiserin gebeten hätte, sie mit einem Stück Sachertorte zu versorgen und von seiner Überzeugung, dass die unglückliche Monarchin symbolisch, rein geistig sozusagen, mit einem Stück Torte gefüttert werden sollte. Wenn sie ohnehin nur Schwierigkeiten im Leben gehabt habe, magersüchtig gewesen war und so viel Ungemach zu erdulden hatte, sollte sie wenigstens jetzt, nach ihrem Tod noch die Sympathie eines anderen erleben dürfen. Die Kaiserin täte ihm ganz einfach leid, deshalb habe er das Bild der Kaiserin rein geistig mit einem Tortenstück gefüttert.

Bettina sah den Marvin wortlos an. Dabei vergaß sie völlig, sich weiterhin mit dem Taschentuch das Kostüm zu reinigen.
»Und der Dalmat hat Sie daran gehindert?«, fragte dann Bettina. Marvin nickte.
Da begann Bettina zu lächeln. »Der Dalmat ist Albaner«, sagte sie. »Und außerdem Moslem. Frauen haben für den keine Seele. Der versteht das nicht.«
»Aber Sie verstehen mich?«, fragte Marvin schüchtern.
»Voll und ganz! «, sagte Bettina. Dann sah sie an sich herunter und stellte fest: »Aber trotzdem: Ich muss mich umziehen.«
Und so blieb für den Marvin Mosbacher die Tortenschlacht in und vor der Hofburg ohne negative Folgen.
Und am Abend malte er dann ein Bild, das Sachertorte und Malakofftorte zum Gegenstand hatte und das eigentlich eine Reminiszenz an Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn war.
Und es wurde sogar sehr gut, das Gemälde.

Anmerkungen
[1] Vollgesogen wie eine Zigarettenkippe in einem Pissoir
[2] Physiognomie eines fiesen Typen

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